Mit der Schweiz-Iranerin Chabi Nouri an der Spitze erlebt Piaget eine Blutauffrischung. Die 44-jährige Ökonomin und Gemmologin will die Uhrenmarke sinnlicher machen.

Die Bühne könnte nicht besser gewählt sein. Im Ca’ D’Oro, dem «goldenen Haus», einem aufwendig mit Marmor und vergoldeten Steinmetzarbeiten verkleideten, traumhaft schönen Haus aus dem 15. Jahrhundert am Canal Grande in Venedig, funkeln derzeit mehrere Glasskulpturen aus dünnstem Borosilikatglas. Wie federleichte Seifenblasen, die für einmal ihrer Vergänglichkeit trotzen, bringen sie einem zum Träumen, während man über die Dächer der Lagunenstadt blickt. Die Kreateure, die holländischen Gebrüder Verhoefen, bekamen Goldelemente von Piaget zur Verfügung gestellt, um ihr Werk zu veredeln. Das internationale Kunstpublikum, das zur Biennale anreiste, war begeistert, auf Youtube ist ein Werbefilm zu sehen, und unter dem Hashtag PiagetArt wird vom Kunst-/Design-Ereignis getwittert.

Die Kooperation zwischen den Künstlern und Piaget zeigt, dass Chabi Nouri, die CEO der Uhrenmarke, es glänzend versteht, die Uhrenmarke vor globalem Publikum mit gewagter Innovationskraft und Kreativität in Zusammenhang zu bringen. Die Seifenblasen heissen «Moments of Happiness». Piaget inszeniert sich als Glücksbringer, das passt zum Hausmotto «Sunny Side of Life». Piaget will seine Klientel um eine jüngere, hedonistische Zielgruppe erweitern und femininer werden, ausserdem Kunden aus Asien und dem arabischen Raum anlocken. Das Haus, das auf Gold und Edelsteine setzt, hat unter der Ägide von Chabi Nouri gute Karten.

Frischer Wind

Der Entwicklungssprung von Georges-Edouard Piaget, der im Jahr 1874 in seinem Bauernhaus seine Uhrenwerkstätte in La Côte-aux-Fées begründete, zur charismatischen Chabi Nouri, die mit Piaget als Lifestyle-Juwelier- und Uhrenlabel eine hedonistische, designbewusste globale Klientel begeistern will, könnte nicht grösser sein.

Die dunkelhaarige Schweiz-Iranerin ist zurzeit das Lieblingsthema der männerdominierten Uhrenbranche, seit sie 2017 zur ersten weiblichen CEO innerhalb der Richemont-Gruppe gewählt wurde. Branchenmagazine überschlugen sich mit Berichten über dieses Pionierereignis, schliesslich ist die Uhrenbranche traditionsverbunden, konservativ, eine Männerdomäne. Doch die Uhrenbranche kriselte in den letzten Jahren, und Krisen verlangen bekanntlich nach neuen Kräften. So sagte Johann Rupert, der Präsident der Richemont-Gruppe, an einem Investorenmeeting im November 2016 die bereits legendären Sätze: «I want to see less grey men, less grey Frenchmen, as subcategory. We have too few women. We don’t have enough diversity.» Ein Jahr später wurde Chabi Nouri von der Marketingchefin der Schmucksparte zur CEO von Piaget befördert. Ein Pionierereignis?

Zielstrebig und vielseitig

Es kommt immer auf die Perspektive an: Was die Branche als Novum feierte, war für Chabi Nouri selbst nur eine logische Konsequenz ihrer bisherigen, mit Bedacht vorangetriebenen Laufbahn. Sie selbst wird nicht gern auf die Tatsache, die erste weibliche CEO einer Uhrenmarke zu sein, angesprochen. Warum auch. «Führungskompetenz hängt nicht mit dem Geschlecht zusammen», meint sie. Lieber lässt sie ihren Leistungsausweis für sie sprechen. Nouri ist eine profunde Kennerin der Schmuck- und Uhrenbranche, mit der man nicht nur über Zahlen, sondern auch über Design und Kreation sprechen kann. Noch bevor sie ihr Ökonomiestudium an der Universität Fribourg abgeschlossen hatte, machte sie ein Praktikum bei Cartier. Man wollte sie dem Vernehmen nach dort am liebsten gleich behalten, doch lieber ging sie wieder an die Uni, um ihr Lizentiat zu absolvieren. Danach kehrte sie schnell zu Cartier zurück: Sie war zehn Jahre lang beim Juwelier tätig – zuerst im Marketing, und – nach einer Weiterbildung als Gemmologin – als Group Manager Jewellery. Es folgten sechs Jahre bei British American Tabacco, wo sie unter anderem die Vermarktung des Zigarettenlabels Vogue verantwortete, bevor sie 2014 als Global Brand und Communication Director für die Schmucksparte bei Piaget einstieg. Dass mit einer Frau an der Unternehmensspitze zunehmend eine kaufkräftige weibliche Klientel angesprochen werden soll, weist Chabi Nouri nicht von der Hand. Schliesslich werden Schmuckstücke nicht mehr nur noch zu besonderen Gelegenheiten von Männern ihren Herzdamen geschenkt. Frau kauft sie sich selbst. Schmuck ist Accessoire.

Neue Wege im Design

Schweizer Uhrenmarken gibt es viele, aber Nouri hat die DNA von Piaget als Marketingverantwortliche über Jahre studiert, um ihren Charakter heute weiterentwickeln zu können: 1963 war Piaget die erste Uhrenfirma, die Uhren mit Edelsteinen besetzte. Der Fokus liegt auch heute auf funkelnden Edelsteinen, auf Goldverarbeitung, auf dekorativen Designs und auf Zifferblättern aus Hartgestein. Zu einer weiteren Erkennungsmarke gehören die flachen Uhrgehäuse: Mit Altiplano, der flachsten mechanischen Uhr der Welt, schrieb die Marke schon vor 60 Jahren Geschichte (kürzlich brachte sie die erste ultraflache, günstigere Stahluhr, die Polo S, für ein jüngeres Publikum auf den Markt).

Chabi Nouri will nun Schmuck und Uhren einander noch näher bringen. Unter ihrer Ägide wurde die Schmuck- und Uhrenlinie namens «Possession» weiterentwickelt: Neuerdings zieren Armreife, Ohr- und Fingerringe und Anhänger mit dem spielerischen Drehmechanismus auch pur weisse Chalzedon-Cabochons.

Im 21. Jahrhundert angekommen

Kreation ist das eine, doch die Zahlen müssen stimmen. Diesbezüglich müssen zwei Ziele erreicht werden. Der Markt soll in Asien und in den Golfstaaten ausgebaut werden. Und die Millennials, die sich eher iPhones als Zeitanzeiger gewohnt sind als Armbanduhren, müssen wieder an Uhren herangeführt werden. Als Tochter eines Iraners und einer Tessinerin erscheint Chabi Nouri gut gerüstet, die erste Herausforderung aufzunehmen. Piaget kooperiert mit der Kunstmesse Art Dubai, veranstaltet Ausstellungen und Partys mit dem Kunstpublikum. Mit ihrem kulturellen Hintergrund versteht es Nouri, eine Brücke zum dortigen Geschmack und der Mentalität zu schlagen: Sie wuchs in einem weltoffenen Haus auf, als Teenager besuchte sie eine internationale Schule, als Studentin an der Uni Fribourg habe sie es geschätzt, mit Kommilitonen verschiedener Kulturen und Religionen im Austausch zu stehen. «Ich sehe mich als Frau der Welt», sagt sie. Mit dem Motto «The Sunny Side of Life» will sie die Marke klar für die mediterran-arabischen Sensibilitäten öffnen.

Wer heute reüssieren will, muss sein Augenmerk aber auch auf die Millennials richten und ihre Sprache und Kaufgewohnheiten kennen. Nouri will vermehrt digitale Kauferlebnisse schaffen, und Social Media findet sie so wichtig wie den Ladentisch. Vor allem aber will sie, dass die Marke noch mehr Sinnlichkeit und Feminität, Leichtigkeit und Verspieltheit ausstrahlt. Werbespots feiern den hedonistischen Lebensstil auf Ibiza. Anlässlich der diesjährigen Uhrenmesse sprach Nouri viel von Farben und von asymmetrischem und fliessenden Designs (etwa Gold im Stil von Schlangenhaut!). Nouri ist festentschlossen, die altehrwürdige Marke zum kostbaren Lifestyle-Accessoire umzumünzen.


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