Höflich, zurückhaltend, neutral – das ist das Bild, das Schweizer nach aussen abgeben möchten. Doch oftmals nagen die Selbstzweifel an uns. Erkennt man uns im Ausland überhaupt an? Oder, noch etwas pessimistischer: Nimmt man uns überhaupt wahr? Wenn wir ins Ausland, sagen wir, nach Deutschland gehen, beschleicht uns das ungute Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Unsere Sprache sei so niedlich, unsere Landschaft ein einziges Disneyworld und überhaupt: die Schokolade und
der Käse!

Allen, die jetzt zustimmend nicken, kann Entwarnung gegeben werden. Uwe Jean Heuser, Ressortleiter Wirtschaft beim deutschen Wochenmagazin DIE ZEIT veröffentlichte kürzlich unter dem Titel «Eure Kraft liegt in der Ruhe» eine Sympathiebekundung an die Eidgenossen. Fast schon ist man versucht, das eine Liebeserklärung zu nennen. Doch wir wollen uns nicht versteigen. Seine Beobachtungen dürften aber Balsam auf unsere geschundenen Seelen sein.

Denn Heuser weiss, dass wir mehr können: «Tatsächlich aber gibt es so einiges, das wir uns jenseits von pünktlichen Zügen (wunderbar) und schmackhaftem Bergkäse (unübertroffen) an- und eventuell abschauen sollten», sagt er. Global erfolgreiche Konzerne und überhaupt eine gesunde Volkswirtschaft seien unserer Ruhe zu verdanken. Kein hysterisches Aufheulen, keine Schnappatmung, wenn es mal nicht so gut läuft. Dafür herrsche bei uns Pragmatismus – und ein grosses Selbstbewusstsein.

Hier stutzt man. Von innen betrachtet sieht die Welt eben oft anders aus. Das Bewusstsein, in einem sehr gut funktionierenden Gemeinwesen zu leben, ist in der Schweiz zwar durchaus vorhanden. Und doch sind die Selbstzweifel sehr gross. Was nicht perfekt ist, wird zum alle Erfolge überschattenden Missstand ausgerufen. Dieser Perfektionismus bringt die Schweiz an manchen Stellen durchaus weiter – an anderen jedoch drückt es gewaltig auf die Stimmung.

«Man könnte neidisch werden auf die Schweiz, die Tradition und Innovation ohne grosse Mühe verknüpft», konstatiert Uwe Jean Heuser. Wir sollten uns öfter gestatten, uns zwischendurch auch einmal über unsere Stärken zu freuen. Vielleicht begegnen wir dann unseren Schwächen auch mit ein bisschen mehr Gelassenheit.


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