Sie ist hineingeboren in die Besitzerfamilie eines der besten Hotels der Welt, dem Baur au Lac in Zürich, und wird dereinst das Zepter von ihrem Vater, Andrea Kracht, übernehmen. Wir haben mit Marguita Kracht, 31, über die Freuden und Leiden einer Hotelerbin gesprochen, über den Seiltanz zwischen Tradition und Zeitgeist sowie über ihren selbstbestimmten Werdegang.

WOMEN IN BUSINESS: Frau Kracht, erstaunlicherweise waren Sie nicht an der Hotelfachschule in Lausanne (EHL), sondern haben einen anderen Weg eingeschlagen. Wie kams?

Marguita Kracht: Ich habe als Kind zwar nie im Hotel gelebt, habe aber viel Zeit im Hotel verbracht und war von klein auf damit vertraut. Zudem: Mein Vater war an der EHL und ich dachte, ich mache was anderes. Meine letzten Schuljahre habe ich in einem Internat in der Westschweiz absolviert zusammen mit jungen Leuten vornehmlich aus dem angelsächsischen Raum. Dort habe ich entschieden, in den USA Wirtschaft zu studieren. Ich habe mich an der Boston University beworben und wurde dort angenommen.

Ihre Eltern liessen Sie einfach ziehen? 
Absolut, der Entscheid war ganz in ihrem Sinn. Sie haben mich stets ermutigt, zu reisen, die Welt zu entdecken und verschiedene Kulturen zu erleben. Als Unternehmen sind wir auch schlussendlich international unterwegs, von den Gästen bis zum Personal.

Und Ihre Motivation?
Ein anderer Blickwinkel, um mein Bild zu vervollständigen. Ich bin deshalb auch nicht direkt nach der Universität in die Hotellerie, sondern habe in New York bei Moët Hennessy als Praktikantin angefangen.

Warum?
Es hat mich interessiert. Wir haben hier ja auch den Weinhandel Baur au Lac Vins, der genauso zu unserem Unternehmen gehört wie das Hotel. Es war eine grossartige Gelegenheit, Erfahrungen im Bereich von Marketing und Kommunikation zu sammeln, für den das französische Luxuskonzern LVMH, zu dem Moët Hennessy gehört, so bekannt ist. Sie betreiben Marketing und Kommunikation auf höchstem Niveau. Es war dann auch eine lustige, was sage ich da, eine intensive Zeit.

Erzählen Sie!
Ich habe dort kurz nach meinem 21. Geburtstag angefangen, war die Jüngste im Verkaufsteam und lernte mit sehr verschiedenen Gegenübern zu kommunizieren. Wir sind im Nordosten der USA oft auf Verkaufsreisen gegangen, haben mit unserem Champagnerportfolio Restaurants, Hotels und auch Privatkunden besucht.

Was war die Herausforderung für Sie?
Wenn Amerikaner etwas verkaufen wollen, sind Sie sehr extrovertiert, während wir hier in der Schweiz eher den zurückhaltenden Auftritt pflegen. Wenn man dort Erfolg haben will, muss man aus sich herauskommen, selbstbewusst auftreten. Das war eine anspruchsvolle Übung für mich.

Was haben Sie davon behalten?
Ich habe vor allem sehr viele Einblicke bekommen in Aspekte, die
dannzumal in der Schweiz noch nicht so aktuell waren, wie professionelles
Corporate Marketing, bei dem alles konsistent ist und sich wie ein roter Faden durch das ganze Unternehmen zieht. Seit ich nun hier im Baur au Lac angefangen habe, sind wir dabei, unsere Corporate Identity dahingehend neu zu denken.

Das heisst?
Wir haben das Archiv studiert und als Erstes unser Logo neugestaltet und auch unser Wappentier, den Löwen. Wir haben ein Jahr lang daran gearbeitet. Als nächsten Schritt werden wir nun Produkte neu labeln.

Macht das Spass?
Oh ja, es gibt keine Vorgaben von einem Corporate Office. Wir sind ein Familienunternehmen, sind dynamisch unterwegs und können rasch entscheiden. Zudem ist mein Vater ein offener Mensch und für Neues zu haben.

Was sind Ihre Ideen?
Ich werde oft gefragt, was ich anders machen will. Und ich antworte immer, dass Neues nichts Neues ist für uns, sondern Teil unserer DNA. Und Teil unseres Erfolges: Die Bedürfnisse der Gäste ändern sich laufend, und das darf man nicht verschlafen, sonst gilt man rasch als gestrig. Man muss sich immer wieder fragen, was fehlt, was könnte den Gästen morgen gefallen. Man darf nie zufrieden sein, wenn man an der Spitze bleiben will. In der Familie hatte bislang jeder seine persönliche Handschrift. Ich freue mich darauf, meine eigene Persönlichkeit und Handschrift zu hinterlassen.

Können Sie sich einbringen?
Ja, mein Vater erwartet das auch. Er sagt immer, wahrscheinlich werde ich ja von uns am längsten damit leben. Und von daher ist es ihm sehr wichtig, dass mir die Änderungen, die wir anstossen und realisieren, passen, weil ich darin wirken werde.

Ihre zentralen Themen aktuell?
Ein grosses Thema ist sicher, wie wir uns vermarkten. Wir haben viele Stammgäste, die uns schon sehr lange kennen, teils schon seit Generationen zu uns kommen. Das ist eine Seite. Die andere ist, wie wir uns in der Branche vermarkten, Stichwort: «War for Talents». Wie wir uns als Arbeitgeber positionieren und zeigen, wird dabei immer wichtiger. Man kann ein superschönes Produkt haben, am Ende des Tages kommen die Gäste zu uns, weil sie den Service schätzen und die Leute, die diesen leisten. In die Hardware zu investieren, ist wichtig. Sich um die Software zu kümmern, essenziell. In einem schönen Hotel gibt es nichts Schlimmeres als unpersönlichen Service. Mitarbeiter sind bei uns nicht einfach Personal, sondern ein wichtiger Teil der Atmosphäre.

Ins Hotel Ihrer Eltern einzusteigen: Wahl oder Pflicht?
Für mich war es eine einfache Wahl, denn ich empfinde es als grosses Glück, hier das weiterführen zu dürfen, was seit 178 Jahren von meiner Familie aufgebaut worden ist. Ich war ja nun lange weg, schätze es sehr, dass ich dazu die Gelegenheit hatte. Hier einzusteigen, hat sich für mich ganz natürlich ergeben: Mit jeder neuen Erfahrung erweiterte ich meine Ideensammlung für das Baur au Lac. Irgendwann entwickelte sich aus der Ansammlung all dieser Ideen ein immer grösser werdendes Verlangen diese auszuprobieren und umzusetzen – ein Verlangen, welches ich im letzten Jahr nicht mehr loswurde.

Auf Ihnen lastet ein grosser (Erwartungs-)Druck.
Ich denke, ein gewisser Druck ist notwendig und gesund. Den braucht es auch, um sich zu motivieren und kompetitiv zu bleiben, damit man überhaupt erfolgreich sein kann.

Worin besteht der Druck?
Das Hotel gehört uns nicht. Meine Vorfahren, mein Vater und ich sind nur die, die das Haus weiterreichen. Mein Ziel im Leben ist es, dafür zu sorgen, dass das Baur au Lac erfolgreich bleibt. Mein Vater hat in den letzten Jahren vieles für das Hotel gemacht und kann es in einem super Zustand überreichen. Das ist auch mein Ziel für die nächste Generation.

Ihr Nachfolger ist schon geboren.
Ja. Er heisst Andrea wie mein Vater und ist fünf Monate alt.

Wie ist es, mit dem Vater zu arbeiten?
Das habe ich mir kürzlich auch überlegt. Es ist interessant, wir sind eine andere Generation, er ein Mann, ich eine Frau. Wir machen gewisse Dinge zusammen, mal er mehr, mal ich mehr.

Immer einer Meinung?
Wir sind uns nicht immer einig, aber grossen Streit haben wir wenig. Haben wir verschiedene Vorstellungen, versuchen wir uns einander anzunähern. Wir können sehr gut kollaborativ arbeiten und verstehen uns auch sehr gut, weil wir recht ähnlich sind vom Wesen her.

Was sind die aktuell grössten Herausforderungen?
Der Umgang mit den ganzen Trends, von Digitalisierung bis Nachhaltigkeit. Wie damit umgehen? Was davon mitmachen? Einerseits dürfen wir nichts verschlafen, andererseits uns nicht verzetteln. Damit beschäftigen wir uns intensiv und suchen Lösungen, die für uns stimmen. Kleines Beispiel: der Zimmerschlüssel. Den hat bei uns immer der Concierge ausgehändigt. Persönlich – und mit der Chance, sich mit den Gästen auszutauschen. Dieser Touchpoint ist sehr wichtig, wird geschätzt. Als wir die Rezeption renoviert haben, haben wir uns dafür entschieden, das beizubehalten. Der physische Schlüssel selbst ist heute Hightech, aber er wird vom Concierge ausgehändigt und bei Verlassen des Hauses von ihm entgegengenommen. Wie eh und je, weil er zum Haus gehört, wie übrigens auch unser Kiosk. Auch den haben wir beim Umbau neu aufleben lassen, und werden künftig dort auch eigene Produkte verkaufen.

Wie, was?
Honig aus unserem Garten, zum Beispiel. Oder unsere 1844 Schokolade, die wir ausserhalb von Paris herstellen lassen. Aktuell bin ich daran, unser Merchandising-Angebot zu überarbeiten und zu erweitern.

Ist Ihr Vater hier im Hotel Ihr Vater oder Ihr Boss?
Mein Mentor. Er hat so viel Erfahrung und das Feingefühl für Menschen und Führung. Bevor ich hier eingestiegen bin, hatte ich immer wieder Ideen, habe ihm gesagt, warum machen wir das nicht, warum nicht jenes. Heute heisst es einfach: Machs!

Wird er Ihnen das Hotel je überlassen?
Das überlege ich mir nicht. Wir teilen eine Passion, das ist wunderschön.

Was haben Sie von ihm geerbt?
Das Feingefühl für Menschen. Das ist so wichtig in unserem Business, guter Kontakt zu Gästen, Mitarbeitern, Lieferanten. Und dann das Schätzen von Traditionen und ihrer Bedeutung für das
Ganze.

Sind Sie hier im Hotel Fille à Papa?
Wäre ich ein Fils, wäre es vielleicht schwieriger, weil man mich viel stärker mit meinem Vater vergleichen würde. Das ist nicht der Fall. Ich höre nur immer wieder, wir hätten eine ähnliche Art.

Stimmt?
Ja, ich denke schon. Vielleicht bin ich die feminine Version von
ihm.

Wie sind die Aufgaben hier im Hotel verteilt?
Das Tagesgeschäft wird von unserem Direktor geleitet, und wir halten uns da raus. Wir können uns nicht in Details vergraben, sonst verlieren wir die Flughöhe, die nötig ist, um die Übersicht zu behalten. Diese Aufteilung sichert strategisches Denken für die langfristige Zukunft.

Haben Sie dafür so etwas wie einen Glaubenssatz oder ein Leitmotiv?
Ja. Das Zitat der amerikanischen Schriftstellerin Maya Angelou. Sie sagte: «Menschen vergessen, was du gesagt oder was du getan hast. Aber sie vergessen nie, wie sie sich bei dir gefühlt haben». Ich lebe jeden Tag danach.

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Die nächste WOMEN IN BUSINESS Ausgabe wird am 5.09.2024 lanciert

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