Die Jugend ist unsere Zukunft, heisst es immer. Für das Umfeld, in dem sie sich entwickeln können, müssen die Älteren sorgen. Ob wir dieser Verantwortung immer gerecht werden, darf hinterfragt werden. Interessantes darüber, was die Jugend – wenn es eine solche homogene Gruppe überhaupt gibt – denkt, welche Ziele und Vorstellungen sie für ihr künftiges Leben hat, bringt die aktuelle Eidgenössische Jugendbefragung ch-x ans Tageslicht. Es gibt gute und schlechte Nachrichten, fangen wir mit den guten an.

Nächstenliebe (aber auch Hedonismus) stehen in der Werteskala der Jungen ganz oben, Macht und Konformität hingegen nehmen untere Listenplätze ein. Dementsprechend sind der Freundeskreis, die Familie, aber auch Arbeit und Beruf wichtige Lebensbereiche, die weit vor Politik oder Religion rangieren. Bezüglich ihrer beruflichen Zukunft hegen sie hohe Erwartungen, sind aber auch mehrheitlich optimistisch. Menschlichkeit vor Machtstreben, persönliche Bindungen vor ideologischen Vorbildern: Das hört sich gut an.

Dazu passt auch, dass eine Familiengründung für viele nach wie vor ein erstrebenswertes Ziel ist. Rund 73 Prozent der Befragten wünschen sich Familie und Kinder. In der Zusammenfassung der Studie heisst es: «Der Kinderwunsch ist jedoch an bestimmte Bedingungen geknüpft. Dazu zählen unter anderem eine stabile Beziehung, ein ausreichendes Einkommen, dass beide Partner sich reif fühlen und sich Kinder wünschen und dass zumindest einer der Partner beruflich abgesichert ist.» Sehr vernünftig. Doch in der letztgenannten Voraussetzung kündigt sich schon die schlechte Nachricht an.

Denn was die möglichen Familienmodelle angeht, so scheint die junge Generation noch sehr traditionellen Werten verhaftet zu sein. Die althergebrachten Formen mit dem Mann als Ernährer und der Frau als Hausfrau und Mutter ohne ausserfamiliärer beruflicher Tätigkeit werden von jungen Frauen und Männern favorisiert. Jetzt werden viele sagen, dass das schliesslich freier Wille ist. Doch damit macht man es sich wohl zu einfach. Vielleicht sehen viele Mädchen einfach, wie mühsam es ist, alles unter einen Hut zu bringen und wie sehr die Rahmenbedingungen – gesellschaftlich, sozial und politisch – noch hinterherhinken. Wer möchte es ihnen verübeln, dass sie den Weg des geringeren Widerstandes für attraktiver erachten? Dass sie das dereinst bereuen könnten, ist vielen nicht bewusst. Stichwort Altersvorsorge,
Scheidung, aber auch Lebensgestaltung, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

«Die Jugend soll ihre eigenen Wege gehen, aber ein paar Wegweiser können nicht schaden», so ein Zitat der amerikanischen Schriftstellerin Pearl S. Buck. Doch diese Wegweiser sollten wir uns einmal genauer anschauen. Denn gute Entscheidungen beruhen auf Wahlfreiheit


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