Eva Presenhuber ist promovierte Künstlerin und die Königsmacherin des internationalen Kunstmarkts. Als Mastermind auch der Art Basel beobachtet sie, dass der Einfluss von Sammlerinnen weltweit zunimmt. Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen mit männlicher Überheblichkeit und über das Interesse junger Künstlerinnen am nackten Frauenkörper.

WOMEN IN BUSINESS: Frau Presenhuber, Sie gehören zum kleinen Zirkel der weltweit massgebenden Galeristinnen. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?
Eva Presenhuber: Ich habe keines (lacht)! Ich habe einfach Lust und den Ehrgeiz, Künstlerkarrieren mitzugestalten. Das ist aber keine einfache Sache, ich glaube sogar, es ist einer der schwierigsten Berufe, Galerist zu sein.

Weshalb nehmen Sie die Schwierigkeiten auf sich, was treibt Sie an?
Ich möchte eine Galerie haben, die Bedeutung kreiert. Nur zu verkaufen, das befriedigt nicht. Natürlich ist der Verkauf das Wichtigste, aber man muss die richtigen Ideen und die interessantesten Künstlerposition zeigen, die später vielleicht auch noch historische Bedeutung haben werden. Als Galeristin möchte ich zusammen mit den Künstlern Kunstgeschichte schreiben.

Welchen Anteil hat Ihrer Erfahrung gemäss das Kunstschaffen von Künstlerinnen am Umsatz des Kunstmarktes insgesamt?
Bis in den siebziger Jahren war der Markt sehr männerdominant. Wenn man bedenkt, dass in der Schweiz erst 1971 das Stimm- und Wahlrecht eingeführt wurde, ist das natürlich auch ein Thema. Seit den achtziger Jahren ist die Position der Frauen sehr viel stärker geworden. Ich denke, dass der Anteil der Frauen inzwischen um die dreissig Prozent sein wird, wenn nicht noch mehr. Auch die Einstellung der Händler und Galeristen hat sich geändert, man schaut sich heute bewusst um, dass man Frauen in der Galerie hat.

Ist das auch eine Folge von # MeToo?
Umgekehrt. Diese Bewegung war möglich, weil das Selbstbewusstsein der Frauen gewachsen ist. MeToo war wichtig. Ich kenne natürlich auch sehr angenehme Männer, aber es gibt auch Arschlöcher. Man erinnert sich ja selber, wie man behandelt wurde oder immer noch behandelt wird, von älteren Männern … Es gibt Kollegen, und ich finde es unmöglich, die reden ständig doppelt so viel wie Frauen und wiederholen das, was man selber gesagt hat. Ich finde diese heterosexuelle massive Ladung schrecklich! Es ist zwar besser geworden, aber es muss noch sehr viel besser werden.

Sehen Sie einem Kunstwerk eigentlich an, ob es von einem Mann oder einer Frau gemacht ist?
Nur wenn es offensichtlich ist. Bei den Künstlerinnen, die ich zeige, würde ich das jedenfalls nicht sehen können. Wenn die junge Tschabalala Self aus Harlem Frauenkörper malt, kann man davon ausgehen, dass so kein Mann mehr malen wird. Ich bereite im Augenblick übrigens eine Gruppenausstellung vor mit ausschliesslich weiblichen Positionen.

Sie haben sich in den letzten Monaten mit den zeitgenössischen Frauenpositionen auseinandergesetzt. Hat Sie da eine Feststellung überrascht, die Ihnen so nicht bekannt war?
Überrascht nicht, aber aufgefallen ist mir: Die neue Generation von Frauen, die effizient an einem neuen Feminismus arbeiten, zeigt sehr viel Nacktheit und explizite Körperdarstellungen, Sexualorgane. Sie nehmen sich das Recht, das Bild der Frau und die eigene Sexualität zu okkupieren. Interessant ist aber: Wenn diese Frauen erfolgreich sind, ist ihr Selbstbewusstsein grösser als das erfolgreicher Männer. Und teilweise sind sie auch etwas komplizierter.

Sie vertreten in Ihrem Programm auch Schweizer Künstlerinnen?
Ich muss Ihnen sagen, ohne jammern zu wollen: Irgendwie kommuniziert sich das schlecht hier. Ich würde gerne jüngere Schweizer Künstlerinnen zeigen. Aber vielleicht bin ich zu alt, und die Jungen gehen lieber zu einer jüngeren Galerie.

Laut Statistiken sind Werke von Künstlerinnen vielfach Ladenhüter und werden auch von Galeristinnen seltener verkauft. Wieso?
Ich habe ja mit Schrecken festgestellt, dass wir zu wenig Frauen ausstellen. Von 42 Künstlern sind leider nur sechs Frauen. Aber immer wenn wir sie zeigen, haben wir überhaupt keine Verkaufsprobleme. Wie gesagt, es gibt einen Trend, Frauen zu zeigen; seit zehn Jahren besteht ein enormer Run auf Künstlerinnen.

Es scheint tatsächlich, dass Aufbruchsstimmung herrscht …
… die sieht man deutlich bei Biennalen, die Geschlechter sind hier fast ausgeglichen. Auch in den Museen und Institutionen gibt es den alten Geschlechterdünkel kaum mehr, was zählt, sind Kenntnisse und Professionalität. Zudem, es wäre ja auch mal schön, wenn das Kunsthaus Zürich eine Direktorin bekommen würde! (Anmerkung der Redaktion: Am 1. Juli wurde die Niederländerin Ann Demeester als erste Frau in der Geschichte des Museums auf den Direktorinnenstuhl gewählt.)

Wieso ist das so wichtig, was würde sich mit einer Frau an der Spitze ändern?
Es würde sehr stark die Sicht auf die Positionen der Frauen ändern. Und man nimmt ja doch an, dass das Kunsthaus dann auch den Künstlerinnen gerecht wird, die sich durchgerungen haben, Erfolg haben zu wollen.

Wie sieht die Position der Frau auf den neuen boomenden Kunstmärkten im asiatischen Raum aus?
Besonders im asiatischen Raum gibt es viele einflussreiche Sammlerinnen. Wir beobachten aber grundsätzlich, dass immer mehr Frauen selber einkaufen und nicht mehr für sich einkaufen lassen.

Haben denn Frauen einen anderen Fokus als Männer?
Nicht unbedingt, es ist logisch, dass auch sie das kaufen, was Erfolg hat. Sammlerinnen wie die polnische Unternehmerin Grażyna Kulczyk, die in Susch ein tolles Museum hat und ausschliesslich Künstlerinnen kauft, sind wahrscheinlich die Ausnahme. Leider bin ich mit ihr nicht im Geschäft, vielleicht ärgert sie sich ja, dass wir so wenige Frauen vertreten.

Ein Thema kann nicht unerwähnt bleiben, Corona. Welches sind und waren für Sie als Unternehmerin die grössten Herausforderungen in dieser Hinsicht?
Das ist der Umsatz, er sinkt natürlich. Der Einbruch beträgt rund 30 Prozent. Aber im Grunde genommen war das letzte Jahr kein so schlechtes. Dadurch, dass wir keine Messen gemacht haben und keine teuren Reisen und so weiter, haben wir sehr viel gespart. So haben wir das Jahr ganz gut über die Runden gebracht: Das, was wir gespart haben, haben wir halt auch nicht verdient. Sehr schlecht war allerdings, dass die Künstler nicht anreisen und ihre Ausstellungen nicht einrichten und eröffnen konnten. Wir konnten nicht reisen, die Sammler konnten nicht reisen, die Messen fanden nicht statt, das waren und sind unsere grössten Schwierigkeiten.

Die Lage der Künstler muss gleichfalls sehr anspruchsvoll gewesen sein, und sie ist es wohl immer noch …
Natürlich, diese Lockdowns immer wieder. Die Ausstellung wird zwar eröffnet, doch sogleich wieder geschlossen. Dass das für einen Künstler nicht lustig ist, der sich ein Jahr oder noch mehr für seine Ausstellung vorbereitet, ist klar. Die Ausstellung wird vielleicht gut verkauft oder sogar ganz verkauft, aber sie wird nicht gesehen. Und das ist für den Künstler sehr schmerzhaft. Und es schmerzt auch uns. Der Künstler ist eines der letzten Wesen, das für Humanität stehen sollte.

Wird das Wegbrechen der grossen internationalen Messen als Marktreiber des Kunstmarkts den Markt längerfristig beschädigt haben?
Mir scheint, alle leiden zwar, aber alle sind ja noch da. Sicher haben auch Galerien geschlossen, aber die hätten früher oder später wahrscheinlich sowieso schliessen müssen. Ich denke, durch die Corona-Einschränkungen hat man positiverweise wieder ein engeres Verhältnis zu den Ausstellungen in Galerien entwickelt.

Wie erklären Sie sich das?
Sehr viele Leute sahen oder sehen sich Kunst ja online an, und ich meine nicht die Online-Messen. Man kann Galerien-Ausstellungen auf dem Netz besuchen. Doch ich glaube, man schätzt jetzt wieder reale Ausstellungen mehr. Das ist ein Phänomen.
Wenn es so bleiben würde, würde es mich natürlich freuen. Vielleicht ist das Interesse an den Ausstellungen bei uns aber auch so gross, weil es noch immer wenige andere Veranstaltungen gibt. Es gibt noch keine Messen, doch es gibt uns. Und wer an Messen fährt oder an Biennalen, wendet dafür sehr viel Zeit und Energie auf. Und die widmet man jetzt eher uns.

Beobachten Sie, dass Galeristen, die sonst um den Globus jetten, jetzt vermehrt mit nationalen Kunden und Sammlern arbeiten?
Das ist durchaus so. Ich bin der Meinung, und viele Kollegen, egal, wo sie herkommen, sehen das auch so: Man hat sich in der Vergangenheit, in den letzten zehn Jahren, um den regionalen und den nationalen Markt viel zu wenig gekümmert. Man war ja ständig unterwegs. Wenn man Künstler vertritt, die sehr international bekannt sind, dann hat man hier einen Kunden und dort einen Kunden … Man will zwar möglichst viel im eigenen Land verkaufen, aber man hat sich teilweise um diese Interessenten zu wenig gekümmert. Wir haben einige Sammler auf dem heimatlichen Markt, aber wir könnten hier viel mehr haben. In den letzten Monaten haben wir uns um die Schweizer Kontakte, vor allem zu Museen und zu Kuratoren, etwas mehr bemüht als früher.

Man schätzt wert, was vor der Haustüre ist. Nicht nur die Galeristin, sondern offensichtlich auch der Kunde. Das ist etwas Positives.
Das ist sogar etwas sehr Positives! Man fühlt sich seit Corona und dem Versuch, sich national zu engagieren, auch wieder mehr mit dem Land verbunden. Lange hatte ich das Gefühl, dass es eigentlich egal ist, wo die Galerie steht, denn ich bin ja sowieso nur unterwegs. Man ist eine Schweizer Galerie, aber man ist, wie die Franzosen oder die Deutschen, ständig auf Reisen, und eigentlich ist man nur noch zum kurzen Ausruhen hier. Doch wenn man sich nicht sieht, kennt man sich auch nicht.

Könnte es sein, dass in kontaktarmen Zeiten, in denen man sich vor allem digital austauscht, die Kunst von der Krise profitiert? Man könnte sich ja beispielsweise vorstellen, dass jetzt wieder vermehrt die Aura des Originals und die Aura der Kunst überhaupt entdeckt und wertgeschätzt wird.
Das glaube ich auf jeden Fall! Ich denke, dass wir uns wieder bewusst machen müssen, welche Dinge bleiben. Was bleibt übrig von einer Zeit? Das war ja auch die grosse Diskussion um alle Lockdowns und die Bedeutung von Kunst und Kultur. Ich finde, man hätte die Museen und die Galerien sicher nicht schliessen müssen! Der Entscheid war sehr, sehr falsch! Die Leute, die im Land waren und ein Museum oder eine Galerie besuchen wollten, waren ja keine Massen.

Wie hat Ihr Publikum auf die Lockdowns reagiert?
Wir haben es so gemerkt: Immer wenn nicht geschlossen war, hatten wir sehr viel Besucher. Als wir im letzten Juni beispielsweise ein Weekend machten, kamen sehr viele Schweizer, nicht nur aus Zürich und der näheren Umgebung, sondern von überallher. Doch dann kam wieder ein Lockdown, und das war falsch: Die Museen und die Galerien können die Sicherheit des Publikums am allerbesten garantieren, bei uns steckt sich keiner an. Corona hat jedenfalls sicher dazu geführt, dass man seine eigenen Institutionen wieder reflektiert hat.

Wie wird es Ihrer Meinung nach auf den grossen Kunstmessen in Shanghai oder Hongkong weitergehen?
Soviel ich weiss, ist man dort bereits wieder am Werkeln. Und in Asien wird sicher gut verkauft, ich mache mir da keine Sorgen. In Shanghai und Hongkong braucht man die Europäer und die Amerikaner nicht, es gibt dort genügend Sammler. Sie haben ein eigenes System. In New York beispielsweise wird die Messe auch stattfinden, aber nur in einem geringen Umfang. Wir werden nicht dabei sein, wir können auf keine Messe gehen, wo man weiss, dass kein internationales  Publikum kommen kann. Wir haben beschlossen, dass wir dieses Jahr nur die Art Basel machen, wenn sie im September denn stattfindet. Alle anderen Messen lassen wir aus, die Gesundheitslage
ist mir noch immer zu gefährlich.

Fachleute meinen, dass die neuen dominanten Sammler der Zukunft weiblich sind, da sie in den letzten zwei Jahrzehnten wirtschaftlich unabhängiger und potenter geworden seien. Wird diese Entwicklung den Blick für die Wertschätzung von Künstlerinnen ändern?
Ich denke schon. Das wird einen positiven Einfluss haben. Frauen bringen einen anderen Drive in die Art des Sammelns. Und sie werden sich von vornherein sagen, dass sie mehr Künstlerinnen in ihrer Sammlung haben wollen, das ist ja natürlich. Darüber hinaus wird sich überhaupt sehr vieles grundsätzlich ändern: Die Rolle der Frau ist eine der tragenden Fragen, die jetzt geklärt werden müssen. Und das wird politisch einiges verändern: Ich finde ja, diese alten Männer müssen alle mal weg! Es müssen junge Frauen und junge Männer hin. Die Alten können konsultiert werden, aber sie sollen nicht mehr so viel Operatives leisten.

Eva Presenhuber: im Auge der Macht
Seit Eva Presenhuber 1989 als Pionierin der Zürcher Kunstszene ihre erste Galerie eröffnet hat, haben ihre Ausstellungen Museumsqualität. Die promovierte Künstlerin und heutige Kunsthändlerin und Galeristin zählt zu den internationalen Königsmacherinnen der Branche. Das Portefeuille der 60-jährigen Österreicherin ist exquisit. Nebst Peter Fischli und David Weiss zählen dazu Blue-Chip-Künstler wie Joe Bradley oder Trisha Donnelly und junge Akquisitionen wie Wyatt Kahn, Sam Falls, Josh Smith und vor allem Oscar Tuazon, die sie systematisch aufbaut. Sie übt ihren Einfluss in der Auswahlkommission der Art Basel aus und hat 1996 massgeblich die Gründung der Liste Art Fair Basel angeregt, die internationale Entdeckermesse für zeitgenössische Kunst. Eva Presenhubers Hauptgalerie befindet sich an spektakulärer Lage direkt im Prime Tower in Zürich-West; zudem führt sie seit Kurzem im Herzen der Stadt, an der Zürcher Waldmannstrasse, eine Dépendance. Ihr Umsatz bewegt sich laut Angaben der Galerie in einem «höheren zweistelligen Millionenbereich». In der Szene schätzt man ihren Jahresumsatz auf rund 25 Millionen Schweizer Franken.

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