Regelmässig belegt die Schweiz Spitzenplätze in Studien wie dem «World Happiness Report». Die Schlussfolgerung, dass dies dem hohen Wohlstand zu verdanken ist, liegt auf der Hand. Genauer betrachtet, ist es aber nicht ganz so einfach.

Was würden Sie mit einer Million machen? Im Hotel wohnen, ein Start-up gründen oder doch lieber die Hypothek abzahlen? Diese Gedanken spielen Glücksjäger allwöchentlich durch, wenn sie Kreuzchen in die Zahlenkästchen setzen, bevor sie den Lottoschein hoffnungsvoll am Kiosk abgeben. Vor genau 50 Jahren wurde in der Schweiz zum ersten Mal Zahlenlotto gespielt. Seither haben die rollenden Kugeln hierzulande 769 neue Millionäre gekürt. Eine Auswertung für das Schweizer Fernsehen, welches die Ziehung seit Anbeginn überträgt, zeigt: Die allermeisten Millionäre blieben auf dem Teppich. Zumindest in der Schweiz: Vorsorge statt Südseeinsel. Eine schwedische Lotteriestudie kam zum Schluss, dass die Gewinner dort nicht nur reicher, sondern durch ihren Reichtum auch langfristig glücklicher geworden sind.

Das Easterlin-Paradoxon
Seit den 1970er-Jahren untersucht die ökonomische Glücksforschung weltweit den Zusammenhang von Geld und Wohlbefinden. Als einer der Ersten wertete der Wirtschaftswissenschaftler Richard Easterlin 30 Umfragen aus 19 Ländern aus, die zwischen 1946 bis 1970 erstellt worden waren. Er stellte die Hypothese auf, dass ein steigendes Bruttoinlandsprodukt sich positiv auf das subjektive Glücksgefühl auswirkt – aber nur bis zu einer gewissen Schwelle. Anders gesagt: Sind die grundlegenden Bedürfnisse einmal gestillt, führt mehr Reichtum nicht zu mehr Glück. Easterlin wiederholte seine Studie in den folgenden Jahrzehnten mehrmals. Und er gelangte jedes Mal zum selben Ergebnis.

Der Schweizer Ökonom Bruno S. Frey beobachtet ebenfalls, dass zusätzliches Einkommen die Lebenszufriedenheit nicht automatisch erhöht. «Die Beziehung zwischen Geld und Glück verläuft nicht linear, viel eher besteht ein abnehmender Grenz- nutzen», schreibt er in einem Aufsatz zum Thema. Oder in einem Bild gesagt: Das erste Stück Kuchen stifte einen hohen Nutzen. Das zweite Stück sei noch willkommen, mache aber schon weniger zufrieden. Spätestens mit dem fünften Stück aber sei der Hunger gestillt. Dennoch zeigten die intensiven Forschungsbemühungen der letzten Jahrzehnte, dass Personen mit höheren Einkommen ihr subjektives Wohlbefinden höher einschätzen als ärmere Personen. Sie verfügen über einen grösseren Spielraum, um sich ihre persönlichen materiellen Wünsche zu erfüllen. Sie haben überhaupt die Wahl, ob sie Kuchen essen wollen – oder nicht. Zusätzlich haben sie oft auch einen höheren gesellschaftlichen Status inne. Diese positive Korrelation ist statistisch gut gesichert. Doch wie viel Geld braucht es denn genau, um zufrieden zu sein?

Wer 70’000 Dollar verdient, ist am glücklichsten
Eine gross angelegte Studie über menschliches Verhalten ermittelte 2018 Einkommen und Zufriedenheit von 1,7 Millionen Menschen weltweit und lieferte eine ganz konkrete Zahl: 70’000 Dollar pro Jahr. Wer so viel verdient, hat die höchste Wahrscheinlichkeit, dabei glücklich zu sein. Dieser monetäre Wert des Glücks war in Westeuropa, Skandinavien, Nordamerika, Australien, Ostasien und dem Nahen Osten gleich. Unabhängig vom Geschlecht. Da drängt sich die Frage auf, ob das eine Prozent der Weltbevölkerung, welches die Hälfte des globalen Reichtums besitzt, nicht glücklicher wäre, wenn es mehr teilen würde. So wie es Bill Gates schon lange tut.

Vorreiter sind derzeit in diesem Bereich aber nicht die Superreichen, sondern der Mittelstand: In den letzten Jahren ist in den wohlhabenden westlichen Ländern ein neuer Trend zur Genügsamkeit zu beobachten, der sich vom Materialismus abwendet. Da wird nach Marie Kondo entrümpelt, die so etwas wie die «Kaiserin der japanischen Ordnungsliteratur» ist. Gleichzeitig wird unter dem Motto «Zero Waste» der eigene Müll reduziert. Zum Städtetrip jettet man nicht mehr mit dem Flieger, sondern tuckert gemütlich mit dem Nachtzug, Frühstücksservice inklusive. Es scheint, als hätte sich an manchen Orten eine gewisse Sättigung eingestellt. Anders als in den Nachkriegsjahren, als man sparsam lebte, dabei viel arbeitete und stetig etwas mehr zur Seite legen konnte. Der Schluss liegt nahe, dass mehr Geld zu besitzen nicht zwingend auch glücklicher macht. Etwa dann nicht, wenn man es in einem Job verdienen muss, der einen nicht erfüllt. Oder wenn man sich davon permanent Dinge kauft, die man gar nicht braucht.

Niko Paech, Ökonom und der bekannteste deutsche Fürsprecher der Postwachstumsökonomie, plädiert stattdessen für einen nachhaltigen Umgang mit der Zeit, der knappsten Ressource, die wir haben. Denn die derzeitigen Konsumgewohnheiten seien nicht nur ökologisch nicht tragbar, sondern sie machen die Menschen zunehmend gestresst und unglücklich, schreibt er im Buch «Zeitwohlstand». Burn-out und Depression lassen grüssen. Seine Formel für ein gutes Leben ist einfach: weniger verbrauchen, mehr selber machen. Nur so fänden wir zu einer nachhaltigen Lebensweise. Und diese mache wiederum glücklich.

Die Facetten von Glück
Viel Geld und wenig Zeit. Viel Zeit und wenig Geld. Viel Geld und viel Zeit. Wie man die Formeln auch dreht und wendet, das persönliche Wohlbefinden bleibt bis zu einem gewissen Grad subjektiv und natürlich von nicht beeinflussbaren Ereignissen abhängig. Der für die Untersuchungen am schwierigsten zu messende Faktor ist die Definition dessen, was Glück überhaupt ist. Bei einem Cappuccino den Sonnenaufgang bestaunen? Der Moment, wenn wir ein neues Kleid das erste Mal vor dem Spiegel anprobieren? Das Gefühl von salzigem Sand zwischen den nackten Zehen? Sich einen Tesla leisten zu können? Das Eigenheim? Im Königreich Bhutan wurde 1972 ein detaillierter Glücksindex entwickelt, um die kollektive Zufriedenheit der Bewohner des Landes zu messen. Gleichzeitig verankerte der König das Bruttonationalglück in der Verfassung. Dennoch dümpelt das Land beim «World Happiness Report» nur auf Platz 97 von 156 Ländern. Die Ökonomen Joachim Weimann, Andreas Knabe und Ronnie Schöb kritisieren in ihrem Buch «Geld macht doch glücklich: Wo die ökonomische Glücksforschung irrt» die Messmethode von Easterlin. So war etwa die Zahl der ärmeren Länder, die erfasst wurden, verhältnismässig klein. Ausserdem wurden dort überwiegend gebildete Menschen aus den grossen Städten befragt. Dies alles führte zu Verzerrungen der Resultate. Ganz generell kann aber auch nicht davon ausgegangen werden, dass in späteren Untersuchungen die Datenerhebung in allen Ländern auf die gleiche Weise passierte. Deshalb sind sie nur mit Vorsicht untereinander vergleichbar.

Es könnte also durchaus sein, dass die Bevölkerung von Bhutan glücklicher ist, als die Studien besagen. Dafür muss man die verschiedenen Arten von Glück miteinbeziehen. So lasse sich zum Beispiel kein starker Zusammenhang zwischen Einkommen und emotionalem Glück feststellen, schreiben Weimann und seine Kollegen weiter. Es sei aber dennoch falsch, daraus zu schliessen, dass die materielle Seite des Lebens nicht wichtig sei, nur weil Menschen auch glücklich sein könnten, wenn sie arm sind. Ein Beispiel aus dem Film «Cast Away» mit Tom Hanks in der Hauptrolle verdeutlicht dies. Er spielt einen Fed-Ex-Mitarbeiter, der auf einer einsamen Insel im Pazifik abstürzt. Zum Beginn der Robinsonade versucht er, sich einzurichten. Vor allem aber versucht er Feuer zu machen – ohne Feuerzeug und Streichholz. Als es ihm schliesslich gelingt, mit einem Stock und etwas Reisig eine kleine Flamme zu entfachen, veranstaltet er ein Freudenfeuer am Strand. Ausser sich vor Glück tanzt er um das Feuer. Weil es ihm die Gelegenheit gibt, gesehen zu werden. Und damit, sich aus seiner Situation befreien zu können. Sollen wir uns wirklich an dieser emotionalen Seite des Glücks orientieren, wenn es darum geht, wie viel wir verdienen sollen? Nein, sagen die Forscher. Denn das hiesse, genau das zu tun, was Herrscher jahrhundertelang praktizierten. Bei aller Anpassungsfähigkeit müsse man den Menschen eben selbst die Wahl lassen, welches Leben für sie ein glückliches ist.


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