Der Begriff Metaverse ist in aller Munde. Nur ein Hype oder doch ein bevorstehender, einschneidender Wandel? Wir haben bei Patrick Comboeuf, digitaler Vordenker und Studiengangsleiter an der HWZ, nachgefragt, was hinter dem Begriff steckt, wo und wie man sich bereits im Metaverse bewegen kann und was es mit der «Risk of Ignorance» auf sich hat.

WOMEN IN BUSINESS: Alle reden vom Metaverse. Was können wir uns darunter vorstellen?
Patrick Comboeuf: Seit Facebook seinen Namen in «Meta Platform Inc.» geändert hat, findet das Metaverse immer mehr Eingang ins allgemeine Bewusstsein. Dabei ist Metaverse kein neuer Begriff. Bereits Ende der 90er-Jahre erschien ein Science-Fiction-Roman, der sich mit einer virtuellen Parallelwelt auseinandersetzte. Dass der Begriff aber gerade jetzt boomt – sei dies bei den Big-Tech-Firmen wie auch in der breiten (Medien)-Öffentlichkeit – kommt nicht von Ungefähr. Es ist das Resultat verschiedener Faktoren, die aufeinander einzahlen. Darunter fällt zum einen der technologische Fortschritt, der die Verschmelzung verschiedener digitaler Ökosysteme, wie beispielsweise E-Commerce, Kryptowährungen und Virtual Reality, mit der realen Welt ermöglicht. Im Weiteren funktionieren durch die Pandemie hervorgerufene gesellschaftliche Umwälzungen und damit der digitale Lifestyle nicht schlechter als der analoge Pre-Covid-Status Quo. Das hat viele überrascht, am allermeisten wohl die Menschen an den Schalthebeln der unternehmerischen Macht. Zudem haben digitale Zahlungssysteme wie Twint über Nacht einen neuen Standard gesetzt. Und zu guter Letzt sind die Giganten aus dem Silicon Valley stets auf der Jagd nach dem «Next Big Thing». Ausgestattet mit reichlich (Risiko-)Kapital braut sich so wirkungsvoll ein Hype zusammen, der gerade am Anfang dazu neigt, etwas zu überborden, auch geschürt durch die Gier der Medien nach schmissigen Stories.

Wie unterscheidet sich das Metaverse vom Internet? Welchen Mehrwert bietet es?
Wenn wir das Internet als Universum betrachten, schafft das Metaverse eine übergeordnete Meta-Umgebung, in welcher viele dieser Universen miteinander interagieren. Das ist heute nicht der Fall. E-Commerce ist beispielsweise eine Plattformwelt, die von Alibaba oder Amazon dominiert wird, Gaming ist auf Xbox und Co. parallelisiert. Das Metaverse erlaubt es technologisch, diese teilweise organisch gewachsenen, teilweise bewusst als Geschäftsmodell hochgezogenen Grenzen zu durchstossen. Und das ist keinesfalls eine Utopie. In der analogen Welt geht das heute schon. Mein 7-jähriger Sohn hat keine Skrupel, mit seinem Lego-Technics Auto in sein Playmobil-Ritterschloss zu fahren. Und er wird dabei auch nicht aufgehalten von einem vermeintlichen Plattform-Giganten wie Playmobil, denn er bzw. ich haben ja für die Produkte und deren freie Verwendung bezahlt.

Kann man das Metaverse bzw. seine Entwicklung bereits irgendwo beobachten?
Es gibt bereits unzählige Plattformen, auf welchen man Metaverse-Erfahrungen machen kann – und zwar nicht nur mit klobigen VR Brillen oder anderen Gadgets. Sandbox ist ein dezentralisiertes Gaming-Metaverse, welches es technisch versierten Spieler:innen erlaubt, virtuelle Werte, sogenannte NFTs zu kreieren, zu handeln und zu monetarisieren. Decentraland ist eine weitere Plattform, welche eine virtuelle Welt abbildet. Man kann Land kaufen, bauen aber eben auch einfach umherwandern und sich inspirieren lassen, was andere Teilnehmende dort so machen. Und dann gibt es noch Axie Infinity, ein Spieluniversum, welches vor allem in Südostasien viele junge Nutzer:innen anzieht, weil sie damit in einem «Play-to-earn»-Modell tatsächlich Teile ihres Lebensunterhalts bestreiten können.

Für wen ist das Metaverse gedacht? Wie wahrscheinlich ist es, dass wir bald alle im Metaverse unterwegs sein werden?
Mein damaliger Arbeitgeber hat mir Anfang der 90er-Jahre ein Mobiltelefon zur Verfügung gestellt. In meinem Umfeld hatte fast niemand Verständnis dafür, dass ich dieses Gerät (auf Geheiss meines Chefs), mit mir rumgetragen habe. “Wer will denn immer erreichbar sein? Das ist doch unnötig.”, waren die harmloseren Kommentare. Auch meine Vision 2006 als damaliger Digitalchef bei der SBB, das Kursbuch und den Billettautomaten auf das Mobiltelefon zu bringen, wurde innerhalb des Unternehmens kritisch aufgenommen. Grosse Umwälzungen brauchen Zeit, in der Regel mehr, als ich und viele meiner Mitstreiter:innen der digitalen Avantgarde uns erhoffen würden. Aber wohl auch weniger lang, als sich Bedenkenträger, Status-Quo-Bewahrer und Verschwörungstheoretiker wünschen würden. Das Metaverse lädt, wie alle technologischen Entwicklungen, vor allem diejenigen Menschen zum Experimentieren und Lernen ein, die an einer Zukunft bauen wollen, welche noch viele Überraschungen bereithält.

Welche Chancen bietet das Metaverse? Sind auch potenzielle Gefahren damit verbunden?
Bei jedem technologischen Phänomen treten am Anfang viel Unwägbarkeiten auf. Dinge, die noch nicht klar sind. Doch gerade für eine kleine Volkswirtschaft wie die Schweiz, mit überschaubaren natürlichen Ressourcen, dafür mit einem berechenbaren Justiz- und Politsystem, einer gut ausgebildeten Bevölkerung und gut alimentierten öffentlichen Kassen, sehe ich in den Entwicklungen rund um das Metaverse eine Möglichkeit, den Abstand zu den Big Tech-Zentren nicht nur zu verringern, sondern da und dort sogar in den Lead zu gehen. Die wachsende Auswahl an Anwendungsfällen aus der Bauindustrie und dem Kunstmarkt zeigen, dass es sich lohnt, sich bereits jetzt aktiv mit den Auswirkungen von Metaverse und Co. auseinanderzusetzen. Gerade dann, wenn man RoI nicht per se als «Return on Investment», sondern smarter, als «Risk of Ignorance» versteht.

Über Patrick Comboeuf
Patrick Comboeuf ist einer der profiliertesten digitalen Vordenker der Schweiz. Mehrere Wochen im Jahr verbringt er im Silicon Valley und anderen Hotspots der digitalen Welt. Seit 2013 arbeitet er freiberuflich für das Institute for Digital Business & das Center for Financial Studies an der HWZ, u. a. als Studiengangsleiter den CAS Fintech & Blockchain Economy. Hauptberuflich unterstützt er als Interim Leader etablierte Unternehmen sowie aufstrebende Startups dabei, ihre Geschäftstätigkeit friktionsfrei in digitalen Ecosystemen zu verankern. Als langjähriger Digitalverantwortlicher bei den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) oder Swiss Life war er federführend für eine Vielzahl von Initiativen verantwortlich.

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