Vor vier Jahren wurde die virtuelle Denkplattform «Female Shift» gegründet mit dem Ziel, neue Lösungsansätze in Bezug auf Krisen und Konflikte zu erarbeiten. Hinter dem Projekt stehen die Trendspezialistin und Wirtschaftsethikerin Monique Siegel (79) sowie die Unternehmerin Rosmarie Michel (87).

WOMEN IN BUSINESS: Ihr Thinktank «Female Shift» beschreitet neue Wege im Zusammenhang mit der Geschlechterrolle. Welche Idee verfolgen Sie konkret? Monique Siegel: Vor einigen Jahren wurde mir bewusst, dass wir uns in der Geschichte der Menschheit noch nie mit einer solchen Dichte und Parallelität von Krisen konfrontiert gesehen haben wie in unserer Zeit, was neue Lösungswege voraussetzt. Mit Unterstützung meiner langjährigen Wegbegleiterin Rosmarie Michel habe ich den virtuellen Verein «Female Shift» gegründet mit Einbezug männlicher und weiblicher Sichtweisen. Dabei habe ich mich vom Club of Rome inspirieren lassen, der internationalen Denkfabrik für Zukunftsfragen zur Umwelt.

Rosmarie Michel: Dank dem Förderbeitrag der OPO-Stiftung, die sich auf gemeinnütziger Basis für wissenschaftliche Forschung einsetzt, war die finanzielle Situation erst mal gesichert.

Handelt es sich um ein weiteres weibliches Netzwerk? Monique Siegel: Auf keinen Fall, denn eine Vernetzung steht nicht zur Debatte. Auch verfolgen wir keine karitativen Projekte und betrachten uns ebenso wenig als Karriereförderinnen. Vielmehr spielen neue Impulse im Hinblick auf die Zukunft eine wesentliche Rolle. Wir stellen unser System infrage und möchten Probleme mithilfe neuer Denkformen und unverbrauchter Kräfte angehen. Dazu gehören hauptsächlich unsere bestausgebildeten Frauen. Gute Voraussetzungen sind vorhanden, aber die Krux liegt in der Unternehmenskultur.

Das heisst, Männer geniessen noch immer Vorrang? Monique Siegel: Sie erhalten im Rahmen von Sitzungen mehr Aufmerksamkeit, und ihre Lösungsvorschläge werden in der Regel höher bewertet als jene der Frauen. Männer möchten gerne rasche Lösungen erarbeiten, während Frauen mehr Zeit benötigen und oft die näheren Umstände, welche zu einer bestimmten Entwicklung geführt haben, beleuchten möchten. Nachhaltige Ideen sind gefragt und inzwischen ist auch bewiesen, dass die Rendite in gemischten Teams höher ist.

Rosmarie Michel: Frauen in Entscheidungsfunktionen müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und sich nicht anpassen. Entsprechend ist Selbstbewusstsein gefragt. Das gelingt am besten, wenn man nicht an sich selbst denkt und stattdessen einen allgemeinen Beitrag leistet. Diese Anschauung möchten wir weitergeben, indem wir Frauen in Entscheidungsprozesse involvieren und sie motivieren, ihre Erkenntnisse umzusetzen. Das ist allerdings kein Kinderspiel.

Sie liefern quasi eine Anleitung zum zielgerichteten Denken? Monique Siegel: Wir vermitteln Denkanstösse und setzen auch Themen ins Zentrum, die bislang in der Öffentlichkeit kaum diskutiert worden sind. Hinzu kommt, dass Frauen und Männer auf Augenhöhe miteinander kommunizieren müssen. Wir setzen bewusst auf die Unterschiede und das führt gelegentlich auch zu einem gewissen Befremden, da sich viele Netzwerke eher um Gleichschaltung bemühen. Weder die männliche noch die weibliche Optik muss geopfert werden. Mit grosser Wahrscheinlichkeit handelt es sich aber nicht um endgültige Entscheidungen, sondern um eine Basis, die ein ungefiltertes Denken ermöglicht. Mit anderen Worten: Wir«verkaufen» Innovation anstelle von Frauenförderung.

Die weibliche Optik scheint in der Politik jedoch immer mehr an Bedeutung zu gewinnen. Besteht das Ziel darin, möglichst viele Frauen in die Landesregierung zu hieven? Monique Siegel: In der Regierung stehen immer mehr Entscheidungen an, die auch einen weiblichen Input benötigen. Ich wünsche mir zwei weitere Magistratinnen. Dennoch sprechen wir uns nicht für eine Quote aus.

Rosmarie Michel: Derzeit stellen sich für das Amt des Bundesrates zahlreiche valable Kandidatinnen zur Verfügung, und diese Chance gilt es zu nutzen.

Die Männer dürften Sie auf Ihre Seite ziehen, wenn diese registrieren, dass sich Ihre Denkfabrik gegen die Frauenquote ausspricht.
Monique Siegel: So ist es, aber auch viele Frauen betrachten unsere Philosophie mit Interesse. Wir setzen uns auch für die neuen Väter ein. Eine Quote bewirkt zudem keine Systemveränderung. Sie ist vielmehr Symptombekämpfung und keine Ursacheneliminierung.

Ihre virtuelle Plattform verfolgt den Ansatz, dass anstehende Probleme im Allgemeinen nicht von staatlichen Stellen, sondern mit Eigeninitiative gelöst werden. Frauen wird indes immer wieder Passivität vorgeworfen. Woran liegt das? Monique Siegel: Wir haben uns zu viele Jahrzehnte lang beklagt, anstatt etwas zu unternehmen. Zudem muss das Vokabular unserer Zeit berücksichtigt werden. Vergangenheitsfragen müssen nicht ständig aufs Neue thematisiert werden.

Weitgehend unverändert ist die Lohnungleichheit. Ärztinnen verdienen beispielsweise rund 29 Prozent weniger als ihre männlichen Berufskollegen. Wie lässt sich eine Verbesserung erzielen? Monique Siegel: Das ist kein erfreuliches Resultat, aber die Situation ist nicht in sämtlichen Branchen dieselbe. Der Erklärungsnotstand der Firmen, die keine Frau im obersten Gremium beschäftigen, wird allerdings zunehmend grösser. Frauen müssen für ihre Rechte einstehen und keinerlei Konfrontationen scheuen.

Rosmarie Michel: Das Ziel sollte darin bestehen, nicht nur zu fordern, sondern in erster Linie zu überzeugen. Wer nur reklamiert, sieht sich mit Gegnern konfrontiert. Die Lohndifferenz im Bereich der Medizin ist bedauerlich, doch es dürfte einiges in Bewegung kommen: Prof. Dr. Beatrice Beck Schimmer vom Institut für Anästhesiologie am Universitätsspital Zürich wurde 2016 durch den Ausschuss des Stiftungsrats ins Forschungsratspräsidium des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gewählt. Sie ist dort verantwortlich für den Fachausschuss Karrieren.

Ist es grundsätzlich nicht sinnvoll, neue Gesetze zu schaffen, wenn sich in den Köpfen nichts ändert? Monique Siegel: Das trifft zu. Wir möchten das Bewusstsein fördern für gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen. Bestimmte Umstände und Veränderungen müssen genauer erforscht werden. Frauen sollten sich zudem das beste Verhandlungstraining leisten.

Rosmarie Michel: Die Frauenfrage ist auch eine Frage der Erziehung. Ich gehörte seinerzeit zu den einsamen Frauen im Verwaltungsrat.

Wie haben Sie die Frauenproblematik seinerzeit erlebt? Rosmarie Michel: Ich habe stets Verbündete gehabt und Allianzen gebildet. Auch stellte ich fest, dass sich die Aktionärinnen und Mitarbeiterinnen stets an mich wandten. Das Zuhören spielt eine wichtige Rolle. Ich hatte seinerzeit das Privileg, in einem Elternhaus aufzuwachsen, in welchem Frauen selbstverständlich Führungsaufgaben übernommen haben. Meine weiblichen Vorfahren waren als Kleinunternehmerinnen tätig.

Wie haben Sie sich als Verwaltungsrätin unter lauter Männern durchgesetzt? Rosmarie Michel: Ich bezeichne mich als Muttertyp, und mit meinen 1,57 Metern wirke ich auch nicht allzu bedrohlich (lacht).

Monique Siegel: Wenn sich Rosmarie Michel zu Wort meldet, sieht die Situation allerdings anders aus (lacht).

Rosmarie Michel: Ich konnte das nötige Vertrauen wecken, und die männlichen Berufskollegen haben mir in der Kaffeepause oft ihre Sorgen anvertraut. Neuen Herausforderungen bin ich offen gegenübergestanden, auch habe ich das Gespräch mit den Medien nicht gescheut. Als ich seinerzeit mit der Maori-Königin in Neuseeland über den roten Teppich stolzierte, stiess dies auch auf mediales Interesse, das ich zu nutzen wusste.

Monique Siegel: Meine Mutter betrachte ich als Vorbild, weil sie eine selbstständig denkende Frau war und mich in Berlin alleine grossgezogen hat, als mein Vater in den Krieg gezogen ist. Ich habe nie daran gezweifelt, mich als Frau durchsetzen zu können. Allerdings bin auch ich gescheitert. Als ich bei Orell Füssli eine Stellung übernehmen sollte, krebsten die Verantwortlichen zurück mit der Begründung, dass man sich eine Frau in einer höheren Position doch nicht leisten könne. Das war 1980. Das führte dazu, dass ich mich im Bereich der Frauenbildung stark engagierte. Später erteilte ich als einzige Frau Rhetorikseminare bei der damaligen PTT. Schon zu jener Zeit erwähnte ich die Privatisierung, die damals noch kein Thema war.

Stichwort Frauen: «Female Shift» ist die Bezeichnung für einen der wichtigsten Megatrends. Wie entsteht ein solcher? Monique Siegel: Indem man sich wachsam zeigt gegenüber Veränderungsschritten. Die Flexibilität und die Neugier stehen im Zentrum. Man muss den Mut aufbringen, sich mögliche Zukunftsszenarien vorzustellen. Männer werden zum Beispiel eines Tages auch akzeptieren, dass manche Frauen laut Studien gar bessere Programmiererinnen sind. Aber auch nicht berufstätige Frauen lernen, Lösungen herbeizuführen, indem sie mit ihren Kindern eine gemeinsame Freizeitstrategie entwickeln. Das gilt übrigens auch für Männer, die nicht lediglich auf den Beruf setzen.

Also Schluss mit Geschlechterkampf? Monique Siegel: Unbedingt, denn dieser stellt eine Vergeudung unserer Kräfte dar. Die jungen Väter erhoffen sich, dass sie selbstbestimmter arbeiten können. Die Vollzeitbeschäftigung dürfte allmählich zum aussterbenden Modell gehören. Microsoft beispielsweise bietet für Mütter auch Homeoffice an. Das zeigt, dass ein Umdenken stattgefunden hat.

Welche Zukunftsfragen stehen im Vordergrund? Monique Siegel: Wir würden gerne wissen, wie sich Frauen den Konsum in den nächsten zwanzig Jahren vorstellen, was für sie Nachhaltigkeit im Alltag bedeutet, was sie verändern würden, wenn sie eine Stadt planen könnten im Zeitalter der Verdichtung. Neue experimentelle Wohnformen bestimmen unsere Zukunft, und dieser wichtige Bereich muss aufgewertet werden.

Welche weiteren Pläne verfolgt die Denkplattform «Female Shift»? Rosmarie Michel: Wir werden den Mitgliederbestand auf der Basis eines Leistungsausweises weiter vergrössern. Firmenmitglieder dürften demnächst den Austausch mit uns suchen, und überdies soll der interaktive Dialog gefördert werden. Meine Aufgabe wird darin bestehen, die Finanzierung zu sichern und in absehbarer Zeit nach Nachfolgerinnen Ausschau zu halten. ★

 

Über Female Shift

Der unabhängige Thinktank www.femaleshift.org engagiert sich für Entwicklungsmöglichkeiten aus frauenspezifischer Sicht, indem er frühzeitig relevante Themen definiert und Lösungsansätze aufzeigt. «Female Shift» ist die Bezeichnung für einen der wichtigsten Megatrends: Frauen haben ihre männlichen Berufskollegen bezüglich Bildung weltweit überholt.

Über Monique Siegel

Monique Siegel (www.siegel.ch) wurde 1939 in Berlin geboren und absolvierte ein Germanistikstudium an der Columbia University und New York University. 1971 siedelte sie in die Schweiz über und wurde Rektorin bei der AKAD. Es folgte ein Studium an der Universität Zürich in Angewandter Ethik. Monique Siegel ist auch als Wirtschaftsethikerin sowie als Autorin tätig.

Über Rosmarie Michel

Rosmarie Michel wurde 1931 in Zürich geboren. 1956 übernahm sie die Geschäftsleitung der familieneigenen Confiserie Schurter. Sie war Präsidentin der International Federation of Business and Professional Women und übernahm zudem diverse Verwaltungsratsmandate, unter anderem bei den ZFV-Unternehmungen Valora und Credit Suisse.

Bild Sandra Blaser


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