WOMAN OF THE YEAR 2016: Hedy Graber, Leiterin der Direktion Kultur und Soziales Migros-Genossenschafts-Bund

Seit 2004 leitet Hedy Graber die Direktion Kultur und Soziales beim Migros-Genossenschafts-Bund in Zürich. Damit verantwortet sie die nationale Ausrichtung der kulturellen und sozialen Projekte des Migros-Kulturprozents. Ihre Funktion beinhaltet auch die Entwicklung des 2012 ins Leben gerufenen Förderfonds Engagement Migros.

Die studierte Kunsthistorikerin war in ihrer bisherigen Laufbahn Kuratorin der Kunsthalle Palazzo in Liestal, Direktorin der Abteilung für Moderne Kunst bei der Galerie Fischer Auktionen und Beauftragte für Kulturprojekte des Kantons Basel-Stadt. Hedy Graber ist unter anderem Präsidentin des Vereins Forum Kultur und Ökonomie und Mitglied des Hochschulrats Luzern. Im vergangenen Jahr wurde sie als Europäische Kulturmanagerin 2015 ausgezeichnet.

WOMEN IN BUSINESS: Unsere Leserschaft hat Sie zur WOMAN OF THE YEAR 2016 gewählt – herzliche Gratulation! Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung? Hedy Graber: Zunächst einmal freue ich mich natürlich sehr über diese Ehre und Wertschätzung! Aber eigentlich bin ich davon überzeugt, dass es weniger um meine Person geht als um meine Funktion. Ich habe das Glück, in einem Unternehmen zu arbeiten, das mit dem Kulturprozent und dem Förderfonds Engagement Migros einzigartige Projekte ermöglicht und deshalb bei der breiten Bevölkerung bekannt und beliebt ist.

Was bringt Hedy Graber mit, um in diesem Rahmen einen guten Job zu machen? Ein wichtiger Aspekt ist sicher meine langjährige Erfahrung in unterschiedlichen kulturellen Bereichen, vom Projektmanagement zur Kulturförderung bis hin zu meiner Arbeit in einem Auktionshaus. Darüber hinaus bin ich zweisprachig deutsch und französisch – aufgewachsen. Für eine national tätige Organisation wie den Migros-Genossenschafts-Bund ist es wichtig, Leute zu haben, die sich zwischen Basel, Luzern, Bern, Zürich und Genf bewegen können. Aufgewachsen in Kriens bei Luzern, zog ich nach Genf, wo ich die Matura absolviert und Kunstgeschichte studiert habe. 1991 bin ich dann zurück in die Deutschschweiz gekommen und wider Erwarten hier hängengeblieben.

Wieso wider Erwarten? Ich fühlte mich in der Westschweiz an sich sehr wohl. Nach dem Studium wollte ich eine echte Aufgabe haben, mir etwas Eigenes aufbauen und fand dafür die Gelegenheit in der Kunsthalle Palazzo in Liestal. Das war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Liestal war für mich eine tolle Spielwiese für erste berufliche Experimente in der Deutschschweiz. Wir hatten dort einen nicht allzu grossen Raum mit schönem Licht und einer angenehmen Atmosphäre. Ich konnte vieles ausprobieren und Erfahrungen sammeln, ohne Besucherrekorde erzielen zu müssen. Das Programm bestand mehrheitlich aus damals noch unbekannten nationalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Liestal eignete sich dazu sehr gut, weil es von den Zentren wie Zürich, Basel oder auch Genf zwar entfernt liegt, aber trotzdem sehr gut erreichbar ist. So konnten wir uns überregional etablieren.

Eine tolle Chance für eine Einsteigerin … Wenn ich eine Idee habe und die Möglichkeit sehe, etwas daraus zu machen, ergreife ich sie. Wir haben damals auch einen kleinen Katalog zu jeder Ausstellung publiziert, der jeweils brandaktuell zur Eröffnung vorlag. Das war Anfang der 90er-Jahre, da hatten wir noch keine Computer zur Verfügung. Trotzdem waren wir schnell, und diese Schnelligkeit war wichtig, weil wir so eben auch interessierte Kreise erreichten, die nicht vor Ort sein konnten. Meine nächste Station führte mich dann als Direktorin der Abteilung für Moderne Kunst zur Galerie Fischer Auktionen in Luzern. Da lag die Herausforderung für mich darin, den Kunstmarkt aus nächster Nähe kennenzulernen.

Suchen Sie diese Herausforderungen immer wieder? Ich wollte eben möglichst breite Erfahrungen sammeln. Und so wechselte ich 1998 ins Erziehungsdepartement Basel-Stadt als Beauftragte für Kulturprojekte im Ressort Kultur. Ich verantwortete dort die Fachkredite in unterschiedlichen Bereichen wie zum Beispiel der Musik- oder der freien Theater- und Kunstszene. In der Verwaltung lernte ich ganz neue Abläufe und das Handwerk der Politik kennen. Die Kulturförderung, das heisst das Vermitteln zwischen Kultur und Politik, habe ich dort sozusagen als meine Berufung entdeckt. Brückenschläge zwischen unterschiedlichen Disziplinen und Anspruchsgruppen interessieren mich auch heute noch, und es gefällt mir, wenn Projekte gelingen, die am Anfang nicht mehrheitsfähig scheinen.

Damit hatten Sie Ihr ursprüngliches Feld, die Kunstgeschichte, aber verlassen. Das stimmt, ich bin mehr und mehr zur Generalistin und Managerin geworden. Um als Kunsthistorikerin zu arbeiten, würden mir jedoch mittlerweile die Grundlagen fehlen. Doch mein Studienfach hatte ich aus echter Leidenschaft für das Thema gewählt. Ich hatte mal einen Professor, der sagte: «Ihr müsst wissen, dass die Wahl des Studienfachs Kunstgeschichte aus genuinem Interesse am Thema erfolgen muss, denn das ist etwas Brotloses.» Für mich war das eine klare und unmissverständliche Botschaft. Ich bin der Ansicht, dass gerade Menschen, die etwas vordergründig Brotloses studieren, das Zeug dazu haben, in ganz unterschiedlichen Bereichen Karriere zu machen. Denn in solchen Fächern bildet sich die Fähigkeit zur kritischen Reflexion aus.

Sie sind sicher ein gutes Beispiel dafür. Wie sind Sie denn schliesslich zur Migros gekommen? In der privaten Kulturförderung ist das Migros-Kulturprozent einzigartig. Es war also nur logisch, dass die Migros für mich eine ideale weitere berufliche Etappe darstellte. Die Ausschreibung für die Stelle habe ich aber dann eher per Zufall gesehen – ich suchte ja nicht aktiv eine neue Stelle – und mich quasi über Nacht beworben. Dann ging alles sehr schnell. Ich denke, dass das kein Zufall war, irgendwie sollte ich wohl hierherkommen. Im Januar 2004 trat ich schliesslich meine neue Stelle an.

Und haben seit nunmehr 13 Jahren dieselbe Position – ist das noch spannend für eine Persönlichkeit wie Sie, die immer neue Herausforderungen sucht? Nur die Funktionsbezeichnung ist seither die gleiche geblieben, die Aufgaben haben sich kontinuierlich weiterentwickelt. Wir überprüfen unsere Projekte regelmässig, können neue Themen lancieren und so im kulturellen und sozialen Bereich Impulse setzen. Und das ist es auch, was diese Aufgabe für mich nach wie vor unglaublich spannend macht. Seit 2012 ist als Ergänzung zum Migros-Kulturprozent der Förderfonds Engagement Migros dazugekommen, dessen Strategie und Aufbau ich verantworte – mit neuen Themen in den Bereichen Kultur, Wirtschaft und Nachhaltigkeit. Mit Engagement Migros fördern wir «Pionierprojekte im gesellschaftlichen Wandel». Man hat selten die Gelegenheit, eine solche Aufbauarbeit zu leisten. Das Spannungsfeld zwischen Innovation und Tradition stets neu auszuloten interessiert mich auch deshalb, weil man keine vorgefertigten Antworten findet, sondern auch scheitern könnte.

Dazu braucht man ein sehr kompetentes Team, denke ich. Das ist so, und ich habe das Glück, ein tolles Team von qualifizierten Fachleuten zu haben, die breit vernetzt sind und sozusagen das Gras wachsen hören. Niemand verrichtet hier nur Dienst nach Vorschrift, die intrinsische Motivation, wie man so schön sagt, ist sehr ausgeprägt. Wir setzen unser breit gefächertes Know-how ein für unsere Aktivitäten, um die Gesellschaft vorwärtszubringen. Dass wir dabei effizient sein und jedes Budget zielgerichtet einsetzen müssen, ist selbstverständlich. Wichtig ist auch, dass wir die beabsichtigte Wirkung unserer Projekte messen. Da stehen aber nicht nur Zahlen im Vordergrund, sondern auch qualitative Kriterien. Meine Arbeit besteht aus Management, Führung, Strategie, Finanzen, Kommunikation, Netzwerk sowie der Positionierung der kulturellen und sozialen Aktivitäten des Migros-Kulturprozent und des Förderfonds Engagement Migros. Jede Stunde nehme ich einen anderen Termin zu unterschiedlichsten Projekten wahr. Am Abend besuche ich Veranstaltungen, treffe mich mit Menschen, die für mein Netzwerk wichtig sind oder die mir persönlich am Herzen liegen.

Wie führen Sie Ihr Team? Wir haben hier eine Mischung aus klassischen Hierarchien und offener, fachübergreifender Kommunikation, um unsere Themen transparent und nutzbringend für alle behandeln zu können. Unser Grossraumbüro an der Josefstrasse in Zürich ermöglicht eine offene Kommunikation; das ist mir wichtig. Besser, als dem Kollegen ein langes Mail zu schreiben, ist es, die Dinge direkt anzusprechen. Und bei der Kaffeemaschine in der Küche bleibt immer kurz Zeit für den persönlichen Gedankenaustausch.

Das tönt nach einer herausfordernden und zeitintensiven Aufgabe. Manche mögen sich meinen Job sehr glamourös vorstellen, doch das ist keineswegs so. Ich bin mehr im Büro als an CüpliAnlässen. Spannend finde ich es auch, immer wieder über den eigenen Tellerrand zu blicken. Obwohl wir «nur» in der Schweiz tätig sind, ist es für uns wichtig, über die Landesgrenzen hinauszuschauen.

In welchen Bereichen? Ich erwarte von jedem, der bei uns für einen Bereich zuständig ist, den Blick über die Grenzen seines Fachs. Wenn wir ein Festival wie das Tanzfestival Steps, das Popmusikfestival m4music oder unsere Migros-Kulturprozent-Classics programmieren, dann gehören internationale Künstlerinnen und Künstler selbstverständlich dazu. Wenn wir im Bereich Soziales neue Initiativen lancieren, dann machen wir uns zuerst kundig, ob es im Ausland schon Modelle gibt, die für uns interessant sein könnten. Kulturelle und soziale Projekte kennen keine Grenzen. Mit Engagement Migros unterstützen wir zum Beispiel den Impact Hub, einen Ort, an dem Startups zu Hause sind. Dort gibt es spannende Themen zu entdecken, die für die Gesellschaft von heute und von morgen relevant sind. Das geht von Foodwaste bis hin zur Mobilität. Hier greifen wir Projekten unter die Arme, die bis zur Marktfähigkeit noch Unterstützung brauchen. Es liegt in der MGBDNA, den gesellschaftlichen Impact zu fördern. Unser Grundgedanke dabei ist, dass der Gesellschaft etwas zurückgegeben werden soll.

Gehen Sie denn auch proaktiv auf die Initianten solcher Projekte zu? Wir haben in den letzten vier Jahren den Förderfonds Engagement Migros aufgebaut, mit dem wir die Lücke zwischen Innovation und Markt schliessen möchten. Anders als beim Kulturprozent, wo wir eine Vielzahl an Bewerbungen erhalten, scouten wir für unser Förderprogramm ausschliesslich selbst. Wir bieten den ausgewählten Projekten dann eine Unterstützung für etwa drei bis fünf Jahre. Während dieser Zeit müssen die Relevanz für die Gesellschaft und die Businessplantauglichkeit unter Beweis gestellt werden.

Wie gehen die beiden Themenbereiche Kultur und Soziales zusammen? Die beiden Themen ergänzen sich. Doch bin ich überzeugt, dass hier noch mehr Synergien möglich sind. Wir haben zurzeit eine Reihe von internen, hierarchieübergreifenden Workshops initiiert. Unser Ziel ist es, die gemeinsamen Themen, die uns verbinden, auch übergeordnet zu kommunizieren. Ich bin intern auch so etwas wie die Vernetzungsmanagerin unserer Aktivitäten und Projekte. Der gemeinsame Nenner unserer Projekte ist, dass sie in der heutigen Gesellschaft einen Mehrwert stiften. Wenn wir es schaffen, Menschen einen Zugang zu Kultur und Gesellschaft zu bieten, haben wir ein wichtiges Ziel erreicht. Natürlich gilt hier nicht das Motto «Eines für alle», sondern unsere Projekte erreichen ein sehr unterschiedliches Publikum. Diese Breite ist sehr «Migros-like».

Das ist ein sehr ehrgeiziges Ziel … und steht ganz in der Tradition unseres geistigen Vaters, des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler. In den Thesen, die er mit seiner Frau Adele 1950 aufstellte, steht die gesellschaftliche Verantwortung eines Unternehmens – neben dem kommerziellen Zweck – im Vordergrund.

Was ist Ihre Vision für die Zukunft? Wir müssen globale Trends in unseren Projekten spiegeln. Wie gehen wir mit Digitalisierung um? Diese Frage stellt sich sowohl in kulturellen wie auch in sozialen Projekten. Die Gleichzeitigkeit von online und offline, das Verhältnis von global und lokal verändern die Gewohnheiten der Menschen. Und so ändern sich auch die Gewohnheiten des Publikums, das zum Beispiel heute aktiv per Online-Voting den Ausgang eines Theaterstücks mitbestimmen will. Wir müssen auch vermehrt vernetzt und spartenübergreifend denken und so den gesellschaftlichen Wandel abbilden. Und dass es im Feld der Diversity noch viel zu tun gibt, ist keine Frage. Auch hier gilt es für mich, die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass dies möglich ist. Wo immer ich die Chance dazu habe, setze ich mich dafür ein.


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Die nächste WOMEN IN BUSINESS Ausgabe wird am 21.11.2019 lanciert
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