Die Engländerin Sophie Bostock über ihren Weg der Erkenntnis und über den, der gesund hält und den, der krank macht und über ihre Mission im Namen des Schlafs.

Ich erinnere mich gut an Zeiten, da Topmanager damit angaben, mit drei, vier Stunden Schlaf pro Nacht auszukommen. Sie wollten es als Zeichen für überlegene Leistungsfähigkeit gedeutet haben – und als Abstandsmesser zu Normalos, die schwächeln, wenn sie nicht auf ihre acht Stunden Nachtruhe kommen. Nun, die Verhältnisse haben sich geändert, der Wissenschaft sei Dank: Genug Schlaf ist das A und O für die mentale, physische und psychische Verfassung einer CEO genauso wie für einen Schüler. Die Engländerin und Naturwissenschafterin Sophie Bostock bezeichnet sich als «Sleep Evangelist». Ihre Mission hat mit Glauben allerdings nichts zu tun, sondern beruht auf Facts & Figures aus der Wissenschaft und Forschung: Die Referentin von She’s Mercedes teilt, was sie weiss, in Webinaren, als Coach und als hellwache Interviewpartnerin.

WOMEN IN BUSINESS: Sophie, wie sind Sie zur Schlafexpertin geworden?
Sophie Bostock: Per Zufall, wie sehr viele andere, die sich mit dem Thema Schlaf befassen, übrigens auch. Ich habe eine Doktorarbeit im Fach Psychobiologie geschrieben und bin der Frage nachgegangen, warum glückliche Menschen länger leben und seltener herzkrank werden.

Das ist bewiesen?
Ja. Deshalb habe ich nach Strategien gesucht, die das Lebensgefühl der Menschen positiv beeinflussen. Das war vor zehn Jahren, Themen wie Mindfulness und Meditation waren gerade am Aufkommen. Ich habe bei einem hochgestressten Team mit der damals neu gegründeten Meditations-App Headspace gearbeitet. Und wissen Sie, was die Rückmeldungen waren? Wer regelmässig meditiert hat, konnte besser schlafen. Seither lässt mich der Schlaf und seine Wirkung auf Körper und Geist nicht mehr los.

Ihr Weg?
Ich habe nach meiner Dissertation bei einer Firma angefangen, die Schlafverbesserungsprogramme entwickelte und habe dort zum Thema geforscht, referiert, gearbeitet – und viel zu wenig geschlafen.

Der Schuhmacher, der kaputte Schuhe trägt…
… genau. Dann hatte ich einen Unfall beim Sportklettern. Ich bin abgestürzt, Fussgelenk kaputt, sechs Monate Rekonvaleszenz.

Der Unfall geschah wegen zu wenig Schlaf?
Ja. Schlafmangel bewirkt etwa, dass wir unser Verhalten nicht neu justieren können, wenn neue Informationen dazu kommen. Das war bei mir ganz klar der Fall: Ich war an diesem Tag nicht fit genug und hätte absagen müssen. Wegen Jetlag und Schlafmangel hatte ich aber nur eines im Kopf: Abgemacht ist abgemacht. Ich habe auf die harte Tour etwas gelernt – und daraus auch meine Schlüsse gezogen. Ich habe meinen Job gekündigt und mein eigenes Business gegründet, mit dem Ziel, Leuten zu helfen, die Schlafprobleme haben.

Wie machen Sie das?
Indem ich die Erkenntnisse der Schlafforschung unter die Leute bringe. Sie wissen ja in der Regel schon einiges, klicken sich durch alle möglichen Aspekte zum Thema, von Blaulicht bis Kaffee. Es braucht dazu aber eine Verhaltensänderung – und Vorbilder: Vorgesetzte mit Schlafmangel haben Teams mit Schlafmangel. Schlafmangel macht grantig und Grantigkeit steckt an, wird zum Modus Operandi in der Organisation.

Ihre Tools?
Wearables, die nachzeichnen, wie viel Zeit man im fight-or-flight-Modus verbringt und wie viel Erholung man dem Körper gönnt, können hilfreich sein. Aber nur für Leute, die damit umgehen können. Denn wissen Sie, was einer der häufigsten Gründe für Schlafprobleme ist? Die Angst, nicht gut zu schlafen.

Was raten Sie jemandem, der seine Smartwatch hasst, weil sie ihm ständig vorhält, es nicht richtig zu machen?
Ab in die Schublade damit! Die Tools sind eher gedacht, die Performance von 80 auf 90 Prozent zu steigern als von 30 auf 40 Prozent. Ich frage diese Leute, wonach sie streben. Die einen haben Karriereziele oder wollen im Sport vorwärts kommen, andere wollen ausgeglichenere Väter sein oder Gewicht verlieren. Ihnen allen zeige ich erst einmal die wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse, wie Schlaf hilft, ihre Ziele zu erreichen.

Ein Beispiel?
Gewichtsverlust. Nach einer Nacht mit zu wenig Schlaf konsumiert man am Tag darauf 300 Kalorien mehr. Schlafmangel ist für das Gehirn ein Zeichen, dass man in Troubles steckt. Es produziert Hormone, die einen hungrig machen und verlangt nach zusätzlicher Energie.

Das leuchtet ein, nehme ich an. Ändert es auch etwas?
Die Krux ist für gewöhnlich der Zeitplan – alle sind sehr busy, Schlafen hat in Anbetracht der To-do-Liste keine Priorität. Sie gehen zu spät ins Bett, das führt zu Schlafmanko und zu Produktivitätsverlust, und das wiederum führt dazu, dass man noch weniger schläft, um sein Pensum hinzubekommen – und das dreht dann so weiter. Das andere verbreitete Schlafproblem heisst Insomnia, Leute können nicht ein- oder durchschlafen.

Wie gehen Sie die beiden an?
Jenen, die Schlaf opfern, helfen oft bereits die wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, wie wichtig Schlaf ist, um ihr Verhalten zu ändern. Genau umgekehrt gehe ich mit jenen um, die an Insomnie leiden. Ihnen erkläre ich, dass es nicht das Ende der Welt ist, wenn man nicht schlafen kann oder schlecht schläft. Heisst, den einen helfe ich, indem ich ihnen sage, sie sollen den Schlaf ernst nehmen, den andern, indem ich ihnen sage, sie sollen sich nicht so auf den Schlaf versteifen.

Wie viel Schlaf ist denn genug?
Wie viel genau, muss jeder für sich selber herausfinden. Ideal sind sieben bis neun Stunden.

Kann ich Schlafmangel während der Woche mit viel Schlafen am Wochenende wieder gut machen?
Appetit, Metabolismus, Verdauung, Immunsystem – alles ist programmiert auf einen 24-Stunden-Zyklus. Wenn man nicht genug schläft während der Woche, aber am Wochenende nachholt, ist es besser als nichts, aber nur ein Kompromiss.

Indizien, dass ich nicht ausgeschlafen bin?
Brauchen Sie den Wecker, um aufzuwachen, Koffein und Zucker, um durch den Tag zu kommen, brausen Sie auf wegen nichts und brauchen Sie Ihr Wochenende zum Nachholen? Ist die Antwort ja, dann lohnt es sich, es mit mehr Schlafen zu probieren. Wussten Sie übrigens, dass man nach vier Nächten mit weniger als fünf Stunden Schlaf Auto fährt, mit der Reaktionsfähigkeit eines Betrunkenen?

Verrückt. Irgendwann steht einem die Müdigkeit ja dann auch ins Gesicht geschrieben.
Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Blutzuckerspiegel gerät aus der Balance, der Blutdruck steigt, man hat mehr Hunger und das Risiko für Infektionen ist grösser. Schlafmangel hat viele Folgen, die meisten sieht man nicht.

Haben Sie Daten?
Massenweise. Beispielsweise zu Demenz: Erwachsene zwischen 50 und 60, die weniger als 6 Stunden pro Nacht schlafen, haben ein 30 Prozent höheres Risiko in den nächsten 25 Jahren an Demenz zu erkranken als die, die sieben oder mehr Stunden schlafen. Bewiesen ist auch, dass Leute mit Schlaf-, Einschlaf- oder Durchschlafproblemen viel anfälliger sind für Depressionen und Angststörungen. Und das Schlafen hilft.

Helfen Schlaftabletten?
Das ist Symptombekämpfung, das zugrunde liegende Problem wird nicht gelöst. Sie sedieren einen, sind eine temporäre Entlastung vor der Angst, nicht schlafen zu können. Aber Schlafen im eigentlichen Sinn ist das nicht. Zudem: Zwei Drittel der Wirkung von Schlaftabletten sind Placebo-Effekte. Man nimmt etwas, um besser zu schlafen, und schläft dann besser, nur weil man das weiss, und es auch glaubt. Andere schwören auf ein Glas Milch. Es hilft. Allerdings ohne wissenschaftliche Evidenz.

Was ist Ihr bestes Rezept?
Die grössten Effekte erzielt man mit der sogenannten Cognitive Behavioral Therapy for Insomnia, kurz CBT-I. Damit arbeite ich. Im Grunde geht es darum, sein gelerntes Verhalten umzutrainieren und den Nutzen nach und nach selbst zu erleben. Wenn man das mit dem Schlaf in den Griff bekommt, werden andere Ziele – von Abnehmen bis fitter werden – einfacher zu erreichen, da man mehr Energie hat und mehr Fokus.

Welches ist der grösste Irrtum in Sachen Schlafen?
Dass man sich an wenig Schlaf gewöhnen kann. Wenn mir jemand sagt, ich schlafe pro Nacht fünf, sechs Stunden, frage ich, und Sie haben keine Effekte vom zu wenig Schlafen? Und die Antwort lautet meistens, am Anfang ja, aber inzwischen nicht mehr. Fakt ist, der Körper gewöhnt sich nicht daran, sondern es stabilisiert sich nur die subjektive Wahrnehmung wie müde man ist. Und kann mitunter gefährlich werden, habe ich selbst erlebt.


 

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