Ferientrends verändern sich mit der Zeit. Die Corona-Krise hat die beiden Megatrends Nachhaltigkeit und Digitalisierung verstärkt und weist damit auch dem Schweizer Tourismus eine mögliche Richtung für die Zukunft. Gedanken der Tourismusunternehmerin Bettina Plattner Gerber.

Im April herrschte Panik in der Schweizer Hotellerie. Leere Auftragsbücher und drohende Konkurse. Nie mehr war es so drastisch seit dem Kriegsende vor 75 Jahren. Dann kam die schrittweise Aufhebung des Corona-Lockdowns im Mai und ein leiser Hoffnungsschimmer, dass es doch noch so etwas wie ein Sommergeschäft geben könnte. Es trat Bundesrat Ueli Maurer ans Rednerpult und startete einen flammenden Aufruf an alle Schweizer, ihre diesjährigen Ferien im Inland zu verbringen. Man erhörte ihn. Allein in der letzten Mai-Woche, als die Grenzöffnungen zu den Nachbarländern bereits beschlossen waren, wurden in Schweizer Hotels 40 Prozent mehr Neureservationen von inländischen Gästen registriert als in derselben Vorjahreswoche.

Ein Tropfen auf den heissen Stein eines komplett vergeigten Schweizer Tourismusjahres? Mit Einbussen müssen im Corona-Jahr 2020 wohl alle leben, vor allem aufgrund der abrupt beendeten Wintersaison und des schmerzhaften Ausfalls des Ostergeschäfts. Gleichwohl gilt es zu differenzieren. «Wir können nicht vom Schweizer Tourismus allgemein sprechen, denn die Situation ist in den Städten ganz anders als in den alpinen Destinationen», sagt Bettina Plattner Gerber. Die aus Zürich stammende Tourismusunternehmerin lebt seit 24 Jahren im Engadin, verfügt über jahrelange Führungserfahrung in der Hotellerie und entwickelt zusammen mit ihrem Ehemann mit der Plattner & Plattner AG seit bald zehn Jahren erfolgreich neue Ferienwohnungs- wie auch Hotelprojekte im Engadin. Während die vor allem auf internationale Gäste ausgerichtete Stadthotellerie in Zürich, Genf oder Luzern laut Plattner einen harten Sommer erleben werde, könnten alpine Gebiete mit einer traditionell starken Schweizer Stammkundschaft sogar zu den Gewinnern gehören.

Auch bei den Unterkunftsarten hat die Corona-Pandemie, deren Ende noch nicht absehbar ist, eine klare Polarisierung bei der Nachfrage ausgelöst. «Ferienwohnungen sind das Geschäftsmodell der Stunde, weil sie keine oder kaum öffentliche Gemeinschaftsräume haben, während in vielen Hotels die Gäste aufgrund der oft nicht einzuhaltenden Abstandsregeln eher zurückhaltend buchen», so Plattner. Rückmeldungen aus dem Markt bestätigen dies. Ferienwohnungsanbieter wie E-Domizil oder die Reka Feriendörfer vermeldeten schon Ende Mai praktisch vollbesetzte Anlagen für die heissen Sommerferienwochen, während die Hotels mit teils teuren Schutzkonzepten erst das Vertrauen der Gäste gewinnen müssen.

Neue Gästegruppen halten, schnell reagieren und improvisieren können

Doch was wird Corona dem Tourismus generell bringen? Wie wird die Pandemie das Angebot und Bewusstsein der Branche verändern? «In der Krise schlägt die Stunde der Qualität», bringt es Bettina Plattner Gerber auf den Punkt. Und damit meint sie vor allem die Qualität, welche ein Ferienaufenthalt in der unberührten Natur bieten kann. «Wir beobachten zurzeit im Engadin viele junge Leute, beim Flanieren in den Dörfern, beim Wandern, auf dem Bike und am See, die in normalen Jahren irgendwo in die Ferne reisen.» Dies sei für den Engadiner und gesamten Schweizer Tourismus eine enorme Chance, sein hochwertiges, naturnahes und erlebnisreiches Angebot nachhaltig einem neuen Zielpublikum zu präsentieren. «Corona hat uns die Möglichkeit eröffnet, die Bergregionen auch im April und Mai von ihrer schönsten Seite zu zeigen.» So könne die Krise vielleicht auch der Kick-off für eine belebtere Zwischensaison werden. «Corona gibt den Menschen einen neuen Blick auf die Heimat.» Jetzt sei es wichtig, die vielen neuen Gäste, welche dieses Jahr zwangsläufig Ferien in der Schweiz verbringen, zu begeistern und zu halten.

Die grösste unmittelbare Herausforderung für touristische Anbieter in der Schweiz sieht Bettina Plattner Gerber in Form einer Gratwanderung, mit dem neuen Alltag gut umzugehen und die Schutzkonzepte vernünftig umzusetzen. «Man muss einen goldenen Mittelweg finden zwischen

‹Ferien im Laboratorium› und Science-Fiction-Film einerseits und grobfahrlässiger Nachlässigkeit anderseits.» Bei einem Vergleich von verschiedenen touristischen Unternehmen oder ganzen Destinationen stellt die Expertin ganz unterschiedliche Handhabungen der Situation fest. Eine wichtige Fähigkeit müssten sich derweil alle touristischen Anbieter sofort aneignen: «Die Corona-Pandemie macht in unserem sowieso sehr volatilen Geschäft alles noch etwas weniger vorhersehbar. Eine schnelle Reaktions- und Improvisationsfähigkeit sind jetzt essenzielle Skills.»

«Third Place» – Ferien und Arbeit verschmelzen

Auch langfristige Trends, die sich der Schweizer Tourismus vor allem in alpinen und ländlichen Regionen zunutze machen könnte, werden durch den Corona-Ausnahmezustand noch einmal dynamisiert. An der Spitze stehen hierbei die Schlagworte «Nachhaltigkeit» und «Digitalisierung». Corona schiebe die Digitalisierungsoffensive zum einen im Geschäftstourismus enorm an. «Mit einem Schlag sind Videokonferenzen und Onlinemeetings überall salonfähig und machbar. Jegliche Gegenargumente sind vom Tisch gefegt. Dadurch eröffnen sich über Nacht neue Möglichkeiten, die ohne Covid-19 vielleicht noch Jahre gebraucht hätten», sagt Bettina Plattner Gerber.

Nachhaltiges Denken und Handeln würden durch Corona wahrscheinlich kurzfristig noch einmal gestärkt, so ihre Überzeugung. «Bioläden haben ihren Umsatz um 30 Prozent gesteigert, ein Bewusstsein für lokale Lebensmittel, lokales Einkaufen und allgemein klimafreundliches Verhalten ist deutlich spürbar.» Gleichwohl hat die Unternehmerin wenig Zweifel daran, dass die meisten Menschen mittel- und langfristig wieder reisen wollen und der internationale Tourismus auf Zeit wieder zur alten Form zurückfinde. «Trotzdem ist es natürlich wünschenswert, dass nachhaltiges Denken und Handeln im Tourismus auch langfristig an Bedeutung zulegen.»

Einen Megatrend macht die Wahlengadinerin auch in der digital bedingten Aufweichung der Grenzen zwischen Arbeitszeit, Freizeit und Ferien aus. «Die traditionelle Trennung von Zuhause und Arbeitsplatz, den sogenannten ‹First Places› und ‹Second Places›, verschmilzt in Kombination mit Ferien immer stärker zu neuen ‹Third Places», an welche man sich zurückziehen kann, um konzentriert zu arbeiten.» Für Bettina Plattner Gerber liegt hier eines der grössten Potenziale für viele Schweizer Destinationen. Gerade Bergregionen würden

sich als «Third Places» hervorragend eignen. «Sie bieten die ideale Kombination von Arbeit und Erholung für Firmen und Organisationen, Familien, Paare sowie Einzelpersonen und werden damit zum perfekten Rückzugs-, Inspirations- und Vernetzungsort.» Ausserdem biete ein solcher «Third Place» einen attraktiven Lebensraum und, ganz nebenbei, den direkten Zugang zu Bewegung, Tradition und Kultur.

Auf diese Gedanken baut Bettina Plattner Gerber in der Philosophie der Ferienwohnungsmarke «Alpinelodging», die sie gemeinsam mit ihrem Ehepartner in den letzten zehn Jahren aufgebaut hat. Die Marke setzt auf Innovation und ist permanent bestrebt, das Angebot den sich verändernden Bedürfnissen von Kunden und der Gesellschaft anzupassen. «Unsere Vision ist ein Engadin, das die Saisonalität dank Digitalisierung und der Entwicklung zum ‹Third Place› vollständig überwindet und so während zwölf Monaten im Jahr attraktiv ist für etliche Zielgruppen.» Mit dieser Vision bringt sie die hauptsächlichen Herausforderungen für den gesamten alpinen Schweizer Tourismus genau auf den Punkt. Corona könnte eine Initialzündung dafür sein.

Über Bettina Plattner-Gerber

Bettina Plattner-Gerber (55) lebt als Hotelière, Unternehmerin und Autorin seit 24 Jahren im Engadin. Nach der Hotelfachschule Lausanne, Lehrjahren in der Schweiz und den USA sowie Führungsaufgaben in den Hotels Saratz Pontresina und Castell Zuoz lancierte sie 2012 mit der Plattner & Plattner AG mit «Alpinelodging» ein neues Konzept für Ferienwohnungen – alles im Duo mit ihrem Mann Richard. Das nächste grosse Projekt ist das Hotel Post in Pontresina. Weiter präsidiert sie den VR des Hotels Krone La Punt, war als Verwaltungsrätin der Engadin St. Moritz Tourismus AG im Einsatz und ist Initiantin und Mitautorin der Bücher «Wenn Paare Unternehmen führen – Ein Handbuch» und «Engadin St. Moritz – Ein Tal schreibt Geschichten». Sie engagiert sich in verschiedenen Gremien, ist politisch tätig sowie Initiantin und Gründungspräsidentin des Business & Professional Women Club Engadin.

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