Wer in Sachen Schönheit mitreden möchte, braucht sich aktuell eigentlich nur drei Keywords zu merken. «Green Beauty», «Clean Beauty» und «Organic Skincare» sind in aller Munde – und auf allen Social-Media-Kanälen sichtbar. Auch in der Schweiz.

Im Zeitalter der #hashtags ist der Begriff «Naturkosmetik» vorbelastet – wohl ein Grund, warum sich dieses Business mit allerlei Anglizismen umgibt. Denn während die «Weisheiten aus Omas Garten» noch vor 20 Jahren fast ausschliesslich von Batikhosen-tragenden Reformhaus-Ökos geliebt wurden, gehört die zu 100 Prozent organische Kosmetik – wenn möglich noch aus biologischer Produktion – seit einigen Jahren zu den ganz grossen Boom-Märkten in der Beauty. Und trotz immer neuen Hightech-Behandlungsmethoden und -wirkstoffen ist die Naturkosmetik einer der wenigen Sektoren, die seit einigen Jahren unaufhaltsam wachsen. Der Marktanteil in der Schweiz liegt geschätzt bei rund 4 Prozent.

Warum Chemie, wenn es auch natürlich geht? Das Bewusstsein der Konsumentinnen und Konsumenten in Bezug auf Inhaltsstoffe, Herstellungsprozesse und insbesondere die Folgen für Mensch und Umwelt hat sich klar gewandelt. 2019 ist die Bereitschaft des Durchschnittskonsumenten, das Billig-Duschgel aus dem Supermarkt vor dem Kauf noch schnell mit der Codecheck-App auf bedenkliche Inhaltsstoffe zu prüfen, erstaunlich gross. So kann die sogenannte INCI-Liste, die auf jedem kosmetischen Produkt abgedruckt werden muss, plötzlich viel leichter entschlüsselt werden das führt dazu, die Kaufentscheidung mitzuprägen, selbst bei einem Laien. Naturkosmetik setzt auf pflanzliche Inhaltsstoffe von möglichst hoher Qualität. Diesbezüglich ist die Schweiz auch historisch gesehen eine Art Hotspot – nicht zuletzt dank der Vielfalt an Heil- und Alpenkräutern, die schon seit jeher zu Pflegezwecken verwendet wurden. Es sind aber nicht nur die bekannten Naturkosmetik-Giganten, die den Aufschwung mitprägen die Weleda AG verzeichnete laut Geschäfts- und Nachhaltigkeitsbericht 2018 im letzten Jahr ein Umsatzplus von 10 Prozent –, sondern auch die kleinen, agilen neuen Player, die den Naturkosmetikmarkt aufmischen. Diese vier Brands zeigen die grosse Bandbreite und Vielfalt unseres einheimischen Green-Beauty-Marktes ideal auf:

DIE PIONIERE: WELEDA Als erster weltweit führender Hersteller von ganzheitlicher Naturkosmetik geniesst Weleda nicht nur auf dem Bio-Beautymarkt eine Sonderstellung, sondern ist auch weltweit eines der bekanntesten Naturkosmetikunternehmen überhaupt. Vom Hauptsitz in Arlesheim aus wird die Produktion der rund 120 verschiedenen Kosmetikprodukten und mehr als 1000 Arzneimittel gesteuert, die an insgesamt drei verschiedenen Standorten – Arlesheim, Hüningen (Frankreich) und Schwäbisch Gmünd bei Stuttgart – aus über 1000 natürlichen Rohstoffen hergestellt werden. Die Geschichte Weledas geht weit zurück, und zwar direkt zu Dr. Rudolf Steiner, der nicht nur das Unternehmen aus der Taufe hob, sondern auch die Anthroposophie begründete. Seine Ideen zu einer «Erneuerung des Heilens» und zur biologisch-dynamischen Landwirtschaft haben das Unternehmen in seiner fast 100-jährigen Geschichte nachhaltig beeinflusst. Prägend in dieser Entstehungsphase war übrigens eine Frau an Steiners Seite, die Ärztin Ita Wegman, die neben Fachkompetenz sehr viel unternehmerischen Geist mitbrachte. Nach einem furiosen Start im Jahr 1921 waren innerhalb nur eines Jahres bereits 120 Weleda-Produkte erhältlich, und die Marke lieferte über Jahrzehnte unzählige Pflegeklassiker, die heute noch erhältlich sind, darunter das Rosmarin-Haaröl, das Birkenelixier und die legendär-reichhaltige SkinFood-Pflegecreme. Das Unternehmen wurde in den letzten Jahren mehrfach ausgezeichnet, wie etwa 2018 mit dem «Sustainable Beauty Award». Weleda ist heute weltweit tätig und beschäftigt zwar zu 70 Prozent Frauen, aber nicht im selben Ausmass in Führungspositionen. Doch es laufen Anstrengungen, diesen Gap weiter zu verringern. Anfang Juni wurde Monique Bourquin als erste Frau in den Verwaltungsrat gewählt und auch auf Ebene der Regionaldirektoren ist das Verhältnis mittlerweile wesentlich besser.

Gründungsjahr Weleda: 1921 ++ Anzahl Mitarbeiter: 2535 ++ Hauptsitz: Arlesheim BL ++ Nettoumsatz 2018: CHF 476’120’000, davon 75% Naturkosmetik

DIE GLOBETROTTER: BEPURE Alles fing mit einer Reise an – und zwar einer richtig langen: Ganze zwei Jahre waren Kathleen Krug und ihr Lebenspartner Fabian Isaac rund um den Globus unterwegs. «Unsere Einstellung zu materiellem Konsum und zum Umgang mit Ressourcen änderte sich dadurch nachhaltig», so Krug. Ganz besonders beeinflusst hat sie dann die Reise durch Marokko, dem Land des Arganöls – und schon bald war das Konzept von «bepure» geboren: Naturkosmetik auf Aranölbasis, die natürliche Inhaltsstoffe mit Nachhaltigkeit und sozialem Engagement verbindet. Arganöl, welches zu über 80 Prozent aus ungesättigten Fettsäuren besteht und viele natürliche Antioxidantien enthält, ist ein Star unter den Pflanzenölen und Basis von fast allen bepure-Produkten. Bezogen wird es von einem Familienbetrieb aus Marrakesch, welches nicht nur auf biologischen Anbau setzt, sondern auch auf eine faire Entlöhnung der Mitarbeiterinnen. Die Pflegeöle von bepure sind absolut rein, enthalten ausschliesslich pflanzliche Essenzen und sind als erstes Naturkosmetiklabel der Schweiz vom Swissveg V-Label vegan zertifiziert worden. «Wir sind immer noch klein, aber dafür ohne Investor, Kredit, PR-Agentur oder grosses Marketingbudget», so Gründerin Kathleen auf Anfrage. Für kleinere Brands wie bepure, die stark auf den Online-Handel setzen, gehören positive Kundenbewertungen zu den wichtigsten Faktoren ihres Erfolgs – genauso wie Mundpropaganda und begeisterte Influencer und Blogger. Das Rücknahme- und Recyclingkonzept von bepure ist sicherlich auch massgeblich für Erfolg der jungen Marke verantwortlich: Leeren Flaschen oder Dosen können zurückgesendet werden und werden in Winterthur gereinigt und wieder befüllt. Der Kunde wird für das Rücksenden mit Rabatten belohnt. «Das Bewusstsein für grüne und gesunde Produkte kommt mittlerweile auch in den klassischen Drogerien an und es bewegt sich gerade etwas am Markt, bei den Kunden auch immer mehr. Das macht Spass und gibt mir die Kraft, immer alles zu geben für meinen Brand», so Kathleen Krug.

Gründungsjahr bepure : 2014 ++ Anzahl Mitarbeiter: 2 ++ Hauptsitz: Winterthur ++ Umsatz 2018: CHF 140’000

DIE HIPPIES: FARFALLA Zwei Generationen, eine Überzeugung: Die Geschichte des eigentlichen «Hippie-Unternehmens», das heute zu den stärksten Naturkosmetikmarken der Schweiz zählt, liest sich fast ein bisschen wie ein 80’s-Roadmovie. Gegründet wurde Farfalla Mitte der 80er von vier Schulfreunden aus dem Kanton Uri: Gian Furrer, Paul Gisler, Jean-Claude Richard und seiner späteren Frau Marianne Richard. WG-Freunde, die erst zusammen Musik gemacht haben, um dann erst zu Düften auf der Basis ätherischer Öle und schliesslich zu einem richtigen Naturkosmetikunternehmen anzuwachsen, mitten in der aufkommenden Ökologie-, Friedens- und Frauenbewegung. «Ich erinnere mich noch gut, wie mein Vater in der Küche stand und im Mixer die Cremes anrührte», so Malvin Richard, der inzwischen ebenfalls Vater ist und mit seinem Schulfreund Lukas Lüscher die Führung des Unternehmens übernommen hat. Pflanzen und deren Wirkung auf Körper und Geist bilden immer noch das Herz des Farfalla-Sortiments, das mit 100% natürlichen Inhaltsstoffen auftrumpft, mit höchstmöglichem Anteil an Bio-Rohstoffen. Der Eigenanbau der Farfalla-Aromapflanzen findet mit langjährigen Partnern in über 40 Ländern statt – von Frankreich bis Madagaskar. So kann beste Qualität und komplette Rückverfolgbarkeit garantiert werden. Die Produktion findet ausschliesslich in der Schweiz statt, mit modernsten Verarbeitungstechniken und unter strengsten Vorschriften. So sozial und nachhaltig sich das Unternehmen bereits vor 30 Jahren gezeigt hat, so wegweisend sind auch heute noch die Ziele der neuen Generation. Farfalla zeichnet sich durch äusserst flexible Arbeitszeitregelungen und HomeofficeArbeitsplätze aus, der Grundsatz «Gleicher Lohn für gleiche Leistung» wird im Unternehmen klar durchgezogen, und dazu verdient niemand mehr als das 3,3-Fache vom niedrigsten Lohn.

Gründungsjahr Farfalla: 1985 ++ Anzahl Mitarbeiter: 125 ++ Hauptsitz: Uster und Tochterfirma Labiocos in Bassecourt ++ Umsatzzahlen: Nicht öffentlich

DIE REDUZIERTEN: FIVE Vegane Naturkosmetik mit sauberen Inhaltsstoffen – und das auch noch bestechend stylish verpackt? Das Zürcher Beauty-Label FIVE wurde vor drei Jahren von der heute 37-jährigen Anna Pfeiffer gegründet, einer kreativen Jungunternehmerin, die eine Pflegelinie lancieren wollte mit «Zero Bullshit», wie sie sagt. Maximale Natürlichkeit und volle Transparenz sind ihr bei der Herstellung ihrer Gesichts- und Körperpflegelinie das Wichtigste, und der Name ist Programm: Jedes Produkt enthält maximal 5 Inhaltsstoffe – und diese sind ausschliesslich aus Bioproduktion. Dazu gehören etwa Rosenblütenhydrolat, Glyzerin, Hyaluronsäure oder Sheabutter. Ein Auftritt in der TV-Gründershow, knapp ein Jahr und ein gleichzeitiger Launch der Marke auch in Deutschland und Österreich halfen dabei, die Produkte mit dem bestechend einfachen Konzept erfolgreich im Markt zu platzieren. Produziert werden die Naturkosmetik-Produkte bei Partnerfirmen im Schweizer Jura und an verschiedenen Standorten in Deutschland, und auch die Logistik wird über externe Partner abgewickelt, um die Firmenstruktur möglichst agil zu gestalten. Ebenfalls bemerkenswert ist das Pricing der schlichten Pflegeprodukte – keines der aktuell sechs erhältlichen Kreationen kostet mehr als 50 Franken. Das Wagnis zahlt sich aus: Laut Pfeiffer hat FIVE im März 2019 den Break-Even geschafft mit einem aktuellen monatlichen Umsatz im fünfstelligen Bereich – und 500 bis 600 verkauften Produkten pro Monat. Besonders ist auch der Vertriebskanal der Produkte; sie sind ausschliesslich im Webshop erhältlich und werden das (mit Ausnahme der Berg Apotheke in Zürich) auch bleiben. Five wird am radikal einfachen Konzept festhalten – und unabhängig bleiben, so Anna Pfeiffer: «Wenn du etwas wirklich Einzigartiges schaffen willst, dann musst du den Weg für dein Unternehmen selber festlegen und nicht den Pfad gehen, wo die meisten schon langgelaufen sind.»

Gründungsjahr FIVE: 2016 ++ Anzahl Mitarbeiter: Keine festen Mitarbeiter, nur Freelancer ++ Hauptsitz: Zürich ++ Umsatzzahlen: Aktuell fünfstelliger Monatsumsatz, genaue Zahlen werden nicht kommuniziert.

Es gibt unzählige weitere Naturkosmetik-Brands, die in der Schweiz sehr erfolgreich agieren, auch im wirklich grossen Stil: Coop etwa hat mittlerweile mehr als 3000 Naturkosmetik-Produkte im Sortiment. Der Grossverteiler führt mit «Naturaline», wie auch Migros mit «I am Natural», eine eigene, zu 100% natürliche und biozertifizierte Pflegelinie, die auch preislich sehr interessant platziert ist. Und mit Marken wie Nazan Schnapp, Abhati, Shea Yeah oder Soeder stehen weitere spannende Newcomer-Unternehmerinnen und -Unternehmer an der Front, um die Schweizer Naturkosmetikszene auch international erfolgreich zu fördern. Auch den Kosmetik-Giganten wie L’Oréal oder Estée Lauder ist klar, dass die Zukunft immer stärker «grün» geprägt sein wird. Kleine Eco-Brands aufzukaufen ist eine mögliche Strategie; die Umformulierung bestehender Produkte und Brands, um ihr eigene Sortiment möglichst nachhaltig herzustellen, eine weitere. Denn die Konkurrenz schläft nicht.

 


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Die nächste WOMEN IN BUSINESS Ausgabe wird am 21.11.2019 lanciert
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