Sie war die kommunikative Powerfrau der Migros. Während fast 17 Jahren hat Monica Glisenti (58) die Kommunikation des grössten Unternehmens der Schweiz auf- und ausgebaut, gesteuert und geprägt. Am 13. März kam ihr überraschender Abgang. Ein Gespräch mit ihr über das, was war, und das, was die Zukunft bringen wird.

WOMEN IN BUSINESS: Frau Glisenti, Ihr Weggang bei der Migros kam doch sehr plötzlich. Weshalb so schnell?

Monica Glisenti: Da ich zwar in einem gekündigten Arbeitsverhältnis stehe, aber noch immer einen Arbeitsvertrag habe, möchte ich mich dazu
nicht äussern.

Wie man in der NZZ am Sonntag lesen konnte, hat der neue Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen die Kommunikation per 1. März seiner Nachfolgerin, Sarah Kreienbühl, übergeben. Sie vertritt nun in der Generaldirektion nicht mehr nur das HR und die Kultur, sondern auch die Kommunikation. Finden Sie, dass die Kommunikation direkt beim CEO angehängt sein soll?
Ja, der CEO muss die Agenda mitbestimmen und die Kommunikationsabteilung sollte jederzeit einen schnellen, direkten Zugang zu ihm haben.

War das der Grund für Ihren Abgang, der nur 13 Tage nachdem Sie eine neue Chefin hatten, bekannt wurde? Oder stimmte ganz einfach die Chemie nicht? Die NZZ am Sonntag hat geschrieben, dass Sarah Kreienbühl bei ihrem früheren Arbeitgeber den Übernamen «Eisprinzessin» hatte und das zwischen Ihnen und ihr «nicht gutgehen konnte». Wie gesagt, möchte ich mich im Moment dazu nicht äussern.

Hat Ihr Abgang bei Journalisten und Kollegen einen Sturm ausgelöst?
Zwei, drei Journalisten sind bestimmt froh darüber. Ansonsten habe ich von vielen Medienschaffenden und ehemaligen Kolleginnen und Kollegen sehr berührende Mails bekommen. Wenn nur die Hälfte stimmt, was sie geschrieben haben, kann ich sehr zufrieden sein.

Sie haben die Kommunikation der Migros fast 17 Jahre geleitet, was für einen solchen Job sehr lange ist. Aussergewöhnlich ist auch, dass Sie in dieser Zeit unter zwei verschiedenen CEOs gearbeitet haben.
Herbert Bolliger hat schon bei meinem Zehn-Jahre-Jubiläum gesagt, dass er nicht wisse, wie man das so lange aushält (lacht). Für mich war es eine fantastische Zeit. Ich hatte mit Anton Scherrer und Herbert Bolliger zwei Chefs, die alle Qualitäten haben, die ich mir von einem Vorgesetzten wünsche. Sie haben mich gefördert, mir sehr viel Vertrauen geschenkt und viel Freiheit gelassen. Sie waren aber auch stets da, wenn ich sie gebraucht habe. Die Welt der Kommunikation hat sich in dieser Zeit radikal verändert. Ich durfte mit einem ausgezeichneten Team sehr viel aufbauen. Und das alles erst noch in einem Klima, das nicht von Missgunst und Machtgehabe, sondern von Kollegialität und gegenseitigem Respekt geprägt ist.

Die Unternehmenskommunikation der Migros gilt heute als State of the Art, weshalb Sie an Kongressen und verschiedenen Universitäten eine gefragte Referentin sind. Werden Sie das auch weiterhin tun?
Wir haben sehr früh entschieden, auf Social Media aktiv zu werden und mit migipedia.ch sogar ein eigenes soziales Medium aufzubauen. Wir sahen die sozialen Medien als Chance, um den Dialog mit den Stakeholdern, mit den unzähligen Migros­Fans noch intensiver, unmittelbarer und schneller führen zu können. Herbert Bolliger hatte den Mut, uns bei dieser Reise ins Unbekannte zu unterstützen. Ich durfte in den vergangenen neun Jahren eine neue Abteilung aufbauen. Die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit sammeln konnte, gebe ich sehr gerne weiter. Für mich waren die Gastreferate auch immer gute Gelegenheiten für einen spannenden Austausch und ideal, um neue Mitarbeitende zu rekrutieren. Im Online-Team der Migros- Kommunikation gibt es verschiedenen Mitarbeitende, die ich so an den Unis kennengelernt habe.

Wie geht es nun mit der Migros-Kommunikation weiter? Man hört von einer grossen Reorganisation.
Da muss ich Sie an die Kommunikationsabteilung verweisen.

Man hört auch, dass das Kommunikationsteam seit Ihrem Abgang total verunsichert, geradezu schockiert sei und die Abteilung jetzt von zwei externen Beratern geführt wird. Bei Veränderungen braucht es immer eine gewisse Zeit, um sich mit den neuen Verhältnissen zurechtzufinden, und meistens ist dann das, was kommt, noch besser als das, was war. Niemand ist unersetzlich.

Das tönt sehr abgeklärt. Gilt das auch für Ihren Kommunikationsstil?
Das ist nicht abgeklärt, sondern nur realistisch. Transparenz und der Anspruch, schneller zu kommunizieren, als Journalisten recherchieren, gehören zu meinen wichtigsten Grundsätzen. Ich versuche, möglichst klar und schnörkellos zu kommunizieren. Auch vermeide ich nichtssagende Wörter, die gerade im Trend sind, wie etwa Agilität oder Fehlerkultur. Der Organisationspsychologe Felix Frei schreibt in der «Luzerner Zeitung» in seiner wöchentlichen Kolumne «Böse Worte» über solche Begriffe. Sehr witzig und lesenswert.

Schneller zu kommunizieren, als Journalisten recherchieren ist eine ehrgeizige Devise – vor allem aus dem Munde einer ehemaligen Journalistin. Meine zwanzig Jahre Erfahrung als Journalistin haben mich gelehrt, dass früher oder später alles an die Öffentlichkeit gelangt. Wenn also etwas schiefläuft und man die Kommunikation selbst führen, das Skandalisierungspotenzial möglichst gering halten und nicht nur reaktiv sein will, ist eine rasche, ehrliche und möglichst vollständige Information wichtig. So verhindert man, dass das Vertrauen ins Unternehmen und in dessen Management erschüttert wird. Im Gegenteil: Die Mitarbeitenden, Kunden und Geschäftspartner schätzen Ehrlichkeit, zeigen Verständnis, und das Vertrauen wird sogar noch gestärkt.

Gab es in all den Jahren nicht auch Krisen?
Klar gab es auch immer wieder Krisen. Gerade auch, weil die Informationen zu spät in der Kommunikationsabteilung angekommen sind. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Kommunikationschefs Zugang zu möglichst allen Informationen haben. Nur so kann man die Radarfunktion optimal wahrnehmen und die Kommunikation strategisch führen.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein Journalist vom «Sonntagsblick» ging einmal an einem Samstag einkaufen und sah, dass das Gestell mit den Chinasuppen leer war. Als er mich anrief, hatte ich noch keine Ahnung, dass der Kantonschemiker die Suppen beanstandet und einen Rückzug angeordnet hatte. Der «Sonntagsblick» hatte dann mit grossen Buchstaben geschrieben, dass die Suppen vergiftet waren und die Migros das vertuschen wollte.

Haben Sie beim «Sonntagsblick» interveniert und versucht, die Story zu verhindern? Sie gelten bisweilen auch als unbequem.
Im Gegenteil: Ich habe dem Journalisten zu seiner Geschichte gratuliert und mich gefragt, was bei uns schiefgelaufen ist. Wir haben dann einen klaren Prozess definiert, damit so etwas nicht mehr geschehen kann. Ich schätze die Arbeit der Journalisten sehr. Ihr Auftrag einer kritischen Informationsvermittlung ist nicht nur für eine funktionierende Demokratie, sondern auch für die Unternehmen essenziell. Auch Unternehmen brauchen diesen kritischen Blick von aussen. Wenn ein Missstand aufgedeckt und öffentlich wird, reagiert das Management meistens rasch, was wiederum gut fürs Unternehmen und die Kunden ist. Ich habe nur interveniert, wenn wesentliche Fakten falsch waren. Dann waren die Journalisten fast immer bereit, die Fehler zu korrigieren. In all diesen Jahren habe ich es nur drei, vier Mal erlebt, dass Journalisten völlig uneinsichtig waren, obwohl sie einen völligen Mist zusammenkonstruiert und so zugespitzt haben, dass es für einzelne Personen und die Migros rufschädigend war.

Wie haben Sie überhaupt den Weg in die Unternehmenskommunikation gefunden? Obwohl ich leidenschaftlich gerne Journalistin war, wusste ich, dass es in diesem Beruf schwierig ist, in Würde alt zu werden. Es gibt dafür nicht sehr viele positive Beispiele. Als ich dann von Anton Scherrer, dem damaligen Migros-Chef, dieses Angebot hatte, war ich nach dem ersten Gespräch begeistert und wollte unbedingt für ihn und dieses einzigartige Unternehmen arbeiten.

Haben Sie den Schritt nie bereut?
Nein. Ich finde es auf der Seite des Unternehmens sogar noch spannender und abwechslungsreicher als im Journalismus, weil die Arbeit auch sehr viele strategische Aufgaben beinhaltet. Zudem ist die Kommunikationsabteilung der Migros mit ihren eigenen Medien sehr privilegiert und deshalb auch immer mit Journalismus konfrontiert.

Nach Ihrer Anstellung wurden Sie auch publizistische Leiterin der Migros-Medien und haben als Erstes den «Brückenbauer» konzeptionell völlig überarbeitet und zum «Migros-Magazin» transformiert.
Ich war der Meinung, dass man diese Zeitung, die jede Woche in einer Auflage von über zweieinhalb Millionen Exemplaren erscheint, besser machen und als wichtigsten Kommunikationskanal der Migros viel stärker nutzen kann. Zudem war ich überzeugt, dass die jüngeren Menschen die Symbolik des Namens «Brückenbauer» nicht mehr kannten und er etwa so sinnlich tönt wie das Wort «Keulenschlag». Die Migros war schon damals ein Love-Brand. Deshalb wollte ich, dass auch das Magazin von dieser bekanntesten und sympathischsten Marke profitiert und umgekehrt der Migros-Kunde von einer interessanten Zeitung. Heute ist das «Migros­Magazin» mit seinen vielen spannenden Geschichten über Menschen, den hilfreichen Tipps und Ratschlägen eine der am meisten gelesenen und beliebtesten Publikationen in der Schweiz. Ich bin aber nicht sicher, ob ich auch später noch den Mut für dieses Projekt gehabt hätte, denn es gab damals innerhalb der Migros Leute, die mich gewarnt und einen Proteststurm prophezeit hatten. Immerhin war der «Brückenbauer» eine Erfindung des genialen Migros­ Gründers Gottlieb Duttweiler und hatte eine lange Geschichte.

Mit «Vivai» konnten Sie später auch ein neues Magazin lancieren, das im Lesermarkt inzwischen ebenfalls sehr erfolgreich ist.
Wohlbefinden, die Gesundheit der Bevölkerung wie auch das soziale, ökologische und kulturelle Engagement sind zentrale Anliegen der Migros und dafür gab es noch keinen eigenen Kommunikationskanal.

Und weshalb heisst es nicht «Mivai»?
Der Name sollte meiner Meinung nach irgendwie Leben beinhalten. Bei uns in Graubünden sagt man statt Prost oder Gesundheit: «Viva!» Viva ist aber ein längst geschützter Begriff. In meiner Jugend verbrachte ich viele Abende in St. Moritz in der Disco Vivai – die es übrigens immer noch gibt. Daran erinnerte ich mich und jetzt heisst die Zeitschrift «Vivai».

Weshalb blieben Sie eigentlich immer im Hintergrund und sind nur selten als Sprecherin in den Medien aufgetreten? Weil ich eben lieber im Hintergrund bleibe und andere das viel besser machen als ich.

Könnten Sie sich dieselbe Position in einem anderen Unternehmen vorstellen?
Im Moment geniesse ich es, keine durchgetaktete Agenda und dafür mehr Zeit zu haben, um in die Berge zu gehen, mehr Bücher zu lesen, Freunde zu bekochen, zu reisen und auch mehr Golf zu spielen. Und vor allem freue ich mich darauf, mehr gemeinsame Zeit mit meinem Mann zu verbringen.

Über Monica Glisenti

Die gebürtige Engadinerin ist mit zwei Brüdern in St.Moritz aufgewachsen und schlug zunächst eine klassische Journalistenlaufbahn ein. Sie arbeitete unter anderem als Bundeshausjournalistin für den «Sonntagsblick» und zuletzt während neun Jahren für das Wirtschaftsmagazin CASH, wo sie das Ressort Wirtschaftspolitik leitete und Mitglied der Chefredaktion war. 2001 wechselte sie unter dem damaligen CEO Anton Scherrer als Leiterin der Direktion Corporate Communications zur Migros. Anschliessend begleitete sie dessen Nachfolger Herbert Bolliger durch seine mehr als 12 Jahre währende Amtszeit. Nun, kurz nach dem Antritt des neuen CEO Fabrice Zumbrunnen, schied Monica Glisenti aus dem Unternehmen aus.

Interview Irene M. Wrabel         Bild ZVG


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