Anja Hochberg verwaltet bei der Zürcher Kantonalbank rund 40 Milliarden Schweizer Franken. Wo andere der Schwindel befällt, bewahrt sie ruhig Blut. Schliesslich hat sie schon einige Krisen gesehen, bewältigt und analysiert. Und sie weiss: Menschen sind wichtiger als Materielles.

Anja Hochberg empfängt im Büro mit riesigen Fensterfronten und einem tollen Ausblick ins Industriequartier rund um die Neue Hard im Zürcher Kreis 5. Ihr Chef, Iwan Deplazes, hat seinen Stuhl für einen Monat geräumt. Nun ist Hochberg die Anlagechefin der Zürcher Kantonalbank. Sie vertritt ihren Boss im Rahmen eines Programms zur Frauenförderung der ZKB: In diesem Jahr sind 150 Leitungspositionen ausgeschrieben, auf die sich Frauen bewerben können, um einen Monat auf dem Chef(innen)sessel zu sitzen. «Eine coole Sache», findet Anja Hochberg. Es symbolisiere in die Organisation hinein, dass Frauen Führungsrollen übernehmen können. Jede könne herausfinden, ob sie sich als Chefin eigne. Für sie halte sich die Herausforderung in Grenzen, fügt Hochberg ruhig an, sie habe ja schon Ähnliches gemacht. Manche Chefs begleiteten mehr, ihrer habe so viel zu tun, «dass er mich alleine rennen lässt. Da muss er halt mit den Entscheidungen leben, die ich treffe», erklärt sie und lacht.

Anja Hochberg ist mit ihrem 17-köpfigen Team für die Multi-Asset-Lösungen der ZKB zuständig. Diese Mischfonds im Umfang von 40 Milliarden Schweizer Franken sind das Kernangebot der ZKB. Rund ein Drittel davon entfällt aufs Vorsorgesparen (etwa mit frankly, siehe Box), zwei Drittel sind hochindividuelle Mischlösungen für institutionelle Anleger und sehr vermögende Privatpersonen. Das Kundenspektrum ist extrem breit – «jeder hat irgendwie mit uns zu tun».

WOMEN IN BUSINESS: Anja Hochberg, wir leben in unruhigen Zeiten. Wie beeinflusst die geopolitische Lage Ihre Arbeit?
Anja Hochberg
: Das treuhänderische Mandat sitzt uns fest auf den Schultern. In diesen Zeiten hilft uns unsere Erfahrung – wir haben im Team einen Schnitt von 18 Jahren Markterfahrung. Da haben wir schon einiges durchgemacht.

Und die Klimakatastrophe?
Wir nehmen sie als aktives Mandat war und haben als erste Schweizer Asset Manager die aktiv gemanagten Portfolios am Pariser Klimaabkommen ausgerichtet. Wir verwalten 200 Milliarden Schweizer Franken und sind in vielen Unternehmen Grossaktionäre. Im Jahr sitzen wir rund 300- bis 500-mal mit den Verwaltungsrätinnen und -räten oder dem Management von Schweizer und internationalen Firmen zusammen und diskutieren mit ihnen die Massnahmen zur Senkung des CO2-Ausstosses, eine unserer Bedingungen für Investitionen. Ein gutes Beispiel, das wir zusammen mit anderen Asset Managern gestemmt haben, ist Holcim, die ein extrem CO2-intensives Geschäft betreiben. Unser Engagement hinsichtlich CO2-Reduktionspfad hat unter anderem bewirkt, dass Holcim einen Bond zur Unternehmensfinanzierung begeben hat, der an CO2-Reduktionsziele gebunden ist. Hält das Unternehmen seine eigenen Ziele nicht ein, muss es höhere Zinsen zahlen, was sich aufs Geschäft auswirkt. Nachhaltigkeit ist ein zentraler Performancetreiber der Zukunft und fester Bestandteil unserer Investmentphilosophie. Möchte ein Anleger ein Sündenportfolio haben mit Kohle, Tabak, Splitterbomben, kann er das gerne woanders machen. Wir haben Ausschlusskriterien. Unternehmen, bei denen wir denken, ein Transformationsprozess könnte sich lohnen, begleiten wir. Deshalb halten wir ESG-Lösungen, die nur auf Ausschluss setzen, für nicht zielführend.

Es gibt mittlerweile viele Anlageprodukte, die «nachhaltig», «grün», sogar «dark green» sein sollen. Wie finde ich als Kundin heraus, was echt ist und was Greenwashing?
Ganz wichtig ist, dass jeder Nachhaltigkeit für sich definiert. Innerhalb der EU soll die Taxonomie dem Ganzen eine Struktur geben. Das hilft bei einer ersten Einsortierung. Darüber hinaus gibt es seit kurzem eine Selbstregulierung der Schweizer Asset Manager, die sich verpflichten, diese Mindestkriterien auch einzufordern. Für mich das Relevanteste: Transparenz. Was verspricht der Prospekt? Bei unseren Produkten weisen wir in einer Bewertungsskala den Grad der Nachhaltigkeit aus, von A bis G. Wir zeigen für unsere Fonds auch den CO2-Absenkungspfad auf. Auch wir unterscheiden zwischen hellgrün – Firmen, die auf dem Weg sind und die wir begleiten – und dunkelgrün, extrem nachhaltige Unternehmen. Es ist schwierig, Firmen zu finden, die durchwegs dunkelgrün sind. Vesta etwa, die Windräder produziert, ist eine Firma, wo das eindeutig ist. Nicht so eindeutig wäre eine Schuhproduktionsfirma, die sich entschieden hat, 30 Prozent ihrer Turnschuhe mit aus dem Meer abgefischtem Plastik herzustellen. Da muss man dann abwägen, ob das reicht für eine Aufnahme in ein streng nachhaltiges Universum. Wir analysieren jedes Unternehmen im Hinblick auf die verschiedenen Nachhaltigkeitsdimensionen und sind fest davon überzeugt, dass nachhaltig investieren nur aktiv geht.

Wieso gibt es keine Anlageprodukte, die explizit für Frauen sind?
Wir wollen unseren Investorinnen und Investoren ermöglichen, in den verschiedenen Schattierungen von Nachhaltigkeit zu investieren. Von «pinken» Produkten halten wir nichts, wir wollen unsere Anlagen nicht nur einer Zielgruppe zur Verfügung stellen. Wir wissen allerdings, dass Frauen tendenziell risikoärmer investieren, deshalb bieten wir die Strategien für verschiedene Risikoappetite an. Frauen sollen aber an allen Anlagen teilhaben können, vielleicht mit einer zusätzlichen Sicherheitsstufe, dafür etwas weniger Rendite. Das Problem ist ein anderes: Wie bringe ich Frauen dazu, zu investieren? Wie behalte ich sie bei der Stange? Welche Themen interessieren Frauen? Hier müssen wir stärker auf Investitionsinhalte fokussieren und nicht einfach klassisch auf die Rendite verweisen. Ein Vergleich zum Autokauf: Während sich Männer eher für PS und Drehzahl interessieren, wollen Frauen mehr über die Innenausstattung wissen, ob ein Kindersitz Platz hat, wohin der Kaffeebecher kommt. Das haben noch zu viele Banken und Asset Manager nicht auf dem Radar.

Investieren Frauen anders als Männer?
Auf den ersten Blick ja, sie sind risikoaverser und investieren defensiver. Vergleicht man aber Frauen und Männer mit demselben finanziellen Know-how, verhalten sie sich ähnlich. Die Tatsache, dass Frauen risikoaverser sind, wird oft dahingehend interpretiert, dass sie unsicher seien, weniger Know-how hätten. Die andere Interpretation wäre: Männer investieren trotzdem, obwohl sie keine Ahnung haben.

Sie empfehlen den Frauen, sich weiterzubilden. Konkrete Tipps?
Wichtig ist: Man muss keine Expertin auf dem Gebiet werden. Frauen sollen sich klarmachen, wieso sie investieren sollen, warum Investieren besser ist als Cash zu haben, besonders in Zeiten steigender Inflation. Es gibt enorm viele spannende Podcasts zum Thema, Onlineangebote, Frauenfinanzseminare, da erlangt man zum einen in einer verdaubaren Art und Weise das Wissen und man kann sich mit anderen Frauen zum Thema vernetzen. Das finde ich bei den Finanzevents für Frauen gut. Ein Buch bringt einen da nicht unbedingt weiter.

Gerade in der Altersvorsorge müssen Frauen aufholen. Da erstaunt es doch, dass sich trotzdem viele, auch jüngere Frauen, nicht genügend um ihre finanzielle Situation kümmern. Wie erklären Sie sich das?
Schaut man sich die Durchschnittsbiografie einer Frau an, ist es oft so, dass sie entweder relativ spät ins Arbeitsleben eintritt oder relativ lange draussen bleibt. Dann arbeitet sie auch noch Teilzeit und von dem, was sie verdient, bleibt ihr relativ wenig zum Sparen. Bei den Männern ist der Einstiegslohn höher und damit auch die Möglichkeit, zu investieren. Das ist für mich der Hauptgrund. Zum andern ist es für Männer normal, über das Thema nachzudenken. Frauen setzen oft andere Prioritäten. Für Männer ist Geld zum Teil auch ein Stammtischthema – schau mal, was ich Cooles gemacht habe! Keiner hausiert mit seinen Verlusten, aber sie beschäftigen sich mit dem Thema. Da muss ich mich als Frau dann selbst am Kragen nehmen, weil es wichtig ist für meine eigene Zukunft. Ich investiere in die Kinder, aber ich muss auch in meine Zukunft investieren. Viele Frauen gönnen sich zu wenig Ich-Zeit, das kenne ich selbst auch. Und zu dieser Ich-Zeit muss eben auch das Thema «Ich und meine Finanzen» gehören.

Sie bekleiden eine hohe Position in der Finanzwelt und sind noch immer ziemlich allein auf weiter Flur …
Es gibt zum Glück noch andere Frauen in vergleichbaren Positionen. Ich profitiere hier wohl von einer gewissen Presseresonanz aus früheren Rollen, aber es gibt immer mehr Frauen an der Spitze. Zum Beispiel Mirjam Staub-Bisang bei BlackRock, Charlotte Bänniger beim Fixed-Income Bereich von UBS Asset Management, Fiona Frick bei Unigestion, Nanette Hechler-Fayd’herbe bei der CS, Christel Rendu de Lint bei Vontobel. Wir tauschen uns regelmässig aus. Wir können zeigen, dass es möglich ist – und was ich ganz wichtig finde: Wir können auch zeigen, dass es Spass macht. Und dass es eine attraktive Aufgabe ist. Für mich die attraktivste Berufung, die es gibt.

Sie haben eine 16-jährige Tochter. Was raten Sie ihr?
Sie bekommt natürlich durch meinen Job viel mit. Mittlerweile interessiert sie sich auch fürs Anlegen, weil sie gemerkt hat, dass ein Teil ihrer Wünsche über ihr Taschengeld hinausgeht. Sie hat jetzt einen Fondssparplan, was ich allen Jugendlichen empfehlen würde. Wenn vom Taschengeld etwas übrigbleibt, kann man das einzahlen, sich selber Investitionsziele setzen. Mit dem derzeitigen Marktumfeld lernt sie nun auch, dass es Risiken gibt und nicht immer alles schön geradeaus läuft. Im Gymnasium hat sie eine Einführung in Wirtschaft und Recht, aber Finanzfragen werden nirgends thematisiert. In der Biologie erfahren wir, wie die Nierenkörperchen der Regenwürmer heissen und müssen das auch noch auswendig lernen. Wie relevant investieren, die eigenen Finanzen für das künftige Leben sind, erfahren die meisten erst dann, wenn sie das erste eigene Geld verdienen. Das Thema müsste auf allen Schulstufen vermittelt werden. Wenn es keinen Platz dafür hat im regulären Lehrplan, wieso nicht einmal eine Projektwoche zum Thema Finanzen anbieten?

Sie sind in der DDR aufgewachsen. Wie hat Sie das geprägt?
Meine 18 Jahre in der DDR haben mich geerdet. Ich weiss, womit man als Mensch auskommt, und ich weiss, was ich im Zweifelsfall nicht brauche. Das macht mich unabhängig, speziell in einer Branche, die stark von finanziellen Anreizen lebt. Ich nenne es unabhängig, man könnte auch sagen: nicht erpressbar. Was ich in der DDR auch gelernt habe: Beziehungen zu Menschen sind wichtiger als Materielles. Und dass es sich lohnt, Dinge zu hinterfragen, sich auch mal gegen etwas zu stellen. Was ich in der Wendezeit erlebt habe, hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, für etwas einzustehen. Und im Zweifelsfall auch dafür die Konsequenzen zu tragen. Die DDR-Zeit hat mir auch Flexibilität im Denken gebracht. Das hilft mir auch, wenn es um Investitionen geht. Wenn einer sagt, das hats noch nie gegeben, das wirds nie geben, dann sage ich: nein, alles kann passieren! Und die Selbstbestätigung: In der DDR ist alles zusammengebrochen, aber ich habs geschafft, etwas Neues aufzubauen. Viele Frauen leiden ja unter Selbstzweifeln, das hatte ich glücklicherweise in dieser Form nicht, weil ich mir immer sagen konnte: Du hast 1988 bei null angefangen. Ich hatte kein Geld. Ich kannte niemanden im Westen. Und ich habe es geschafft. Das gibt mir Bestätigung auch in schwierigen Zeiten. Viele Frauen haben enorme Erfolgserlebnisse in ihrem Leben, aber können das nicht in Kraft für ihre Zukunft umwandeln. Dabei lohnt es sich doch, innezuhalten und zu sagen, wow, das hab’ ich cool gemacht, und sich selbst ein bisschen zu zelebrieren! Und nicht Angst zu haben vor der nächsten schwierigen Situation. ★


 

Anja Hochberg
Anja Hochberg, geboren 1970, hat über 24 Jahre Erfahrung in der Vermögensverwaltung. Sie leitet seit Januar 2020 den Geschäftsbereich Multi Asset Solutions im Asset Management der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Mit ihren Teams verwaltet sie rund 40 Milliarden Schweizer Franken in Mischfondslösungen unter der Marke Swisscanto oder als Spezialmandate für institutionelle Anleger und hochvermögende Privatkunden. Vor ihrem Wechsel zur ZKB arbeitete sie viele Jahre bei der Credit Suisse, wo sie globale Führungspositionen bekleidete, etwa als Leiterin Volkswirtschaft, Chief Investment Officer und Leiterin Anlagelösungen. Hochberg promovierte an der Universität Wales und war dort vier Jahre lang Dozentin für Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Finanzmärkte. Sie studierte Wirtschaftsgeschichte und Volkswirtschaftslehre in Berlin und absolvierte erfolgreich ein Zusatzstudium am Collège d`Europe in Brügge. Die gebürtige Thüringerin, die 2001 in die Schweiz zog, ist verheiratet und Mutter einer Tochter. Sie engagiert sich als Beirätin der «Fondsfrauen», des grössten deutschsprachigen Frauen-Finanz-Netzwerks für Frauen im Asset Management.

frankly – die Dritte Säule in der Hosentasche
frankly ist die Vorsorge-App der Zürcher Kantonalbank. Sie wurde im März 2020 lanciert, um das Vorsorgesparen attraktiver und nahbarer zu machen. Als digitale Lösung angelegt, ist das Angebot niederschwellig und sehr einfach gestaltet. In zehn Minuten ist diese 3. Säule auf dem Handy eingerichtet. Je mehr Leute mit frankly sparen, desto geringer die Gebühren – derzeit betragen sie 0,45 Prozent. frankly ist zwar eine Lösung der Zürcher Kantonalbank, aber mittlerweile stammen immer mehr Kundinnen und Kunden von ausserhalb des Kantons Zürich. Das verwaltete Vermögen beträgt 1,3 Milliarden Schweizer Franken. Über 63 000 User nutzen die App für ihr Vorsorgesparen, 38 Prozent davon sind Frauen.

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Die nächste WOMEN IN BUSINESS Ausgabe wird am 5.09.2024 lanciert

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