Seit über 200 Jahren entwirft das St. Galler Familienunternehmen Christian Fischbacher edle Stoffe. Gemeinsam mit ihrem Mann Michael leitet Camilla Fischbacher den Textilverlag mit grosser Tradition. Als Creative Director ist sie für die Weiterentwicklung des Unternehmens verantwortlich.

Die Liebe für Stoffe und Farben wurde ihr in die Wiege gelegt: Schon ihr Vater sammelte Teppiche und Textilien. Camilla Fischbacher, halb Iranerin, halb Amerikanerin, wuchs in der iranischen Hauptstadt Teheran auf. Im Sommer 1980, der Schah war bereits aus dem Land geflohen, befand sich die Familie gerade in den Ferien in der Schweiz. Die Rückkehr in die Heimat stand nach dem Umsturz ausser Frage, das Leben der Familie änderte sich auf einen Schlag. Die Familie blieb in der Schweiz. Nach dem Schulabschluss studierte Camilla Fischbacher Kunstgeschichte, Geschichte und Fotografie in den USA. Während des Studiums in Oxford traf sie Michael Fischbacher, der – in sechster Generation Nachfahre von Christian Fischbacher – an der renommierten Universität Sinologie studierte. Die beiden wurden ein Paar und heirateten. Nach Stationen in Malaysia und Hongkong traten Camilla und Michael Fischbacher 1997 ins Familienunternehmen ein, Camilla Fischbacher baute in dieser Zeit den Showroom auf. Gemeinsam besuchten sie Lieferanten, Vertriebspartner und Kunden in aller Welt. Nach vier Jahren zog das Paar mit seinen beiden Söhnen nach Amerika: In Los Angeles kam ihre Tochter zur Welt. Auch hier war die Reise nicht zu Ende: Von Amerika ging es zur Niederlassung in Tokio, ist Japan doch einer der grössten Märkte für Christian Fischbacher. 2008 schliesslich kehrte die Familie zurück nach St. Gallen, wo Camilla Fischbacher seitdem als Creative Director die kreative Weiterentwicklung der Firma verantwortet, während ihr Mann das Unternehmen führt.

WOMEN IN BUSINESS: Frau Fischbacher, war der Schritt schwierig, 2008 von Tokio in die Ostschweizer Provinz zurückzukehren?
Camilla Fischbacher
: Ja, das war eine extreme Veränderung. Wir sind vom Tokioter Stadtviertel Shinagawa direkt nach St. Gallen gezogen – von der Megacity aufs idyllische Land. Aber dieses Extrem war für uns besser, als nur einen halbherzigen Schritt zu machen. Für unsere damals noch kleinen drei Kinder war der Umzug aufs Land natürlich schön – sie haben das erste Mal im Leben eine Kuh in natura gesehen.

Ihr Mann Michael trat damals die Nachfolge seines Vaters als CEO an, während Sie die Rolle des Creative Director des Unternehmens übernahmen. Was waren Ihre ersten Änderungen nach der Übernahme der Leitung?
In meinem ersten Jahr als Kreativdirektorin beschloss ich, eine neue Linie innovativer Stoffe einzuführen, die aus PET-Flaschen und industriellen Textilabfällen recycelt wurden. Das war sehr gewagt. Schliesslich handelte es sich bei unserem Unternehmen um ein traditionelles, fast 200 Jahre altes Unternehmen, das für elegante Bettwäsche und Vorhänge stand. Ich wollte ein jüngeres Publikum ansprechen. Und ich hatte bei amerikanischen Herstellern diese recycelten Stoffe gesehen – mein Gott, waren diese ersten Recycling-Textilien hässlich und unangenehm im Griff. Aber ich habe das Potenzial gleich erkannt.

Das war sicher nicht ganz einfach.
Stimmt, das Managementteam bestand damals fast ausschliesslich aus Männern, auch das Verkaufspersonal war grösstenteils männlich. Da hiess es dann zunächst: Camilla, hör doch auf mit deinen Abfall-Stoffen. Aber ich kann sehr hartnäckig sein, wenn ich eine Idee verfolge – ich gebe dann nicht auf, bis ich sie verwirklicht habe! Und so kam 2009 die Kollektion Benu auf den Markt. Ich wusste, dass die neue Linie ein grossartiges Produkt war und dass wir weltweit die Ersten sein mussten, die so etwas für den Markt der Heimtextilien produzierten.

Woher stammt der Name?
Die Kollektion ist nach dem altägyptischen, mythischen Vogel Benu benannt. Dieser verbrennt, um aus seiner Asche neu zu erstehen, ganz wie der griechische Phoenix. Das Gewebe der Benu-Kollektion wird aus gebrauchten PET-Flaschen gewonnen. Entsorgte Flaschen werden gesammelt, zermahlen und nach dem Einschmelzen zu Polyester-Endlosgarnen versponnen. Damit lassen sich im Vergleich von recycelten zu nicht recycelten PET-Flaschen in der Produktion sehr viel Energie und Wasser einsparen.

Benu war nicht nur als Textilie eine Innovation: Auch die Bildsprache war völlig neu.
Richtig. Ich fand als ausgebildete Fotografin, dass unsere Entwicklung eine eigene visuelle Sprache verdiente. Und so kreierten wir einen neuen Auftritt für Benu. Aber wir änderten auch generell die Bildsprache unseres Unternehmens: Wir waren unter den ersten, die edle Stoffe in alten Fabriken und verlassenen Orten mit Patina inszenierten. Denn es sollte ja um die Stoffe gehen, nicht um die Wohnumgebung. Das gab natürlich zunächst auch Irritationen. Aber bald wurde diese visuelle Sprache kopiert.

Das ist jetzt mehr als zehn Jahre her. Was waren die wichtigsten Meilensteine in der weiteren Auseinandersetzung mit dem Recycling-Material?
Mit jeder Kollektion konnten wir neue Anforderungen an den Stoff erfüllen. Anfangs waren die Textilien noch nicht sehr ansprechend, rau und die Farbpalette war begrenzt. Wir arbeiteten einige Zeit daran, ein leichteres, weicheres Material zu entwickeln. Neben PET kamen allmählich auch Recyclinggarne aus der Modeindustrie zum Einsatz. Der nächste Innovationsgrad wurde mit der Schwerentflammbarkeit erreicht, damit können die Stoffe auch im Objektbereich eingesetzt werden. Mit dem Benu Pure ist uns erstmals ein Weisston gelungen, auf den wir sehr stolz sind, denn frühere Versuche mit Recyclingpolyester hatten meist einen Blau- oder Grünstich, der von den ursprünglichen PET-Flaschen stammt.

Vergangenes Jahr sorgte Christian Fischbacher mit einer weiteren Innovation für Aufsehen: Die hochwertige Kollektion von Vorhangstoffen Benu Sea wurde aus dem Material Seaqual Yarn entwickelt. Dabei handelt es sich um ein Polyestergarn, das zum Grossteil aus «Upcycled Marine Plastic» – aufbereiteten Plastikabfällen aus dem Meer – sowie aus recycelten PET-Flaschen gewonnen wird. Das Garn gilt als besonders pflegeleicht, knitterarm und strapazierfähig – eine vollwertige und zugleich nachhaltige Alternative zu neu produziertem Polyester. Für Teile der Kollektion wurde das Garn speziell veredelt. Um etwa einen matten Look zu erzielen, schnitt man das Endlos-Garn in der Produktion in kleine Stücke, die in Länge und Textur einer Naturfaser ähneln. Anschliessend wurde aus diesen Fasern ein Garn gesponnen, dessen optische und haptische Qualität einem Vergleich mit Baumwolle standhält. Dies überzeugte nicht zuletzt die Jury des Design Preis Schweiz: «Der Textilverlag Fischbacher setzt mit seiner «Benu Sea»-Kollektion auf dem Markt und in der Branche Zeichen, die gar nicht hoch genug einzuschätzen sind: Für die Nutzung von recyclierten Textilmaterialen, für die Erforschung des kreativen Potenzials solcher Materialien und für den Schutz der Weltmeere – stammt doch das in den Benu Sea-Stoffen verarbeitete Polyestergarn wesentlich aus Plastikabfall, der das Ökosystem der Ozeane beschädigt. Nebenbei beweist die Kollektion eindrücklich, dass Recycling- Textilien in Sachen Qualität und Design einem Vergleich mit konventionellen Produkten standhalten können.»

Mit der «Benu Sea»-Kollektion haben Sie den Design Preis Schweiz 2021 gewonnen. Was bedeutet Ihnen, dem Unternehmen, diese Anerkennung?
Sehr viel! Es ist die Bestätigung dafür, dass sich unser jahrelanges Engagement für hochwertige Recycling-Textilien gelohnt hat. Vor 13 Jahren, als wir die ersten Recycling-Produkte auf den Markt gebracht haben, stiess dies bei den internen Verkäufern auf Unverständnis: Wie passt das zu den hohen Qualitäts- und Designansprüchen? Inzwischen sind wir glücklicherweise so weit, dass man in Sachen Ästhetik und Haptik keine Kompromisse mehr eingehen muss, denn Recycling-Textilien stehen konventionellen Produkten in nichts nach.

Wie kam es zur Idee, mit rezykliertem Meeresplastik zu experimentieren?
Ein Lieferant stellte uns damals einen ersten Prototyp vor. Auch wenn es noch kein schönes Produkt war, hatte es sofort mein Interesse geweckt. Für mich war von Beginn an klar, dass Textilien in einem Kreislauf genutzt werden müssen. Recyceltes Plastik aus den Meeren aufzubereiten und wiederzuverwenden, war der nächste logische Schritt.

Woher stammen diese Abfälle, die dafür gewonnen werden?
Wir arbeiten mit Organisationen zusammen, die in der nahen Umgebung von Produzenten Plastikabfälle aus den Meeren und von Stränden entfernen und aufbereiten. Dasselbe gilt auch für die Baumwoll- und Textilabfälle, sie stammen aus der Umgebung des Produzenten, werden dort sortiert und weiterverarbeitet.

Eine exakte Farbigkeit zu erreichen, soll ja mit Garnen aus aufbereitetem Kunststoff sehr schwierig sein. Den Stoff «Benu Talent FR» bieten Sie aber in 30 leuchtenden Farben an. Wie geht das?
Da Recycling-Produkte in der Herstellung anders funktionieren als konventionelle Stoffe und jede Farbe anders reagiert, war es in der Tat eine Herausforderung. Die aufwendige Entwicklungsarbeit hat sich aber gelohnt. Dank des feinen Flors erstrahlen die Farben besonders leuchtend und lebendig. Wir sind stolz, einen flammhemmenden, Outdoor-tauglichen Veloursstoff entwickelt zu haben, den namhafte Möbelhersteller gerne einsetzen.

Welche weiteren Herausforderungen gab es in der Entwicklung?
Die grösste Herausforderung liegt sicherlich darin, die Produkte in der gewohnten hohen Qualität zu entwickeln: Ein fliessender Fall, ein angenehmer Griff, der nicht auf die Herkunft des Materials schliessen lässt. Bis wir die Produkte in den Händen halten konnten, hat es seine Zeit gebraucht.

Innovationen wie diese sind nicht einfach im Textilbereich: Geht es immer weiter mit solchen Entwicklungen?
Unbedingt, denn wir sind erst am Anfang. Neben der Verwendung alternativer Materialien sollten wir den Schritt weiter in Richtung Kreislauffähigkeit gehen. Wir müssen uns alle bemühen, unseren Konsum zu reduzieren, auf langlebige Produkte statt auf schnelle Trends zu setzen. Und wenn uns etwas nicht mehr gefällt, müssen wir es anders einsetzen oder verschenken, so wie man es früher tat. Wertschätzung des Produkts und der verwendeten Rohstoffe ist hier das Stichwort! Das gilt für alle Gegenstände, die uns im Alltag umgeben.

Wie sehen Sie das Potenzial von nachhaltigen Textilien?
Dahinter steckt eine ganze Industrie. Wenn das Sammeln und Aufbereiten bestehender Materialien auch finanziell attraktiv ist, wird in diesem Bereich mehr Forschung betrieben. Reycling-Produkte zu entwickeln, muss lukrativer sein als neue Ressourcen einzusetzen.

Wie geht es nun weiter?
Wir wünschen uns ein kreislauffähiges Benu-Produkt. Daran arbeiten wir derzeit mit viel Energie.

Muss sich die Textilbranche in Zeiten der Klimaveränderung und Rohstoffknappheit ändern?
Inzwischen haben glücklicherweise schon einige Hersteller nachhaltige Produkte für sich entdeckt, aber es ist noch keine Selbstverständlichkeit – gerade in der Textilbranche. Es sollte ein grösserer Austausch von Erkenntnissen stattfinden, um alternative Ideen voranzutreiben.

Die Kreislaufwirtschaft als Ausweg für die angeschlagene Schweizer Textilbranche?
Kreislaufwirtschaft und intelligente Textilien sind die Zukunft. Fasern, die mit Funktionen versehen sind, um Energie einzusparen und negative Umwelteinflüsse zu verhindern. Wenn Textilien schon allein aufgrund ihrer Beschaffenheit weniger gereinigt werden müssen und so weniger Mikroplastik in die Umwelt gelangt, ist es schon ein Anfang.

Wo in der Gesellschaft muss Ihrer Meinung nach ein Umdenken stattfinden?
Bei jedem von uns! Der bewusste Konsum sollte viel mehr in den Köpfen verankert sein. Qualitativ hochwertige, langlebige Produkte sollten gewählt werden, die Bestand haben und nach einer Reparatur weiter genutzt werden können. Wir haben alle eine Verantwortung und müssen vor Augen haben, dass die Rohstoffe unserer Erde endlich sind.

Mit jeder Generation hat sich bei Christian Fischbacher viel verändert: Am Anfang wurde noch mit Rohware gehandelt, es folgten Stoffe für Foulards und Accessoires, später kamen der Modebereich und die Heimtextilien dazu. Der ständige Wandel ist wichtig und einer der Gründe, warum es das Unternehmen heute noch gibt. Camilla Fischbacher treibt nicht nur den Ausbau der Recyclingqualitäten voran, sondern entwickelt mit ihrem Designteam einen kosmopolitischen Spirit, der von vielfältigen kulturellen Strömungen inspiriert ist. So holte sie für die neue Kollektion den Architekten Hadi Teherani an Bord.

An der Mailänder Möbelmesse wird im Juni die Kollektion «Contemporary Persia» präsentiert. Was zeichnet diese aus?
Hadi Teherani stammt wie ich selbst aus Teheran. Unsere gemeinsam entwickelten Vorhang- und Bezugsstoffe interpretieren die einzigartige Vielfalt des Irans in eleganten und raffinierten Dessins. Sanfte Farben treffen auf natürliche Materialien wie Wolle. Aber es finden sich auch kräftige Töne in der Kollektion – eine Hommage an das kontrastreiche iranische Landschaftsbild.

Sie sind dafür zu ihren persischen Wurzeln zurückgekehrt.
Ja, im Dialog mit Hadi Teherani wurde uns die enorme schöpferische Kraft bewusst, die der Iran mit seinem reichen kulturellen Erbe entfesselt. Aber ich lasse immer wieder mal kleine Andenken an meine iranische Herkunft einfliessen, mal ein Name für eine Kollektion, mal ein traditionelles Muster. Ich bin bei meinem Designteam dafür bekannt, Paisley-Muster zu lieben.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?
Ich liebe so vieles an meinem Job! Die Vielfältigkeit, das Reisen, neue Produkte zu lancieren. Und ich bin ständig auf der Suche nach Inspirationen für kommende Kollektionen. Neue Ideen entstehen an den ungewöhnlichsten Orten. ★


 

Camilla Fischbacher
Camilla Fischbacher wurde 1970 in Teheran geboren. Sie studierte Kunstgeschichte und Fotografie in den USA und erwarb ihren Master of Philosophy in Oxford, wo sie auch ihren Mann Michael kennenlernte. Das Paar lebte in Malaysia, Hongkong, Los Angeles und Tokio, bevor sie sich in St. Gallen niederliessen. Seit 2008 ist Camilla Fischbacher Art Director beim St. Galler Familienunternehmen Christian Fischbacher.

Das Unternehmen
Christian Fischbacher steht seit 1819 für feinste Textilien und Schweizer Handwerkstradition. Der 1803 geborene Gründer Christian Fischbacher sammelte damals die Webwaren der Bauernfrauen und brachte sie zum Markt. Im 19. Jahrhundert expandierte das Unternehmen immer weiter und wuchs zum Familienbetrieb heran. Das Erfolgsrezept waren die besonders edlen Stoffe aus St. Gallen. Diese waren bereits seit dem 13. Jahrhundert als «weisses Gold» bekannt. Sechs Generationen später ist Christian Fischbacher heute der älteste Textilverlag in Familienbetrieb weltweit. Der kosmopolitische Spirit der Kollektionen gilt heute als wichtiges Markenzeichen des Hauses. Niederlassungen befinden sich in Deutschland, Italien, Frankreich, Niederlande, England, Japan und Thailand.

Foto: Christian Fischbacher

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Die nächste WOMEN IN BUSINESS Ausgabe wird am 7.12.2023 lanciert

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