Gabriel Baur
Regisseurin, Autorin und Produzentin.

Wir haben uns mit der zwischen Zürich und Lissabon lebenden Filmschaffenden Gabriel Baur über ihr Werk unterhalten – und über ihr Engagement für mehr Diversität in der Branche.

Interview: Brigitte Selden | Stills: Hans Gissinger/Ursula Rodel @ Onix / Roswitha Hecke @ Onix

Seit 1984 ist Gabriel Baur freischaffende Filmregisseurin und Filmautorin. Bereits mehrfach wurde sie national sowie international ausgezeichnet. Wir haben uns mit der zwischen Zürich und Lissabon lebenden Filmschaffenden über ihr Werk unterhalten – und über ihr Engagement für mehr Diversität in der Branche.

Können Sie unseren Leserinnen und Lesern etwas über sich erzählen, wie sind Sie zum Film gekommen? Und wo haben Sie Ihre Ausbildung absolviert?

Das ging nicht geradlinig, ich musste mir den Weg erkämpfen. Meine Berufswünsche standen im Widerspruch zur Vorstellung meines Vaters. Er wollte, dass die Kinder existentiell abgesichert sind. Heute verstehe ich das besser als damals. Künstlerische Berufe beinhalten nun mal mehr Risiko. Natürlich rebellierte ich gegen das Nein zu meinem Berufswunsch auf viele Arten und Weisen. Neben der Schule und dem Studium begann ich auf eigene Initiative meine künstlerischen Projekte durchzuziehen. Ich hatte nebenbei immer in unterschiedlichsten Jobs Geld verdient. Dies und der Zeitgeist Ende Siebziger/anfangs Achtziger Jahre ermöglichten mir, früh meine eigenen Wege zu gehen. Ich wollte sehr jung in die USA emigrieren, packte meine Koffer und ging von New York aus auf Entdeckungsreise. In Kalifornien und Mexiko wurde mir zum ersten Mal klar, dass Filmemachen vieles zusammenbrachte, das ich machen wollte und liebte. Was dann geschah, tönt selbst wie aus einem Movie. Per Zufall geriet ich in Dreharbeiten eines Hollywoodfilms mit Starbesetzung, einem Piratenfilm. Es war aufregend, doch bald mehr als ernüchternd. MeToo Übergriffe waren normaler Alltag, ohne machtvolle Protektion schien es davor kein Entrinnen zu geben. Zurück in der Schweiz habe ich Schritt für Schritt meine eigene Karriere aufgebaut. Als Kompromiss mit meinen Eltern begann ich ein Studium der Psychologie, das ich nach einem Jahr in einer offenen Rochade in ein Ethnologie- und dann sukzessive in ein Filmstudium umwandelte. Ich war selten an der Universität, arbeitete bei Filmen in verschiedenen Funktionen mit und schrieb über Film. Dabei wurde ich, wieder per Zufall, als Schauspielerin für eine deutsch-internationale Produktion in der Südsee gecastet. Doch der monatelange Dreh war aufreibend und lebensgefährlich. Nach diesem augenöffnenden Erlebnis traute ich mir dann endlich selbst zu, Regisseurin und Produzentin zu werden. Gleich nach Abschluss des Studiums ging ich zurück nach New York, an die Filmschule der New York University, wo ich sehr viel in sehr kurzer Zeit lernte und vor allem selbst drehen konnte. Auf Grund meiner ersten Kurzfilme folgte ein Angebot eines angehenden Produzenten, einen Film in Nicaragua zu realisieren.

Ein paar Jahre später ergriff ich dann, zurück in Europa, die einmalige Chance, bei zwei polnischen Regisseuren mein Know-how in Regie und Dramaturgie zu vertiefen – bei Krzysztof Kieslowski und Wojciech Marczewski, die beide das europäische Kino der letzten dreissig Jahre stark mitgeprägt haben. Bei ihnen konnte ich ausloten, was mich faszinierte – brillantes cineastisches Know-how als Ausgangspunkt, auf dessen Grundlage das filmische Instrumentarium unerschöpflich ausgeweitet und alle bekannten Regeln bei Bedarf gebrochen werden können.

Welche Filme haben Sie bisher realisiert?

Ich nehme hier Bezug auf Filme, die im Kino und Fernsehen und auch international gezeigt wurden. Mein bekanntester Film ist wohl „Venus Boyz“, eine filmische Reise durch das Universum von Weiblichkeit und Männlichkeit mit beeindruckenden und berührenden Protagonist*innen, die unser gewohntes binäres Geschlechterverständnis in Frage stellen, ja streckenweise aushebeln. Der Film entstand auf Grund jahrelanger Recherchen und eines Drehbuchs, gedreht in New York und London. Ausgehend von Drag King Performances tauchen wir in ein Reich oszillierender und existentieller Geschlechteridentitäten ein. Die Protagonist*innen sind Pionier*innen, exponieren sich, kämpfen gegen Diskriminierung, machen Mut. Die Finanzierung dieses Films war unsäglich, wir mussten jahrelang für das Thema und die hybride cineastische Form kämpfen. Ohne Finanzierung aus Deutschland, den USA und meinen Produktionspartner Kurt Mäder wäre der Film nicht zustande gekommen. An der Weltpremiere am Locarno Film Festival wurde „Venus Boyz“ ausgezeichnet, fand einen hervorragenden Weltvertrieb, wurde nach der erfolgreichen internationalen Premiere an der Berlinale an zahlreiche renommierte, internationale Filmfestivals eingeladen und kam in vielen europäischen Ländern sowie in den USA ins Kino. Der Film hat viel ausgelöst, wird auch heute noch weltweit gezeigt, wurde im englischen Sprachraum schon als bahnbrechend bezeichnet und ist in seinem Bereich ein Klassiker geworden.

Ganz anders ist der Film „Die Bettkönigin“. Eine hart arbeitende Frau mit Mann und Kindern bleibt einfach eines Tages im Bett. Ihre Rebellion ist still, doch konsequent. Während sie immer mehr aufblüht, geraten ihr Mann, ihre Familie und ihre Umwelt zuerst in Verzweiflung und dann in Rage. Wir zogen den Film mit bescheidenen Mitteln durch. Umso mehr hat mich gefreut, dass er dann in der Auswertungsphase das Herz von Jonas Mekas, dem „Godfather“ des Independent und Avantgarde Cinemas in den USA, eroberte. Ein weiterer Film ist „Cada Dia Historia“, ein Dokumentarfilm den ich mit meiner Kollegin Kristina Konrad – heute Weltfilm in Berlin – zusammen in den achtziger Jahren drehte und in dessen Mittelpunkt Frauen im revolutionären Nicaragua und an der Kriegsfront stehen, die unter Einsatz ihres Lebens für eine neue Gesellschaft kämpften. Wir haben diesen Film weitgehend durch die Arbeit als Kriegsfilmreporterinnen selbst finanziert und mit vollem Risiko produziert. Mein jüngster Kinofilm ist „Glow“, der am Zurich Film Festival 2017 Weltpremiere feierte, im Winter 2017/18 ins Kino kam, soeben in «3 Sat» ausgestrahlt wurde und seit kurzem auch als DVD sowie per Streaming erhältlich ist. Die Geschichte spielt in der pulsierenden Epoche Ende der sechziger bis Ende der achtziger Jahre und dreht sich um die Freundschaft von zwei charakterstarken und sehr unterschiedlichen Frauen. Muse, Model und Sexarbeiterin Irene Staub alias Lady Shiva wird von der Designerin Ursula Rodel entdeckt, die mit ihrer innovativen Mode und ihrem Design auch international im Film durchgestartet war, und unter anderem mit Catherine Deneuve befreundet ist. Irene und Ursula inspirierten sich gegenseitig und Ursula unterstützte Irene, der die Welt zu Füssen gelegen wäre. Doch Irene war eine Rebellin. Sie lebte auf der Überholspur und starb jung unter ungeklärten Umständen. Ihr grösster Traum war gewesen, Sängerin zu werden. „Glow“ zeigt rares Archivmaterial und wir erleben hautnah, wie Irene mit ihrer rauen, ungeschliffen fragilen Stimme zum ersten Mal mit einer Band singt, sich dieser Erfahrung schonungslos aussetzt.

Irene Staub, Foto von Hans Gissinger/Ursula Rodel @ Onix

Ihre Filme drehen sich um revolutionäre Kämpferinnen, aussergewöhnliche Rebellinnen, Innovatorinnen oder, wie in «Venus Boyz», um Pioniere. Warum machen Sie diese Charaktere zum Thema?

Früher habe ich oft darüber sinniert, wie es wäre, wenn wir beispielsweise alle grüne Brillen aufhätten, ohne dass wir davon wissen. Und was wäre, wenn wir eines Tages die Welt plötzlich ohne diesen Filter sehen könnten, in ganz neuen Farben und Dimensionen. Gibt es Spannenderes als die Welt immer wieder neu zu entdecken und Menschen, die das tatsächlich riskieren und leben? Wir stehen erst am Anfang dessen, was als Potential in uns schlummert. Das zieht mich geradezu an, in allen Facetten. Vice versa kommen diese Menschen und Themen sozusagen immer wieder auf mich zu. Und es packt mich ganz besonders, wenn Menschen oft unter Einsatz all ihrer Mittel und ihrer gesellschaftlichen Position, manche auch ihres Lebens, für eine Vision einstehen, partout eine verrückte Idee umsetzen wollen. So begann das Fliegen! Oder gegen Diskriminierung und Repression rebellieren und sich für eine egalitärere, inklusivere Welt einsetzen. Natürlich geht das mit kritischer Distanz einher, der Fortschrittswahn kann Alpträume wahr werden lassen. Das Altbekannte kann durchaus lebenswürdiger und spannender sein als das Neue.

Ihre Werke sind alle mit hohem Risikoeinsatz und innovativer Umsetzung entstanden. Sie überschreiten dabei Konventionen, Grenzen und Normen. Welche Botschaften möchten Sie mit Ihren Filmen aussenden?

Film ist ein grossartiges Medium. Es erlaubt Raum und Zeit, Gefühle und Gedanken ganz neu zusammenzufügen, durch Bild, Ton, Musik, Sprache, Montage. Hybride cineastische Formen sowie Gender und Diversität waren von Anfang an Teil meiner Arbeit. Das Medium selbst hat mich herausgefordert, das ist für mich sicher eine elementare Dimension. Meine Filme enthalten jedoch keine klaren Botschaften, das könnte ich gar nicht, ich habe ja mehr Fragen als Antworten. Wenn schon, möchte ich anstossen, berühren, inspirieren, ermutigen, mit Humor Tränen trocknen, selbstverständlich auch provozieren – etwas weitergeben, Türen zu neuen Räumen, Landschaften und sich selbst öffnen. Wenn wir Menschen sehen, die couragiert durch solche Türen vorangehen, kann das ermutigen. Grenzauslotungen sind in unserer Zeit eine Notwendigkeit. Wir haben die Möglichkeit, Gegenwart und Zukunft mitzugestalten, und es braucht uns Frauen in Kombination mit weltoffenen Menschen aller Geschlechter wie nie zuvor.


Ursula Rodel/Irene Staub, Foto von Roswitha Hecke @ Onix

Weibliche Filmschaffende sind in der Filmbranche bis heute unterrepräsentiert. Sie setzen sich schon seit Jahrzehnten in der Schweiz und auch international für die Geschlechtergleichstellung ein. Wie können Sie mit Ihrem Schaffen für mehr Diversität in der Branche sorgen?

Primär am besten mit dem eigenen Filmschaffen, aber die Filme müssen ja auch finanziert werden. Ich habe früh begonnen, mich für die Geschlechtergleichstellung und Diversität einzusetzen, weil ich die konfrontative bis subtile Ungleichbehandlung einfach satt hatte, nicht nur von mir selbst, von Kolleg*innen und vielen Frauen in unserer Gesellschaft, auch von unseren Filmprojekten. So begann ich, einzugreifen wo ich eine Chance sah. Beim Drehen war das nie ein Problem und je schlimmer die Situation wird, desto ruhiger werde ich, aber in der Politik? Als Vizepräsidentin des europäischen Regieverbands FERA, der über 30 Länder und um die 20’000 Filmschaffende vertritt, erhielt ich ab 2010 plötzlich neue Möglichkeiten und kam in Kontakt mit brillanten Kolleginnen aus anderen europäischen Ländern, die sich gerade neu aufstellten. FERA lancierte in Kooperation mit dem European Women’s Audiovisual Network EWA und weiteren europäischen Berufsverbänden sowie dem European Audiovisual Observatory eine europäische Datenerhebung zum Anteil weiblicher Filmschaffenden in Europa. 2014 wurde diese Studie in Cannes vorgestellt, der durchschnittliche Anteil der Filme von Regisseurinnen war 11 bis 17 Prozent. Dieses Resultat war unerwartet niedrig und rief ein grosses Echo hervor, einen Call-to-Action, der in der Schweiz aufgenommen wurde. Auf Anstoss des Berufsverbandes Filmregie und Drehbuch Schweiz ARF/FDS wurde eine Datenerhebung durchgeführt, die zeigte, dass bei uns ebenfalls grosser Handlungsbedarf bestand. Als Beispiel – von 55.3 Millionen investierten Filmfördergeldern im Zeitraum 2012 bis 2014 gingen gerade einmal 14.8 Millionen CHF an Projekte von Filmregisseurinnen, 40 Millionen weniger! Das schlug in der ganzen Filmbranche ein. Es wird immer wieder gerne vergessen, Frauen machen ja über 50 Prozent der Bevölkerung aus und sind keine Minderheit. 2016 gründeten wir SWAN, das Swiss Women’s Audiovisual Network und 2018 den Verein SWAN. Er hat inzwischen über 1600 Facebook Followers und gegen 200 aktive Mitglieder aus der ganzen Filmbranche. Neben meiner Arbeit als Regisseurin und Produzentin bin ich gemeinsam mit Stéphane Mitchell Co-Präsidentin von SWAN. Wir arbeiten mit der ganzen schweizerischen Filmindustrie und in einem tollen Team zusammen, das auch die verschiedenen Regionen der Schweiz repräsentiert. Datensammlung, Auswertung und sogenannte Best Practice sind Grundpfeiler unserer Tätigkeit, kulturelle Sensibilisierung und Karriereförderung weiblicher Filmschaffender verfolgen wir konkret mit professionellen Projekten, Netzwerkveranstaltungen und Panels. Wir streben Geschlechterparität und Diversität in einer Vielfalt filmischer Berufsbereiche an sowie mindestens 50 Prozent Anteil finanzieller Mittel und adäquate Visibilität für Filme von Regisseurinnen. Wir haben in der Schweiz schon einiges erfolgreich in Bewegung setzen können und sind auch international bestens vernetzt.
(mehr Informationen auf https://www.swanassociation.ch)


Über Gabriel Baur
Gabriel Baur gelangte über das Studium in Visual Arts, Schauspiel und Ethnologie zum Film. Nach ihrem Master of Arts mit einer Abschlussarbeit über Film an der Universität in Zürich besuchte sie die Filmschule an der New York University. Ihre Kenntnisse in Regie und Drehbuch vertiefte sie später bei renommierten Regisseuren, darunter bei Wojciech Marczewski, Krzysztof Kieslowski und Frank Daniel. Gabriel Baur ist Mitbegründerin der Onix Filmproduktion sowie Dozentin, unter anderem an der Zürcher Hochschule der Künste (2003-2010). Seit 2010 ist sie zudem Vizepräsidentin des Europäischen Regieverbandes FERA für den Schweizerischen Verband Drehbuch und Regie ARF/FDS. Darüber hinaus ist Gabriel Baur Mitglied der Schweizer Filmakademie und der Europäischen Filmakademie EFA.

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