Lucie Koldova ist Art-Direktorin bei Brokis, einem tschechischen Glasleuchtenhersteller. Mit ihren Entwürfen rückt die tschechische Produkt- und Möbeldesignerin die Tradition der böhmischen Glasbläserkunst in ein ganz neues Licht.

Lucie Koldova liebt Licht und den Werkstoff Glas. Ihre Arbeiten sind sinnlich und höchst poetisch, ihr Antrieb ist die Freude am Ausloten und Experimentieren. Die hochtalentierte 38-jährige tschechische Designerin ist seit 2014 Art-Direktorin des Familienunternehmens Brokis. Das Leuchtenunternehmen kann auf eine jahrhundertealte Tradition des Glasbläserhandwerks zurückblicken. 1997 kaufte Brokis-Gründer Jan Raball die mehr als eineinhalb Jahrhunderte alte Glashütte Janštejn, zu einer Zeit, als sich die Glasindustrie in einer tiefen Krise befand. 2006 gründete er die Marke Brokis. Lucie Koldova hat dabei ganz entscheidend zum Erfolg der Marke beigetragen. Und sie ist sehr stolz darauf, mit ihrer Arbeit auch einen Teil zur Fortführung der tschechischen Glasbläsertradition beizutragen. «Ich stamme aus einem Land, dessen Menschen dieses Material bereits im Blut haben», sagt Koldova.

WOMEN IN BUSINESS: Lucie Koldova, wo sind Sie aufgewachsen, und wie hat dies Ihre Arbeit beeinflusst?
Lucie Koldova: Ich bin im Norden Böhmens in der Tschechischen Republik aufgewachsen. Wir hatten einen Maler in unserer Familie, und ich fühlte mich zur Kunst hingezogen. Meine Eltern unterstützten mich, während ich mein kreatives Talent in verschiedenen Kunst- und Grafiktechniken auslebte. Später zog ich nach Prag, um an der Akademie der Künste, Architektur und Design zu studieren. Während des Studiums begriff ich, was uns so besonders macht. Langsam wurde ich vertraut mit der einzigartigen Tradition in der Glasherstellung und im Holzbiegen – die beiden Handwerke, die unser Designerbe ausmachen.

Was war damals Ihr Berufsziel?
Mein Ziel? Nun, ich wollte herausfinden, was es braucht, um ein Designer zu sein! Ich verliebte mich in Design und spürte, dass ich jemand bin, der vielseitig sein kann, wenn es um die Gestaltung geht. Ich hatte eine gute dreidimensionale Vorstellungskraft, arbeitete mit allen Arten von Materialien und hatte ständig neue Ideen… Als ich noch sehr jung war, war ich von Philippe Starcks Arbeit fasziniert. Er als Persönlichkeit war für mich im wahrsten Sinne des Wortes inspirierend.

Warum gingen Sie 2009 nach Paris?
Ich traf den israelischen Designer Arik Levy nach meinem Abschluss an der Akademie, und wir unterhielten uns lange. Ich bekam eine Einladung, in sein Studio in Paris zu kommen und mit ihm zu arbeiten. Das konnte ich nicht ausschlagen. Ich wusste, dass es eine tolle Gelegenheit war, um Praxis zu bekommen, um echte Erfahrungen zu sammeln. Und so habe ich mich für Paris entschieden. Das war eine gute Idee – Paris ist immer eine gute Wahl, eine wunderbare, aber auch schwierige Stadt. Meine Zeit dort gab mir einen sehr guten Start für meinen Weg.

Sie haben es mit Ihrem eigenen Atelier in Paris zu etwas gebracht, aber anfangs wollten Sie unbedingt nach London, oder?
Das Londoner Royal College of Art war immer ein Level, das ich erreichen wollte. Ich war verliebt in Londons inspirierende Kulturszene, in der ich eine Zeit lang eintauchen wollte. Zudem sprach ich sehr gut Englisch, was im Vergleich zu meinem
Französisch nicht zu vernachlässigen war. Alle Indizien wiesen mir den Weg nach London, doch schliesslich ging ich stattdessen nach Paris. Es war nicht einfach, aber lohnenswert. Paris wurde zu meiner geliebten «Stadt der Lichter».

Es gibt eindeutig einen Einfluss Ihrer Pariser Jahre auf Ihre Arbeit. Was schätzen Sie am französischen Stil?
Er ist vielleicht verträumter und skulpturaler, zumindest nach dem zu urteilen, was ich erlebt habe. Ich möchte nicht charakterisieren, ich bin kein Historiker. Ich bin eine Designerin, die versucht, zuzuhören und ein Konzept zu entwerfen, das für eine bestimmte Marke richtig ist. Sie haben dort nicht nur Lampen, sondern auch Möbel und Accessoires entworfen.

Was war Ihr erstes Möbelstück?
Eine extravagante Stuhlkollektion aus Metallblechen, noch eine Hochschularbeit, aber ich habe einen Preis dafür gewonnen. Und dann noch einen Arbeitstisch namens «Treasury table» mit durchsichtigem, mattem Glas für einen organisierten Chaos-Arbeitsstil.

Warum sind Sie dann wieder nach Tschechien zurückgekehrt?
In Paris ergab sich die Gelegenheit mit Brokis, einem tschechischen Unternehmen, zusammenzuarbeiten und meine Entwürfe umzusetzen. Es war 2012 ein logischer nächster Schritt. Ich wusste, mein Pariser Kapitel war vorbei. Ich hatte erreicht, wofür ich gekommen war. Aber ich wusste auch, dass ich jederzeit zurückkehren kann, wenn ich das Bedürfnis haben sollte. Europa ist so einfach zu erreichen von Prag aus.

Was schätzen Sie an der tschechischen Designszene?
Sie ist sehr jung, viel kleiner und freundlicher. Und sie hat sehr viel Energie und einen guten Vibe – viel künstlerischer als technisch. Die Designer sind sehr motiviert und wollen die Nase ganz vorne haben.

Ihre Liebe zum Detail bringt die Tschechin durch die Auswahl von edlen Materialien wie Holz, Messing und Kupfer und deren hochwertiger Verarbeitung zum Ausdruck. Licht und Glas vereinen sich in klaren Formen, sinnlich, aber ohne Anklänge von Nostalgie. Ihr erster Entwurf für Brokis, die Leuchte «Muffins» – entstanden 2010 in Koproduktion mit Dan Yeffet – ist heute eine der Ikonen des Labels: Meisterhaft wurden in dem Entwurf geformtes Glas und massives Holz kombiniert. Zur gleichen Zeit entstand die Leuchtenfamilie «Balloons», die in der Form einem grossen Heissluftballon nachempfunden ist. Die Leuchten der Designerin sind nicht leicht herzustellen, ganz im Gegenteil: Nur technisch besonders versierte Glasbläser sind in der Lage, die auffallend grossen Glasballons der «Muffins» zu realisieren.

Auch Arbeiten wie die Hängeleuchte «Capsula» von 2017 erfordern das ganze Know-how der böhmischen Glasexperten. Der Entwurf, wie alle Arbeiten aus mundgeblasenem Glas in Kleinserien hergestellt, erinnert in seiner Gestalt an Pflanzensamen: Den Kern bildet ein rohrförmiges LED-Leuchtmittel aus Triplexglas. Nicht zuletzt wegen ihres virtuosen Umgangs mit Glas wurde Koldova schon zum «Czech Designer of the Year» und zum «Elle Decoration Talent» gekürt. Auch mit ihrer Tischleuchte «Macaron» (2017) sorgte sie für Aufsehen. Auch hier setzte sie auf einen Materialmix. Die Leuchte zollt der Schönheit von kristallinem Gestein Tribut, indem sie es in zwei einander gegenüberliegenden Kuppeln aus filigranem, mundgeblasenem Glas zur Schau stellt. Koldova dachte dabei an französisches Meringue-Gebäck. Verborgen in einem eleganten Marmorfuss, wirft die Lichtquelle ihr Licht aufwärts auf die zentrale Onyx-Platte und lässt die darin enthaltenen geschwungenen Chalzedon-Adern erstrahlen. Natürliche Unregelmässigkeiten im Glas und die Vielfalt der Strukturen im Stein machen jede Leuchte zu einem einzigartigen Original.

Das Unternehmen Brokis setzt die lange Tradition der böhmischen Glaskunst fort. Wie sehen Sie die Zukunft?
Strahlend!

Wie beeinflusst die jahrhundertealte Glasbläsertradition Ihre Arbeit?
Sie ist mein Background. Wir sind das Königreich des Glases. Ich respektiere die Glasbläsertechniken, das endgültige Aussehen wirkt vielleicht traditionell und zeitlos, was aber richtig ist, weil die Formen und Techniken beibehalten und bis an die Grenzen getrieben werden. Vor einigen Jahren habe ich begonnen, überdimensionierte Glaskörper in Kombination mit anderen Materialien zu entwerfen. Viele andere Unternehmen ziehen nun nach.

Ihr erster Entwurf für Brokis, «Muffins», ist bereits heute eine Ikone des Labels. Was macht diese Leuchte so besonders?
Die Proportionen und die Masse des Glases, die schön mit dem Holz ausbalanciert sind. Basic und smart zugleich.

Was ist Ihre Leitlinie als Art Director bei Brokis?
Meine Aufgabe ist hauptsächlich der Designentwurf und die visuelle Identität von Brokis.

Was macht für Sie gutes Design aus?
Kommt drauf an. Manchmal eine gute Idee, manchmal eine neue Art der Materialverwendung, oder auch einfach ein starker visueller Ausdruck. Es muss meine Aufmerksamkeit und Begehren wecken. Sie arbeiten mit ganz unterschiedlichen Materialien in Ihren Entwürfen – mit Holz, Kupfer, Marmor oder auch Kork.

Aber Glas ist wohl ihr Lieblingsmaterial?
Ja, Glas ist mein Universum. Aber alle anderen Materialien sind auch sehr wichtig. Meine Vision für Brokis ist, Glas mit anderen Materialien zu kombinieren und dadurch eine völlig neue sinnliche Sprache zu entwickeln.

Wie schaffen Sie es, authentisch zu bleiben, sich nicht zu kopieren und Ihren eigenen Stil zu behalten?
Das ist tendenziell eine Herausforderung für jeden Designer in dieser globalen Welt, würde ich sagen. Ich habe meine eigene
Art zu denken, ganz in meinem eigenen Kontext, der einzigartig ist. Ich vertraue ganz auf meine Intuition. In ihrem Studio in Prag arbeitet sie mit einem kleinen Team. Sie will die Dinge selbst machen können, den Überblick haben und flexibel sein. Und selbst die Geburt ihrer beiden Kinder nahm die energiegeladene Koldova nicht als Anlass für eine Pause – im Gegenteil: «Mit der Mutterschaft entsteht eine neue Betrachtung im Leben einer Frau. Pure Instinkte und endlose Liebe», heisst es zur Kinderwiege «Nut», die
Lucie Koldova gestaltet hat. Der sanft geschwungene Entwurf ist inspiriert von der Form einer Nussschale. Weicher Stoff und glatte Linien vermitteln ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit, mit einem Touch Verspieltheit.

Welche Rolle spielt Licht in Ihrem Leben? 
Licht ist Teil meiner Identität. Es ist meine Leidenschaft und manchmal auch meine Obsession.

Sie haben einmal gesagt, dass die Arbeit mit Licht für Sie der Inbegriff von Freiheit ist. Was bedeutet das für den Designprozess?
Licht spielt mit Energie und Schwingungen. Es ist pure Spannung.

Wie man Licht inszeniert, demonstrierte Lucie Koldova auch 2018 an der Kölner Möbelmesse. Dort zeigte sie im Rahmen der experimentellen Reihe «Das Haus» ihre Vision vom Wohnen. Zentral dabei – ganz klar – war das Licht, in verschiedensten Formen und Programmierungen. «Hier spielt das Licht die Hauptrolle, die Möblierung komplettiert die Räume, und nicht umgekehrt», so Koldova. Ob Licht zum Entspannen, Licht zum Sichpflegen oder Licht für die kreative Arbeit – das Haus der Produktdesignerin brachte viele Facetten des Wohnens zum Strahlen. Ihr ging es dabei auch um die Energie, die mit dem Licht in unsere Wohnungen kommt. Gleich vier neue Entwürfe integrierte sie in ihr Projekt, darunter die Leuchte «Jack O’Lantern», bei der sich die Designerin von einer ausgehöhlten Kürbis-Laterne inspirieren liess.

Was ist der beste Teil Ihrer Arbeit?
Die Zeit, wenn sich das Design im Prozess der Prototypenerstellung befindet … der letzte Schliff. Wenn ich es nicht erwarten kann, den ersten Prototypen fertig zu sehen.

Wovon lassen Sie sich bei Ihrer Arbeit inspirieren?
Von Freude und Freiheit.

Wann sind Sie am kreativsten? Brauchen Sie dafür feste Rituale?
Ich schätze, ich habe unbewusste Rituale, auf jeden Fall ist mein Leben sehr dynamisch … es liegt noch viel vor mir in
meiner Arbeit, das werde ich herausfinden, wenn sich mein Leben ein wenig beruhigt hat.

Im März hat Brokis erstmals mobile und wiederaufladbare Leuchten vorgestellt, die sowohl im Innen- als auch im Aussenbereich eingesetzt werden können. So ergänzt die mobile Tischleuchte «Ivy» d ie b ereits u mfangreiche Ivy-Kollektion, die von der Natur und ihrer Schönheit inspiriert ist. So wie die Efeupflanze wächst, eine Hauswand hinauf rankt und dabei viele wunderbare Formen annimmt, bietet die Leuchte ein besonderes System modularer Komponenten. Die neue akkubetriebene Tischleuchte ist kleiner als die klassische Tischleuchte, wodurch sie leicht von einem Ort zum anderen transportiert werden kann. Ihr jüngstes Produkt sind mobile Leuchten.

Was reizt Sie an mobilen Objekten?
Tragbare Leuchten sind einfach zu installieren und zu transportieren, es hat natürlich seine Grenzen, aber es ist sehr nützlich, sie im Portfolio zu haben. Wir spürten eine Lücke, in der wir Lichtobjekte für Restaurantprojekte anbieten konnten.

Woran arbeiten Sie im Moment?
Überraschenderweise an einer neuen Kollektion von Leuchten. Ausserdem werden wir ein neu gestaltetes Restaurant für ein Kunsthotel in Čeladná, in der Tschechischen Republik, enthüllen. Das gesamte Interieur wird von meinem Studio zusammen mit Labor13 Architekten konzipiert.

 

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