Besondere Zeiten verlangen nach einer besonderen Veränderungsbereitschaft. Cristina Riesen, Start-up-Mentorin und Kommunikationsspezialistin, weiss, was es braucht, um den Wandel herbeizuführen. Das hat auch mit ihrer eigenen Erfahrung als rumänische Immigrantin in der Schweiz zu tun.

Wie fängt man wieder neu an? Das ist eine Frage, die sich nach dem grossen Corona-Lockdown einige stellen. Nicht jede kann – oder will – wieder in dieselbe Spur einbiegen, die sie vor der Krise verlassen hat. Man frage nur eine Restaurantbesitzerin oder eine Reiseunternehmerin. Doch wie packt man Veränderung an? Während Politikerinnen, Ökonominnen, Ökologinnen und Psychologinnen über den Wandel rätseln, den die globale Corona-Krise nach sich ziehen wird, propagiert Cristina Riesen schon lange das Mindset, die innere Haltung, die den Wandel überhaupt erst möglich macht, wenn man ihn aktiv sucht.

Das Zoom-Gespräch mit der Start-up- und Kommunikationsberaterin findet an einem Tag im Mai zwischen einer 300-Einwohner-Gemeinde bei Murten und London statt. Doch geografische Grössen sind irrelevant, wenn der Horizont für alle auf die Grösse des Computerscreens geschrumpft ist. Fast sechs Wochen sitzt Cristina Riesen, die sonst zur Hälfte ihrer Zeit beruflich unterwegs ist, zu Hause im ländlichen Courlevon bei Fribourg fest. Hier, in einem Haus, das von einem Garten umgeben ist, bringt sie Homeschooling für zwei Kinder mit ihrem eigenen Job unter einen Hut. Sie erscheint als die Verkörperung der Ruhe. «Remote Office mache ich seit zehn Jahren», sagt sie. «Statt zu den Meetings zu reisen, halten wir sie jetzt eben über Zoom ab.» Nur dass ihre Teenager sozial stark eingeschränkt waren, die 18-jährige Tochter zudem erschwerte Bedingungen bei der Matura-Vorbereitung hat und dass eine berufliche Reise nach Indien zur Lancierung eines Bildungsprojekts im Rahmen ihrer Stiftung «Educreators» zurzeit auf der Kippe steht, bereitet ihr Sorge. Doch mit Unvorhergesehenem, meint sie, müsse man lernen umzugehen.

Die gebürtige Rumänin, die von der «Bilanz» 2019 zu den Top Swiss Digital Leaders der Schweiz erkoren wurde, weiss aus Erfahrung, was es bedeutet, nochmals von Neuem zu beginnen. Als sie im Jahr 2000 familienbedingt in die Schweiz zog, musste sie realisieren, dass ihr Studienabschluss und ihre Erfahrung als Radiomoderatorin in Rumänien in der Schweiz nichts wert waren. Das Universitätsdiplom war nicht anerkannt, sie konnte nicht gut Deutsch. Sie musste sich neu erfinden. Heute setzt sie sich mit der Stiftung «Educreators» mit Projekten für Innovation an den Schulen auseinander, sie kooperiert dabei mit der ETH, EPFL und wirkt ausserdem als Mentorin für Start-ups, auch in Zusammenarbeit mit der staatlichen Innovationsagentur Innosuisse. Der Weg dahin war nicht linear.

WOMEN IN BUSINESS: Wie erfindet man sich wieder neu, wenn es auf dem altbekannten Weg nicht mehr weitergeht?

Cristina Riesen: Zuerst reagiert man oft mit Schock oder Verzweiflung. Das war bei mir nicht anders. Aber der Zustand triggert auch kreatives, unternehmerisches Denken. Ich musste mich befreien von alten Gewohnheiten und Denkmustern und überlegte mir: «Wenn das nun dein erster Tag auf der Welt wäre, was würdest du gerne tun? Was interessiert dich?» Man muss den Mut haben, sich von seiner Neugierde und seinen Interessen leiten zu lassen, unabhängig, ob es sich in einem ersten Schritt um einen sogenannten Abstieg handelt. Das ist ja nur eine Sache der Wahrnehmung. Es ist nie ein Abstieg, wenn man von einem fest definierten Pfad einen neuen Weg einschlägt. Das Leben ist keine Einbahnstrasse, sondern hat viele verzweigte Wege, auf denen man stets etwas Neues lernt.

Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er liebt Sicherheit und Komfort.

Das ist natürlich wahr. Auch ich wählte den Neuanfang nicht, sondern das Leben warf mich in diese Situation. Aber es geht darum, darauf nicht mit Lähmung und Angst zu reagieren, sondern mit Mut, Risikobereitschaft und der Energie, etwas Neues anzupacken. Wenn man muss, wie das für einige jetzt der Fall ist, muss man lernen, sich zu öffnen, in verschiedenen Szenarien zu denken.

Gibt es Rezepte, die Sie als Beraterin von Start-up-Unternehmen Berufsfrauen generell ans Herz legen
könnten, wenn sie sich umorientieren wollen oder müssen?

Start-ups setzen nie bei dem an, was sie nicht können. Stattdessen setzen sie bei der Frage an, was in der Welt draussen falsch ist und wie sie eine Lösung dazu designen können. Das Geheimnis dabei ist, nicht auf direktem
Weg oder in einem einzigen Schritt zur Lösung kommen zu wollen. Bevor man zur Lösung des Problems findet, sollte man sich zunächst für verrückte Ideen öffnen. Nur so kann man etablierte Konzepte herausfordern. Man experimentiert also zunächst mit Ideen, dann mit Prototypen. So ist es auch im individuellen Fall: Man kann sein ganzes Leben nicht an einem einzigen Tag neu erfinden, sondern mit ganz kleinen Veränderungen im Alltag.

Veränderung erfordert aber das Wissen darum, wohin man will. Was raten Sie jemandem, der feststeckt?

Wenn man feststeckt, lässt man sich zunächst am besten einfach von seiner Neugier leiten. Man kann versuchen, Menschen näherzukommen, die Dinge machen, die einen interessieren. Das kann auch über einen Podcast, Online-Learning oder Instagram sein. Ich rate, viele kleine Schritte zu nehmen. Wer den radikalen Wandel will, unterschätzt die Kraft der kleinen Schritte. Sport ist dazu eine gute Parallele: Wer einen 20-Kilometer-Marathon laufen will, weiss, welch grosse Wirkung es hat, wenn man jeden Tag drei Kilometer
trainiert. Wenn man etwas im Leben verändern will, verhält es sich nicht anders. Man lasse lieber nicht gleich alles fallen, sondern experimentiere im kleinen Rahmen mit einer alternativen Zukunft. Dazu kann man täglich eine Stunde für eine neue Tätigkeit reservieren. Wenn man immer schreiben wollte, dann schreibt man täglich eine Stunde. Man kann sich dem Neuen über das Lernen nähern. Dank der vielen Lernplattformen, die es international gibt, war der Zugang noch nie so leicht wie heute, etwas Neues zu lernen. Das Wichtigste ist aber, sich zu erlauben, mit verschiedenen Zukunftsszenarien zu spielen.

Cristina Riesen ist ihre Neuerfindung in Etappen gelungen. Sie nahm eine Stelle als PR-Assistentin an, absolvierte am PR-Institut einen Zertifikatslehrgang und an der Universität Lugano den Executive Master of Science in Communications Management. «Ich wusste, in der Schweiz würde ich ohne einen Abschluss schnell an eine Glasdecke stossen», sagt sie. Als sie ein Stelleninserat des Silicon-Valley-Start-ups «Evernote» ausgeschrieben sah, packte sie die Chance. Das Interview wurde per Videokonferenz geführt, und sie wurde als Europa-Managerin eingestellt.

2016 gründete sie die Stiftung «Educreators». Sie fördert, in Kooperation mit namhaften Stiftungen wie der Gebert Rüf- und der Mercator-Stiftung Projekte im Bereich der Innovation im Bildungsbereich, mit Workshops, Networking, Wissenstransfer zwischen Lehrkräften und finanzieller Unterstützung. «Das heutige Schulsystem bereitet Kinder schlecht auf die ungewisse Zukunft in der Arbeitswelt vor», sagt Riesen. Noch immer werde zu sehr, fast wie in einer Fabrik, linear Wissen angeeignet. Doch die Zeiten, da man dank einem Diplom den Job fürs Leben bekam, seien vorbei. Was, wenn der Job plötzlich aufgehört hat zu existieren und das angelernte Fachwissen plötzlich obsolet wird? Wie bereitet man junge Menschen auf eine Zukunft vor, die nicht vorausgesagt werden kann? Die sich durch die digitale Transformation laufend ändert?

Statt nur Fachwissen zu vermitteln, müssten auch Kompetenzen trainiert werden wie Entrepreneurship, Kreativität, Neugier. Zentral dabei sei das «Growth Mindset», sinngemäss übersetzt das dynamische Selbstbild. Die aktuelle Lage, meint sie, zeige, wie dringlich diese Umstellung sei. «Plötzlich kommt eine Pandemie, und statt mit Schock und Lähmung zu reagieren, weil gewohnte Abläufe nicht mehr möglich sind, müssen rasch kreative Lösungen gefunden werden, wie man damit umgehen kann.»

Sie sagen, Kreativität sei die am meisten unterschätzte Ressource, um für den Wandel vorbereitet zu sein. Wie kann man sie stärken?

Kreativität steckt in jedem von uns. Es ist nur eine Frage, wieweit wir sie ausleben. Viele meinen, wenn man von Kreativität spricht, es gehe allein um das Musische. Aber Kreativität hat auch mit Problemlösung zu tun. Und das ist etwas, mit dem wir jeden Tag konfrontiert sind. Wir können Kreativität trainieren, wir müssen ihr Raum geben. Kreativität mag keinen Druck und keine Angst. Sie braucht Leichtigkeit und das Spielerische. Wenn du mit einer Herausforderung konfrontiert bist und du schnurstracks zur Lösung willst, dann tötest du die Kreativität ab.

Dazu gehört auch die Idee des «dynamischen Selbstbildes».

Ja, der Begriff der amerikanischen Psychologin Carole Dweck ist grundlegend für die Anpassungsfähigkeit an die heutigen Anforderungen. Sie unterscheidet ihn vom «Fixed Mindset», der Fähigkeiten und Intelligenz als grundsätzlich kaum veränderbar betrachtet, während das «Growth Mindset» von der Veränderbarkeit ausgeht. Nehmen wir mich als Beispiel. Ich bin in Rumänien in einem bescheidenen Elternhaus in einem kommunistischen System aufgewachsen und habe Sprachen studiert. Hätte ich an einem «Fixed Mindset» festgehalten, dann wäre ich heute nicht da, wo ich stehe.

Mit einem dynamischen Selbstbild aber anerkennt man, dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist, dass man viele Potenziale in sich birgt, dass Fehler Entwicklungsmöglichkeiten dar- stellen und dass man Herausforderungen als Gelegenheiten ansieht. Unser Schulsystem hängt aber noch immer zu sehr am «Fixed Mindset», das Fehler als Kompetenzmangel und Erfolg einzig an guten Noten festmacht. Man fragt ein Kind: «Was willst du einmal werden?». Stattdessen sollte man es fragen: «Was würdest du gerne erkunden. Womit würdest du gerne experimentieren?» Wir sind nicht unsere Jobs. Wir sind viel mehr als das.

Birgt das Mantra der ständigen Wandlungsbereitschaft aber nicht auch das Risiko, dass man sich dabei verliert? Dass einem bei aller Flexibilität die Essenz abhandenkommt?

Die Frage, wer man ist, ist die wichtigste Frage überhaupt. Je mehr man da eintaucht, desto mehr wird man merken, dass die eigene Essenz unveränderbar ist. Wenn man mit ihr in Kontakt kommt, dann weiss man, dass sich nur die Welt um einen herum verändert und die Wahrnehmungen, aber nicht, wer du bist. Aber da bewegen wir uns auf der philosophisch-spirituellen Ebene. Man kann in ganz unterschiedlichen Umgebungen und Jobs gedeihen, solange man sie mit seiner inneren Essenz verbindet.

Sie selbst haben mit dem Wechsel vom Osten in den Westen selbst eine grosse persönliche Veränderung erlebt. Gibt es etwas, das Sie Ihre Kindheit unter dem Kommunismus gelehrt hat, auf das Sie heute in positiver Weise zurückgreifen können?

Es gab viele gute Dinge in meiner Kindheit. Das fühlte ich schon damals, aber heute, speziell zur Zeit der Corona-Krise, ist mir das noch stärker im Bewusstsein. Es gab Zeiten, da hatten wir wenig Essen, keine Elektrizität und wir wurden von der Regierung kontrolliert. Das bewirkte aber, dass wir erkannten, was wirklich wichtig ist, und wir die Dinge in Relation setzten. Ich hatte früh die Einsicht, dass, wenn man in einer schwierigen Situation lebt, es nicht heisst, dass man nicht auch glücklich sein kann.

Während die Schweiz ihren Weg zurück zur Normalität sucht, hofft Cristina Riesen, dass sie die Lancierung ihrer internationalen Projekte für «Educreators» vorantreiben und nach Indien reisen kann. Ob dies möglich sein wird, steht noch in den Sternen. Das Reisen vermisse sie, sagt sie. Aber es gebe auch etwas, das sie aus der Zeit des Lockdown beibehalten möchte: sich Zeit zum Reflektieren einzuräumen.

Über Cristina Riesen

Cristina Riesen ist 43-jährig und wurde in Brasov, Rumänien geboren. Bevor sie mit 23 in die Schweiz übersiedelte, studierte sie Englisch und Französisch und arbeitete als Radioredaktorin. Nach einem CAS am Schweizerischen PR-Institut arbeitete sie als PR-Assistentin. 2011 absolvierte sie den Executive Master of Science in Communications Management an der USI Lugano und stieg 2012 beim Silicon Valley Unternehmen Evernote als PR-Manager und General Manager ein. 2016 gründete sie die Educreators Foundation und wirkt zudem als Start-up-Mentorin. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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