Natalie Amiri ist auf einer Mission: Die Iran- und Nahostexpertin, preisgekrönte Journalistin und Buchautorin nutzt alle Kanäle, um ein wahrheitsgetreues Bild über die Verhältnisse in Iran und Afghanistan zu vermitteln. Ihren Weg bahnte sich die Deutsch-Iranerin mit einer aussergewöhnlich grossen Portion Mut und Beharrlichkeit.

Auf ihrem Instagram-Account zitiert sie René Descartes, den französischen Philosophen, und seine Handlungsanweisungen, wie man zu «wahrem Wissen» gelangt, und zeigt Bilder von jungen iranischen Frauen ohne Kopftuch. Das steckt den Rahmen ab, in welchem sich Natalie Amiri bewegt: Als Journalistin und Islamwissenschaftlerin will sie ein differenziertes Bild von den Zuständen im Iran geben, als Deutsch-Iranerin auch die menschlichen Seiten sprechen lassen. Von 2015 bis 2020 berichtete sie aus dem ARD-Studio in Teheran, das sie auch leitete, und produzierte unter schwierigsten Bedingungen Reportagen, die weder die Stereotype bedienen, die im Westen über den Iran im Kopf herumgeistern, noch dem Bild entsprechen, das die Propagandamaschine der Regierung zeichnet. Dadurch brachte sie sich immer wieder in Schwierigkeiten: Sie wurde bedroht, verhaftet, ihr wurde der Presseausweis entzogen oder sie wurde gar an der Ausreise gehindert. Zurück in Deutschland, moderiert sie den «Weltspiegel» in der ARD und schreibt. Ihre Bücher, eine Mischung aus persönlichen Erlebnisberichten und politischer Analyse, sind Bestseller.

WOMEN IN BUSINESS: Sie mussten 2020 Ihren Posten in Teheran aufgrund der aktuellen Gefährdung Ihrer Sicherheit aufgeben und kehrten nach Deutschland zurück. Was geht in Ihnen heute vor, wenn Sie die blutigen Proteste aus der Ferne verfolgen?
Natalie Amiri: Es ist schrecklich. Ich brauche es, vor Ort zu sein, um meine Arbeit als gerechtfertigt zu sehen. Ich möchte mit den Menschen sprechen, mittendrin sein, selbst wenn dies bedeutet, mich Gefahren auszusetzen. Mir gaben aber viele Menschen in meinem Umfeld zu bedenken, dass ich mundtot gemacht worden wäre, wenn ich in den letzten Monaten vor Ort geblieben wäre. Heute schaltet das Regime jede Stimme aus. Von hier konnte ich sehr viel mehr seit den Protesten über das Unrechtsregime und seine brutalen Vorgehensweisen berichten, ohne dass ich daran gehindert worden wäre. Ich konnte lauter sein.

Hunderttausende von Menschen kommen als Flüchtlinge vom Osten nach Westen auf der Suche nach einem besseren Leben. Sie sind in München geboren und aufgewachsen, aber machten den umgekehrten Weg und lebten über fünf Jahre im Iran. Was war Ihre Antriebsfeder, im Iran zu arbeiten?
Ich bin getrieben davon, zu zeigen, wie es den Menschen ausserhalb unseres eurozentristischen Dunstkreises geht, und zudem, welche Folgen sie auch durch unsere Politik ertragen müssen. Eine junge Frau, die während der Proteste für mehrere Tage in einem Gefängnis gefoltert wurde, sagte mir: «Wenn Ihr wegseht, dann bringen sie uns alle um». Meine Arbeit hat in Ländern wie Iran, Afghanistan, Syrien eine Bedeutung. Im Iran dürfen die Menschen ihre Meinung nicht äussern, es gibt keine Pressefreiheit. Jede und jeder, der für sie ein Sprachrohr ist, dient ihrem Überleben.

Foto: Markus C. Hurek

…weiter zu lesen im Magazin WOMEN IN BUSINESS 02/2023.
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