Welche Ihrer Eigenschaften sehen Sie rückblickend als entscheidend für Ihren Werdegang?
Es ist eine Kombination aus verschiedenen Eigenschaften. Zum einen braucht es jede Menge Energie, um die Komplexität des Alltags zu bewältigen, aber auch, um viel und lange zu arbeiten. Resilienz ist ebenso zentral; damit man sich von Problemen nicht überwältigen lässt und den Überblick bewahrt. Im Weiteren braucht es Mut. Mut, sich komplexen Fragen zu stellen, seine Meinung zu äussern und sich Herausforderungen zu stellen. Und zu guter Letzt muss man hartnäckig bleiben. Denn wer sich von Niederlagen nicht einschüchtern lässt, wird früher oder später belohnt.

In welchem Bereich sollten sich Frauen verbessern?
Im Allgemeinen sind Frauen im Networking weniger begabt als ihre männlichen Kollegen, was oft auf Zeitmangel zurückzuführen ist. Frauen machen lieber einen guten Job und werden dafür anerkannt. Es ist aber entscheidend, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Und ich spreche hier nicht von Seilschaften zum Schutz von Interessen, sondern von solchen, die das Unternehmen voranbringen.

Welchen Antrieb beobachten Sie bei Frauen, die den Weg an die Spitze gehen?
Aus meiner Erfahrung haben Frauen nicht das gleiche Interesse an Macht und Geld wie Männer. Wir sind stärker daran interessiert, etwas zu leisten, das die Welt verbessert. Natürlich gilt das auch für einige Männer. Nichtsdestotrotz will eine Frau für ihre Leistung bezahlt werden – und zwar ebenbürtig wie ein Kollege in derselben Position.

Familie und Top-Position – geht das ohne Abstriche? Was raten Sie Frauen diesbezüglich?
Ich selbst habe vier Töchter. Deshalb bin ich überzeugt, dass es möglich ist, auch wenn es Energie braucht, um die Doppelbelastung zu bewältigen. Eine gute Organisation ist essenziell. Man führt zwei Unternehmen – eines zuhause und eines auf der Arbeit. Dabei ist ein unterstützender Partner ebenso wichtig wie all jene Leute, die im Alltag mithelfen. Aber selbst dann gilt: Frau muss klare Prioritäten setzen und Abstriche in Kauf nehmen. Dennoch ermutige ich alle jene Frauen, die arbeiten wollen, es auch zu tun. Denn so vielfältig die Welt ist, so divers sollten auch Top-Positionen besetzt sein – und dafür braucht es mehr Frauen.

Haben Sie Unterschiede zwischen Frankreich und der Schweiz festgestellt, in Sachen Frauen in Top-Positionen?
In Bezug auf die Betreuung der Kinder hat man es in Frankreich sicher einfacher. Die Fremdbetreuung ist günstiger und verbreiteter; zum einen, was das Ansehen in der Gesellschaft betrifft und zum anderen, was das Angebot angeht. Abgesehen davon glaube ich, dass es überall auf dieser Welt vergleichbar hart ist, eine Top-Position anzustreben und einzunehmen. Denn diese sind rar, und die Anwärterinnen und Anwärter kämpfen entschlossen darum.

Über Anne Marion-Bouchacourt Die gebürtige Französin begann ihre Karriere als Wirtschaftsprüferin und später als Beraterin bei PwC. Im Jahr 2004 stiess sie zu Société Générale, zuerst als Leiterin der Personalabteilung des Bereichs Corporate & Investment Banking, dann für die gesamte Gruppe, und ab 2012 als Group Chief Country Officer für China. Seit Oktober 2018 ist sie Group Chief Country Officer für die Schweiz sowie die CEO von SG Zürich.

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