Die Netzwerke und das Wissen von Förderstiftungen spielen eine entscheidende Rolle beim Aufbau einer solistischen Karriere im Klassikbereich. In deren Fokus kommen nun auch vermehrt Frauen.

Wenn Julia Hagen am 4. März die Bühne der Tonhalle Maag in Zürich betritt, wird sie aufgeregter sein als sonst. Sie wird noch einmal tief durchatmen, ihr über 300 Jahre altes Violoncello zur Hand nehmen und die ersten Klänge der «Variationen über ein Rokoko-Thema» von Tschaikowsky spielen. Es ist eine eingängige, einfache Melodie, die sich nach und nach erweitert. Diese 20 Minuten sind ein wichtiger Moment in der Karriere der 24-jährigen Salzburgerin.

Die Orpheum Stiftung veranstaltet dieses Konzert in Zusammenarbeit mit der Müller-Möhl Foundation und gibt Julia Hagen wie auch der japanischen Pianistin Aimi Kobayashi die Gelegenheit, ihr Können unter der Führung der estnischen Dirigentin Kristiina Poska unter Beweis zu stellen. Die Orpheum Stiftung macht diese Form der Solistenförderung seit 30 Jahren und ist dabei äusserst erfolgreich. Ein Beispiel ist die Italienerin Beatrice Rana: Die Pianistin feierte in Übersee bereits beachtliche Erfolge, war aber in ihrer Heimat und in Europa im Allgemeinen noch weitgehend unbekannt, als sie 2014 unter der Ägide von Zubin Mehta im Namen von Orpheum auftrat. Das gab ihr den nötigen Schub, um auch hierzulande Fuss zu fassen.

Bühnenpräsenz zählt
Julia Hagen ist im Förderprogramm des Wiener Konzerthauses, hat bereits verschiedene Preise gewonnen und spielt in diesen Monaten fast jede Woche ein Konzert. Seit sie das Studium vor etwa einem Jahr abgeschlossen hat, stimmt auch das Finanzielle. «Wenn man gut gebucht ist, kann man von der Musik leben», sagt die Österreicherin, «aber es gibt natürlich sehr viele Musiker und nicht annähernd so viele Bühnen.» Die Gagen variieren sehr stark, und wie in anderen Branchen gibt es schon junge Topverdiener, aber auch etablierte Berufsmusiker, die nur knapp über die Runden kommen. Grundsätzlich gilt, dass Klavier, Geige und Cello (in dieser Reihenfolge) die besten Voraussetzungen haben, weil hierfür auch die meisten Stücke geschrieben wurden. Der Geschäftsführer der Orpheum Stiftung, Thomas Pfiffner, sagt: «Für junge Solisten ist es anfangs schwierig, bedeutende Auftritte zu erlangen. In unserer Förderarbeit geht es deshalb im Kern darum, Begegnungen mit etablierten Dirigenten und Künstlern zu schaffen.» Auch andere Organisationen wie etwa die LGT Young Soloists mit Sitz in Zug, die ein noch jüngeres Alterssegment ansprechen, haben sich der Förderung von Künstlern verschrieben. Dabei geht es oft vor allem um Kontakte und Netzwerke , die letztlich in Bühnenpräsenz münden. «Die klassische Musik bewegt sich in einem sehr feinmaschigen, hart umkämpften Markt», sagt Pfiffner, «deshalb planen wir unsere Auftritte sorgfältig und prüfen auch immer die optimalen Kombinationen.»

Dirigentinnen fehlen
Seit drei Jahren sind die Orpheum Stiftung und die Müller-Möhl Foundation Kooperationspartner. Diese von der Philantropin Carolina Müller-Möhl initiierte Stiftung hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, die gesetzlich längst verankerte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau durchzusetzen. Ein perfekter Match: Die Solistenförderung von Orpheum war in den vergangenen drei Jahrzehnten ausgeglichen, wie eine Analyse ergab. Gerade unter den Dirigenten, die eine klassische Führungsposition innehaben, gibt es aber nach wie vor sehr wenige Frauen. Auch Julia Hagen macht in diesem Zusammenhang eine interessante Beobachtung: Während es im Studium sehr viele Kolleginnen gab – teils waren sie sogar in der Überzahl –, seien auf den grossen Bühnen immer noch vornehmlich männliche Künstler präsent. Sie hofft, dass dieses Thema in einigen Jahren keins mehr sein wird und nur noch das Können des Einzelnen zählt.

Dieses Ziel strebt auch die Müller-Möhl Foundation an. «Mit unseren Förderkonzerten wollen wir einen Kontrapunkt setzen, indem wir herausragende Musikerinnen aufbieten», sagt Stifterin Carolina Müller-Möhl. Denn für sie ist klar: «Was man sieht, das glaubt man.» Weibliche Vorbilder würden weitere Talente nach sich ziehen, die den Schritt in die Öffentlichkeit wagen. Gerade in der klassischen Musik habe sich diesbezüglich schon einiges bewegt. Während 1987 nur 12 Prozent Frauen in deutschen Berufsorchestern spielten, seien es aktuell 38 Prozent.

Trotzdem stellt Carolina Müller-Möhl fest, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auch heute noch zahlreiche Karrieren von Frauen verhindern. «Für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss die Schweiz endlich die Empfehlungen der OECD umsetzen.» Das sei erstens: die Einführung einer Individualbesteuerung, damit sich für den Zweitverdienenden in einer Partnerschaft – im Regelfall die Frau – das Arbeiten lohnt. Zweitens: adäquate und bezahlbare Kinderbetreuung und drittens: Ganztagesschulen. «Hinsichtlich Kinderbetreuung ist es vor allem für eine junge Musikerin mit Kindern aufgrund ihrer unregelmässigen Arbeitszeiten und den vielen Reisen noch schwieriger, die Kinderbetreuung sicherzustellen, als es für berufstätige Mütter ohnehin der Fall ist.»

Zwei Proben bis zum Auftritt
Julia Hagen wird drei Tage vor dem Konzert nach Zürich reisen und zunächst die Dirigentin zu einer sogenannten Verständigungsprobe treffen. Danach folgt eine Probe mit dem Orchester sowie die Generalprobe am Konzerttag. Die Frage nach Gleichberechtigung wird sie in diesem Moment nicht beschäftigen. Vielmehr geht es nun darum, möglichst viel von ihrer Persönlichkeit in dieses sehr frei interpretierbare Stück einzubringen, um ihrer eigenen Karriere Aufwind zu geben. Nach aussen aber wird das Konzert der drei Frauen ein weiteres Zeichen dafür setzen, dass Weiblichkeit auf den grossen Bühnen der klassi- schen Musik heute zur Normalität gehören sollte.

Das Konzert findet am Mittwoch, 4. März 2020, um 19.30 Uhr in der Tonhalle Maag in Zürich statt. Tickets sind erhältlich unter tonhalle-maag.ch.

30 Jahre Solistenförderung

Die 1990 von Hans Heinrich Coninx gegründete Orpheum Stiftung unterstützt hochtalentierte Solisten aus aller Welt, indem sie ihnen Auftritte mit renommierten Orchestern und Dirigenten ermöglicht. Dieser Kern der Förderidee wurde in den letzten Jahren weiterentwickelt: Neu ist unter anderem die Orpheum CD-Reihe. Pro Jahr werden vier bis acht Musiker in das Förderprogramm aufgenommen. Die Mitglieder des künstlerischen Kuratoriums, welche die Solistinnen und Solisten teils jahrelang in ihrer musikalischen und auch persönlichen Entwicklung beobachten, geben eine Empfehlung ab. Darüber hinaus ist es möglich, sich bei der Orpheum Stiftung zu bewerben. Der künstlerische Leiter Howard Griffiths trifft die definitive Solistenwahl.

«Talent kennt kein Geschlecht»

Unter der Prämisse «Talent kennt kein Geschlecht» setzt sich die Müller-Möhl Foundation für Gender Diversity in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur ein. Sie fordert geeignete Rahmenbedingungen für Familien sowie bessere Wiedereinstiegsmöglichkeiten für Frauen in den Arbeitsmarkt. Konkret befürwortet die Stiftung die Diskussion über die Einführung einer Individualbesteuerung. Neben der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die einen der drei Hauptpfeiler darstellt, fokussiert sich die Müller-Möhl Foundation auf die Themen Bildung und Standortförderung. Sie ist schwerpunktmässig in der Schweiz tätig und möchte hier Verantwortung für drängende gesellschaftliche Themen übernehmen.


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