Meike-Cathérine Bambach
Prämierte Hoteldirektorin, Naturliebhaberin und Globetrotterin

Wir haben uns mit Meike-Cathérine Bambach über ihr Hotel «Paradies» in Ftan und nachhaltigen Tourismus unterhalten – und auch darüber, wie ihr aussergewöhnliches Club-Konzept den Nerv in der Corona-Zeit trifft.

Interview: Brigitte Selden | Fotos: Hotel Paradies, Ftan

Können Sie unserer WOMEN IN BUSINESS COMMUNITY etwas über Ihre beruflichen Stationen erzählen?

Schon als kleines Mädchen habe ich die Lust am Reisen entdeckt. Mein Vater war Journalist und Kommunikationsberater. Durch seinen Beruf waren wir als Kinder mit der Familie viel unterwegs und sehr mobil. Geprägt durch meine Kindheit habe ich nach dem Abitur eine klassische Hotelfachlehre gemacht. Das war für mich die ideale Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten. Nach der Ausbildung habe ich weltweit in verschiedenen Hotels unter anderem in den USA, Hongkong und Australien gearbeitet. Nach meiner Rückkehr nach Europa konnte ich dann mit 28 Jahren die Leitung von Schloss Elmau übernehmen. Als meine beiden Kinder auf die Welt gekommen sind, habe ich erst einmal vier Jahre pausiert und unter anderem als Journalistin für Magazine über Hotels geschrieben. Anschliessend war ich Vizedirektorin im Hotel «Louis C. Jacob», das dem Hamburger Unternehmer Horst Rahe gehört.

Wie kamen Sie in die Schweiz und zu Ihrer Position im «Paradies»?

2008, nachdem ich schon eine gewisse Zeit im «Louis C. Jacob» gearbeitet hatte, wollte ich mich nochmals beruflich verändern. Als Globetrotterin zog mich meine Reiselust weiter. Horst Rahe erfuhr von meinen Plänen, kam auf mich zu und bot mir die Leitung des «Paradies» an. Da er meinen Hang zum Nomadentum kannte, sagte er damals zu mir: «Machen Sie das doch einfach zwei Jahre, bringen das Haus in Schuss und bauen in der Zeit einen guten Nachfolger auf. Danach können Sie ja wieder weiterziehen.» Aus den zwei Jahren sind mittlerweile zwölf geworden. Und ich bin immer noch glücklich hier, genauso wie meine Kinder.

Wodurch zeichnet sich das «Paradies» aus?

Durch seine einzigartige Alleinlage am Rand eines typischen Bündner Bergdorfes, die private Atmosphäre des Hauses – einem ehemaligen Künstlerdomizil – und dass es eines der kleinsten Fünf-Sterne-Hotels ist. Es bietet im Rahmen eines privaten Member Clubs einen professionellen Servicestandard, der ganz individuell auf die Bedürfnisse der Gäste abgestimmt ist.

Und mit welchem Angebot hebt sich Ihr Haus von anderen Hotels ab?

Unser Ziel war, mit dem «Paradies» einen besonderen Rückzugsort im Unterengadin zu etablieren, als Hideaway für Geniesser, fernab der üblichen Touristenströme. Abgeleitet aus den Bedürfnissen unserer Gäste, haben wir mit dem Club Privé «Il Paradies» ein völlig neues touristisches Konzept entwickelt, mit dem wir 2017 gestartet sind. Unser Konzept ist dabei nicht vergleichbar mit den typischen Hotel-Clubs oder, auf gehobenerem Niveau, mit einem Robinson-Club. Die Idee dahinter ist vielmehr ein Memberclub, wie man ihn aus dem angelsächsischen Raum her kennt. Wir sind das erste 5-Sterne-Haus im deutschsprachigen Europa, das seine Dienstleistung innerhalb eines «All Inclusive Pakets» anbietet. Das ermöglicht ein Urlaubsangebot, welches ganz individuell auf die Bedürfnisse des einzelnen Gastes abgestimmt ist, und bietet ein hohes Mass an Komfort für den Gast, der sich um nichts kümmern muss. Unsere Mitgliederzahl ist auf 400 Mitgliedschaften beschränkt. Angesprochen werden mit unserem Konzept Menschen, die in den Ferien ein Zweites Zuhause mit persönlicher Atmosphäre suchen – unkompliziert geniessen möchten, ohne die Verpflichtung einer Ferienwohnung. Weil der Club-Gedanke den Leuten aber noch nicht sehr vertraut ist, gibt es zurzeit immer noch grossen Erklärungsbedarf. Wir müssen die Leute ermutigen, es auszuprobieren und zu erleben. Aber wer einmal hier war, der ist begeistert.

Nach den langen Wochen des Lockdowns stellt der Tourismus in der Schweiz vor grossen Herausforderungen. Welche Auswirkungen hatte diese Zeit für Ihr Hotel?

Wir haben durch die Krise natürlich, wie alle Hotels im Engadin, gelitten. Unsere Gäste aus dem nahen Ausland durften ja nicht reisen und zu uns kommen. Zudem stelle ich fest, dass die Menschen aufgrund der Situation und dem was passiert ist, auch jetzt noch sehr vorsichtig und verunsichert sind. Ein Trend zu mehr Anfragen ist aber klar erkennbar.

Haben Sie aufgrund der Coronakrise neue Strategien entwickelt und Ihr Konzept angepasst?

Nein, im Gegenteil. Gewisse Umstände haben uns allerdings auch schon vor der Krise in die Karten gespielt. Insofern greift unser Memberclub-Konzept sehr gut. Denn unabhängig von Corona gab es generell schon seit längerem eine durch den Overtourism ausgelöste Entwicklung. Die Menschen suchen verstärkt Orte, wo der Faktor der Isolation ein Gewinn ist. Sie schätzen es plötzlich sehr, allein zu sein. Wir haben deshalb auch für unser Hotel einen Slogan entwickelt, der lautet: «The privilege of splendid isolation». Ein Begriff, der eigentlich negativ geprägt ist. Aber so für sich sein zu können, ist jetzt plötzlich grosses Privileg. Das ist etwas, wonach die Menschen heute suchen. Sie wollen keine Menschenmassen mehr um sich, wie auf der Spanischen Treppe in Rom oder dem Markusplatz in Venedig. Orte wie diese kann man heutzutage während der Ferienzeit eigentlich gar nicht mehr erleben. Dieses Phänomen war absehbar.

Dann treffen Sie mit Ihrem Club-Konzept sozusagen den Nerv der Zeit?

Ja, das ist so. Ich stelle fest, dass unsere Gäste das Thema Luxus mittlerweile für sich ganz neu definieren, nämlich über Entspannung, Wohlergehen und Gemütspflege. Was den Frieden angeht, die Gemütlichkeit, das saubere Wasser, die klare Luft und die unberührte Natur, ist ein Ort wie das «Paradies» heute einfach unbezahlbar. Hier zu sein, tut einfach gut. Dieses Bedürfnis wurde durch die Coronakrise sicher noch zusätzlich beschleunigt und intensiviert. In den Auszeiten, die sich unsere Gäste im «Paradies» nehmen, müssen sie sich keine Gedanken über irgendeine Planung machen. Als Clubmitglieder können sie einfach, ohne aufwendig packen zu müssen, spontan losfahren, um dann kurze Zeit später auf der Wiese zu sitzen, die Füsse im Bach zu halten und einfach Natur und Frieden zu geniessen. Gepäck, Bergschuhe, Skier oder anderes Material kann man bei uns deponieren. Auch der Wäscheservice ist ebenso inklusive wie die Konsumation, Chauffeur-Service und sämtliche Aktivitäten, wie Sport, Golfen oder Kulturanlässe. Unsere Gäste kommen an und müssen sich um nichts kümmern. Das bietet einen unheimlichen Erholungswert.
Mit unserem Club-Konzept treffen wir aber auch noch einen ganz anderen Nerv in der Corona-Zeit, nämlich das Tracking. Bei uns im «Paradies» gibt es keine grossen Reisegruppen und Menschenmassen von ausserhalb. Durch unsere festen Mitglieder wissen wir immer, wer hier war. Wenn etwas passieren würde, könnten wir ganz genau zurückverfolgen, wer mit wem Kontakt hatte und zusammen war. Das gibt unseren Gästen eine zusätzliche Sicherheit, die für das Wohlbefinden ebenso wichtig ist.

Nachhaltiger Tourismus ist in der Schweiz zunehmend gefragt. Welche Bedeutung hat dieser Aspekt für Sie?

Nachhaltigkeit ist ein zentraler Aspekt. So ist unser Konzept beispielsweise eine nachhaltige Alternative zu Ferienwohnungen. Im Engadin stehen, wie in anderen Bergregionen, viele Ferienwohnungen die meiste Zeit des Jahres leer. Das ist nicht nur bei den Einwohnern zunehmend unbeliebt, sondern auch ein grosses Problem. Denn die ganze Infrastruktur muss für diese leerstehenden Wohnungen aufrechterhalten werden. Daneben gibt es im Hotelbetrieb aber auch noch viele andere Dinge, mit denen man die regionale Nachhaltigkeit unterstützen kann. Zum Beispiel werden die Wiesen hinter dem Haus seit 40 Jahren nicht mehr gedüngt. Dadurch können wir unseren Salat direkt von der Wiese ernten. Auch das Mineralwasser in Flaschen haben wir abgeschafft und bieten nur noch Hahnenwasser an, weil das Wasser hier so gut ist. Nachhaltig bedeutet für mich auch, mengenmässig so zu kochen, dass man kein Essen wegwirft. Unsere Menükarte haben wir deshalb angepasst und bieten alles in verschiedenen Portionsgrössen an. Damit der Gast wählen kann, wieviel er essen möchte. Dass fast alle unsere Lebensmittel aus der Region stammen, ist für uns selbstredend. Damit ist nicht nur alles frisch, meistens Bio, sondern es entfallen auch lange Lieferwege. Und auch die Schafsfelle für die Terrasse stammen von einheimischen Schafen und nicht aus Neuseeland. Das ist zwar etwas teurer und ist pflegeintensiver, aber wenn man im Engadin lebt – und in Ftan gibt es mehr Schafe als Einwohner – dann ist es für mich einfach undenkbar, neuseeländische Schafsfelle einzusetzen. Dies sind alles viele kleine Dinge, die für mich gelebte Nachhaltigkeit sind.


Über Meike-Cathérine Bambach
Ihre Karriere startete die gebürtige Norddeutsche mit einer Hotelfachlehre im «Brenner’s Park Hotel» in Baden-Baden. Nach der Ausbildung an der Cornell University in New York folgten Stationen in Hongkong, Australien und den USA. Als Vizedirektorin im Hamburger Hotel «Louis C. Jacob» lernte sie schliesslich Horst Rahe kennen, den Unternehmer und Besitzer, der ihr später die Leitung des kleinen, feinen Hideaways «Paradies» in Ftan im Unterengadin übertrug. Mit dem innovativen Memberclub-Konzept «Il Paradies» startete Meike-Cathérine Bambach ein Novum in der Schweizer Hotellerie, für das sie 2019 vom BILANZ-Hotelranking zur «Hotèliere des Jahres» gekürt wurde.
paradieshotel.ch

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