«Ich will, dass wir dynamisch bleiben – wie die Kunst selbst»

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Die Magierin des Lichts

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Lucie Koldova ist Art-Direktorin bei Brokis, einem tschechischen Glasleuchtenhersteller. Mit ihren Entwürfen rückt die tschechische Produkt- und Möbeldesignerin die Tradition der böhmischen Glasbläserkunst in ein ganz neues Licht.

Lucie Koldova liebt Licht und den Werkstoff Glas. Ihre Arbeiten sind sinnlich und höchst poetisch, ihr Antrieb ist die Freude am Ausloten und Experimentieren. Die hochtalentierte 38-jährige tschechische Designerin ist seit 2014 Art-Direktorin des Familienunternehmens Brokis. Das Leuchtenunternehmen kann auf eine jahrhundertealte Tradition des Glasbläserhandwerks zurückblicken. 1997 kaufte Brokis-Gründer Jan Raball die mehr als eineinhalb Jahrhunderte alte Glashütte Janštejn, zu einer Zeit, als sich die Glasindustrie in einer tiefen Krise befand. 2006 gründete er die Marke Brokis. Lucie Koldova hat dabei ganz entscheidend zum Erfolg der Marke beigetragen. Und sie ist sehr stolz darauf, mit ihrer Arbeit auch einen Teil zur Fortführung der tschechischen Glasbläsertradition beizutragen. «Ich stamme aus einem Land, dessen Menschen dieses Material bereits im Blut haben», sagt Koldova.

WOMEN IN BUSINESS: Lucie Koldova, wo sind Sie aufgewachsen, und wie hat dies Ihre Arbeit beeinflusst?
Lucie Koldova: Ich bin im Norden Böhmens in der Tschechischen Republik aufgewachsen. Wir hatten einen Maler in unserer Familie, und ich fühlte mich zur Kunst hingezogen. Meine Eltern unterstützten mich, während ich mein kreatives Talent in verschiedenen Kunst- und Grafiktechniken auslebte. Später zog ich nach Prag, um an der Akademie der Künste, Architektur und Design zu studieren. Während des Studiums begriff ich, was uns so besonders macht. Langsam wurde ich vertraut mit der einzigartigen Tradition in der Glasherstellung und im Holzbiegen – die beiden Handwerke, die unser Designerbe ausmachen.

Was war damals Ihr Berufsziel?
Mein Ziel? Nun, ich wollte herausfinden, was es braucht, um ein Designer zu sein! Ich verliebte mich in Design und spürte, dass ich jemand bin, der vielseitig sein kann, wenn es um die Gestaltung geht. Ich hatte eine gute dreidimensionale Vorstellungskraft, arbeitete mit allen Arten von Materialien und hatte ständig neue Ideen… Als ich noch sehr jung war, war ich von Philippe Starcks Arbeit fasziniert. Er als Persönlichkeit war für mich im wahrsten Sinne des Wortes inspirierend.

Warum gingen Sie 2009 nach Paris?
Ich traf den israelischen Designer Arik Levy nach meinem Abschluss an der Akademie, und wir unterhielten uns lange. Ich bekam eine Einladung, in sein Studio in Paris zu kommen und mit ihm zu arbeiten. Das konnte ich nicht ausschlagen. Ich wusste, dass es eine tolle Gelegenheit war, um Praxis zu bekommen, um echte Erfahrungen zu sammeln. Und so habe ich mich für Paris entschieden. Das war eine gute Idee – Paris ist immer eine gute Wahl, eine wunderbare, aber auch schwierige Stadt. Meine Zeit dort gab mir einen sehr guten Start für meinen Weg.

Sie haben es mit Ihrem eigenen Atelier in Paris zu etwas gebracht, aber anfangs wollten Sie unbedingt nach London, oder?
Das Londoner Royal College of Art war immer ein Level, das ich erreichen wollte. Ich war verliebt in Londons inspirierende Kulturszene, in der ich eine Zeit lang eintauchen wollte. Zudem sprach ich sehr gut Englisch, was im Vergleich zu meinem
Französisch nicht zu vernachlässigen war. Alle Indizien wiesen mir den Weg nach London, doch schliesslich ging ich stattdessen nach Paris. Es war nicht einfach, aber lohnenswert. Paris wurde zu meiner geliebten «Stadt der Lichter».

Es gibt eindeutig einen Einfluss Ihrer Pariser Jahre auf Ihre Arbeit. Was schätzen Sie am französischen Stil?
Er ist vielleicht verträumter und skulpturaler, zumindest nach dem zu urteilen, was ich erlebt habe. Ich möchte nicht charakterisieren, ich bin kein Historiker. Ich bin eine Designerin, die versucht, zuzuhören und ein Konzept zu entwerfen, das für eine bestimmte Marke richtig ist. Sie haben dort nicht nur Lampen, sondern auch Möbel und Accessoires entworfen.

Was war Ihr erstes Möbelstück?
Eine extravagante Stuhlkollektion aus Metallblechen, noch eine Hochschularbeit, aber ich habe einen Preis dafür gewonnen. Und dann noch einen Arbeitstisch namens «Treasury table» mit durchsichtigem, mattem Glas für einen organisierten Chaos-Arbeitsstil.

Warum sind Sie dann wieder nach Tschechien zurückgekehrt?
In Paris ergab sich die Gelegenheit mit Brokis, einem tschechischen Unternehmen, zusammenzuarbeiten und meine Entwürfe umzusetzen. Es war 2012 ein logischer nächster Schritt. Ich wusste, mein Pariser Kapitel war vorbei. Ich hatte erreicht, wofür ich gekommen war. Aber ich wusste auch, dass ich jederzeit zurückkehren kann, wenn ich das Bedürfnis haben sollte. Europa ist so einfach zu erreichen von Prag aus.

Was schätzen Sie an der tschechischen Designszene?
Sie ist sehr jung, viel kleiner und freundlicher. Und sie hat sehr viel Energie und einen guten Vibe – viel künstlerischer als technisch. Die Designer sind sehr motiviert und wollen die Nase ganz vorne haben.

Ihre Liebe zum Detail bringt die Tschechin durch die Auswahl von edlen Materialien wie Holz, Messing und Kupfer und deren hochwertiger Verarbeitung zum Ausdruck. Licht und Glas vereinen sich in klaren Formen, sinnlich, aber ohne Anklänge von Nostalgie. Ihr erster Entwurf für Brokis, die Leuchte «Muffins» – entstanden 2010 in Koproduktion mit Dan Yeffet – ist heute eine der Ikonen des Labels: Meisterhaft wurden in dem Entwurf geformtes Glas und massives Holz kombiniert. Zur gleichen Zeit entstand die Leuchtenfamilie «Balloons», die in der Form einem grossen Heissluftballon nachempfunden ist. Die Leuchten der Designerin sind nicht leicht herzustellen, ganz im Gegenteil: Nur technisch besonders versierte Glasbläser sind in der Lage, die auffallend grossen Glasballons der «Muffins» zu realisieren.

Auch Arbeiten wie die Hängeleuchte «Capsula» von 2017 erfordern das ganze Know-how der böhmischen Glasexperten. Der Entwurf, wie alle Arbeiten aus mundgeblasenem Glas in Kleinserien hergestellt, erinnert in seiner Gestalt an Pflanzensamen: Den Kern bildet ein rohrförmiges LED-Leuchtmittel aus Triplexglas. Nicht zuletzt wegen ihres virtuosen Umgangs mit Glas wurde Koldova schon zum «Czech Designer of the Year» und zum «Elle Decoration Talent» gekürt. Auch mit ihrer Tischleuchte «Macaron» (2017) sorgte sie für Aufsehen. Auch hier setzte sie auf einen Materialmix. Die Leuchte zollt der Schönheit von kristallinem Gestein Tribut, indem sie es in zwei einander gegenüberliegenden Kuppeln aus filigranem, mundgeblasenem Glas zur Schau stellt. Koldova dachte dabei an französisches Meringue-Gebäck. Verborgen in einem eleganten Marmorfuss, wirft die Lichtquelle ihr Licht aufwärts auf die zentrale Onyx-Platte und lässt die darin enthaltenen geschwungenen Chalzedon-Adern erstrahlen. Natürliche Unregelmässigkeiten im Glas und die Vielfalt der Strukturen im Stein machen jede Leuchte zu einem einzigartigen Original.

Das Unternehmen Brokis setzt die lange Tradition der böhmischen Glaskunst fort. Wie sehen Sie die Zukunft?
Strahlend!

Wie beeinflusst die jahrhundertealte Glasbläsertradition Ihre Arbeit?
Sie ist mein Background. Wir sind das Königreich des Glases. Ich respektiere die Glasbläsertechniken, das endgültige Aussehen wirkt vielleicht traditionell und zeitlos, was aber richtig ist, weil die Formen und Techniken beibehalten und bis an die Grenzen getrieben werden. Vor einigen Jahren habe ich begonnen, überdimensionierte Glaskörper in Kombination mit anderen Materialien zu entwerfen. Viele andere Unternehmen ziehen nun nach.

Ihr erster Entwurf für Brokis, «Muffins», ist bereits heute eine Ikone des Labels. Was macht diese Leuchte so besonders?
Die Proportionen und die Masse des Glases, die schön mit dem Holz ausbalanciert sind. Basic und smart zugleich.

Was ist Ihre Leitlinie als Art Director bei Brokis?
Meine Aufgabe ist hauptsächlich der Designentwurf und die visuelle Identität von Brokis.

Was macht für Sie gutes Design aus?
Kommt drauf an. Manchmal eine gute Idee, manchmal eine neue Art der Materialverwendung, oder auch einfach ein starker visueller Ausdruck. Es muss meine Aufmerksamkeit und Begehren wecken. Sie arbeiten mit ganz unterschiedlichen Materialien in Ihren Entwürfen – mit Holz, Kupfer, Marmor oder auch Kork.

Aber Glas ist wohl ihr Lieblingsmaterial?
Ja, Glas ist mein Universum. Aber alle anderen Materialien sind auch sehr wichtig. Meine Vision für Brokis ist, Glas mit anderen Materialien zu kombinieren und dadurch eine völlig neue sinnliche Sprache zu entwickeln.

Wie schaffen Sie es, authentisch zu bleiben, sich nicht zu kopieren und Ihren eigenen Stil zu behalten?
Das ist tendenziell eine Herausforderung für jeden Designer in dieser globalen Welt, würde ich sagen. Ich habe meine eigene
Art zu denken, ganz in meinem eigenen Kontext, der einzigartig ist. Ich vertraue ganz auf meine Intuition. In ihrem Studio in Prag arbeitet sie mit einem kleinen Team. Sie will die Dinge selbst machen können, den Überblick haben und flexibel sein. Und selbst die Geburt ihrer beiden Kinder nahm die energiegeladene Koldova nicht als Anlass für eine Pause – im Gegenteil: «Mit der Mutterschaft entsteht eine neue Betrachtung im Leben einer Frau. Pure Instinkte und endlose Liebe», heisst es zur Kinderwiege «Nut», die
Lucie Koldova gestaltet hat. Der sanft geschwungene Entwurf ist inspiriert von der Form einer Nussschale. Weicher Stoff und glatte Linien vermitteln ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit, mit einem Touch Verspieltheit.

Welche Rolle spielt Licht in Ihrem Leben? 
Licht ist Teil meiner Identität. Es ist meine Leidenschaft und manchmal auch meine Obsession.

Sie haben einmal gesagt, dass die Arbeit mit Licht für Sie der Inbegriff von Freiheit ist. Was bedeutet das für den Designprozess?
Licht spielt mit Energie und Schwingungen. Es ist pure Spannung.

Wie man Licht inszeniert, demonstrierte Lucie Koldova auch 2018 an der Kölner Möbelmesse. Dort zeigte sie im Rahmen der experimentellen Reihe «Das Haus» ihre Vision vom Wohnen. Zentral dabei – ganz klar – war das Licht, in verschiedensten Formen und Programmierungen. «Hier spielt das Licht die Hauptrolle, die Möblierung komplettiert die Räume, und nicht umgekehrt», so Koldova. Ob Licht zum Entspannen, Licht zum Sichpflegen oder Licht für die kreative Arbeit – das Haus der Produktdesignerin brachte viele Facetten des Wohnens zum Strahlen. Ihr ging es dabei auch um die Energie, die mit dem Licht in unsere Wohnungen kommt. Gleich vier neue Entwürfe integrierte sie in ihr Projekt, darunter die Leuchte «Jack O’Lantern», bei der sich die Designerin von einer ausgehöhlten Kürbis-Laterne inspirieren liess.

Was ist der beste Teil Ihrer Arbeit?
Die Zeit, wenn sich das Design im Prozess der Prototypenerstellung befindet … der letzte Schliff. Wenn ich es nicht erwarten kann, den ersten Prototypen fertig zu sehen.

Wovon lassen Sie sich bei Ihrer Arbeit inspirieren?
Von Freude und Freiheit.

Wann sind Sie am kreativsten? Brauchen Sie dafür feste Rituale?
Ich schätze, ich habe unbewusste Rituale, auf jeden Fall ist mein Leben sehr dynamisch … es liegt noch viel vor mir in
meiner Arbeit, das werde ich herausfinden, wenn sich mein Leben ein wenig beruhigt hat.

Im März hat Brokis erstmals mobile und wiederaufladbare Leuchten vorgestellt, die sowohl im Innen- als auch im Aussenbereich eingesetzt werden können. So ergänzt die mobile Tischleuchte «Ivy» d ie b ereits u mfangreiche Ivy-Kollektion, die von der Natur und ihrer Schönheit inspiriert ist. So wie die Efeupflanze wächst, eine Hauswand hinauf rankt und dabei viele wunderbare Formen annimmt, bietet die Leuchte ein besonderes System modularer Komponenten. Die neue akkubetriebene Tischleuchte ist kleiner als die klassische Tischleuchte, wodurch sie leicht von einem Ort zum anderen transportiert werden kann. Ihr jüngstes Produkt sind mobile Leuchten.

Was reizt Sie an mobilen Objekten?
Tragbare Leuchten sind einfach zu installieren und zu transportieren, es hat natürlich seine Grenzen, aber es ist sehr nützlich, sie im Portfolio zu haben. Wir spürten eine Lücke, in der wir Lichtobjekte für Restaurantprojekte anbieten konnten.

Woran arbeiten Sie im Moment?
Überraschenderweise an einer neuen Kollektion von Leuchten. Ausserdem werden wir ein neu gestaltetes Restaurant für ein Kunsthotel in Čeladná, in der Tschechischen Republik, enthüllen. Das gesamte Interieur wird von meinem Studio zusammen mit Labor13 Architekten konzipiert.

 

Aktive Vorbildrolle

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Im vergangenen Oktober wurde sie zur neuen FMH-Präsidentin gewählt. Die Hausärztin und ehemalige Nationalrätin Yvonne Gilli ist die erste Frau an der Spitze des Ärztinnen- und Ärzteverbands.

Das gute Beispiel ist nicht eine Möglichkeit, andere Menschen zu beeinflussen, es ist die einzige», sagte einst der Arzt und Philosoph Albert Schweitzer. Yvonne Gilli unterstützt besagtes Zitat, indem sie bei öffentlichen Auftritten darauf hinweist, dass mehr Anwärterinnen in Führungsgremien berücksichtigt werden sollten, im Sinne der Diversität. Wenn eine Chance vorhanden sei, müssten die Frauen Mut zeigen und zupacken, sagt sie – obwohl sie neben ihrem Beruf als Allgemeinmedizinerin und im Anschluss an ihre Tätigkeit als Nationalrätin keine neue politische Aufgabe gesucht hat. Nun amtet Yvonne Gilli seit Februar dieses Jahres als Präsidentin der Ärzteverbindung FMH in einer Zeit, in der die Pandemie das Gesundheitssystem vor grosse Herausforderungen stellt. Die Krise habe sowohl Schwachstellen als auch Stärken akzentuiert, sagt sie. «Wir verfügen in der Schweiz über eine gute Akutversorgung, doch in Bezug auf das digitale Meldewesen ist Verbesserungspotenzial erkennbar. Telekonsultationen sollten vermehrt durchgeführt werden können, sofern diese sinnvoll und angebracht sind. Ebenso wird man sich mit dem Fachkräftemangel, der Feminisierung des Berufs sowie Ausbildungsfragen auseinandersetzen müssen.»

Yvonne Gill ist in einem eher bildungsfernen Haushalt aufgewachsen. «Meine Mutter musste stets zum Familienerwerb beitragen, was damals eher atypisch war.» Ihre Kindheit hat Yvonne Gilli insofern geprägt, als dass sie früh auf eigenen Beinen stehen und den bescheidenen ökonomischen Verhältnissen entfliehen wollte. Dies schien ihr am ehesten durch einen Zugang zu Bildung möglich zu sein, ein Vorhaben, das sie mit Beharrlichkeit verfolgt und umgesetzt hat.

WOMEN IN BUSINESS: Yvonne Gilli, Sie sind Hausärztin geworden, obwohl Ihre familiären Voraussetzungen für ein solches Studium nicht unbedingt gegeben waren. Wie ist Ihnen das gelungen?
Yvonne Gilli: Als Arbeitertochter musste ich mein Geld mehrheitlich selbst verdienen, was dazu geführt hat, dass ich zunächst eine Ausbildung als Pflegefachfrau absolviert habe. Auf dem zweiten Bildungsweg nahm ich die Matura in Angriff und schwankte längere Zeit zwischen einer Weiterbildung im Gesundheitsberuf sowie einem Medizin- oder einem anderen Hochschulstudium. Mein naturwissenschaftliches Interesse war stark ausgeprägt. Ich habe eine Bauchentscheidung gefällt und sozusagen einen inneren Kuhhandel mit mir selbst abgeschlossen mit folgendem Gedanken: Wenn ich die Prüfungen im ersten Medizinstudienjahr nicht auf Anhieb bestehe, werde ich an die ETH wechseln.

Sie haben in den frühen achtziger Jahren mit Ihrem Studium begonnen, als sich bereits mehr Frauen der Medizin zuwandten.
Das trifft zu, aber im Rahmen der Weiterbildung zum Facharzttitel sind bereits einige Kolleginnen ausgestiegen. Nach meinem Eintritt ins Berufsleben bewegte ich mich mehrheitlich in einer Männerwelt. Allerdings empfand ich diesen Umstand nicht als problematisch. Die Allgemeine In-nere Medizin ist eine Fachrichtung, die bei Frauen beliebt ist. Diese Spezialisierung lässt sich eher mit Beruf und Familie vereinbaren als eine chirurgische Tätigkeit. Für meinen Lebenspartner und mich war klar, dass beide einen Teil der Familienarbeit übernehmen, was mir ermöglichte, meine Weiterbildung in Ruhe zu absolvieren.

Stichwort Teilzeit: Neben der Lohngleichheit ist die Flexibilisierung der Arbeits- und Karrieremodelle zentral. Wie lässt sich dies realisieren?
Wir müssen verschiedene Optionen diskutieren, insbesondere, wenn wir die beruflichen Chancen der Frauen erhöhen wollen. Die Herausforderung lässt sich meistern, indem man die Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten in Teilzeit anerkennt, auch wenn es dadurch länger dauert bis zur Erlangung des Facharzttitels. Zudem müssen Kaderstellen im Jobsharing ermöglicht werden, ein Bedürfnis, das nicht nur Medizinerinnen, sondern auch männliche Berufskollegen haben.

Nicht wenige Medizinerinnen und Mediziner laufen Gefahr, in eine Erschöpfungsspirale zu geraten. Sind Teilzeitmodelle deshalb umso wichtiger?
Eine 100-Prozent-Stelle entspricht nicht einer 42-Stunden- Woche, denn manche arbeiten 65 Stunden und mehr. Es handelt sich um einen anstrengenden Beruf und um Menschen, die bereit sind, anderen zu helfen. Manche laufen Gefahr, über das Limit hinauszugehen. Darauf muss man in der Ausbildung bewusst hinweisen, um die Selbstreflexion zu fördern. Es gilt, die eigenen Ressourcen zu stärken und die Arbeitsbedingungen weiter zu verbessern.

Auch Ihre neue Tätigkeit ist mit Herausforderungen verbunden. Erstmals in der Geschichte wird Ihr Verband von einer Frau präsidiert. Ist das auch mit einem gewissen Erwartungsdruck verbunden?
Bislang nicht. Aber ich habe schon den Eindruck bekommen, dass man sich gesagt hat: «Jetzt schauen wir einmal, wie sie sich in ihrer Funktion bewährt.» In erster Linie habe ich mich darüber gefreut, dass eine Anwärterin an die Spitze gewählt worden ist. Es ist an der Zeit, dass mehr Frauen in der Medizin Kaderpositionen besetzen. In den letzten vier Jahren war ich das einzige weibliche Mitglied im FMH-Zentralvorstand, und mittlerweile sind wir schon zu zweit. In diesem Sinne wurde der Anteil erhöht, aber noch immer sind wir nicht zeitgemäss repräsentiert. Wenn ich als Frau eine Führungsposition übernehme, fühle ich mich auch verpflichtet, meine Geschlechtsgenossinnen zu fördern.

Weshalb hat es so lange gedauert, bis eine Frau in Ihrem Berufsverband berücksichtigt wurde?
Ich glaube, das ist ein allgemeines Problem in der Arbeitswelt – auch international gesehen. Frauen in Führungspositionen sind immer noch in der Minderheit und das hat mit historisch bedingten Rollenbildern zu tun. In vielen Entscheidungsgremien sind nur wenige Frauen vertreten, was sich auf die Selektionskriterien auswirkt. Es dauert noch, bis der Generationenwechsel hin zu einem feminisierten Beruf in den Führungsetagen definitiv angekommen ist.

Wie wurden Sie aufgenommen?
Ich bin als Quereinsteigerin bei der FMH gelandet. Dadurch, dass ich keine standespolitische Laufbahn geplant habe, sondern parteipolitisch unterwegs war, wurde ich erst nach Beendigung meiner Tätigkeit als Nationalrätin in die Entscheidungsgremien der FMH gewählt und bekam dabei zu hören: «Deine Bewerbung ist nicht allein dadurch gerechtfertigt, dass man dringend mehr Frauen benötigt.» Diese Aussage hat mich erstaunt, zumal ich früher nie eine Diskriminierung in Bezug auf die Geschlechterrollen erlebt habe und für mich die fachliche Qualifikation als selbstverständliche Voraussetzung galt. Mittlerweile gehören solche Bemerkungen glücklicherweise der Vergangenheit an.

Vor Ihrem Antritt als FMH-Präsidentin waren Sie als Zentralvorstandsmitglied der FMH für das Departement Digitalisierung verantwortlich. Inwiefern zeigt sich diesbezüglich der Geschlechterunterschied?
Innerhalb der FMH sind sämtliche Beteiligte der Meinung, dass die Digitalisierung unterstützt werden muss. Wie in anderen Bereichen ist auch in der Medizin noch zu wenig Bewusstsein vorhanden, dass die digitalen Werkzeuge in der Regel vorwiegend von Männern entwickelt werden und damit viele genderspezifischen Aspekte nicht berücksichtigt werden. Frauen und Männer reagieren beispielsweise unterschiedlich auf gewisse Medikamente und zeigen andere Symptome bei gleichen Krankheiten beispielsweise bei einem Herzinfarkt. Deshalb müssen auch digitale Hilfsmittel für die medizinische Versorgung entwickelt werden, welche beide Geschlechter berücksichtigen. Es gibt noch viel zu tun.

Welche weiteren Ziele möchten Sie als FMH-Präsidentin umsetzen?
Es müssen zeitgemässe berufliche Rahmenbedingungen für die gesamte Ärzteschaft geschaffen werden. Ein Beispiel: Auch Kaderpositionen bedingen Arbeitszeitmodelle, welche es ermöglichen, Familie und Beruf zu vereinen, zumal sich viele Frauen während der Karriereentwicklung von der Assistenz- zur Kaderärztin entscheiden, Kinder zu haben. Auch die junge männliche Generation legt mehr Gewicht auf ihre Vaterrolle. Es ist aber nicht nur die Familienzeit, sondern grundsätzlich die Balance zwischen Freizeit und Arbeit, welche Verbesserungspotenzial beinhaltet. Nicht lediglich die Frauenförderung steht im Fokus.

Braucht es ein besonderes Selbstbewusstsein, wenn man erste FMH-Präsidentin ist?
Ich denke nicht. Frauen und Männer reagieren jedoch oft unterschiedlich in Situationen, in denen sie der Konkurrenz ausgesetzt sind. So stelle ich auch bei mir fest, dass ich in einem ersten Reflex ein wenig an mir selbst zweifle oder mich zurücknehme, was einer typischen weiblichen Reaktion entspricht. Hin und wieder muss ich mir meine Erfahrung und meine Qualifikationen bewusst vergegenwärtigen, um nicht in ein traditionelles Rollenklischee hineinzurutschen.

Sie vertreten die Interessen von über 420 000 Ärztinnen und Ärzten. Führungspersonen können es nie allen recht machen. Vertragen Sie Kritik?
Wenn ich damit konfrontiert werde, bin ich mir bewusst, dass meist ein Körnchen Wahrheit darin steckt. Das bedeutet, Kritik regt mich zur Selbstreflexion an und zeigt mir Veränderungsmöglichkeiten auf. Wenn diese jedoch hinter meinem Rücken ausgesprochen wird, prüfe ich diese auf deren Gehalt und Wichtigkeit. Bewegt sich die kritische Bemerkung lediglich auf der Befindlichkeitsebene, ignoriere ich sie.

Zwischen 2007 und 2015 sassen Sie für die Grünen im Nationalrat. Inwiefern beeinflusst Sie dieser Erfahrungshintergrund in Ihrem aktuellen Alltag?
Ich verstehe mich als politische Person. Das heisst für mich nichts anderes, als die Möglichkeit zu haben, das Arbeitsumfeld und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mitzugestalten. Meine Erfahrungen als Nationalrätin bringen grosse Vorteile mit sich, was meine aktuelle Tätigkeit betrifft, weil ich die politischen Abläufe gut kenne. Als FMH-Präsidentin bringe ich die berufsspezifische Expertise ein – unabhängig von parteipolitischen Interessen.

Sie wehren sich dagegen, dass sich die FMH zu konkreten Umweltvorlagen äussert. Die Aussage
erstaunt, da Sie sich früher in Bundesbern dafür eingesetzt haben.
Ich anerkenne, dass der Klimawandel für die Gesundheit der Menschen von erheblicher Bedeutung ist, und mir ist bewusst, dass auch die Gesundheitsversorgung dazu gehört. Die Rolle der FMH ist jedoch nicht diejenige einer Umweltorganisation, sondern vielmehr besteht unsere Aufgabe darin, diesbezüglich eine medizinische Expertise einzubringen. Grundsätzlich vertrete ich die Haltung, dass sich der Verband diesbezüglich durchaus engagieren soll, wenn aufgezeigt aufgezeigt wird, inwiefern sich Umweltveränderungen konkret auch auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken.

Ihre Haltung ist nicht nur auf Wohlwollen gestossen. Wie gehen Sie mit Widerstand um?
Ich bin vielmehr gespannt, in welche Richtung sich die Diskussion bewegt. Die junge Ärzteschaft hat die FMH beauftragt, sich mit der Klimaveränderung auseinanderzusetzen. Wir werden deshalb ein strategisches Positionspapier erarbeiten, welches unseren Mitgliedorganisationen zur Abstimmung vorgelegt wird. Ein klimabewusstes Verhalten zeigt sich unter anderem in Form von betrieblichen Anpassungen, welche vom Papierverbrauch bis zur Gebäudenutzung reichen. Es gehört dazu, darüber nachzudenken, wie man eine Praxis im Hinblick auf die Klimaziele ökologischer gestalten kann und welche Arbeitsbedingungen benötigt werden. Als ehemalige grüne Politikerin ist mir bewusst, dass in dieser Hinsicht viele Erwartungen in mich gesetzt werden. Solange wir unseren medizinischen Auftrag ins Zentrum stellen, sehe ich aber keine Probleme, was klimapolitische Fragen betrifft.

Sie sind stets auf Trab. Finden Sie noch genügend Ruhe?
In der Natur tanke ich die nötige Energie, sei dies nun beim Wandern oder Bergsteigen. Oftmals sitze ich auch nur auf einer Wiese, lasse die Umgebung auf mich wirken oder geniesse einen gemütlichen Abend mit meiner Familie. Einer meiner Söhne ist von Beruf Agronom und lebt in Sambia. Kürzlich habe ich ihn dort besucht und viele Elefanten beobachten können. Nun habe ich das Buch «Frühstück mit Elefanten» gelesen, um meine Eindrücke noch etwas nachwirken zu lassen – ein Leseerlebnis der anderen Art – ganz abseits der Medizin.

 

Yvonne Gilli
Yvonne Gilli wurde am 7. März 1957 in Baar ZG geboren. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Pflegefachfrau und holte die Matura auf dem zweiten Bildungsweg nach. Parallel zu ihrem Medizinstudium bildete sie sich in klassischer Homöopathie und Traditioneller Chinesischer Medizin weiter. Ab 1996 arbeitete sie in ihrer eigenen Praxis als Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin mit den Schwerpunkten Komplementärmedizin und Gynäkologie. Sie ist zudem Mitglied der Grünen des Kantons St. Gallen und war als Gemeinde- und Kantonsrätin aktiv. Von 2007 bis 2015 sass sie im Nationalrat. Im Februar dieses Jahres übernahm sie das Präsidium der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH). Yvonne Gilli ist verheiratet, Mutter dreier erwachsener Söhne und lebt in Wil SG.

«Der stille Kampf der Gedanken»

Posted by corinne.broennimann

Ghazal Hakimifard liebt und übt das Schachspiel seit Kindesjahren. Im Interview spricht die Grossmeisterin der Frauen, die Mitglied im Damen-Nationalkader des Schweizerischen Schachbundes ist, über ihre Faszination und die Rolle der Frauen im Schachzirkus.

Nichts ist beim Schachspiel so gefragt wie der Geist: Es braucht Nervenstärke, Vorstellungskraft und Kreativität vereint. Die gebürtige Iranerin, Ghazal Hakimifard, nutzt diese Fähigkeiten auch beruflich: 2020 schloss sie ihren Master in Computer Science an der ETH Zürich ab und arbeitet seither als Software-Ingenieurin in Basel.

WOMEN IN BUSINESS: Wie Sind Sie zum Schachspiel gekommen?
Ghazal Hakimifard: In meiner Kindheit hatten wir zu Hause ein Schachbrett. Ich bat meine Eltern immer und immer wieder, mir zu zeigen, wie das Spiel funktioniert. Mein erstes wichtiges Turnier waren die iranischen Jugendschachmeisterschaften U10, die ich sogleich gewann. Spätestens da war klar, dass ich dem Schachspiel treu bleiben würde.

Was fasziniert Sie daran?
Es gibt ein Zitat des ehemaligen Schachweltmeisters Anatoly Karpov, das besagt: «Schach ist alles: Kunst, Wissenschaft und Sport.» Schach steckt voller Möglichkeiten und versteckter Ideen, jede Partie ist ein neues Rätsel, das es zu lösen gilt. Es ist ein stiller Kampf der Gedanken, der sich auf dem Brett spiegelt.

Was ist beim Schachspiel entscheidend, um erfolgreich zu sein?
Wissen, Techniken und Psychologie gehören zu den wichtigsten Faktoren im Schach. Es gilt die Vorstellungskraft und das strategische Denken zu schulen. Wichtig ist aber auch, Spitzenschachpartien zu analysieren, um das Verständnis der Schachpositionen zu fördern. Zu guter Letzt braucht es Spielpraxis: Das Gelernte umsetzen, Partien spielen und aus den Fehlern lernen – und dabei stets Nervenstärke und Belastbarkeit beweisen.

Das Schachspiel ist nach wie vor stark männerdominiert. Spüren Sie das als Spielerin, wie gehen Sie damit um?
Im Schweizerischen Schachverband beträgt das Verhältnis von registrierten männlichen und weiblichen Schachspielern 4942 zu 346. Schach wird also in der Tat von Männern dominiert, das bedeutet aber nicht, dass sie klüger wären als Frauen. Für die Differenz sind vielmehr soziale und kulturelle Gründe verantwortlich. Für mich persönlich spielt das Geschlecht des Gegners keine Rolle, denn der Erfolg ist letztlich eine Frage der Zeit und Übung und nicht des Geschlechts.

Wie könnte man aus Ihrer Sicht mehr junge Frauen zum Schachspiel motivieren?
Ich denke, dass Medien und Werbung einen grossen Beitrag leisten könnten. Es braucht Inspirationsquellen, wie beispielsweise die kürzlich erschienene Netflix-Serie «Queen‘s Gambit», welche die Attraktivität des Spiels aufzeigen und junge Menschen, vor allem Frauen, ansprechen können.

  Die Initiative She’s Mercedes steht für die Idee, dass Inspiration Aussergewöhnliches bewirken kann. Sie bietet Frauen in über 70 Ländern die Möglichkeit, in Kontakt zu kommen und sich gegenseitig zu stärken. In der Schweiz finden regelmässig Events zu den Themen Mind, Move, Body und Nutrition statt. Mehr zur Initiative, zum Magazin und zu den Events von She’s Mercedes in der Schweiz finden Sie im Newsletter mercedes-benz.ch/shesnewsletter-de sowie unter mercedes-benz.ch/shes.

«Die Gesellschaft braucht einen Ruck»

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Anmeldung Manufakturbesuch Carl F. Bucherer

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Die Manufaktur von Carl F. Bucherer befindet sich an der Gewerbestrasse 1, 2543 Lengnau.

«Als Galeristin möchte ich mit den Künstlern Kunstgeschichte schreiben»

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Eva Presenhuber ist promovierte Künstlerin und die Königsmacherin des internationalen Kunstmarkts. Als Mastermind auch der Art Basel beobachtet sie, dass der Einfluss von Sammlerinnen weltweit zunimmt. Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen mit männlicher Überheblichkeit und über das Interesse junger Künstlerinnen am nackten Frauenkörper.

WOMEN IN BUSINESS: Frau Presenhuber, Sie gehören zum kleinen Zirkel der weltweit massgebenden Galeristinnen. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?
Eva Presenhuber: Ich habe keines (lacht)! Ich habe einfach Lust und den Ehrgeiz, Künstlerkarrieren mitzugestalten. Das ist aber keine einfache Sache, ich glaube sogar, es ist einer der schwierigsten Berufe, Galerist zu sein.

Weshalb nehmen Sie die Schwierigkeiten auf sich, was treibt Sie an?
Ich möchte eine Galerie haben, die Bedeutung kreiert. Nur zu verkaufen, das befriedigt nicht. Natürlich ist der Verkauf das Wichtigste, aber man muss die richtigen Ideen und die interessantesten Künstlerposition zeigen, die später vielleicht auch noch historische Bedeutung haben werden. Als Galeristin möchte ich zusammen mit den Künstlern Kunstgeschichte schreiben.

Welchen Anteil hat Ihrer Erfahrung gemäss das Kunstschaffen von Künstlerinnen am Umsatz des Kunstmarktes insgesamt?
Bis in den siebziger Jahren war der Markt sehr männerdominant. Wenn man bedenkt, dass in der Schweiz erst 1971 das Stimm- und Wahlrecht eingeführt wurde, ist das natürlich auch ein Thema. Seit den achtziger Jahren ist die Position der Frauen sehr viel stärker geworden. Ich denke, dass der Anteil der Frauen inzwischen um die dreissig Prozent sein wird, wenn nicht noch mehr. Auch die Einstellung der Händler und Galeristen hat sich geändert, man schaut sich heute bewusst um, dass man Frauen in der Galerie hat.

Ist das auch eine Folge von # MeToo?
Umgekehrt. Diese Bewegung war möglich, weil das Selbstbewusstsein der Frauen gewachsen ist. MeToo war wichtig. Ich kenne natürlich auch sehr angenehme Männer, aber es gibt auch Arschlöcher. Man erinnert sich ja selber, wie man behandelt wurde oder immer noch behandelt wird, von älteren Männern … Es gibt Kollegen, und ich finde es unmöglich, die reden ständig doppelt so viel wie Frauen und wiederholen das, was man selber gesagt hat. Ich finde diese heterosexuelle massive Ladung schrecklich! Es ist zwar besser geworden, aber es muss noch sehr viel besser werden.

Sehen Sie einem Kunstwerk eigentlich an, ob es von einem Mann oder einer Frau gemacht ist?
Nur wenn es offensichtlich ist. Bei den Künstlerinnen, die ich zeige, würde ich das jedenfalls nicht sehen können. Wenn die junge Tschabalala Self aus Harlem Frauenkörper malt, kann man davon ausgehen, dass so kein Mann mehr malen wird. Ich bereite im Augenblick übrigens eine Gruppenausstellung vor mit ausschliesslich weiblichen Positionen.

Sie haben sich in den letzten Monaten mit den zeitgenössischen Frauenpositionen auseinandergesetzt. Hat Sie da eine Feststellung überrascht, die Ihnen so nicht bekannt war?
Überrascht nicht, aber aufgefallen ist mir: Die neue Generation von Frauen, die effizient an einem neuen Feminismus arbeiten, zeigt sehr viel Nacktheit und explizite Körperdarstellungen, Sexualorgane. Sie nehmen sich das Recht, das Bild der Frau und die eigene Sexualität zu okkupieren. Interessant ist aber: Wenn diese Frauen erfolgreich sind, ist ihr Selbstbewusstsein grösser als das erfolgreicher Männer. Und teilweise sind sie auch etwas komplizierter.

Sie vertreten in Ihrem Programm auch Schweizer Künstlerinnen?
Ich muss Ihnen sagen, ohne jammern zu wollen: Irgendwie kommuniziert sich das schlecht hier. Ich würde gerne jüngere Schweizer Künstlerinnen zeigen. Aber vielleicht bin ich zu alt, und die Jungen gehen lieber zu einer jüngeren Galerie.

Laut Statistiken sind Werke von Künstlerinnen vielfach Ladenhüter und werden auch von Galeristinnen seltener verkauft. Wieso?
Ich habe ja mit Schrecken festgestellt, dass wir zu wenig Frauen ausstellen. Von 42 Künstlern sind leider nur sechs Frauen. Aber immer wenn wir sie zeigen, haben wir überhaupt keine Verkaufsprobleme. Wie gesagt, es gibt einen Trend, Frauen zu zeigen; seit zehn Jahren besteht ein enormer Run auf Künstlerinnen.

Es scheint tatsächlich, dass Aufbruchsstimmung herrscht …
… die sieht man deutlich bei Biennalen, die Geschlechter sind hier fast ausgeglichen. Auch in den Museen und Institutionen gibt es den alten Geschlechterdünkel kaum mehr, was zählt, sind Kenntnisse und Professionalität. Zudem, es wäre ja auch mal schön, wenn das Kunsthaus Zürich eine Direktorin bekommen würde! (Anmerkung der Redaktion: Am 1. Juli wurde die Niederländerin Ann Demeester als erste Frau in der Geschichte des Museums auf den Direktorinnenstuhl gewählt.)

Wieso ist das so wichtig, was würde sich mit einer Frau an der Spitze ändern?
Es würde sehr stark die Sicht auf die Positionen der Frauen ändern. Und man nimmt ja doch an, dass das Kunsthaus dann auch den Künstlerinnen gerecht wird, die sich durchgerungen haben, Erfolg haben zu wollen.

Wie sieht die Position der Frau auf den neuen boomenden Kunstmärkten im asiatischen Raum aus?
Besonders im asiatischen Raum gibt es viele einflussreiche Sammlerinnen. Wir beobachten aber grundsätzlich, dass immer mehr Frauen selber einkaufen und nicht mehr für sich einkaufen lassen.

Haben denn Frauen einen anderen Fokus als Männer?
Nicht unbedingt, es ist logisch, dass auch sie das kaufen, was Erfolg hat. Sammlerinnen wie die polnische Unternehmerin Grażyna Kulczyk, die in Susch ein tolles Museum hat und ausschliesslich Künstlerinnen kauft, sind wahrscheinlich die Ausnahme. Leider bin ich mit ihr nicht im Geschäft, vielleicht ärgert sie sich ja, dass wir so wenige Frauen vertreten.

Ein Thema kann nicht unerwähnt bleiben, Corona. Welches sind und waren für Sie als Unternehmerin die grössten Herausforderungen in dieser Hinsicht?
Das ist der Umsatz, er sinkt natürlich. Der Einbruch beträgt rund 30 Prozent. Aber im Grunde genommen war das letzte Jahr kein so schlechtes. Dadurch, dass wir keine Messen gemacht haben und keine teuren Reisen und so weiter, haben wir sehr viel gespart. So haben wir das Jahr ganz gut über die Runden gebracht: Das, was wir gespart haben, haben wir halt auch nicht verdient. Sehr schlecht war allerdings, dass die Künstler nicht anreisen und ihre Ausstellungen nicht einrichten und eröffnen konnten. Wir konnten nicht reisen, die Sammler konnten nicht reisen, die Messen fanden nicht statt, das waren und sind unsere grössten Schwierigkeiten.

Die Lage der Künstler muss gleichfalls sehr anspruchsvoll gewesen sein, und sie ist es wohl immer noch …
Natürlich, diese Lockdowns immer wieder. Die Ausstellung wird zwar eröffnet, doch sogleich wieder geschlossen. Dass das für einen Künstler nicht lustig ist, der sich ein Jahr oder noch mehr für seine Ausstellung vorbereitet, ist klar. Die Ausstellung wird vielleicht gut verkauft oder sogar ganz verkauft, aber sie wird nicht gesehen. Und das ist für den Künstler sehr schmerzhaft. Und es schmerzt auch uns. Der Künstler ist eines der letzten Wesen, das für Humanität stehen sollte.

Wird das Wegbrechen der grossen internationalen Messen als Marktreiber des Kunstmarkts den Markt längerfristig beschädigt haben?
Mir scheint, alle leiden zwar, aber alle sind ja noch da. Sicher haben auch Galerien geschlossen, aber die hätten früher oder später wahrscheinlich sowieso schliessen müssen. Ich denke, durch die Corona-Einschränkungen hat man positiverweise wieder ein engeres Verhältnis zu den Ausstellungen in Galerien entwickelt.

Wie erklären Sie sich das?
Sehr viele Leute sahen oder sehen sich Kunst ja online an, und ich meine nicht die Online-Messen. Man kann Galerien-Ausstellungen auf dem Netz besuchen. Doch ich glaube, man schätzt jetzt wieder reale Ausstellungen mehr. Das ist ein Phänomen.
Wenn es so bleiben würde, würde es mich natürlich freuen. Vielleicht ist das Interesse an den Ausstellungen bei uns aber auch so gross, weil es noch immer wenige andere Veranstaltungen gibt. Es gibt noch keine Messen, doch es gibt uns. Und wer an Messen fährt oder an Biennalen, wendet dafür sehr viel Zeit und Energie auf. Und die widmet man jetzt eher uns.

Beobachten Sie, dass Galeristen, die sonst um den Globus jetten, jetzt vermehrt mit nationalen Kunden und Sammlern arbeiten?
Das ist durchaus so. Ich bin der Meinung, und viele Kollegen, egal, wo sie herkommen, sehen das auch so: Man hat sich in der Vergangenheit, in den letzten zehn Jahren, um den regionalen und den nationalen Markt viel zu wenig gekümmert. Man war ja ständig unterwegs. Wenn man Künstler vertritt, die sehr international bekannt sind, dann hat man hier einen Kunden und dort einen Kunden … Man will zwar möglichst viel im eigenen Land verkaufen, aber man hat sich teilweise um diese Interessenten zu wenig gekümmert. Wir haben einige Sammler auf dem heimatlichen Markt, aber wir könnten hier viel mehr haben. In den letzten Monaten haben wir uns um die Schweizer Kontakte, vor allem zu Museen und zu Kuratoren, etwas mehr bemüht als früher.

Man schätzt wert, was vor der Haustüre ist. Nicht nur die Galeristin, sondern offensichtlich auch der Kunde. Das ist etwas Positives.
Das ist sogar etwas sehr Positives! Man fühlt sich seit Corona und dem Versuch, sich national zu engagieren, auch wieder mehr mit dem Land verbunden. Lange hatte ich das Gefühl, dass es eigentlich egal ist, wo die Galerie steht, denn ich bin ja sowieso nur unterwegs. Man ist eine Schweizer Galerie, aber man ist, wie die Franzosen oder die Deutschen, ständig auf Reisen, und eigentlich ist man nur noch zum kurzen Ausruhen hier. Doch wenn man sich nicht sieht, kennt man sich auch nicht.

Könnte es sein, dass in kontaktarmen Zeiten, in denen man sich vor allem digital austauscht, die Kunst von der Krise profitiert? Man könnte sich ja beispielsweise vorstellen, dass jetzt wieder vermehrt die Aura des Originals und die Aura der Kunst überhaupt entdeckt und wertgeschätzt wird.
Das glaube ich auf jeden Fall! Ich denke, dass wir uns wieder bewusst machen müssen, welche Dinge bleiben. Was bleibt übrig von einer Zeit? Das war ja auch die grosse Diskussion um alle Lockdowns und die Bedeutung von Kunst und Kultur. Ich finde, man hätte die Museen und die Galerien sicher nicht schliessen müssen! Der Entscheid war sehr, sehr falsch! Die Leute, die im Land waren und ein Museum oder eine Galerie besuchen wollten, waren ja keine Massen.

Wie hat Ihr Publikum auf die Lockdowns reagiert?
Wir haben es so gemerkt: Immer wenn nicht geschlossen war, hatten wir sehr viel Besucher. Als wir im letzten Juni beispielsweise ein Weekend machten, kamen sehr viele Schweizer, nicht nur aus Zürich und der näheren Umgebung, sondern von überallher. Doch dann kam wieder ein Lockdown, und das war falsch: Die Museen und die Galerien können die Sicherheit des Publikums am allerbesten garantieren, bei uns steckt sich keiner an. Corona hat jedenfalls sicher dazu geführt, dass man seine eigenen Institutionen wieder reflektiert hat.

Wie wird es Ihrer Meinung nach auf den grossen Kunstmessen in Shanghai oder Hongkong weitergehen?
Soviel ich weiss, ist man dort bereits wieder am Werkeln. Und in Asien wird sicher gut verkauft, ich mache mir da keine Sorgen. In Shanghai und Hongkong braucht man die Europäer und die Amerikaner nicht, es gibt dort genügend Sammler. Sie haben ein eigenes System. In New York beispielsweise wird die Messe auch stattfinden, aber nur in einem geringen Umfang. Wir werden nicht dabei sein, wir können auf keine Messe gehen, wo man weiss, dass kein internationales  Publikum kommen kann. Wir haben beschlossen, dass wir dieses Jahr nur die Art Basel machen, wenn sie im September denn stattfindet. Alle anderen Messen lassen wir aus, die Gesundheitslage
ist mir noch immer zu gefährlich.

Fachleute meinen, dass die neuen dominanten Sammler der Zukunft weiblich sind, da sie in den letzten zwei Jahrzehnten wirtschaftlich unabhängiger und potenter geworden seien. Wird diese Entwicklung den Blick für die Wertschätzung von Künstlerinnen ändern?
Ich denke schon. Das wird einen positiven Einfluss haben. Frauen bringen einen anderen Drive in die Art des Sammelns. Und sie werden sich von vornherein sagen, dass sie mehr Künstlerinnen in ihrer Sammlung haben wollen, das ist ja natürlich. Darüber hinaus wird sich überhaupt sehr vieles grundsätzlich ändern: Die Rolle der Frau ist eine der tragenden Fragen, die jetzt geklärt werden müssen. Und das wird politisch einiges verändern: Ich finde ja, diese alten Männer müssen alle mal weg! Es müssen junge Frauen und junge Männer hin. Die Alten können konsultiert werden, aber sie sollen nicht mehr so viel Operatives leisten.

Eva Presenhuber: im Auge der Macht
Seit Eva Presenhuber 1989 als Pionierin der Zürcher Kunstszene ihre erste Galerie eröffnet hat, haben ihre Ausstellungen Museumsqualität. Die promovierte Künstlerin und heutige Kunsthändlerin und Galeristin zählt zu den internationalen Königsmacherinnen der Branche. Das Portefeuille der 60-jährigen Österreicherin ist exquisit. Nebst Peter Fischli und David Weiss zählen dazu Blue-Chip-Künstler wie Joe Bradley oder Trisha Donnelly und junge Akquisitionen wie Wyatt Kahn, Sam Falls, Josh Smith und vor allem Oscar Tuazon, die sie systematisch aufbaut. Sie übt ihren Einfluss in der Auswahlkommission der Art Basel aus und hat 1996 massgeblich die Gründung der Liste Art Fair Basel angeregt, die internationale Entdeckermesse für zeitgenössische Kunst. Eva Presenhubers Hauptgalerie befindet sich an spektakulärer Lage direkt im Prime Tower in Zürich-West; zudem führt sie seit Kurzem im Herzen der Stadt, an der Zürcher Waldmannstrasse, eine Dépendance. Ihr Umsatz bewegt sich laut Angaben der Galerie in einem «höheren zweistelligen Millionenbereich». In der Szene schätzt man ihren Jahresumsatz auf rund 25 Millionen Schweizer Franken.

«Die Welt ist wie ein Buch, und Reisen eine Gelegenheit, darin zu blättern»

Posted by corinne.broennimann

Die Landschaftsarchitektin Dr. Hosna Pourhashemi kennt den Iran seit Kindesjahren und vermag die Lage im Land und die Situation der Frauen vielschichtig zu beurteilen. Im Interview spricht sie über Ihre Passion, über Frauen im Iran und ihren Lieblingsort in Teheran.

Wie sind Sie zur Landschaftsarchitektur gekommen? Was fasziniert Sie daran?

Schon als Kind haben mich Pflanzen und Gärten sehr interessiert. Während meiner Schulzeit bin ich viel im Iran herumgereist und habe die persischen Städte und Gärten kennengelernt. An der Universität habe ich das Studium der Umweltwissenschaften angefangen. Während dieses ersten Studiums in Teheran stellte ich mir die Frage, was das ursprüngliche Konzept persischer Gärten sein könnte und warum diese Gärten auch nach hunderten von Jahren immer noch Bestand haben. Da ich andere Kulturen und Sprachen kennenlernen wollte, habe ich mich an Universitäten in Österreich, Kanada und Australien beworben. Ich begann also mein Studium der Kulturtechnik und Wasserwirtschaft am Institut für Bodenkultur der Universität Wien. Nach einem Semester habe ich gemerkt, dass mich das Thema der sinnlichen Wahrnehmung in der Landschaftsplanung und Landschaftspflege stärker interessiert. Dabei ist es geblieben. Nach Abschluss des Bachelorstudiums folgte der Master in Landschaftsplanung und Landschaftsarchitektur. Meine Faszination für dieses Gebiet ist nach wie vor gross, und das Lernen geht jeden Tag weiter.

Sie führen ihr eigenes Landschaftsarchitekturbüro in Teheran, das Sie 2013 gegründet haben. Wie steht es um die Situation im Iran?

Grundsätzlich sehe ich zwei Herausforderungen im Iran. Zum einen gibt es nach wie vor keine eigenständigen Projekte und Wettbewerbe für Landschaftsarchitekten. Die Landschaftsarchitektur wird noch nicht als eigenständiger Berufsbereich angesehen. Oft wird die Landschaftsgestaltung also direkt durch den Architekten übernommen. Zum anderen sind meist nur Männer beschäftigt. Eine kurze Anekdote dazu: Als ich vor fünf Jahren bei einem Grünplanungsunternehmen ein Vorstellungsgespräch hatte, betonte der Chef gleich zu Beginn, dass in seiner Firma nur Männer arbeiten würden und ich die erste Frau in dieser patriarchalen Welt sei. Seine Angestellten seien sich den Umgang mit weiblichen Berufskolleginnen nicht gewohnt, weshalb er Probleme befürchtete.

Was müsste sich im Iran aus Ihrer Sicht ändern?

Projekte, Wettbewerbe und Preise müssten speziell im Bereich Landschaftsarchitektur ausgeschrieben werden. Zudem müsste es mehr Frauen ermöglicht werden, Gärten und Parkanlagen zu gestalten, zu planen und zu pflegen. Als drittes wäre es für historische Gärten wichtig, denkmalpflegerische Konzepte zu definieren.

Warum sind Ihnen die geführten Reisen in den Iran, die Sie organisieren, so wichtig? Was möchten Sie zeigen und vermitteln?

Meine Reisen in den Iran verfolgen aktuelle Themen, über die ich geforscht habe. Die Rolle der Frauen im sozialen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Bereich ist in jeder Stadt und an jedem Ort ein zentrales Thema. Ich möchte den Reisenden die Schönheit meines Landes zeigen, möchte meine Welt darlegen und sie so begleiten, dass sie in ihren Herzen die iranischen Städte, deren Landschaft und Architektur wahrnehmen. Bis zum Ende der Reise, sollen die Reisenden dann selbst die Städte “lesen” und über sie nachdenken können. Die Welt ist wie ein Buch, und Reisen bieten eine Gelegenheit, darin zu blättern, zu entdecken und zu lernen.

Was ist ihr Lieblingsplatz / -Ort in Teheran?

Mein Lieblingsort in Teheran ist die Khiyaban-e Pahlavi, die heutige Vali-Asr-Strasse. Sie erstreckt sich über 19 km und führt vom Bahnhof Teheran im Süden bis nach Meydan Tajrish im Norden der Stadt. Die von Bäumen gesäumte Strasse teilt die Metropole in einen westlichen und einen östlichen Teil. Im Regierungsviertel befinden sich der Marmar-Palast, das Senatsgebäude und die Militärschule Imam Ali. Der Marmorpalast als königliche Residenz der Familie Pahlavi wurde in den 1930er Jahren erbaut. Nach einem Attentatsversuch wurde dieser in den Niavaran-Palast verlegt. Seine Architektur ist eine Mischung aus Ost und West und eine einzigartige Kombination aus Moschee und Palast.

 

Über Dr. Hosna Pourhashemi Die gebürtige Iranerin ist in Teheran geboren und beschäftigt sich seit ihrem Studium an der BOKU in Wien und ETH in Zürich mit Landschaftsarchitektur. Ihre Erstausbildung hat sie im Bereich Umweltingenieur- wissenschaften absolviert. Seit 2013 führt sie ihr eigenes Architektur- und Landschaftsarchitekturbüro XO-Studio in Teheran und organisiert regelmässig Architekturreisen und Konferenzen. Von 2014 bis 2016 unterrichtete sie zudem Theorie- und Entwurfsklassen am Institut für Landschaftsarchitektur an der Azad Universität in Teheran.

Weitere Informationen zur kommenden Reise im Mai 2022 mit Dr. Hosna Pourashemi in den Iran finden Sie hier.

«Das Beste aus jeder Situation machen»

Posted by corinne.broennimann

Vier Mal in Folge hat Daniela Ryf den Ironman auf Hawaii gewonnen, das wohl härteste Rennen der Welt. Im Interview spricht sie über Geduld mit sich selbst und was sie wirklich antreibt.

Der Ironman, die härteste Eintagesprüfung, die der Sport zu bieten hat: 3,86 km Schwimmen, 180,2 km Fahrradfahren und eine Marathondistanz von 42,195 km laufen. Was für die meisten von uns eine unvorstellbare Leistung darstellt, meistert Daniela Ryf in etwas mehr als acht Stunden. Ihr Körper ist dabei der Motor, noch wichtiger ist aber der Geist.

WOMEN IN BUSINESS: Sie sind eine Ausnahmeathletin. Was macht für Sie den entscheidenden Unterschied, dass Sie erfolgreicher sind als manch andere Triathletin?
Daniela Ryf: Mein Durchhaltewille ist sicher entscheidend. Dieser ist mir zu einem gewissen Mass angeboren. Ich glaube aber, dass man lernen kann, mit schwierigen Situationen umzugehen. Vor drei Jahren wurde ich kurz vor dem Start an der Ironman-WM in Hawaii von einer Qualle erwischt, konnte das Rennen trotz anfänglich extremer Schmerzen aber noch gewinnen. Ohne die Erfahrung über die letzten Jahre hätte ich das wohl nicht geschafft. Sie hat mich gelehrt, mit mir selbst geduldig zu sein, denn manchmal zählt nur, nicht aufzugeben.

Wie bleiben Sie langfristig motiviert?
Ich konzentriere mich auf mich und will mich stetig verbessern. Natürlich ist es schön, wenn auch die Resultate stimmen. Doch es gibt immer wieder neue Ziele. 2020 gab es auf der Langstrecke keine Wettkämpfe. Da habe ich mich entschieden, meinen Bachelor in Food Science & Management an der HAFL abzuschliessen. Damit hatte ich ein neues Ziel und eine Ergänzung zum Training. Diese Balance ist wichtig, um langfristig motiviert zu bleiben.

Die Differenz zwischen Frauen und Männern im Ausdauersport wird kleiner. Glauben Sie, dass Frauen die Männer einmal hinter sich lassen können?
Nein, das glaube ich nicht. Die Unterschiede zwischen Frau und Mann sind nach wie vor sehr gross. Ich denke aber, dass die Körper der Frauen besser für Langdistanzen geeignet sind.

Wie haben Sie die Jahre und Erfahrungen im Spitzensport in persönlicher Hinsicht geprägt?
Ironman ist wie ein Leben: lange. Es gibt Hochs und Tiefs mit
verschiedenen Abschnitten. Wenn man etwas erreichen will,
darf man nicht aufgeben – egal, ob im Beruf oder im Sport. Es
geht nichts von heute auf morgen, es braucht Geduld, vor allem Geduld mit sich selbst.

Sie haben sich schon einige Male für die Initiative She’s Mercedes engagiert. Warum sind Ihnen solche Veranstaltungen wichtig?
Mir gefällt der Austausch an den verschiedenen Anlässen. Zum Beispiel im Februar habe ich am letzten She’s Mercedes-Event teilgenommen – einem Winterfahrtraining. 40 Frauen in tollen Autos auf Eis und Schnee: Das war ein Erlebnis. Und die Gespräche untereinander haben uns allen unglaublich gutgetan.

  Die Initiative She’s Mercedes steht für die Idee, dass Inspiration Aussergewöhnliches bewirken kann. Sie bietet Frauen in über 70 Ländern die Möglichkeit, in Kontakt zu kommen und sich gegenseitig zu stärken. Mehr zur Initiative, zum Magazin und zu den Events von She’s Mercedes in der Schweiz finden Sie im Newsletter mercedes-benz.ch/shesnewsletter-de sowie unter mercedes-benz.ch/shes.

 

«Wir kriegen alle»

Posted by corinne.broennimann

Als Intendantin lenkt Ilona Schmiel seit 2014 die Geschicke der Tonhalle-Gesellschaft Zürich. Sie mag den Umbruch und schätzt gerade die Herausforderungen, vor denen andere zurückschrecken.

«Auf Sie haben wir nicht gewartet!», tönt es aus dem Telefonhörer, als Ilona Schmiel sich in den späten 1990ern erkundigt, ob die ausgeschriebene Stelle eines Geschäftsführ-Ers noch zu haben sei, auch wenn sie erst 30 und eine Sie sei. «Erzählen Sie doch mal!», tönt es wieder aus dem Hörer. Schmiel, die nach ihrem Studium Berlin verlassen hat, um Erfahrungen zu sammeln, und unter anderem als Projektleiterin mit «Arena di Verona»-Opernproduktionen auf Tournee geht, erzählt – und wird bald darauf die neue Geschäftsführerin des Bremer Konzerthauses «Die Glocke». Es sei eine Verkettung glücklicher Umstände gewesen, erinnert sie sich. Sie habe Lust gehabt, herauszufinden, ob sie das packe. Diese Schuhe seien schon gross gewesen, aber dann habe sie an einen ihrer Mentoren gedacht, der ihr sagte, es sei besser, die Fehler jung zu machen und aus einer Position wieder herauszufallen, als erst mit 50. Diesen Gedanken gibt Ilona Schmiel heute ihren Mentees weiter.

Die Chuzpe der jungen Jahre
«Ich bin der Meinung, dass einen die Chuzpe der jungen Jahre dazu bringt, Dinge umsetzen zu wollen und zu können. Man muss sich diese Fähigkeit erhalten und sich immer wieder sagen, du kannst nicht alles 100 Prozent können, du musst nur wissen, wo du das Nötige herbekommst.» Als Künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der «Glocke» kann Schmiel ihren Gestaltungswillen ausleben. Bis zum Punkt, wo sie daran scheitert, innert eines Jahres eine Million mehr öffentliche Gelder für die Kunst zu erhalten. Sie hat sich vorgenommen – und das auch publik gemacht –, die «Glocke» zu verlassen, wenn ihr das nicht gelinge. Sie zieht ihren Entscheid durch. «Das war der schwierigste Schritt in meinem Leben; viele meiner männlichen Kollegen haben das überhaupt nicht verstanden. Sie haben ständig mit Rücktritt gedroht, wenn sie Druck ausüben wollten, und sind auch bei Nichterfolg in ihren Positionen geblieben. Ich war sehr klar in meiner Haltung und auch im Nachhinein überzeugt, dass es richtig war.» Nach diesem Sprung aus dem Fenster im Jahr 2002 landet Schmiel aber gleich wieder auf den Füssen. Wieder ein Telefonanruf, diesmal wird sie angerufen, es ist der Kulturdezernent aus Bonn, der wissen möchte, ob sie als Intendantin für das Beethovenfest Bonn einsteigen will. Sie will. Bis viele Jahre später wieder das Telefon klingelt. Diesmal ist die Tonhalle-Gesellschaft Zürich am Apparat.

WOMEN IN BUSINESS: lona Schmiel – womit konnte die Tonhalle-Gesellschaft Sie überzeugen?
Ilona Schmiel: Als ich 2012 angefragt wurde, war ich bereits seit neun Jahren beim Beethovenfest in Bonn, wo ich sehr viel erreichen konnte, ausser den Neubau eines Beethovenfestspielhauses, mit dem ich die internationale Strahlkraft des Beethovenfests hätte verstetigen wollen.

Dann haben Sie in Zürich einen Umbau bekommen …
Es war aber nicht der Umbau, mich hat vielmehr die Frage gereizt, wie man ein Provisorium baut. Dieses Provisorium hat andere wohl abgeschreckt, das Maag-Areal stand damals noch nicht fest. Es war eine Phase des totalen Umbruchs. Ich bin jemand, der sich gerne an Aufgaben macht, wo der nächste gravierende Schritt ansteht.

In Zürich war die Kruste des Althergebrachten aufgebrochen.
Genau. Wenn jemand zu mir sagt, wir möchten Routine, dann ist das nichts für mich. Es muss künstlerischen Aufbruch geben; hier war sehr viel im Umbruch, es gab einen Generationenwechsel sowohl im Dirigenten- als auch im Managementbereich; ich war die erste Frau in einer solchen Position.

Sind Sie auch geschlechterstereotypen Vorurteilen begegnet?
In all meinen Leitungspositionen war ich immer die Erste, insofern habe ich das in Zürich nicht empfunden. Hier war das Thema eher «deutsche Frau an der Spitze». Es ging mehr um die Mentalität als um das Geschlecht.

Wieso gibt es nur so wenige Intendantinnen?
Im Sprechtheater gibt es schon einige, in der klassischen Musikbranche sind es aber bis heute erschreckend wenige. Ich habe dafür keine Erklärung, jede von uns hat ihren eigenen Weg an die Spitze gemacht. Aber wir müssen dafür sorgen, dass es mehr werden.

Dirigentinnen sind auch noch eher rar …
… aber im Kommen!

Holly Choe ist Assistant Conductor in der Tonhalle. Ein Zufall, dass es nun eine Frau ist?
Erstens ist sie wahnsinnig gut, zweitens herrscht zwischen dem Chefdirigenten Paavo Järvi und mir zu diesem Thema Einigkeit: Das erste Kriterium ist die Qualität, aber wir möchten auch junge Frauen fördern. Holly kann von Paavo sehr viel übers Dirigieren lernen; bei mir wird sie immer wieder mit Fragen konfrontiert, die ihr späteres Leben als (Chef)-Dirigentin betreffen. Ich finde es wichtig, dass sie sich gerade im jetzigen Zeitpunkt ihrer Karriere auch mit Themen beschäftigt, die den ganzen Kulturbetrieb betreffen.

Was treibt Sie generell um beim Thema Frauen in Führungspositionen?
Es gibt immer noch zu viele Frauen, die nicht den Mut haben, an die Spitze zu gehen. Je älter ich werde, desto mehr tritt bei mir das Zurückgebenwollen in den Vordergrund. Am Anfang will man noch selbst lospowern, jetzt drehen sich die Gedanken eher um das Gesamtbild, das Glück, das ich gehabt habe, all diese Chancen, die ich packen durfte. Ich bin die erste Frau in meiner Familie, die studiert hat. Heute sehe ich immer wieder sehr junge, sehr gute Frauen, die sagen, ach, ich warte noch – wozu? Anfangs hat mich das wütend gemacht, weil ich dachte, so schaffen wir das nie! Dieser Glaube, man müsse immer noch etwas dazulernen, bevor man sich mehr zutraut – das stimmt nicht! Auch Inhalte nicht durchsetzen zu können, zu versagen, richtige Flops zu landen, ist wichtig. Das sind die Erlebnisse, an die man sich eines Tages erinnert und über die man dann lachen kann. Humor ist einer der wichtigsten Faktoren in einer Führungsposition.

Was unterscheidet Sie von einer «normalen» CEO?
Wir sind nicht kommerziell. Und wir sind proaktiv, der Zeit voraus und müssen die Chancen im 21. Jahrhundert begreifen und ausreizen. Das neue Schaffen von Kunst, von Musik, unterstützen, damit nicht nur interpretiert wird, sondern auch Neues entsteht. Wenn von 20 Auftragswerken, die an Komponistinnen und Komponisten gehen, in 20 Jahren noch ein bis zwei existieren, dann halte ich das für normal. Ein CEO von einem anderen Unternehmen würde hier vielleicht sagen, dieses Risiko ist zu gross. Aber Kunst muss Risiko sein, jeden Abend. Genau darum sind wir subventioniert, um auch im 21. Jahrhundert Neues voranzutreiben.

Eine Intendanz geht mit Macht einher. Gehen Frauen damit anders um als Männer?
Kann ich schwer sagen. Ich glaube, dass wir in mancher Hinsicht viel direkter führen. Mir ist aufgefallen, dass sich in den letzten 20 Jahren das Verhalten der Männer in den Gremien, in denen ich dabei war, geändert hat. Es gibt mehr Durchlässigkeit, was nicht nur Kulturinstitutionen, sondern auch jeder anderen Unternehmensform guttut. Ich war lange gegen Quoten, weil ich fand, dass diejenigen, die sich entwickeln wollen, das auch schaffen. Mittlerweile bin ich bei bestimmten Themen eine starke Verfechterin der Quote, in Jurys zum Beispiel bin ich für 50/50. Erst wenn es in den Toppositionen auch Frauen gibt, die nicht ständig reüssieren, wie das bei Männern ja auch der Fall ist, haben wir Gleichberechtigung.

Welche Pläne haben Sie für die Tonhalle?
Die Messlatte liegt hoch: Wir wollen weltweit unter die fünf Toporchester kommen. Das bedeutet zunächst, eine stringente programmatische Entwicklung und Fokussierung darauf voranzutreiben. Um mit unserem ganz eigenen Orchesterklang des Tonhalle Orchesters Zürich weiter zu reüssieren, müssen wir mehr Visibilität für diesen Klangkörper schaffen.

Wie machen Sie das?
Indem wir darauf achten, wie wir uns als Marke positionieren. Dazu müssen wir alle unsere Stärken sichtbar machen – durch Aufnahmen, durch Streamings, aber auch durch die ganze Art und Weise, wie wir auftreten. Wir haben ein Rebranding vorgenommen zum Wiedereinzug in die Tonhalle am See. Ebenso geht es darum, wie wir als Botschafter für dieses Land wahrgenommen werden, wenn wir auf Tournee gehen. Dieser Markt wird sich künftig sehr verändern. Es werden vermehrt Residenzen sein, mehrere Konzerte an einem Ort. Das macht Sinn, weil man eine Beziehung zu diesen Orten knüpft. Und auch unter Klimaaspekten ist es nachhaltiger. Wir wollen die nächsten Publikumsgenerationen erreichen, ein ganz wichtiges Ziel. Die Tonhalle soll wieder der Treffpunkt für die klassische Musik nicht nur in Zürich werden, sondern auch darüber hinaus ausstrahlen.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihr Publikum nicht ausstirbt?
Alle grossen Kulturinstitutionen stehen dieser Frage gegenüber. Wir setzen auf ein facettenreiches Musikvermittlungsangebot, das im Alter von vier Jahren beginnt. Wir arbeiten mit den Zürcher Gemeinschaftszentren zusammen, versuchen auch die Menschen, die wir neu in Zürich West erreicht haben, als Publikum zu behalten. Aber am Schluss muss das, was auf der Bühne passiert, so faszinieren, dass die Zuschauer immer wieder kommen, weil wir in ihnen eine Leidenschaft entfachen konnten. Auch das Digitale ist wichtig, gerade in der Coronazeit hat sich gezeigt, wie bedeutend dieser Bereich ist. Er muss aber gut gestaltet, inhaltlich durchdacht und sehr ausdifferenziert sein.

Bei den digitalen Möglichkeiten – wieso überhaupt noch in die Tonhalle gehen?
Ein Konzert ist eine phänomenale Situation, man bekommt ein Liveerlebnis, etwas ganz Individuelles, das jeder anders wahrnimmt, aber es passiert trotzdem in einer Gemeinschaft. In einer Zeit der Hektik, der ständigen Verfügbarkeit, ist das eine kostbare Auszeit. Und das ist aus meiner Sicht ein Geschenk.

Zum Schluss haben Sie einen Wunsch frei: Welche musikalische
Persönlichkeit möchten Sie in der Tonhalle spielen
sehen?
Also ich würde jetzt einfach mal sagen: Wir kriegen alle! Der neue Saal ist so fantastisch, ich schliesse niemanden mehr aus. Das können Sie so schreiben! (lacht)

Drei Konzerttipps von Ilona Schmiel für die neue Saison

23.09.2021 – Die neue Orgel in der Tonhalle erklingt zum ersten Mal: Paavo Järvi, Music Director, Tonhalle-Orchester Zürich, Christian Schmitt, Orgel; Werke von Dubugnon, Connesson, Saint-Saëns
07.11.2021 – Familienkonzert mit Assistant Conductor Holly Choe: Holly Choe, Leitung, Tonhalle-Orchester Zürich; Korngold: «Robin Hood»
30./31.12.2021 – Eine Zeitreise von 1895 bis 2021 zu Silvester: Alondra de la Parra, Leitung, Tonhalle-Orchester Zürich, Julian Pregardien, Tenor; Werke von Brahms, Schubert/Strauss, Ravel, Gershwin, Ginastera

Die Freude an Statistik und Datenanalyse

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Esther begann vor mehr als 12 Jahren nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre und einem Master-Abschluss in Marketing an der Vrije Universiteit Amsterdam. Nachdem sie in  einer anderen Rolle angefangen hatte, kehrte sie zu einer alten Liebe zurück, der Datenanalyse. Sie war seit sechs Jahren die Leiterin des Data Analytics Teams in EY Niederlande und baut nun ein neues Team in der Schweiz auf.

“Selbst als ich mich für ein Studium entschied, hatte ich meine Zweifel zwischen Ökonometrie und Wirtschaftswissenschaften. Es wurde dann Wirtschaftswissenschaft – mit Statistik als mein Lieblingsfach. Angefangen habe ich dann bei EY als Programmmanagmentberater, aber das Blut kriecht dahin, wo es hingehen muss; Durch ein Projekt, an dem ich innerhalb von EY gearbeitet habe, bin ich mit der Datenanalyse in Kontakt gekommen. Und dort entpuppt sich mein Herz.” ergänzt Ester.

Sie liebt es einfach, Entscheidungen basierend auf den Fakten zu treffen.Wenn die Daten von guter Qualität sind, kann kein Bauchgefühl das übertreffen. Sie mag es, wenn Ihr Team auf der Grund lage von Fakten (Daten) zur Entscheidungsfindung beitragen kann. Analytics, Data Science und AI sind heutzutage ebenfalls ein heisses Thema. Deshalb ist ihr Team in der Niederlande auch in kürzste Zeit stark gewachsen. Sie hatte mehr als 30 Mitarbeitende bei EY Niederlande geführt.

In der Schweiz arbeitet sie nun auf ein ähnliches Ziel hin. Es besteht in jedem Fall ein ausreichendes Wachstumspotenzial. Was sie heutzutage für einen grossen Teil unseres Berufs halte, ist die Predictive Analytics, mit der man sehen könnte, ob man beispielsweise anhand historischer Daten Verhalten oder Interesse vorhersagen können.

“Reisen ist meine grosse Leidenschaft. In meinem Leben habe ich nun 60 Länder auf sechs Kontinenten besucht; Ich vermisse noch die Antarktis. Aktives Reisen mag ich mehr als nur “Urlaub machen” –  ich möchte wirklich die Welt sehen und andere Kulturen besser kennenlernen.”

Suchen Sie eine neue Herausforderung?
https://www.ey.com/en_ch/careers
recruitment.switzerland@ey.com

Kooperation powered by Ernst & Young AG

«Hürden als Chance sehen»

Posted by corinne.broennimann

Eine zufällige Entdeckung in ihrer Tätigkeit als Ernährungsberaterin hat Simone Wietlisbach auf eine Geschäftsidee gebracht: Ein Produkt gegen Haarausfall. Im Interview erzählt sie, wie es dazu kam, welche Herausforderungen sie bewältigen musste und was sie anderen Unternehmerinnen rät.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Produkt gegen Haarausfall zu entwickeln?

Als Ernährungsberaterin in eigener Praxis bin ich es seit 2002 gewohnt, mit den Mikronährstoffen nach dem HCK®-Baukastensystem zu arbeiten. Im Jahr 2009 hatte ich dann ein Schlüsselerlebnis, von dem mittlerweile viele Menschen profitiert haben: Eine circa 40-jährige Dame ist mit dem Wunsch zu mir in die Praxis gekommen, 15 Kilogramm abzunehmen. Um ihr Wohlfühlgewicht zu erreichen, haben wir mit der Kundin einen persönlichen Ernährungsplan erstellt, der neben einer Ernährungsumstellung auch die ausgewogene Zufuhr von lebenswichtigen Nähr- und Vitalstoffen beinhaltete. Auf ihre Frage, ob HCK® nicht nur das gesunde Abnehmen unterstütze, sondern gleichzeitig auch gegen ihr extrem schütteres Haar helfe, konnte und wollte ich zunächst kein Versprechen abgeben. Ich habe mich zwei Wochen lang hinter Fachbüchern vergraben, um Antworten zu finden und erstellte eine personalisierte Mischung für sie. Mit einem komplexen Gedankenkonstrukt und einem Schuss Intuition konnte ich meiner Kundin helfen. Bereits nach neun Monaten hatte diese Frau wieder volles und ungefähr 7 Zentimeter langes Haar. Daraufhin sprach sich das Erfolgserlebnis herum und es folgten immer mehr Kunden mit ähnlichen Fällen. Nach mehreren Jahren etlicher positiver Kundenrezensionen und Verfeinerungen der Rezepturen, war 2015 die originale Powerhair Kur geboren und online erhältlich.

Von der Idee zum Geschäftsmodell. Was waren die nächsten Schritte?

Neben meiner Tätigkeit als Ernährungsberaterin habe ich an meinen Wochenenden und nach dem Feierabend angefangen, die Marke Powerhair zu entwickeln. Ich suchte einen passenden Markennamen, gründete eine Firma, designte das Logo, sicherte die weltweiten Markenrechte, meldete das internationale Patent an, setzte den Online-Shop auf und stellte Mitarbeitende ein. Mittlerweile ist die Rezeptur und die Technik dahinter in allen Ländern patentiert.

Die ersten Jahre habe ich Powerhair eigenständig aufgebaut und alle Investorenangebote abgelehnt. Dann lernte ich meinen heutigen Ehemann, Urs Wietlisbach, kennen. Er selbst hatte zwei Freunde, die mit Powerhair Erfolg hatten. 2020 stieg er als Investor und Berater mit ein.

Mit welchen Herausforderungen sahen / sehen Sie sich beim Auf- und Ausbau Ihres Unternehmens konfrontiert?

Die grösste Herausforderung ist die Vielzahl von herkömmlichen Haarwuchsmitteln, welche keine Ergebnisse erzielen und das Vertrauen der Kunden schwinden lassen. Wie gibt man den Menschen, die jahrelang unter Haarwuchsproblemen gelitten und bereits etliche Franken ausgegeben haben, die Hoffnung auf Erfolg zurück? Powerhair ist von Grund auf einzigartig und musste daher auf der ganzen Welt patentiert werden. Dennoch wird es fälschlicherweise mit herkömmlichen Haarwuchsmitteln in Verbindung gebracht.

Welches sind Ihre nächsten Ziele mit Powerhair?

Nachdem wir bereits viele zufriedene Kundinnen und Kunden überzeugen durften, sind wir momentan dabei das Produktdesign zu optimieren und alle Abläufe effizienter zu gestalten. Bald wird es eine Powerhair App geben. Diese soll es den Kunden beispielsweise ermöglichen, online eine Beratung zu buchen, Zugang zu einem persönlichen Bereich mit Dashboard zu haben oder auf ein individuelles Personal-Tracking zuzugreifen. Zusätzlich streben wir mit unseren Kontakten aus den Arabischen Emiraten die Produktlancierung vor Ort an. Aufgrund der positiven Resonanz in Vietnam, beginnt Powerhair auch dort mit der Produktvermarktung.

Was raten Sie anderen Frauen mit einer brennenden Geschäftsidee?

Ich finde es grossartig, wenn Frauen Geschäftsideen haben und alles daransetzen, diese zu verwirklichen. Sich die wahre Absicht seines Produktes klarzumachen, ist einer der wesentlichsten Bauteile des Erfolges. Welchen Mehrwert hat es? Wie kann es von Nutzen sein und etwas Gutes bewirken? Was ist meine Vision? Dies sollten die essenziellen Fragen einer jeden Unternehmerin sein. Danach heisst es, alle Ressourcen zu überprüfen, die finanzielle Seite durchzurechnen und mit einem wohlüberlegten Kopf und weiblicher Intuition Schritt für Schritt an die Sache ranzugehen. Am allerwichtigsten ist es, Hürden in Kauf zu nehmen und sich auf die Lösung zu konzentrieren. Ich wünsche allen Frauen mit einer brennenden Geschäftsidee viel Ausdauer, den Blick dafür, Hürden als Chancen zu nutzen, ein unerschütterlicher Glaube an das Ziel und sich selbst – und insgesamt ein hohes Commitment an die eigene Vision.

Über Simone Wietlisbach Die Gründerin von Powerhair® ist diplomierte Ernährungs- und Gesundheitsberaterin. In ihrer mehr als 15-jährigen Praxistätigkeit hat sie weltweit über 3’000 Kundinnen und Kunden erfolgreich in Sachen Haar, Ernährung und Gesundheit beraten. Heute führt sie das Unternehmen Powerhair als CEO und Verwaltungsratspräsidentin.

«Habt ihr Spass an dem, was ihr tut?»

Posted by corinne.broennimann

«Frauen müssen endlich lernen, nicht immer nur nett zu sein!»

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Vor 50 Jahren war Alice Schwarzer eine führende Mitinitiantin der deutschen Frauenbewegung. Heute sieht sie deren Entwicklung kritisch. Auch von der Zukunft hat sie eine klare Vorstellung. Ein Gespräch über ihren Werdegang und die heissen Frauenfragen der Gegenwart, von der Kanzlerinnen-Wahl bis zum Sonderfall Schweiz.

WOMEN IN BUSINESS: Alice Schwarzer, zu Beginn bin ich hoffentlich nicht indiskret: In Ihrem neuen Buch «Lebenswerk», dem zweiten Teil der Autobiografie, habe ich von Ihnen das Bild einer Frau, der das Gefühl von Angst fremd ist. Ist das ein charakterliches Privileg, oder haben Sie sich diese Angstfreiheit im Nahkampf mit dem Leben antrainiert?

Alice Schwarzer: Ja, Sie haben Recht. Angst ist mir völlig fremd. Das ist das Privileg meiner Kindheit. Meine Grosseltern, bei denen ich aufgewachsen bin, waren von der Stadt in ein fränkisches Dorf evakuiert worden, wo ich recht frei in der Scheune und in den Wiesen aufwuchs. Ausserdem wurde ich von ihnen für Mut und Klugheit gelobt. Sie haben ganz einfach versäumt, mich zum ängstlichen Mädchen zu dressieren. Später habe ich dann in Wuppertal am Waldrand gewohnt, der Wald war mein Kinderzimmer, und ich spielte mit Jungen wie Mädchen – ehrlich gesagt lieber mit Jungen. Puppen haben mich gelangweilt, ich machte lieber Schnitzeljagden im Wald oder baute Baumhütten. Aber ich bin trotzdem kein garçon manqué, nur ein starkes, etwas wildes Mädchen gewesen. Und so ist es geblieben. Die Angst habe ich später erst mühsam lernen müssen: Die berechtigte Angst, durch einen dunklen Park zu gehen oder nervös zu werden, wenn ich nachts auf der Strasse schnelle Schritte hinter mir höre.

Ist meine Sorge, «indiskret» zu sein, ein typisch weiblicher Mangel an Selbstbewusstsein? Ich frage das, weil man sich ja denken könnte, dass aus Ihrer Sicht weibliche und typisch männliche Zuschreibungen gar nicht existieren. Die aktuellen feministischen Debatten könnten einem glauben machen: Frauen gibt es gar nicht mehr – oder es hat sie nie gegeben. Sie sind eine Erfindung des Patriachats. Die Feministin denkt vielleicht, dass es in Wahrheit bloss Menschen gibt.

Aber selbstverständlich existieren diese typisch «männlich»- und «weiblich»-Zuschreibungen! Seit Jahrtausenden! Und darauf basieren ja auch Rollenzuschreibungen und Arbeitsteilung: Frauen für die Gratisarbeit im Haus und «familienkompatible» Teilzeitarbeit im Beruf – und Männer für die Karriere; den Rücken hält ihnen die Frau frei. Nur, dass ich als Feministin diese Zuschreibungen nicht für angeboren, sondern anerzogen halte, für kulturell, nicht biologisch. «Konstruiert», wie man heute sagen würde. Dass wir in nur 50 Jahren diese mindestens 5000 Jahre währende Rollenteilung nicht abschaffen können, ist klar – auch wenn wir in den westlichen Demokratien mit Siebenmeilenstiefeln vorangekommen sind. Aber in weiten Teilen der Welt sieht es heute für Frauen dunkler aus denn je zuvor. Stichwort Zwangsverschleierung und Entrechtung in den islamischen Ländern. Und auch bei uns gibt es noch einiges zu tun.

Was denn ganz konkret, Frau Schwarzer? Was treibt Sie aktuell am meisten um?

Mich bedrückt und empört sehr, dass in unseren Ländern, in Deutschland wie der Schweiz, die Prostitution salonfähig geworden ist. Das ist nicht nur ein Vergehen an den hunderttausenden Elendsprostituierten aus Osteuropa und Afrika, die als «Frischfleisch» von Bordell zu Bordell gekarrt werden, oft kein Wort Deutsch können und denen die Menschenhändler und Zuhälter die Pässe abgenommen haben. Denn die Prostitution ist ja schon lange überwiegend in der Faust der Organisierten Kriminalität, und Menschenhandel und Zuhälterei sind unlösbar miteinander verknüpft. In den angelsächsischen Ländern nennt man die Prostitution «weisse Sklaverei». Das trifft es. Hinzu kommt, dass es in einer Gesellschaft, in der Frauen das potenziell käufliche Geschlecht und Männer die potenziellen Käufer sind, niemals eine wirkliche Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern geben kann.

Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste gesellschaftliche Fortschritt in der Frauensache der letzten 50 Jahre?

Die Erschütterung der Arbeitsteilung. Auch Frauen können Spitzenpolitiker oder Spitzenforscher sein, wie wir inzwischen wissen. Und auch Männer können Babys wickeln und Geschirr spülen. Und das Öffentlichmachen der, oft sexualisierten, Gewalt gegen Frauen und Kinder. Die ist ja kein individueller Ausrutscher, sondern hat System. Gewalt ist immer der dunkle Kern von Herrschaft. Das ist zwischen Völkern so, zwischen Stämmen, Klassen und eben auch zwischen den Geschlechtern. Ohne Gewalt lassen sich keine erniedrigenden und ausbeuterischen Verhältnisse aufrechterhalten. Und dieses Tabu ist jetzt gebrochen. Früher mussten sich die Opfer schämen – und schwiegen. Heute reden die Opfer – und die Täter müssen sich schämen. Endlich.

Was hat aus Ihrer Sicht die Mee-too-Bewegung dazu beigetragen? War sie denn nicht ein Strohfeuer? Und, bewegt sich denn eigentlich auch etwas in Ländern wie Algerien, das Sie gut kennen? Oder in Indien, in Afrika?

Die Me-too-Bewegung hat ganz entscheidend dazu beigetragen, dass endlich von den Opfern die Rede ist! Und Täter sich nicht mehr sicher sein können! Und sie hat durchaus auch die Dritte Welt erreicht. In Indien gibt es seit Jahren vehemente Proteste gegen die Rape-Culture. In Marokko haben Frauen vor zwei Jahren gewagt, eine freie Sexualität zu fordern und ein Manifest für das Recht auf Abtreibung zu veröffentlichen – «Ich habe abgetrieben» – und sie fordern das Recht für jede Frau dazu ein. In Algerien allerdings gilt das Private immer noch als «privat». Das heisst, die Ausbeutung der Frauen im Haus und die unterdrückte Sexualität beider Geschlechter sind weiterhin ein Tabu. Da muss noch viel passieren!

Wie kann es sein, dass in der Schweiz sage und schreibe sieben Kantone ohne Frauenbeteiligung regiert werden? Sie kennen unser Land sehr gut: Wieso tut man sich hier mit der Gleichstellung offensichtlich so viel schwerer als in Deutschland?

Nun ja. Manches scheint ein wenig langsamer zu gehen in der Schweiz. Siehe Frauenwahlrecht. Das liegt wohl nicht zuletzt an etwas eigentlich sehr Sympathischem: an der Basisdemokratie. Da steht vor strukturellen Änderungen der Geschlechterkampf Auge in Auge, von Frau zu Mann. Das will ausgefochten werden. Und das dauert. Aber keine Sorge: Auch in Deutschland ist nicht alles Gold, was glänzt. Bei Antritt der Kanzlerin im Jahr 2005 zum Beispiel waren 35 Prozent aller CDU/CSU-Abgeordneten im Bundestag weiblich – heute sind es nur noch 20 Prozent. Das heisst, die Eine an der Spitze verdeckt die Abwesenheit der Anderen hinter ihr.

Die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern sind heute nicht egalisiert, doch zumindest erschüttert. Nach einem Jahr Corona weiss man allerdings, den Preis bezahlen vor allem Frauen, man spricht bereits von einer «Retraditionalisierung». In welchen Bereichen sehen Sie diesen Backlash am klarsten?

In den entscheidenden Bereichen. Bei der steigenden Gewalt in der Familie und der Wiederverfestigung der Rollenzuteilung: der vorrangigen Zuständigkeit von Frauen für Haushalt und Kinder. Wir lassen ja auch gerade in der aktuellen EMMA die Frauen selber ausführlich über ihre Erfahrungen berichten. Und was die so sagen, ist wirklich beunruhigend.

Was soll dagegen getan werden? Und wer steht dabei in der Verantwortung? Und wie sehen Sie das mit der Selbstverantwortung der Frauen für ihre Chancen und ihr eigenes Glück?

Daran müssen natürlich auch die Frauen – und Männer! – selber arbeiten. Aber der Staat kann eine Entwicklung zu mehr Gleichberechtigung fördern. Durch die Abschaffung des Steuersplittings in Deutschland zum Beispiel, das nicht etwa Familien mit Kindern, sondern die Ehegattin fördert, die dem Mann den Rücken freihält. Oder durch systematische Aufklärung zur Geschlechtergerechtigkeit schon in den Schulen und gezielte Gleichbehandlung von Mädchen und Jungen. Und durch ausreichende Ganztagskrippen und -schulen. Natürlich müssen auch die Frauen selbst endlich lernen, nicht immer nur nett zu sein. Sie dürfen nicht alles akzeptieren, um des lieben Friedens willen. Sie müssen wagen, sich auch mal unbeliebt zu machen.

Seit 50 Jahren wollen Sie nicht die Frauen, sondern sogar die Menschheit befreien. Hand aufs Herz, sind Sie als Aufklärerin nicht manchmal auch müde und sagen sich: «Nun sollen mal die Jüngeren ran!»

Ich denke, dass politisches Engagement keine Frage des Alters ist. Ausserdem wäre es ja eigenartig, wenn ich mich als Verlegerin und Chefredakteurin von EMMA nicht mehr für die Lage der Frauen interessieren würde. Dass «die Jüngeren» schon lange ebenfalls dran sind, sehe ich nicht nur im eigenen Haus, in EMMA, wo alle meine Kolleginnen natürlich bedeutend jünger sind als ich. Ich sehe es überall: in den Medien, in der Öffentlichkeit und in der Politik. Ich halte übrigens dieses penetrante Gerede in den Medien von den «Jüngeren» und den «Altfeministinnen» für Spaltungsmanöver. Viele feminismusinterne Kontroversen sind keine Generationenfragen, sondern ideologische Streitfragen. Ich zum Beispiel halte die Akzeptanz von Prostitution und Frauenhandel, die ja unlösbar miteinander verknüpft sind, für einen schweren Verstoss gegen die Menschenwürde und ein enormes Hindernis auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Solange Frauen das (potenziell) käufliche Geschlecht sind, und Männer (potenzielle) Käufer, kann von einer Begegnung auf Augenhöhe ja nicht die Rede sein. Oder der politische Islam, der die frauenentrechtende Scharia über das Gesetz stellt und dessen Flagge das Kopftuch ist. Den bekämpfe ich natürlich. Aber es gibt Feministinnen an den Universitäten und in den Medien, die halten das Kopftuch, ja sogar die Burka, für reine Privatsache und Prostitution für cool. Na, da bleiben Kontroversen natürlich nicht aus, und das ist keine Frage des Alters.

Die Schweiz hat kürzlich das Burka-Verbot mit einem knappen Volksmehr angenommen. Also eine richtige Entscheidung aus Ihrer Sicht?

Ja, uneingeschränkt richtig! Die Burka ist ein schwerer Verstoss nicht nur gegen die Bewegungsfreiheit und Gesundheit dieser Frauen, sondern auch gegen ihre Menschenwürde. So wie der ganze radikale Islam, der die nicht nur die Frauen entmündigende Scharia über das Gesetz stellt. Ich habe aus der Schweiz von fortschrittlichen Frauen vielfach das Argument gehört, dieses Burka-Verbot sei leider von den Falschen gefordert worden, nämlich von Rechten. Darüber wundere ich mich. Das Richtige wird ja noch nicht falsch, nur weil es «die Falschen» fordern. Ausserdem würde ich sagen: Diese Frauen sollten sich lieber sorgen, dass die in ihren Augen «Richtigen», die Linken und Liberalen, kein Burka-Verbot fordern.

Für mich sind Sie, ich gebe es gerne zu, eine Institution. Doch unsterblich sind auch Sie nicht. Also: Wer ist Ihnen gewachsen, wer wird Ihre Nachfolgerin sein?

Auf meinem Platz gibt es keine Nachfolgerin. Ich bin Ich. Ich bin weder gewählt noch ernannt, ich bin ein autonomes, selbstverantwortlich handelndes Individuum, das schreibt und eine öffentliche Stimme hat. Das haben viele. Gottseidank. Wer angstfrei ist, kann auch dazu stehen, dass er Fehler hat und macht.

Wo haben Sie sich rückblickend in der Frauenfrage geirrt, Alice Schwarzer? Ich weiss das nach der Lektüre Ihres Buches leider nicht. Ihr öffentliches Bild
hat keinen Kratzer, so perfekt und heroisch wirkt es.

Heroisch? Da bin ich ja fast erleichtert. Ich hatte schon befürchtet, meine Lebenserinnerungen hätten Tendenz zum Selbstmitleid.

«EMMA»
EMMA, gegründet von der Journalistin Alice Schwarzer 1977, ist eine feministische Zeitschrift, die sich bereits sehr früh mit Schwerpunktthemen und Aktionen gegen sexuellen Missbrauch, Pornografie und für Frauen im Islam einsetzte. Sie versteht sich als unabhängige öffentliche Stimme von und für Frauen. EMMA wird von einem Team geleitet, erscheint zweimonatlich und befasst sich regelmässig mit Themen wie Ausbildung, Familie, Politik und Arbeitswelt sowie Kultur, Medien, Religion und Pornografie. Zudem thematisiert sie immer wieder selbstkritisch die Kontroversen innerhalb der modernen Frauenbewegung und Themen wie «Missbrauch mit dem Missbrauch» und die Wehrpflicht für Frauen.

Im Fokus: Gleichstellung

Posted by corinne.broennimann

Sie engagiert sich im Initiativkomitee für die Individualbesteuerung: Alt-Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold unterstützt das Begehren, Frauen und Männer unabhängig von ihrem Zivilstand zu besteuern – mit dem Ziel, positive Anreize für berufstätige Frauen zu schaffen.

Am 28. Februar 2016 wurde die Volksinitiative der CVP für die Abschaffung der Heiratsstrafe knapp abgelehnt. Die steuerliche Benachteiligung von Doppelverdiener-Ehepaaren war somit noch nicht vom Tisch. Seitdem scheint das Thema in Vergessenheit geraten zu sein, doch Tatsache bleibt, dass sich die Familienmodelle sowie die Erwerbstätigkeit der Frauen in den letzten Jahrzehnten massgeblich verändert haben. «Das heutige Steuersystem reflektiert diese Entwicklung keineswegs. Bereits in den 90er Jahren hat der Bundesrat dies erkannt, weshalb er die Expertenkommission ‹Familienbesteuerung› eingesetzt hat», sagt die ehemalige Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold. Zu jener Zeit war sie als Vertreterin der kantonalen Finanzdirektoren Mitglied dieser Kommission, welche bestrebt war, auch die Individualbesteuerung als geeignete Alternative darzustellen. Nachdem nun aber sämtliche Projekte zur Reform der Familien- und Ehepaarbesteuerung gescheitert sind, wagt die ehemalige Magistratin zusammen mit den FDP-Frauen einen neuen Anlauf in Form einer Volksinitiative zur Einführung der Individualbesteuerung, die zum 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts am 8. März dieses Jahres lanciert wurde.

WOMEN IN BUSINESS: Ruth Metzler-Arnold, wie kam es zu Ihrem Engagement, was die erwähnte Initiative betrifft?
Ruth Metzler-Arnold: Das heutige System der Besteuerung von Doppelverdiener Ehepaaren führt nicht nur zu starken Benachteiligungen, sondern hat vor allem zur Folge, dass Frauen und Männer ihre steuerliche Unabhängigkeit verlieren. Auf eigenen Füssen stehen zu können, war mir persönlich immer ein wichtiges Anliegen und motiviert mich zusätzlich, die Individualbesteuerung ins Zentrum zu rücken. Dadurch kann die Rollenverteilung innerhalb der Familie auf einer neuen Grundlage diskutiert werden. Unser aktuelles Steuersystem auf Bundesebene erschwert die vollständige Gleichstellung von Mann und Frau.

Die Frauen sollen also durch eine Heirat nicht zum Anhängsel des Mannes in Bezug auf die gemeinsame Steuererklärung werden?
Genau. Ich betrachte die Ehe nicht als Versicherung für sämtliche Lebenslagen. Es ist sinnvoll, das Leben selbst in die Hand zu nehmen, zumal man nie wissen kann, in welche Richtung sich eine Partnerschaft entwickelt. Frauen sollten auch bewusst eine eigene berufliche Vorsorge aufbauen und sich nicht darauf verlassen, dass bei einer allfälligen Scheidung das hauptsächlich vom Ehemann angehäufte Vorsorgekapital aufgeteilt wird.

Die Mitte will das Problem mit einer eigenen Heiratsstrafe-Initiative beheben. Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, Ihrer eigenen Partei in den Rücken zu fallen?
Ich habe auch seitens meiner Partei sowie von Menschen unterschiedlicher Generationen viel Zuspruch erhalten. Allerdings nehme ich an, dass sich nicht alle Parteikolleginnen und -kollegen über mein Engagement freuen. Ob die Mitte eine entsprechende Initiative lancieren wird, ist noch offen. Diese engagiert sich für die Abschaffung der Heiratsstrafe im Zusammenhang mit Sozialversicherungen. Ausserdem unterstütze ich kein Konkurrenzprojekt. Vielmehr existiert derzeit nur die Initiative der FDP-Frauen.

Ist die Beseitigung steuerlicher Fehlanreize das wirksamste Mittel, um die Gleichstellung voranzutreiben?
Diese stellt ein wesentliches Element dar, doch weitere Fortschritte insbesondere in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf müssen erzielt werden. Die Individualbesteuerung ist der zielführendste Weg, um die steuerliche Ungleichbehandlung endlich aus der Welt zu schaffen. Dadurch kann das Vertrauen in das Steuersystem wieder gestärkt werden.

Die Politik scheint sich diesbezüglich in Zurückhaltung zu üben. Ein erster parlamentarischer Vorstoss zur steuerlichen Gleichbehandlung von Ehe- und Konkubinats-Paaren scheiterte bereits 1984. Wie ist dieser Widerstand zu erklären?
Die zu erwartenden Steuerausfälle und andere politische Prioritäten sind sicherlich wesentliche Gründe, dass bisher keine mehrheitsfähige Vorlage zustande gekommen ist. Auch der Bundesrat hat schon in den 90er Jahren den Handlungsbedarf erkannt und die Expertenkommission «Familienbesteuerung» eingesetzt, um die Benachteiligung von Konkubinats- und Doppelverdiener-Ehepaaren gegenüber Alleinverdiener-Ehepaaren auszugleichen.

Stellen insbesondere die gesetzliche Umsetzung sowie der administrative Aufwand eine Schwierigkeit dar?
Der Umstellungsaufwand ist bestimmt nicht zu unterschätzen, aber dieser ist einmalig und nicht wiederkehrend. Fakt ist: Frauen und Männer, die ins Erwerbsleben eintreten, werden individuell besteuert, solange kein Trauschein oder keine eingetragene Partnerschaft vorhanden ist. Die Individualbesteuerung führt zwar zu mehr Steuererklärungen, weil Ehepaare deren zwei einreichen müssen. Aber die Inhalte, unter anderem die Löhne und Abzüge, bleiben dieselben. Die grosse Arbeit besteht ja darin, die notwendigen Steuerunterlagen zusammenzutragen und zu prüfen. Ich bin überzeugt, dass die Digitalisierung immer mehr dazu beitragen wird, die Administration zu vereinfachen.

Können die bislang nicht berufstätigen Akademikerinnen dadurch ermutigt werden?
Mit Sicherheit. Es gibt heute negative Anreize. Verschiedene Studien kommen zum Schluss, dass mehrere zehntausend Personen, darunter vorwiegend Frauen, zusätzlich in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten. Wie viele es tatsächlich sein werden, hängt von der Ausgestaltung des künftigen Steuersystems ab. Bei einer gemeinsamen Veranlagung mit Vollsplitting wäre der steuerliche Anreiz geringer als bei der Individualbesteuerung. Wird diese eingeführt, dürften die besser Verdienenden und damit die besser Ausgebildeten profitieren, zumal diese meist frei entscheiden können, wie viel sie arbeiten möchten. Wir benötigen aber auch mehr Tagesschulen, Kitas, flexiblere Arbeitszeiten und bessere Teilzeitarbeit-Möglichkeiten.

Die weniger gut qualifizierten Frauen haben demnach das Nachsehen.
Das kann man so nicht sagen. Die direkte Bundessteuer ist für Menschen mit tieferen Löhnen kaum ein Thema. Insbesondere Personen mit einem guten Zweiteinkommen müssen oft finanziell «bluten». Ich stamme aus einer CVP-Familie. Meine Mutter war immer teilzeiterwerbstätig, und entsprechend war ich für dieses Thema früh sensibilisiert. Mein Vater hatte sich immer für eine Veränderung der Familienbesteuerung ausgesprochen. Da aber bisher auf Bundesebene schlicht nichts passiert ist, unterstützt auch er die Initiative zur Individualbesteuerung.

Die Gegner befürchten, dass die Reform das traditionelle Familienmodell benachteiligt. Was sagen Sie dazu?
Ich finde es seltsam, dass man die Ehe in Gefahr sieht, wenn steuerliche Privilegien im Vergleich zu unverheirateten Paaren abgeschafft werden sollen. Ich habe auch geheiratet, obwohl mein Mann und ich uns der steuerlichen Folgen sehr bewusst waren. Wer das traditionelle Familienmodell der Alleinverdiener leben möchte, soll mit oder ohne Trauschein gleichbehandelt werden. Bezüglich Thema Unterhaltszahlungen hat das Bundesgericht übrigens durch eine Praxisänderung einen grossen Schritt in dieselbe Richtung gemacht, indem geschiedenen Frauen vermehrt zugemutet wird, wieder selber für ihren Unterhalt aufzukommen – auch wenn sie während der Ehe nicht erwerbstätig waren. Schwierig finde ich allerdings, dass dieser an sich begrüssenswerte Schritt kommt, bevor die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie klar gegeben sind.

Apropos Veränderungen: Sie setzen sich auch für mehr Frauen in Führungspositionen ein. Wie kann dieses Vorhaben erfolgreich umgesetzt werden?
Diversität ist nicht Selbstzweck, sondern fördert Exzellenz, Leistungsfähigkeit und Entscheidungsqualität. Die Evaluation der Kandidatinnen und Kandidaten sollte stärker auf Expertise und Potential für die Zukunft basieren, das heisst auch auf Werte, Kultur und Verhaltensweisen ausgerichtet sein. Die bisherige Erfahrung steht nicht mehr alleine im Vordergrund. Neben den grundlegenden Fähigkeiten müssen die für die Zukunft massgebenden Kriterien ein stärkeres Gewicht in der Beurteilung erhalten, was auch dazu führen würde, dass sich der Kandidatinnenkreis öffnen könnte.

Müssten sich die Frauen entschiedener zu Wort melden?
Sie sollten sich mehr zutrauen. Aber vor allem benötigen wir in diversen Organisationen und Unternehmen einen Kulturwandel, indem nicht nur Frauen, sondern auch Andersdenkende ausreichend berücksichtigt werden. Die unbewusste Voreingenommenheit existiert nach wie vor. Auch ist ein internes Talentmanagement notwendig, welches Frauen fördert. Es kann nicht sein, dass die weiblichen Führungskräfte nur auswärts gesucht werden.

Lautet das Zauberwort in diesem Zusammenhang auch: bessere Vernetzung?
Im Rahmen von Veranstaltungen beispielsweise treffe ich nach wie vor eher wenige Frauen an. Auch habe ich oft den Eindruck, dass kurze Kontakte und das Verteilen von Visitenkarten bei möglichst vielen Anwesenden wichtiger erscheint als gute Gespräche mit weniger Personen.

Werden Sie aufgrund Ihrer politischen Vergangenheit im männerdominierten Verwaltungsrat besonders geachtet oder kann diese auch erschwerend sein?
Ich kenne beide Seiten: Einerseits grossen Respekt, auch, was meine Aussagen betrifft, sowie andererseits Menschen, die nicht sonderlich begeistert sind, wenn sich eine ehemalige Politikerin in der Wirtschaftswelt bewegt, weil sie davon ausgehen, dass diese keine Ahnung hat. In den ersten Jahren nach meiner Bundesratszeit habe ich manchmal gemerkt, dass mein Name mehr im Vordergrund stand als meine Fähigkeiten. Ich wollte jedoch nicht für den Rest meines Lebens nur auf mein ehemaliges Magistratenamt reduziert werden, sondern aufgrund meiner anderen und vielfältigen Kompetenzen Beachtung finden. Zwar bin ich Teil der politischen Geschichte der Schweiz, aber eben nicht nur. Ich sehe mich auch als Brückenbauerin zwischen Politik und Wirtschaft, da mir beide Bereiche sehr vertraut sind.

Sie waren die jüngste Bundesrätin aller Zeiten. Welche Bilanz ziehen Sie mittlerweile?
Inzwischen bewegen sich immer mehr jüngere Minister auf dem internationalen Parkett. Wenn sich frühzeitig eine berufliche Herausforderung ergibt und man den Eindruck hat, eine grosse Hürde meistern zu können, sollte man zupacken. Es besteht kaum die Chance, in zehn Jahren noch einmal gefragt zu werden. Zwar gehörte ich seinerzeit auch zu den unerfahrenen Regierungs- und Bundesrätinnen, doch reizte mich gleichzeitig das berufliche Neuland. Deshalb sage ich jungen Menschen immer: «Ihr könnt euer Leben zwar ein Stück weit vorausplanen, aber ihr müsst darauf achten, dass ihr die Chancen nicht verpasst. Es braucht Mut, sich neuen Situationen zu stellen und aus der Komfortzone herauszutreten. Aber es lohnt sich, etwas zu wagen.

Zur Person
Ruth Metzler-Arnold wurde am 23. Mai 1964 in Sursee LU geboren und wuchs in Willisau im Kanton Luzern auf, wo sie die Schulen besuchte. Anschliessend studierte sie Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg i. Ue. Die diplomierte Wirtschaftsprüferin und frühere Finanzdirektorin des Kantons Appenzell wurde 1999 als jüngste Bundesrätin gewählt. 2003 wurde sie von Christoph Blocher aus der Landesregierung verdrängt, wo sie das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement führte. Später übernahm sie Führungsfunktionen bei Novartis und ist derzeit Präsidentin bzw. Mitglied verschiedener Verwaltungs und Stiftungsräte sowie Inhaberin von METZLER Strategie, Führung und Kommunikation AG. Die 56-jährige ist in zweiter Ehe verheiratet und lebt in Appenzell.

«Schwerkraft der Träume»

Posted by corinne.broennimann

Lavinia Heisenberg ist theoretische Physikerin, arbeitet und forscht an der Verbesserung von Einsteins Relativitätstheorie. Ein grosser Brocken, an den sich die 37-Jährige wagt. Und sie will noch höher hinaus: Ende März hat sie bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA ihre Unterlagen eingereicht, um sich als ESA-Astronautin zu bewerben.

Nach über einem Jahrzehnt hat die ESA im März ein neues Rekrutierungsverfahren für künftige Astronautinnen und Astronauten gestartet. Die Stellen sind begehrt und die zu erfüllenden Anforderungen taff. Beim letzten Rekrutierungsverfahren gab es 10 000 Kandidaten – für gerade einmal vier Stellen. Doch genau auf diese Gelegenheit hat Lavinia Heisenberg gewartet. Ins All zu fliegen, war schon immer ihr Traum. Träumerei allein liegt der 37-Jährigen aber nicht. Heisenberg ist Professorin an der ETH in Zürich. Die junge Forscherin hat bereits eine beeindruckende Liste an Publikationen veröffentlicht. Mit ihrer Forschungsgruppe versucht Heisenberg, Einsteins bekannte Relativitätstheorie zu verbessern. Damit wagt sie sich auf heikles Terrain. Schliesslich geht es um die Theorie von Albert Einstein persönlich. Als Frau in der Wissenschaft weiss sie aber, wie mit Widerständen umgehen und möchte anderen Frauen umso mehr ein Vorbild sein.

WOMEN IN BUSINESS: Frauen sind in der Wissenschaft in führenden Positionen nach wie vor in der Minderheit. Woran liegt das und wie schwierig ist es, sich als Frau in der Wissenschaft durchzusetzen?
Lavinia Heisenberg: Leider gleichen sich die gesellschaftlichen Geschlechterunterschiede nur langsam aus. In den meisten Köpfen gibt es nach wie vor versteckte, teils unbewusste Vorurteile über die Fähigkeiten der Frauen – vor allem in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Selbst heutzutage ist eine wissenschaftliche Karriere für Frauen schwierig – oder zumindest härter als für Männer. Hinzu kommt, dass Frauen sich oftmals schlechter verkaufen als Männer. Da schliesse ich mich mit ein. Ich merke selbst, in einer grossen Diskussionsrunde mit lauten, selbstbewussten Männern werde ich automatisch leiser, beobachte lieber und ziehe mich zurück. Daran können und müssen wir arbeiten. Doch dass das Selbstvertrauen von Frauen oftmals schwächer ist als das von Männern, kommt nicht von Ungefähr. Es hängt stark von der Gesellschaft und der Erziehung ab. Es braucht noch etwas Zeit und Vorbilder, bis sich das in den Köpfen ändert.

Und doch haben Sie einen eindrücklichen Werdegang hingelegt.
Heute bin ich überzeugt, dass es ohne meinen starken Willen nicht immer möglich gewesen wäre, nach vorne zu blicken und weiterzumachen. Ich musste mich oft wieder auf die Füsse hieven. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Was ist Ihr grösster Antrieb zu forschen?
Seit meiner Kindheit bin ich von Neugier und Wissbegierde getrieben. Soweit ich mich erinnern kann, wollte ich immer verborgene Ursachen entdecken. Die Vielfalt der Natur, ihre Farben und Strukturen haben mich fasziniert, ich wollte sie verstehen und analysieren. Ganz besonders haben es mir die Vielfalt astrophysikalischer Phänomene und die Dynamik des gesamten Universums angetan. Heute forsche ich täglich in diesem Bereich.

Was können Sie anderen Frauen aus Ihren Erfahrungen mit auf den Weg geben?
Sie müssen an sich glauben und nicht so leicht aufgeben. Selbstzweifel ist der grösste Feind. Sie sollen verschiedene Dinge ausprobieren, neue Fähigkeiten entwickeln und so Selbstbewusstsein aufbauen. Ein starker Wille ist wichtig. Und noch wichtiger ist es, träumen zu dürfen. Natürlich spielen Vorbilder eine wichtige Rolle. So, wie ich zu meiner Doktormutter aufschauen konnte oder heute von der Rektorin der ETH, Sarah Springman, profitiere, versuche ich, jungen Studentinnen denselben Rückhalt zu geben. Ich möchte sie gerade zu Beginn an der Hand nehmen, weil es für die ersten Schritte immer am meisten Mut braucht.

Sie forschen zur Schwerkraft, zu den fundamentalen Gesetzen der Bewegung in der Natur. Können Sie eine Brücke schlagen zur profanen Alltagsmobilität?
Im Vergleich zu unserer Alltagsmobilität sind die kosmischen Entfernungen so gross, dass wir sie uns schwer vorstellen können. Das nächste Sonnensystem ist 4,3 Lichtjahre entfernt. Mit unseren momentan schnellsten Raketen würden wir 650 Jahre brauchen. Wenn wir Lichtgeschwindigkeit erreichen könnten, dann würden wir nur 4,3 Jahre brauchen. Wer weiss, ob wir einmal solche Geschwindigkeiten erreichen können. Dafür müssten die Fahrzeuge den Raum selbst verändern können. Das mag im ersten Moment abstrakt klingen, aber genau darum geht es vereinfacht gesagt in Einsteins Relativitätstheorie – um die Veränderung des Raum-Zeit-Kontinuums.

Können Sie sagen, inwiefern Ihre Ergebnisse zu einer verbesserten oder neuen Art von Mobilität beitragen?
Es ist leider so, dass Grundlagenforschung in der Regel nicht sofort eine Anwendung für die Menschheit hat. Als Einstein damals seine Theorie der Schwerkraft entwickelte, war kein Bedarf oder keine direkte Anwendung vorhanden. Heute, 100 Jahre später, könnten wir ohne seine Theorie und GPS-Geräte kaum mehr auskommen. Könnten wir Einsteins Theorie weiter verbessern, würde das sicher Einsichten auf neue Energieformen oder Transportmöglichkeiten geben. Man kann sich die Veränderung des Raum-Zeit-Kontinuums mit einem Luftballon mit Punkten vorstellen. Wenn man diesen aufbläst, werden die Abstände zwischen den Punkten grösser, obwohl die Punkte am selben Ort bleiben. Ändern sich also Raum und Zeit selbst – so wie beim Luftballon – können sich Objekte schneller bewegen, ohne sich in der Tat schneller fortbewegen zu müssen. Würden wir also eine Technologie entwickeln, die dieses Raum-Zeit-Kontinuum beeinflussen könnte, würden wir andere und vor allem schnellere Transportmittel entwickeln. Das ist aber Zukunftsmusik.

Abschliessend von der Alltagsmobilität zur Raumfahrt: Ihr Traum ist es, Astronautin zu werden und ins All zu fliegen. Was fasziniert Sie so sehr daran?
Der Wunsch ins Weltall zu fliegen, hat meinen gesamten Werdegang geprägt. Natürlich wäre es sehr schön und bereichernd, die Schwerelosigkeit zu erleben. Aber es steckt viel mehr dahinter. Als Wissenschaftlerin sehe ich mich in der Pflicht, die Grenzen des menschlichen Wissens voranzutreiben. Darüber hinaus würde ich damit gerne junge Menschen inspirieren und vor allem junge Frauen motivieren, eine naturwissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen.

  Women in Business-Community
und She’s Mercedes

Ob im Raumschiff oder doch etwas alltäglicher im Auto unterwegs: Mobilität prägt unser Leben. Die Frage, wie wir uns in Zukunft sicher, effizient und umweltfreundlich fortbewegen, beschäftigt viele von uns – auch die Initiative She’s Mercedes von Mercedes-Benz. Sie ermöglicht es Frauen in über 70 Ländern, in Kontakt zu kommen, voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu stärken. In der Schweiz widmet sich She’s Mercedes in der Eventreihe «The Holistic Lifestyle Experience» den vier Kernthemen Move, Mind, Body und Nutrition. Als Partnerin von She’s Mercedes stellt WOMEN IN BUSINESS künftig in jeder Ausgabe eine Pionierin aus einem dieser vier Themenbereiche vor. Ganz im Sinne unseres Anliegens spannende Frauen und ihre herausragenden Werdegänge zu würdigen, ihre Erfahrungen aufzuzeigen und sie gleichzeitig als Inspirationsquelle zu nutzen.

Mehr zum Magazin und zu den Events von She’s Mercedes in der Schweiz finden Sie im Newsletter mercedes-benz.ch/shesnewsletter-de sowie unter mercedes-benz.ch/shes.

 

Die grüne Mode Revolutionärin

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Stella McCartney hat das Thema Nachhaltigkeit in die Modebranche gebracht, als ihre Kollegen zwischen London, Paris und Mailand darüber noch die Nase rümpften. Mit einer Mischung aus Forscher- und Kreativgeist beschreitet die britische Designerin seit fast 20 Jahren konsequent Neuland.

Jeden Frühling, Sommer, Herbst und Winter bereitet Mode von Neuem Lust; Lust auf sinnliche Materialien, auf neue Schnitte und Farben. Sie kommuniziert über Codes und Chiffren, was wir ausstrahlen wollen. Doch in den letzten Jahren sorgt das sich immer schneller drehende Modekarussell auch für ein schlechtes Gewissen. Gebrandmarkt als einer der Hauptfaktoren für umweltschädliches Wirtschaften, hat die Industrie ein Reputationsproblem. Selbst Stella McCartney, mit ihrem Designlabel in Sachen umweltbewusste Mode eine Vorreiterin, hielt kürzlich in einem Interview mit der britischen Vogue fest: «Wir haben einen Produktionsrhythmus, den wir viel zu lange nicht hinterfragt haben.»

Ein Report der Ellen MacArthur Foundation zeigt auf, dass jedes Jahr von den 53 Millionen Tonnen neu produzierten Textilfasern 73 Prozent auf der Müllkippe landen – jede Sekunde ein ganzer Müllwagen voll. Die Zukunft sieht noch düsterer aus: Angetrieben durch eine rasant wachsende Mittelschicht in Asien, werden sich die Kleiderberge bis zum Jahr 2050 sogar noch mehr als verdreifachen – und damit entfallen dann rund ein Viertel des jährlichen Kohlenstoffbudgets der Welt allein auf Kleider.

Stella McCartney war der erste vegetarische Luxusbrand der Welt, der Umweltverantwortung ins Zentrum ihres Wirkens stellte. Nach der Gründung ihres eigenen Labels 2001 begann McCartney, in kleinen Schritten Mode zu kreieren, die nachhaltigen, ethischen Prinzipien folgte. Für Natur, für Tierschutz, gegen Pelz stand die britische Mode-Kreateurin schon ein, als andere dies in der Modebranche für nicht durchsetzbar hielten. Die Suche nach Alternativen zu Leder war der Beginn ihres forschenden Ansatzes. Zusammen mit ihrem Produktentwicklungsteam ist sie ständig auf der Suche nach neuen Materialien, arbeitet etwa mit einer Firma aus San Francisco, die Seidenfäden im Labor züchtet, anstatt Seidenwürmer zu töten. Sie verwendet Kunststoffe, die aus Plastikabfällen aus dem Meer zurückgewonnen und zu neuen Materialien verarbeitet werden. Stella McCartney rühmt sich, das einzige Luxusmodehaus zu sein, das Viskose aus nachhaltiger Forstwirtschaft verwendet.

Als sie 2004 ihre langjährige Kollaboration mit Adidas begann, verzichtete sie auf Leder. Sie setzte erneuerbare Energien ein, das erste Parfum STELLA wurde ohne Tierversuche hergestellt. 2007 war Stella McCartney der erste grosse Luxusbrand, der überschüssiges Inventar auf der Plattform The RealReal verkaufte. Von Gleichgesinnten innerhalb der Luxusmodebranche waren solche hehren Ziele lange als unerreichbar abgestempelt. Doch heute kann Stella McCartney auf eine 18-jährige Erfolgsgeschichte an Innovationen zurückblicken.

Weil die Mode auch von der Show lebt, versteht sie es aber auch, ihr umweltpolitisches Credo immer wieder medienwirksam in Modeshootings und Modeschauen einzuspeisen, etwa, als sie vor ein paar Jahren ihre Models auf einer dampfenden, übelriechenden Mülldeponie in Irland posieren liess. Ihre Ready-toWear-Collection 2021 sendet aktuell ihre grüne Message inmitten der Pandemie. Per Video aus den Gärten von Houghton Hall in Norfolk übertragen, sah man Models in luftig-leuchtenden pinkfarbigen Kapuzenkleidern, mit Muscheln bedruckten Kleidern, schlichten crèmefarbenen Hosenanzügen und smarten Safari-Deux-Piece im Uniform-Look zu wilder Musik um die kreisrunde Installation aus Schiefergestein – einer Installation namens «Full Moon Circle» von Richard Long – stampfen und über das üppige Grün paradieren. Das alles wirkte wie ein heidnisches Ritual, in welchem wieder in die Freiheit entlassene, post-pandemische Wesen ein neues Verhältnis Mensch, Mutter Natur und Kosmos beschworen. Aber es hatte auch die Edgyness, die sonst Ökolabels fehlt.

Tatsächlich ist es McCartney zuzuschreiben, das Thema Nachhaltigkeit nicht nur mit Verantwortung, sondern auch mit Kreativität und Sex-Appeal aufgeladen zu haben. Der populären Verbreitung ihres Brands war gewiss nicht hinderlich, dass sie mit Kate Moss, Madonna und Gwyneth Paltrow befreundet ist und ihr Vater der Beatles-Musiker Paul McCartney ist. Während einige Modehäuser in den letzten Jahren ebenfalls auf den Nachhaltigkeits-Zug aufgesprungen sind, gilt McCartney als die ernsthafteste und konsequenteste Verfechterin in der Industrie. Caroline Rush, Chief Executive des British Fashion Council, bezeichnet sie als «eine wahre Innovatorin». Sie habe innerhalb der gesamten Modeindustrie ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit geschaffen und sei eine Inspiration für die Branche und für zukünftige Generationen.

Die Zeit der Pandemie hat aber auch Stella McCartney nochmals zur vertieften Reflexion veranlasst. Sie stellte ein ABC ihres Wertesystem auf und lud Künstler dazu ein, die Begriffe zu visualisieren. Daraus entstand ein Manifest, dem ihre neue Kollektion, ihr Team, ihr Haus treu sein sollen. Von A für accountable, also verantwortlich, C für conscious, bewusst, o für organisch bis zu t für timeless, zeitlos und v wie vegan. Das alles könnte auch als kreativer Marketing-Gag abgetan werden, stünde dahinter nicht das über viele Jahre gewachsene Credo, dem die Arbeitsweise des Labels folgt. Für Transparenz sorgt der im letzten Herbst veröffentlichte Stella McCartney Eco Impact Report, der die Umweltkosten und Lieferketten des Brands in Grafiken und Karten darstellt. Stella McCartney hat sich auf die Fahne geschrieben, langsamer in den Produktionszyklen zu werden, und sich rascher und dezidierter in Richtung Zirkularwirtschaft und erneuerbarer, naturbasierter Materialien hinzubewegen. Das Ganze liest sich wie ein öko-politisches Manifest: «Wir glauben, dass es unsere Pflicht ist, unsere Stimme und unsere Plattform einzusetzen, um kritische Themen ins Blickfeld zu rücken und unseren Fortschritt zu teilen», heisst es da. Es wurden neue Compliance-Standards für Lieferanten festgelegt und zudem eine Absichtserklärung gemacht, die Rechte der Arbeiter zu schützen. Erneuerbare Landwirtschaft, Abbau von CO2, Unterstützung lokaler Gemeinschaften, Meiden von stark belasteten Materialien: Das tönt alles gut, aber wie sieht das in die Praxis umgesetzt aus?

Mit der Berechnung der Umweltkosten zeigte sich etwa, dass Kaschmir, obwohl er nur 0,1 Prozent aller verwendeten Materialien ausmachte, für 42 Prozent der gesamten Umweltauswirkungen verantwortlich war. Diese Erkenntnis führte zum Entscheid, kein reines Kaschmir mehr zu verwenden, sondern stattdessen rezikliertes Kaschmirgarn. Die Menge an recyceltem Polyester wurden in den letzten Jahren um 40 Prozent erhöht, da es einen 75 Prozent geringeren CO2-Fussabdruck aufweist als neues Polyester und bis zu 90 Prozent weniger Wasser verbraucht. Und in ihrer neuen Kollektion sind einige der neuen Designs tatsächlich komplett rezykliert aus Überbeständen von Textilien. Während des ersten Lockdowns in London ging die Designerin nämlich mit ihrem Team in ihr Lager. Da lagerten Textilien und Spitzen früherer Kollektionen, die sie aussuchten, um daraus neue Kleider zu fertigen. Sie werden jetzt in limitierter Edition verkauft.

Upcycling ist gemäss der britischen Vogue der grösste Frühling-/Sommer-Trend 2021. Hatten einige trendige Jungdesigner alte Textilien schon vorher zu neuen Designs verarbeitet, lancieren jetzt auch – der Not gehorchend – Luxus-Brands wie Balenciaga, Marni, JW Anderson und Miu Miu Upcycling-Kollektionen, darunter Patchwork-Mäntel, Gewebe aus Schuhbändeln, neu geschneiderte Kleider aus Vintage-Stücken. Kein Wunder: Mit der Pandemie gibt es einen Inventarüberschuss der Frühling-/Sommer-Kollektionen des Jahres 2020 im Wert von rund 150 Milliarden Euro – dem Doppelten der Vorjahre. Gewöhnlich wurde bisher unverkaufte Ware verbrannt oder von Luxusbrands weggeworfen, um ihren Brandwert zu erhalten. Dies ist seit letztem Jahr in Frankreich verboten.

Für Stella McCartney ist das alles nur Bestätigung, dass sie seit Jahren auf dem richtigen Weg ist. Früh nahm sie auch Kunstpelze aus komplett organischen Fasern in ihre Kollektionen auf. In der Kollaboration mit Adidas legte sie 2019 den Kult-Sneaker von Stan Smith aus veganem Leder auf, wobei alle Klebstoffe durch tierfreie Alternativen ersetzt wurden. Sämtliche Denim- und Jerseyteile der Frühjahrskollektion 2021 sind zu 100 Prozent organisch, ohne giftige Chemikalien hergestellt und mit bis zu 70 Prozent weniger Wasser als gewöhnliche Baumwolle. Schwimmund Unterwäsche sind aus dem neuartigen Material Econyl produziert, das aus rezyklierten Fischernetzen besteht. Es wird ohne Abfall hergestellt, weil das Material ohne Nähte geformt werden kann. Damit wird verhindert, dass tonnenweise neues Nylon in die Industrie gefüttert wird. Und weil die Stücke multifunktional sind, sollen sie Konsumentinnen dazu anregen, weniger zu kaufen.

Flip-Flops sind zu 50 Prozent aus Abfallmaterialien produziert. Biotechnisch hergestellte Spinnenseide, veganes Leder aus Pilzen, rezykliertes Plastik aus den Ozeanen sind weitere Beispiele. Anstatt erdölbasierter Kunststoffe, giftiger Farbstoffe, chemischer Bleichmittel und Stoffausrüstungen sowie durstige, käferliebende Pflanzen wie Baumwolle will man die Modefans auf einen weniger giftigen Weg bringen.

Zentral für McCartney ist Finden und Zusammenarbeiten mit Lieferanten, meistens Start-ups, die auf neuartige, grüne Technologien setzen. Sie seien für ihre Mode mindestens so wichtig wie das Design selbst. Aber auch das ABC des Handwerks ist wichtig: Sie hat es schliesslich bei den Schneidern der Savile Row von der Pike auf gelernt. Der Fokus auf Zeitlosigkeit und die gute Qualität der Materialien ist ihr seither als Credo geblieben.

Sie liebe die forschende Seite, die mit dem Suchen nach neuen Materialien und Prozessen einhergehe, sagt McCartney. Und es gehe schliesslich dabei nicht nur um die Zukunft der Mode, sondern um die Zukunft von uns allen. Trotz allem: Stella McCartney will ihre Kundinnen nie über das schlechte Gewissen erreichen, sondern über smartes, entspanntes, feminines Design. «Es geht nicht um Schuld, es geht um Genuss».

Über Stella McCartney

Stella McCartney wurde 1971 geboren, ihre Eltern sind der Beatles-Musiker Paul McCartney und die Fotografin und Tierrechtsaktivistin Linda McCartney. Nach einem Praktikum bei Christian Lacroix in Paris studierte sie am Central Saint Martins College of Art and Design in London. An ihrer Abschlussshow lief ihre Freundin, das Supermodel Kate Moss. 1997 wurde sie Chefdesignerin bei Chloé in Paris. 2001 gründete sie ihr Label Stella McCartney in einem 50/50 Joint Venture mit der Gucci-Gruppe, seit 2004 kooperiert sie mit Adidas. 2007 wurde sie an den British Fashion Awards zum Designer des Jahres gekürt. 2012 stattete sie die gesamte britische Olympia-Mannschaft aus. Die überzeugte Vegetarierin propagierte 2009 die McCartney Meat Free Mondays, um die Gesundheit zu fördern und den CO2-Ausstoss zu vermindern. Sie wurde mit vielen Preisen geehrt, u.a. dem der Natural Resources Defense Council. Sie hat weltweit 51 Boutiquen, nebst London u.a. in New York, Los Angeles und Tokio; ihre Kollektionen werden in über
77 Länder exportiert. 2018 designte sie Meghan Markles Hochzeitskleid. Stella McCartney ist mit dem Design-Unternehmer und Kreativdirektor von Hunter Bood, Alasdhair Willis, verheiratet und hat vier Kinder zwischen 9 und 15.

NEUTRALITÄT als Chance

Posted by corinne.broennimann

Die ehemalige Bundesrätin und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey befürwortet eine moderne Interpretation der Schweizer Neutralität. In ihrem neuen Buch stellt sie die Frage, wie sich diese zukunftsträchtig gestalten liesse und inwiefern sie auch als Inspiration für die Europäische Union dienen könnte.

Neutralität dürfe keine Abkapselung von der Weltpolitik bedeuten, sagt Micheline CalmyRey, Alt-Bundesrätin und heutige Professorin am Global Studies Institute der Universität Genf: «Vielmehr sollte die Schweiz den Nutzen der Neutralität immer wieder unter Beweis stellen.» Während acht Jahren vertrat die gebürtige Walliserin als erste weibliche Vorsteherin des Eidgenössischen Departements des Äusseren (EDA) die Schweizer Interessen und galt als engagierte Kämpferin für ein offenes Land, das sich als Teil Europas versteht. Mit ihrem Eintreten für eine so genannte aktive Neutralität versuchte sie, die Schweiz in eine neue Richtung zu bewegen, indem sie auf die Möglichkeit hinwies, einen nicht ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat zu beantragen. Eine entsprechende Kandidatur, welche im Juni nächsten Jahres stattfinden soll, betrachtet die ehemalige Magistratin als reelle Chance, die Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und noch aktiver zur zivilen Friedensförderung beizutragen.

WOMEN IN BUSINESS: Micheline Calmy-Rey, Sie haben ein neues Buch mit dem Titel «Die Neutralität» veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Micheline Calmy-Rey: Seit 2012 lehre ich Internationale Beziehungen und Schweizer Aussenpolitik am Global Studies Institute der Universität Genf. Seit geraumer Zeit habe ich mir überlegt, wie ich meinen Studentinnen und Studenten das Prinzip der Neutralität noch ausführlicher erklären könnte. Da es sich um komplexes Thema handelt und mein Terminkalender prall gefüllt ist, stellte der Schreibprozess eine zeitliche Herausforderung dar. Die Neutralität liegt mir sehr am Herzen, und umso wichtiger war es für mich zu zeigen, dass diese nicht überholt ist.

In der Tat wird die Neutralität hin und wieder mit Feigheit und Gleichgültigkeit gleichgesetzt. Wie kann diese gewinnbringend umgesetzt werden?
Die Neutralität dient dem inneren Zusammenhalt und verleiht der Schweiz durch ihr humanitäres Engagement, einer Politik des Dialogs, der Friedensförderung und der Verteidigung des Völkerrechts eine besondere Rolle. Allerdings hat sich diese weiterentwickelt, um den globalen Herausforderungen begegnen zu können. Die Schweiz hat nicht den Schritt einer Nation vollzogen, und das war auch gar nicht möglich, weil sie zu vielfältig ist. Unser Modell lässt sich nicht vollständig auf die Europäische Union übertragen. Die Grundlagen und Prinzipien könnten jedoch ein Stück weit inspirierend sein.

Inwiefern?
Denken Sie nur an die Schlacht bei Marignano im Jahr 1515, eine bedeutsame Schlacht zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und dem Herzogtum Mailand einerseits, dem Königreich Frankreich und der Republik Venedig andererseits. Diese beendete eine Periode der schweizerischen Expansionspolitik und wird im historischen Rückblick als Beginn der Neutralitätspolitik betrachtet. Die Unstimmigkeiten zwischen den Verbündeten, die Schwäche der übergeordneten Instanzen, hatten eine Einigung über die Anzahl Söldner, die von jedem Bündnis zu stellen gewesen wären, verhindert. Stattdessen wurden auf freiwilliger Basis Truppen angeordnet und vor allem zu wenige. Hinzu kommt, dass nicht alle einen Krieg befürwortet hatten. Die damalige Situation der mehrsprachigen Schweiz lässt sich mit jener der EU vergleichen, respektive mit deren Clinch zwischen internen Führungsaufgaben und geopolitischer Positionierung.

Die Welt steht vor immer grösseren Herausforderungen. Armut ist ein ständiges Thema, und der Terrorismus stellt eine Bedrohung dar. Wie kann die ungenügend gerüstete internationale Gemeinschaft diese explosive Mischung entschärfen?
Die Lösung globaler Probleme ist ein Bestandteil der internationalen Sicherheitspolitik der Schweiz und deren Interessenwahrung. Diesbezüglich nehmen die Vereinten Nationen einen wichtigen Platz ein. Tatsache ist, dass die veränderten Kräfteverhältnisse zwischen den Grossmächten die Ausgangslage erschweren, aber das Fazit lautet trotzdem: Wir brauchen einen globalen und wirkungsvollen Ansatz, und dazu gehört der Multilateralismus, welcher meiner Meinung nach keine Gefahr für die Schweiz darstellt. Wir sind keine Grossmacht und deshalb an allgemeingültigen Regeln interessiert. Deshalb bin ich überzeugt, dass unsere Glaubwürdigkeit als neutrales Land zentral ist, was den Einfluss auf der Weltbühne betrifft.

Die Cyberattacken stellen ebenfalls eine bedrohliche Entwicklung dar. Lässt sich die schweizerische Neutralität auch in dieser Hinsicht einsetzen?
Die Fähigkeit, das digitale Ökosystem zu kontrollieren, hängt auch davon ab, wie es um die politische, militärische und wirtschaftliche Unabhängigkeit eines Landes bestellt ist. Alle Merkmale des Cyberspace sind gleichzeitig auch Herrschaftsmittel und Angriffsziele. Die digitale Revolution bringt die gängige Kriegsdefinition ins Wanken. Massive Cyberattacken wurden von der NATO als kriegerische Handlungen eingestuft, aber die internationale Rechtsordnung eignet sich nicht für solche Fälle. In dieser Hinsicht verfügen wir nicht über ein Völkerrecht. Demnach sind die politischen Instanzen gefragt, welche selbst entscheiden müssen, wie sie Krieg definieren und wie die Neutralität berücksichtigt werden soll.

Welchen Stellenwert hat die digitale Entwicklung in Ihrem Alltag?
Die sozialen Medien dienen mir in der Pandemiezeit dazu, Vorlesungen und Konferenzen durchzuführen. Die digitalen Entwicklungen bringen Chancen mit sich, aber die Tatsache, dass Cyberspace als Angriffsfläche benutzt wird, ist mehr als gefährlich.

Ist Macht heutzutage insbesondere mit der Fähigkeit verbunden, sich zu vernetzen?
Auf jeden Fall. Die Schweiz ist Kandidatin für einen nicht ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat, welcher über Krieg und Frieden beschliesst. In diesem Gremium könnte sich die Schweiz besser vernetzen und eine globale Verantwortung übernehmen, die ihre Glaubwürdigkeit stärken würde. Das neutrale Schweden hat bewiesen, dass man im Sicherheitsrat Einfluss ausüben kann. Das ist auch in unserem Interesse, denn dadurch bekommen wir Zugang zu den Grossen dieser Welt.

Wie stehen die Chancen für unser Land?
Ich bin zuversichtlich. Natürlich existieren auch Gegenargumente. Beispielsweise wird immer wieder gesagt, dass die Schweiz nicht viel beitragen könne, weil die ständigen Mitglieder die wichtigen Entscheidungen durch ihr Veto ohnehin blockieren würden und sich die Schweiz aufgrund ihrer Unparteilichkeit immer wieder der Stimme enthalten müsse. Auch die Spaltung des UNO-Sicherheitsrats bei Krisen wie beispielweise in Syrien sind ein Thema. Es wird auch oft behauptet, die Neutralität müsse aufgegeben werden, weil der Sicherheitsrat über Krieg und Frieden beschliesst, aber bis Ende 2019 hat dieser rund 2500 Resolutionen verabschiedet und in lediglich vier Fällen bewaffnete Gewalt angeordnet. Der Rat handelt in überwiegender Anzahl nicht militärisch, sondern politisch im Auftrag der Weltgemeinschaft. Genau das macht den Unterschied zum klassischen zwischenstaatlichen Konflikt aus. Der Einsitz im Sicherheitsrat würde das Neutralitätsprinzip in keiner Weise beschädigen.

In Ihrem Buch äussert sich auch der Soziologe und Politiker Jean Ziegler, der unser Land als schizophren einstuft. Einerseits gäbe es den Staat, der mit unterschiedlichem Erfolg für aktive Neutralität einstehe und andererseits seien da die Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals, die ausschliesslich Profitmaximierung betreiben würden. Lässt sich dieser Widerspruch auflösen?
Ein Beispiel: Wir sollten auf Waffenexporte an kriegerische Staaten verzichten, da sie mit unserer humanitären Tradition nicht vereinbar sind. Die Schweiz sieht sich mit Zielkonflikten zwischen ökonomischen Interessen und den Prinzipien des Neutralitätskonzepts konfrontiert. Eigentlich geht es hier um die moralische Autorität der Schweiz, um ihre Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft.

In der Coronakrise wurde der Schweiz immer wieder vorgeworfen, die Wirtschaft vor die Gesundheit der Bevölkerung zu stellen. Wie schätzen Sie den ökonomischen Aspekt ein?
Dieser nimmt einen wichtigen Platz ein und schafft Arbeitsplätze. In unserer Verfassung sind die aussenpolitischen Ziele beschrieben, und dazu gehören die Wirtschaft und die Menschenrechte. Die verschiedenen Ziele sollten jedoch nicht gegeneinander ausgespielt werden. Vielmehr sollte man bestrebt sein, eine Aussenpolitikstrategie zu entwickeln, die unsere Interessen wahrt und Lösungen im Zusammenhang mit schwer vereinbaren Zielen ermöglicht.

Nebst Ihrem Einsatz für eine friedliche Konfliktlösung haben Sie sich auch für die Rechte der Frauen eingesetzt. In der Schweiz ist die Gleichberechtigung in manchen Bereichen noch heute nur auf dem Papier vorhanden. Was müsste sich konkret ändern?
Es ist an der Zeit, Männern und Frauen dieselben Gehälter auszuzahlen, denn die Lohngleichheit ist seit 1981 in der Verfassung verankert. Damit diese Ungerechtigkeit ein Ende finden kann, fordert die SP Lohnanalysen. Auch tragen Frauen immer noch den grössten Anteil an der Verantwortung für die Familie. Wir benötigen unter anderem auch bezahlbare Kita-Plätze für alle. Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt dringend gefragt und verfügen über eine gute Ausbildung. Entsprechend sollten sie ihre Fähigkeiten einbringen können. Ebenso müssen sie Selbstvertrauen entwickeln und Lohnverhandlungen nicht scheuen. Ich ermutige meine Enkelinnen stets, an sich zu glauben. Sie können sich auch an meiner Tochter orientieren, die sich als Professorin an der Medizinischen Fakultät in Genf etabliert hat. Mit der Schwierigkeit, alle Bereiche unter einen Hut zu bringen, wurde ich auch konfrontiert.

Wie haben Sie das damals erlebt?
Als ich abends nach politischen Treffen nach Hause kam, spielten meine Kinder Fussball im Wohnzimmer und hatten manchmal kaum gegessen. Mein Sohn erinnert mich noch heute daran, dass ich ihm nichts zubereitet habe und nur Karotten im Kühlschrank zu finden waren. Das war sicherlich keine ideale Situation, weder für mich noch für meine Kinder.

Und wie begegnen Ihnen Ihre Studentinnen und Studenten an der Universität Genf?
Der Kontakt mit jungen Menschen bedeutet mir sehr viel. Auch habe ich kürzlich ein Seminar mit Studenten aus Russland geleitet, und der internationale Austausch war sehr anregend. Heutzutage sorgt sich die Jugend mehr um ihre berufliche Zukunft als früher. Ich vertrete die Generation der Babyboomer und des Aufschwungs, eine Zeit, in der es etwas einfacher war, eine Anstellung zu finden. Heute bin ich zwar immer noch ein engagierter Mensch, trage jedoch die grosse Verantwortung für die Sicherheit und den Wohlstand der Schweizerinnen und Schweizer nicht mehr.

Ist die Demokratie nach wie vor ein gutes Volksmodell?
Nicht wenige Menschen auf der Welt wünschen sich eine direkte Demokratie, und der Vorteil besteht auch darin, dass jede und jeder ein Wort zu sagen hat und eine Volksnähe garantiert ist. In der Schweiz treffen Sie ab und zu gar Bundesräte beim Einkaufen an, die sich genauso verhalten wie die anderen Bürgerinnen und Bürger auch. Könnten Sie sich den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron in einem Supermarkt vorstellen? Die Schweiz hat grundsätzlich einen Trumpf in der Hand, was die direkte Demokratie betrifft, und das gilt es zu nutzen. ★

Über Micheline Calmy-Rey

Micheline Calmy-Rey, 75, wurde in Sitten geboren und studierte Politikwissenschaft an der Universität Genf.Sie war viele Jahre kantonale Politikerin für die Sozialdemokratische Partei (SP), bevor sie sich auch auf nationaler Ebene etablierte. Von 2003 bis 2011 war sie als Bundesrätin Vorsteherin des Eidgenössischen Parlaments für auswärtige Angelegenheiten (EDA). 2007 und 2011 amtete sie als Bundespräsidentin und war 2010 auch Präsidentin des Europäischen Rats. Seit 2012 ist Calmy-Rey Professorin am Global Studies Institute an der Universität Genf.

Geschichte der Schweizer Neutralität

Die Neutralität der Schweiz geht auf die Niederlage der Eidgenossen im Jahr 1515 in Marignano zurück, wurde aber erst 1815 am Wiener Kongress von der internationalen Staatengemeinschaft anerkannt. Als neutraler Staat beteiligt sich die Schweiz nicht an Konflikten anderer Staaten, leistet keine bewaffnete Hilfe und tritt keinen militärischen Bündnissen bei. Das Ende des Kalten Krieges hat die Schweiz veranlasst, ihr Neutralitätskonzept zu überprüfen. So beteiligte sie sich an den Wirtschaftssanktionen gegen den Irak während des ersten Golfkrieges 1991. Sie engagierte sich 1996 in der «Partnerschaft für den Frieden» der NATO und entsandte 1999 freiwillige unbewaffnete Armeeangehörige zur Unterstützung der Friedensbemühungen in den Kosovo. 2001 bejahten die Schweizer Stimmberechtigten anlässlich einer Volksabstimmung die Bewaffnung schweizerischer Kräfte bei Einsätzen der Friedenssicherung. 2002 unternahm die Schweiz einen weiteren Schritt in die Richtung einer aktiveren Neutralitätspolitik, als sie Mitglied der UNO wurde. Die Schweiz kandidiert für einen nicht ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat in den Jahren 2023/24. Bei einer grossen Mehrheit der Bevölkerung wird die Neutralität mitgetragen und gilt als wichtiger Teil des helvetischen Bewusstseins.

Im Gespräch – Gigi Kracht

Posted by corinne.broennimann

Generation Töchter – eine Studie von PwC

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Bedeutung, Rollenverständnis, Meinungen und Erfahrungen von Nachfolgerinnen in Schweizer Familienunternehmen.

Schweizer Familienunternehmen schöpfen das Potenzial an Fachwissen, Themenvielfalt und Motivation ihrer Nachfolgerinnen bei Weitem nicht aus. Das zeigt unsere jüngste Studie «Generation Töchter». Alte Rollenmodelle halten sich hartnäckig und weibliche Vorbilder fehlen. Und: Klischees und mangelnde externe Akzeptanz nagen am weiblichen Selbstvertrauen.

Wir möchten Nachfolgerinnen ermutigen, ihre Aufgaben im Familienbetrieb selbstbewusst anzupacken und nicht in die zweite Reihe zu treten. An die Seniorgeneration appellieren wir, keine Nachfolgeressourcen brach liegen zu lassen. Der Nachfolgeprozess erfordert Zeit – je früher und vielseitiger er beginnt, umso erfolgversprechender wird er.

Laden Sie die Studie hier herunter

Chur, Olten und Schaffhausen werden trendy

Posted by corinne.broennimann

Seit den 90er Jahren nimmt die Bevölkerung in den wichtigen Schweizer Wirtschaftszentren konstant zu. Die Corona-Pandemie könnte nun zu einer Trendumkehr führen. Am stärksten wachsen zurzeit Nachfrage und Preise für Wohneigentum in kleinen und mittelgrossen Städten, was auch Anleger hellhörig macht.

Der Wunsch, Wohneigentum zu besitzen, sich in den eigenen vier Wänden einzunisten, einen glückseligen Ort des Rückzugs und der Zuflucht zu haben, treibt Schweizerinnen und Schweizer seit jeher um. In der Nation der Mieterinnen und Mieter ist der Haus- oder Wohnungskauf eine ständige Vision, Sehnsucht, eine Art Zielstrich von jahrelangen Bemühungen und Entbehrungen. Aber Wohneigentum in der Schweiz ist – teuer!

Und das dürfte sich so schnell nicht ändern. Ganz im Gegenteil: Die Corona-Pandemie treibt die Preise für Wohneigentum noch einmal nach oben, wie der Ende Oktober erschienene «Immobilien-Report» der Beratungsfirma Wüest Partner nachweist. Der Report dokumentiert, wie die Nachfragekurve nach Wohneigentum ab den Sommermonaten 2020 eine markante Delle nach oben gezeichnet hat. Laut Wüest Partner lag die Nachfrage schweizweit im zweiten Quartal sogar über dem Niveau des bereits sehr starken Vorjahresquartals.

Was dabei auffällt und neu ist: Besonders Einfamilienhäuser sind so begehrt wie schon lange nicht mehr. Über viele Jahre interessierten sich Käuferinnen und Käufer besonders stark für Etageneigentum in urbanen Regionen, allen voran in Zürich und Genf, aber auch Basel, Bern oder Lausanne. Jetzt sind es andere, mittelgrosse bis kleine Städte, die von Kaufinteressenten ins Visier genommen werden. Olten, Solothurn, Schaffhausen, Chur, Uster oder Burgdorf heissen die aktuellen Trendziele. Genug städtisch, um über alle notwendigen Infrastrukturen zu verfügen. Genug ländlich oder provinziell, um gegenüber Zürich oder Genf viel günstigeren Wohnraum zu bieten.

Kreis der potenziellen Käufer wird kleiner

Allerding muss die Bezeichnung «günstig» auch in solchen Kleinstädten immer stärker relativiert werden. Der Markt spielt, und die Preise ziehen parallel zur Nachfrage markant an. Im zweiten Quartal 2020 sind beispielsweise für Einfamilienhäuser in Olten gegenüber der Vorjahresperiode um 3,8 Prozent höhere Tarife bezahlt worden, wie Wüest Partner errechnet hat. In Solothurn sind es sogar 4,2 Prozent. Der Schweizer Durchschnittspreis für Einfamilienhäuser erhöhte sich bis Mitte 2020 im Vorjahresvergleich um 3,3 Prozent.

Für Wüest Partner lautet die Konsequenz dieser Entwicklung, dass der Traum von den eigenen vier Wänden für viele Schweizerinnen in Schweizer in weite Ferne rücken könnte, da nicht erschwinglich. Denn in Zentren wie Zürich, Genf, Basel oder Bern sind die Preise für Einfamilienhäuser oder auch Stockwerkeigentum ohnehin nur für die wenigsten erschwinglich. Es tut sich also ein Graben auf zwischen der wohlhabenderen Schicht, die sich immer mehr in Richtung Wohneigentum orientiert und der unteren Mittelschicht, die sich mangels Kapital vorläufig nur die Mietvariante leisten kann. Befeuert wird diese Entwicklung nicht unwesentlich von der Corona-Pandemie und dem Trend zum Homeoffice. Ausserdem wurde das Tiefzinsumfeld im Zuge der Bekämpfung der wirtschaftlichen Auswirkungen durch die Pandemie nochmals verlängert. «Finanzierungskosten von Wohneigentum werden auf absehbare Zeit vielerorts tiefer bleiben als die Mieten», heisst es bei Wüest Partner.

Es herrscht «Stadtflucht»

Für Martin Neff, Chefökonom der Raiffeisengruppe und einer der pointiertesten Immobilienexperten im Land, kann man im Häuser- und Wohnungsmarkt sogar von einer Art Zeitenwende sprechen. «Landflucht war hierzulande lange Zeit das dominierende Thema, wenn man räumliche Bevölkerungsbewegungen näher betrachtete. Landflucht herrscht auch, wenn man Migrationsströme in einem globalen Kontext betrachtet. Da schreitet die Urbanisierung schnell voran. In der Schweiz hingegen, man glaubt es kaum, herrscht heute Stadtflucht», schreibt er auf dem Bankportal Raiffeisen Casa.

Doch wovor fliehen die Leute? Vereinfacht ausgedrückt, fehle es in den Zentren an Alternativen, so Neff. Wer heute in der Stadt lebe und zum Umzug «gezwungen» sei, weil sich zum Beispiel private oder berufliche Umstände ändern, der werde in der Stadt kaum wieder fündig, ohne deutlich mehr zu be- zahlen oder Abstriche der Wohnqualität in Kauf zu nehmen. «Und so kommt, wenn auch oft nicht erste Wahl, die Agglomeration oder Peripherie der Stadt ins Spiel.» Dort sei das Angebot flüssiger, weil in den letzten Jahren deutlich mehr Neubauten entstanden sind als in den grösseren Städten. «Und so entscheiden sich letztlich viele, der Stadt den Rücken zuzukehren, so gern auch noch sie dortgeblieben wären», so Neff.

Chance für Anleger

Eindeutig hat die Corona-Krise zu einer markanten Häufung genau solcher Fälle geführt – und dürfte dies wieder tun. Das zurzeit nicht absehbare Ende des Ausnahmezustands nährt die Sehnsucht nach schützenden Mauern, einem gemütlichen Homeoffice und der Vermeidung von Menschenmassen. Dies dürfte im Immobilienmarkt auch 2021 den stadtnahen Agglomerationen, Klein- und mittelgrossen Städten mit soliden Infrastrukturen Auftrieb geben und die Preisspirale weiter nach oben drehen. Für gewiefte Anleger vermutlich auch eine Chance, sich ein Objekt mit voraussichtlich anhaltender Wertsteigerung zu sichern.

Von Frauen für Frauen

Posted by corinne.broennimann

«In der Krise kommt man aus der Komfortzone heraus»

Posted by corinne.broennimann

Chanel, Prada und Akris setzen auf St. Galler Stickereien, und da kennt sich Caroline Forster aus. Sie ist Co-CEO des traditionsreichen St. Galler Textilunternehmens Forster Rohner. Die 40-jährige Betriebsökonomin über ihre Motivation, den Umgang mit der Pandemiekrise und Frauenförderung im Betrieb.

Ein Produktionsunternehmen besteht aus Maschinen, aus Cashflow, Eigenkapitalquote und aus Bestelleingängen. Aber es gehören auch Menschen dazu, Töne und Gerüche. Caroline Forster kennt die Geräusche, die flinken Hände und die Menschen, die an der Herstellung der traumhaften St. Galler Stickereien beteiligt sind, seit Kindesbeinen. Sie liebte das Rattern der magischen Stickereimaschinen, wenn sie mit ihrer Mutter im väterlichen Betrieb vorbeischaute. Und als 14-jähri- ge Gymi-Schülerin verdiente sie ihr erstes Taschengeld in der Fabrik. «Ich durfte Musterungen für die Kunden zusammenstellen», erinnert sie sich.

Die Musterbücher von Forster Rohner sind das Kapital des 116-jährigen Unternehmens. Sie stehen im grossen Archiv unweit der Halle mit den Stickmaschinen, nach Jahren und Jahrzehnten geordnet, in vielen Laufmetern Gestellen versorgt. Die rund 400’000 Dessins sind das Material, aus denen die textilen Träume der bedeutendsten Modedesigner sind – und ihrer Kundinnen. Michelle Obama trug 2009 eine wollene Guipure-Stickerei aus dem Hause Foster Rohner anlässlich der Inaugurationsfeier von Barack Obama als US-Präsident, und Amal Clooney verzauberte ihren George mit St. Galler Spitzen an ihrer Hochzeit in Venedig. Akris, Chanel, Miuccia Prada – sie alle setzen Stickereien aus St. Gallen in ihren Designs ein.

Sie repräsentierten als erste Frau in der Firmenleitung und zusammen mit ihrem Bruder die vierte Generation. Gab es für Sie Vorbilder?

Meine Mutter war mir sicherlich ein Vorbild, was ihre grosse Sozialkompetenz anbetrifft, die es braucht, um ein Unternehmen zu führen. Als Politikerin kann sie mit Menschen aller Art umgehen. Mein Vater ist ein Unternehmer alter Schule, ein Patron, für den Mitarbeiter im Zentrum stehen. Das habe ich von ihm übernommen.

Was braucht es, um ein so traditionsreiches Unternehmen «frisch» zu halten?

Wandelbarkeit. Man muss bereit sein, sich anzupassen und sich zu verändern. So ist die Mode, aber so sind auch wir. Wir haben immer schnell reagiert auf äussere Gegebenheiten. Beispielsweise haben wir unsere Produktion sehr früh konsequent ausgelagert, nach China 1991, nach Rumänien vor über 20 Jahren und nach Bosnien vor rund zwei Jahren. Auch in St. Gallen haben wir immer einen Teil der Produktion behalten. Hier schlägt unser Herz, hier ist das Hirn: die Kreation, das Marketing und die Administration sind in St. Gallen. In Rumänien, China und Bosnien arbeiten auch Mitarbeiter von uns, um das Know-how weiterzugeben.

Sie sind Mutter und arbeiten Vollzeit in der Firmenleitung und kennen aus eigener Erfahrung die Doppelbelastung, die Arbeit und Familienleben mit sich bringen. Inwiefern setzen Sie sich für Frauenförderung innerhalb der Firma ein?

Gleichstellung der Geschlechter auch innerhalb der Firma ist mir sehr wichtig. Die Gesellschaft und auch die Wirtschaft haben hinsichtlich der Gleichstellung noch viel zu tun. Wir haben bei uns flexible Arbeitsmodelle etabliert. Wenn eine Mitarbeiterin schwanger wird, teilt sie es mir frühzeitig mit, sodass wir das Arbeitsmodell miteinander arrangieren können. Für eine junge Mutter muss es möglich sein, weiterarbeiten zu können. Aber es setzt natürlich auch die Bereitschaft voraus, dass sie ein gewisses Pensum beibehalten will.

Caroline Forster ist eine Durchstarterin, die es gewohnt ist, hart und konzentriert zu arbeiten: Sie war erst 26, als sie CEO von Inter-Spitzen, eine Tochtergesellschaft von Forster Rohner, wurde. Das jüngste von vier Kindern – sie hat eine ältere Schwester und zwei ältere Brüder – hatte an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaft studiert. Zwei Geschwister wurden Juristen. Sie beobachtete mit Argusaugen, wie ihr sechs Jahre älterer Bruder Emanuel für Forster Rohner um die Welt kam. Noch während ihres Studiums ging sie für ein Jahr nach Paris und absolvierte bei der Lingeriefirma Chantelle ein einjähriges Praktikum. Darauf fing sie bei Inter-Spitzen an, einer Tochterfirma von Forster Rohner. Mit 25 stieg sie bei Forster Rohner in den Verkauf ein, ein Jahr später bei Inter-Spitzen, und ab 2010 kam sie in die Geschäftsleitung der Gruppe.

Man kann ihr nicht vorwerfen, ein Sonntagskind zu sein. Caroline machte gleich zu Beginn ihrer Karriere mit der Krise Bekanntschaft. Denn bald nach ihrem Einstieg, im Jahr 2008, kam die globale Wirtschaftskrise, während der auch die Schweiz in eine Rezession schlitterte. Es galt, neue Ideen zu entwickeln. Die Erfahrung kommt der Ökonomin heute, da die Pandemie die Produktionsunternehmen vor bisher nicht gekannte Herausforderungen stellt, zugute.

Während der Pandemie wurden gerade global operierende Unternehmen wie Ihres stark gefordert. Wie erleben Sie die Krise?

Wir wussten sehr früh, dass die Lage ernst würde, denn unsere Fabrik in China musste bereits im Januar schliessen. Von daher waren wir wohl auch besser vorbereitet als andere. Wir konnten beispielsweise auf Pandemiepläne am Arbeitsplatz zurückgreifen, die wir hier noch gar nicht hatten.
Wir haben unsere Fabrik in der Schweiz nie geschlossen, sondern arbeiteten während des Lockdowns mit einem Schutzkonzept weiter.

Trotzdem muss Sie die Krise mit den Ladenschliessungen getroffen haben. Was waren die grössten Herausforderungen?

Natürlich war es schwierig, und wir sind ja noch nicht durch. Unsere Kunden etwa in Paris oder in China sind ganz unterschiedlich betroffen. Dort mussten Partner die Arbeit teilweise niederlegen. Wenn niemand verkaufen und niemand bestellen kann, gehen bei uns auch keine Bestellungen ein. Wir hatten zu Beginn noch volle Bestellungsbücher, aber das änderte sich dann natürlich mit der Zeit. Mittlerweile konnte wieder einiges aufgeholt werden.

Was waren konkret die schwierigsten Herausforderungen, die Sie zu bewältigen hatten?

Einerseits war es die Problematik, in verschiedenen Betrieben in China, Rumänien und Bosnien die Produktion aufrecht zu erhalten, und die Kommunikation mit unseren Kunden zu pflegen. Und dann natürlich die zu unseren Mitarbeitern im Haus. Es zeigte sich, dass unsere Mitarbeiter im Homeoffice ganz verschieden ausgelastet waren und auch unterschiedlich auf die ausserordentliche Situation reagierten. Das unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer einfach. Wir haben die Zeit aber auch positiv genutzt.

Inwiefern?

Wir wurden relativ rasch vom Bund angefragt, ob wir Stoffmasken produzieren könnten. Es gab sehr strenge Vorgaben, aber wir nahmen den Challenge an, denn wir hatten ja das Textil-Know-how. Wir liessen viele verschiedene Ausführungen von der EMPA und anderen Instituten testen, von denen nun drei auf dem Markt sind. Es ist toll, im eigenen Land ein fertiges Produkt zu verkaufen, auf das wir sehr stolz sind!

Vor der Krise waren Sie ein- bis zweimal pro Woche im Flugzeug zu Kundentreffen unterwegs. Fehlt Ihnen das?

Die Umstellung war zu Beginn natürlich schwierig. Plötzlich war auch mein Partner zu Hause, der Pilot ist. Aber die Zeit hatte ihre positiven Seiten. Ich hatte mehr Zeit für meine zweijährige Tochter und meine Familie. Am Morgen um vier Uhr aufstehen, um das erste Flugzeug zu erwischen, und spätabends nach Hause zu kommen, war ja auch nicht ideal. Aber wenn man in der Lieferantenrolle ist, wird dies vom Kunden so verlangt.

Denken Sie, Sie kehren wieder zum alten Rhythmus zurück, wenn das Reisen einmal wieder möglich ist?

Ich werde dann in einem sinnvolleren Mass reisen. Ich glaube, es wird ein Umdenken stattfinden, auch auf Kundenseite. Da ist es von Vorteil, dass wir in den letzten 13 Jahren ein Vertrauensverhältnis aufbauen konnten. Vielleicht ist es auch eine Chance für Europa, dass sich die Wirtschaft wieder etwas regionaler ausrichtet, nicht nur aus geographischen, sondern auch kulturellen Gründen.

Die Firma hat im Laufe seiner 116-jährigen Geschichte Höhen und Tiefen erlebt: Bahnbrechende Innovationen, aber auch zwei Kriege und damit einhergehende Wirtschaftskrisen, Fusionen und Produktionsauslagerungen. Bereits seit 1936 zählt das St. Galler Haus die Haute-Couture-Häuser von Paris, Mailand und New York zur Kundschaft. Noch heute sind Stickereien für Haute Couture, Prêt-à-Porter und Lingerie das Kerngeschäft. Man profitierte vom Guipure-Stickerei-Boom, losgetreten von Miuccia Pradas berühmter Guipure-Serie «Volute». 2009 gründete Caroline Forsters Vater Forster Rohner Textile Innovations als eigenständigen Geschäftsbereich; hier wurden Innovationen vorangetrieben, etwa leitfähige Garne, Lichttextilien und textile Sensorik.

Es heisst, Krisen machen die Menschen erfinderisch.
Erleben Sie dies jetzt auch?

Ich habe das Umfeld tatsächlich schon lange nicht mehr so innovationsfreundlich erlebt wie jetzt. Den letzten Innovationsschub erlebten wir im Zuge der Wirtschaftskrise 2008/9. In der Krise kommt man aus der Komfortzone heraus. In der Regel gehen Krisen mit Innovationen einher.

Was gehört denn zu Ihren Innovationen?

Smart Textiles oder sogenannte E-Textiles sind für uns ein wichtiges Thema. Das sind intelligente Stoffe, beispielsweise Textilien mit Sensoren. Sie kommen etwa in Matratzen im medizinischen Bereich zum Einsatz, oder im Sicherheitsbereich in Flughäfen, bei Körperscannern. Die Elektrotechnik scheitert oft im textilen Bereich. Da sind wir besser gerüstet. Die Textilindustrie hat im Gegensatz zu den viel jüngeren Elektronikfirmen ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel, in denen sie viel gelernt hat, auch wenn sie ein vermeintlich einfaches Produkt herstellt. Unser Ziel ist es, unser textiles Know-how und die Elektrotechnik zu verheiraten. Wir kooperieren beispielsweise mit der Firma Carpetlight, die textile Leuchten für den Foto- und Filmbereich kreiert. Sie kommen auch in Hollywood zum Einsatz.

Akris trumpfte vor ein paar Jahren mit Designs auf, die
auf Ihren e-broidery-Kreationen basieren.
Ja, Albert Kriemler war der erste, der das Thema Licht wunderschön und sehr dezent in seinen Kreationen eingebaut hatte. Er hatte die Lichtpunkte aus LED in dunkle Kleider eingearbeitet, so dass der Stoff herrlich schimmerte. Die Kleider sind durch textile Verschaltungen zu einem einzigen Stromkreis verbunden und von kleinen Akkus gespeist; die LEDs leuchten in verschiedenen Helligkeiten.

Das tönt nach Science-Fiction! Entstehen Innovationen, wenn es auf bewährtem Weg nicht mehr weitergeht?

Bei uns geht es einerseits auf den bewährten Wegen weiter. Ohne Geschichte gibt es keine Innovation. Die Heritage ist wichtig, um Neues zu machen. Dass wir uns beständig weiterentwickeln, ist schon nur bedingt durch die Mode. Aber Innovationen und Verbesserungen sind für uns zentral. Zum Beispiel steht auch das Thema Nachhaltigkeit bei uns schon seit ein paar Jahren im Fokus.

Inwiefern?

Wir arbeiten mit Partnern intensiv an alternativen Färbemethoden, die ohne oder mit weniger Chemikalien auskommen, sowie mit recycelten Polyesterstoffen und Garnen.

Denken Sie, dass sich auch die Modeindustrie wandeln wird?

Die Modewelt ist natürlich stark betroffen von der Krise, schon weil die Shows nicht im bewährten Stil stattfinden können. Aber glauben Sie mir, das ist eine Branche, die sich neu erfinden wird.

 

Im Gespräch mit Patrizia Laeri: Wirtschaft einfach erklärt

Posted by Brigitte Selden

Patrizia Laeri
Wirtschaftsjournalistin, Moderatorin, Unternehmerin

Patrizia Laeri war Moderatorin von „SRF Börse“ und Redaktorin „10vor10“. Zuletzt übernahm sie die die Chefredaktion bei CNN Money Switzerland. Nach dem Aus des Senders hat die mehrfach ausgezeichnete Journalistin ihre ausschliesslich von Frauen moderierte Wirtschaftssendung #DACHelles gerettet. Wir haben uns mir ihr über ihren Neustart unterhalten, wie sie ihr Format finanziert und welche Themen sie ihren Zuschauerinnen und Zuschauern präsentieren wird.

Interview: Brigitte Selden | Fotos: Valeriano Di Domenico

Im vergangenen Juli haben Sie ihre Stelle als Chefredaktorin bei CNN Money Switzerland angetreten. Nur anderthalb Monate später war sie wieder Geschichte. Der Wirtschaftssender wurde eingestellt. Sie wollten damals mit der von Ihnen konzipierten Sendung «#DACHelles» starten. Wie sah das Format aus, und wie hätte es sich von anderen Wirtschaftssendungen unterschieden?

Sie wäre deutlich weiblicher gewesen. Erstmals hätten drei Frauen über Wirtschaft berichtet und diskutiert. Und zwar drei Medienmacherinnen, Ökonominnen und Unternehmerinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber auch die Expertinnen und Stimmen in der Sendung wären deutlich weiblicher gewesen.

Was verbirgt sich hinter dem Namen «#DACHelles»?

Wir finden: der deutschsprachige Raum hat endlich eine eigene Wirtschaftssendung verdient. Deshalb «DACH». Und wir sind überzeugt, dass es höchste Zeit ist, dass Frauen über Wirtschaft sprechen. Deshalb: «elles». Wir sprechen ausserdem Tacheles – Klartext. Lautmalerisch also «#DACHelles».

Mittlerweile konnten Sie die Formatrechte aus der Konkursmasse herauslösen. Wie geht es mit «#DACHelles» nun weiter, was haben Sie geplant?

Ich produziere das Format zusammen mit meinem ehemaligen Geschäftsleitungskollegen Andreas Schaffner nun einfach selber.

Sie steigen also ein in den Entrepreneurial Journalism, sprich unternehmerischen Journalismus?

Wenn Sie so wollen. Schauen Sie, für mich war das ein Herzensprojekt. Wirtschaftsjournalismus ist kein Quotenbringer – wenn nicht gerade eine Airline groundet oder eine Grossbank gerettet werden muss. Es ist schwierig, ihn zu finanzieren. Mit dem Verschwinden von CNNMoney und der Streichung von SRFEco haben wir in der Deutschschweiz auf einmal keine wirtschaftsjournalistischen Sendungen mehr. Und das in einem der wirtschaftlich turbulentesten Jahre. In einem Pandemie-Jahr, das wirtschaftlich so vieles verändert hat. Denken Sie an die steigende Ungleichheit, an den Backlash für arbeitende Frauen, für die Vielfalt. Das hat mich beelendet. Es war für mich aber auch ein enormer Antrieb, ein eigenes Format auf die Beine zu stellen.

Wirtschaftsthemen haben in der Tat fast keine Video-Plattform mehr. Wie stellen Sie die Finanzierung Ihrer Wirtschaftssendung und Ihrer Produktionsfirma sicher?

Fernsehmachen ist sehr teuer. Trotzdem konnte ich das Funding für die ersten sechs Episoden sicherstellen. Wir diskutieren einen verantwortungsvolleren Kapitalismus in der Sendung. Wir sprechen über Vielfalt und Ungleichheit. Damit konnten wir die Technologiefirma Salesforce überzeugen. Marc Benioff, CEO von Salesforce, kämpft seit Jahren für einen inklusiveren Kapitalismus und gegen den Shareholder-Ansatz.

Haben Sie inhaltliche Vorgaben?

Nein, wir sind publizistisch völlig frei.

An welche Zielgruppen richtet sich «#DACHelles»?

Nach unserer ersten Ankündigung auf Social Media haben uns viele Menschen geschrieben, dass sie die Idee mögen und wohl zum ersten Mal eine Wirtschaftssendung anschauen werden. Das waren auffällig viele Frauen. Aber auch Männer freuen sich, wenn alte Denkmuster hinterfragt und Wirtschaft einfach und verständlich erklärt wird.

Wann und wo wird Ihre Sendung ausgestrahlt? Ist sie auch in den Nachbarländern Deutschland und Österreich zu sehen?

Das Internet ist global. Wir senden über unseren #DACHelles Youtube-Chanel und distribuieren das Format vor allem über unsere diversen eigenen Social Media Kanäle.

Sie setzen also ausschliesslich auf Social Media?

Da wir bereits alle drei Business Influencer in unseren Heimatländern sind, haben wir über Social Media bereits unsere eigenen Distributionskanäle und Followerpower. Die Deutsche Podcasterin und Gründerin von Global Digital Women, Tijen Onaran, gehört beispielsweise zu den 100 einflussreichsten Frauen Deutschlands, ich gehöre zu den Top100 weiblichen Wirtschaftspersönlichkeiten der Schweiz und Maggie Childs ist in der österreichischen Digital- und Start-up-Szene stark vernetzt.

Wie nachhaltig ist Ihr Projekt? Wie sieht die Zukunft von #DACHelles» aus? Wie geht es 2021 weiter?

Wir sehen uns als Medien-Pop-up-Format. Popup-Restaurants und -Läden kennt man bereits aus Gastronomie und Einzelhandel. Das kommt gut an. Menschen sind neugierig. Wenn es gut läuft, dann wollen wir auch 2021 wirtschaftlich revue passieren lassen. Für uns war klar, dass die klassischen TV-Sender alle unter Spardruck und neue Projekte in so kurzer Zeit nicht realisierbar sind. Ausserdem gibt es keinen trinationalen Wirtschaftssender. Wir passen also in kein Schema. Deswegen mussten wir selber aktiv werden. Testen, experimentieren, daraus lernen und das Format dann auch wieder anpassen. Das ist unsere Philosophie.


Über Patrizia Laeri Patrizia Laeri ist Ökonomin und war Moderatorin von „SRF Börse“ und Redaktorin „10vor10“. Zuletzt übernahm sie die Chefredaktion bei CNN Money Switzerland. Patrizia Laeri engagiert sich primär für digitale Aufklärung, technologischen Fortschritt und für die Gleichstellung von Mann und Frau im Arbeitsleben, sei dies in ihrer #aufbruch-Kolumne für Ringier oder als Beirätin des Institute for Digital Business der HWZ. 2018 initiierte sie den ersten Schweizer Edit-a-thon «Frauen für Wikipedia». 2019 gewann Patrizia Laeri gleich 3 Auszeichnungen – Wirtschaftsjournalistin, Kolumnistin des Jahres und Digital Female Leader Award.


Ausstrahlungsdaten #DACHelles, immer mittwochs:

https://www.youtube.com

 

 

Frage an die Community

Posted by Brigitte Selden

Chantal Schmelz
Business Strategin & Facilitator, Zürich

«Ja, mehrere. Und das ist gut so. Die Wirtschaft braucht beide Facetten. Ein Unterschied ist sicher der bewusstere Umgang mit Ressourcen. Zudem haben viele Unternehmerinnen verstanden, dass sie keine Kopien ihrer männlichen Kollegen sind. Sie gehen aktiv neue Wege, denken Dinge anders.»


Clivia Koch Pohl
Geschäftsführende Inhaberin Koch Pohl Consulting

«Nun in meiner Familie stellte sich die Frage nie. Mein Vater wäre als Geschäftsmann ohne meine Mutter kaum so erfolgreich geworden. Ich glaube nicht, dass sich meine Mutter und Grossmutter gross Gedanken machten, ob sie anders führen. Ihre Motive waren ökonomische Unabhängigkeit und Flexibilität. Sie waren beide innovative und mutige Unternehmerinnen. Meine Mutter zog noch ganz nebenbei vier Töchter gross. Denen sie eintrichterte, dass für die eigene Unabhängigkeit, eine gute Ausbildung und Erfahrungen zu sammeln unabdingbar und nicht verhandelbar sind.»

 

«Zuhören hilft!»

Posted by WOMEN IN BUSINESS

«Seid ihr noch einig, oder habt ihr schon geteilt?»,sagt der Volksmund, wenn es ums Thema Erben geht. Doch Streitigkeiten um den Nachlass kann man vermeiden. Dafür gibt es Experten wie Nathalie Eher Wolfer. Sie hilft Kunden bei der richtigen Planung. Ihr Erfolgsgeheimnis ist eine Mischung aus Recht und Psychologie, vorausschauender Planung und guter Kommunikation.

WOMEN IN BUSINESS: Wie sind Sie zum Wealth Planning gekommen?

Nathalie Eser Wolfer: Schon während meines Studiums der Rechtswissenschaften an der Universität Zürich hat mir das Thema Nachfolgeplanung gefallen. Dies ist ein sehr sensibles, persönliches Thema, und um es gut zu handhaben, muss man Menschen mögen. Sie müssen sich für sie interessieren, für ihr Leben, ihre Leistungen, ihre Familien, ihre Ängste, ihre Träume und ihre Pläne. Kurz nach dem Abschluss habe ich bei Julius Bär angefangen. Auch nach 18 Jahren fasziniert mich meine Arbeit jeden Tag aufs Neue.

Nachfolge und Vermögensplanung – was bedeutet das?

Zuallererst ein guter Zuhörer zu sein, denn es gibt keine Standardlösungen. Keine zwei Personen oder Paare haben das gleiche Vermögen, die gleiche familiäre Situation, das gleiche Leben. Ehepartner, Kinder, Verwandte und weitere Personen sind betroffen. Bei Patchwork-Familien – namentlich solchen mit nicht gemeinsamen Kindern – kann die Planung kompliziert werden. Je grösser und weiter verteilt das Vermögen und die Familienmitglieder sind, umso anspruchsvoller wird die Aufgabe. Ich muss dafür das Gesamtbild des Kunden verstehen: nicht nur die Zahlen, sondern auch seine Familie – und seine individuelle Situation kennen. Nachdem ich mir ein Gesamtbild verschafft habe, weiss ich, welche weiteren Experten innerhalb der Bank oder von unseren Geschäftspartnern mit einzubeziehen sind. Dann arbeiten wir mit dem Kunden und seiner Familie zusammen an der Entwicklung einer Lösung, die ihren Bedürfnissen optimal entspricht. Niemand denkt gern über den eigenen Tod nach; das ist ein sensibles Thema. Aber wir tun dies auf eine sanfte, strukturierte Art und Weise, die zu Antworten und Lösungen führt.

Was braucht es, um diese Aufgabe zu meistern?

Ich verlasse mich stark auf zwei Disziplinen: meinen juristischen Hintergrund und psychologisches Geschick. In meiner Arbeit ist Fingerspitzengefühl gefragt. Jede Familie hat ihre eigene Geschichte: Es gibt Stolpersteine, verletzte Gefühle und manchmal auch Intrigen. Diese treten häufig zutage, wenn Nachlässe geregelt oder Erbschaften geteilt werden. Manchmal hat jemand das Gefühl, dass er oder sie ungerecht behandelt oder überstimmt wird.

Was ist der häufigste Fehler bei der Nachlassplanung?

Nicht selten fokussiert man zu rasch auf die Lösungsfindung. Die Planung eines Nachlasses ist jedoch ein Prozess, bei dem verschiedene Aspekte zu beachten sind: etwa die Bedürfnisse der Betroffenen, das Vermögen, aber auch rechtliche und steuerliche Fragen. Befinden sich das gesamteVermögen sowie die beteiligten Parteien in der Schweiz und sind die Beziehungen intakt, braucht es etwa drei Monate, um mit den Kunden eine Lösung zu finden. Wenn die Dinge komplizierter sind, etwa, wenn sich sowohl das Vermögen als auch die Betroffenen auf verschiedene Länder und Gerichtsbarkeiten verteilen, kann der Prozess bis zu einem Jahr oder sogar länger dauern. Dies ist insbesondere bei komplexen Planungen der Fall, die Ehe- und Erbverträge, Testamente und Strukturen wie Stiftungen, Trusts oder Lebensversicherungen umfassen können.

Wie zahlt sich gute Beratung aus?

Ich hatte kürzlich mit einem älteren Paar zu tun. Das Ehepaar hatte den eigenen Ruhestand finanziell sehr gut abgesichert, deshalb wollten sie ihr Vermögen noch zu Lebzeiten weitergeben. Das ist schön, braucht aber Planung; insbesondere, wenn es darum geht, die Kinder gleich zu behandeln, um Streitigkeiten zu vermeiden. Wer bekommt das Feriendomizil? Wem steht das Elternhaus zu? Das sind emotionale Herausforderungen, zumal die einzelnen Besitztümer – im erwähnten Fall – nicht gleichwertig waren, sondern jeweils ein finanzieller Ausgleich geschaffen werden musste. Letztlich haben wir einen Weg gefunden, alles gerecht zu verteilen und zu entschädigen. Wir diskutierten und entwarfen Schenkungsverträge sowie einen Erbvertrag, welche schliesslich vor den jeweiligen Notaren unterzeichnet wurden. Jetzt sind Eltern und Kinder glücklich – alles ist entschieden, geplant und geregelt. Wir legen grossen Wert darauf, Vertrauen zu unseren Kunden und ihren Familien aufzubauen. Dies ist die Grundlage einer soliden Beziehung, die Generationen überdauern kann.

Wie hat die Digitalisierung Ihren Beruf verändert?

Einerseits stellen sich Fragen im Zusammenhang mit dem digitalen Nachlass; digitale Daten sind Teil des heutigen Lebens. Aufgrund der daraus resultierenden Spuren im Netz stellen sich zahlreiche Fragen im Zusammenhang mit der Vererbung von Benutzerkonti, Zugangsdaten, Passwörtern. Es empfiehlt sich, nicht nur den materiellen, sondern auch den virtuellen Nachlass zu regeln. Andererseits vereinfacht die fortschreitende Digitalisierung den Beratungsprozess und die Erstellung von rechtlichen Dokumenten. Allerdings ist das persönliche Element in der Nachlassberatung zentral und kann meines Erachtens nicht durch ein Computerprogramm ersetzt werden.

Was gibt Ihnen das grösste Gefühl der Erfüllung?

Eine Lösung zu finden, die zu einer ganzen Familie passt. Obwohl eine Nachlassplanung nie abgeschlossen und eine stetige Überprüfung wichtig ist, sind meine Kunden dankbar, wenn der Prozess angestossen und der Nachlass zumindest für den Moment geregelt ist.

Brands, Kunst und die Moral

Posted by corinne.broennimann

Von Luxusbrands bis zum Baumarkt: Meist verbinden sich Unternehmen mit Künstlern, um sich ins Gespräch zu bringen und Begehren zu schaffen. Mit der Pandemie wechseln die Botschaften vom ästhetischen Vergnügen zur Moral.

Es war ein Glanzstück der Public Relations: Der ebenso weltbekannte wie streitbare chinesische Künstler-Dissident Ai Weiwei hatte im Auftrag des deutschen Baumarkts Hornbach, vermittelt durch die Zürcher Brandagentur Neutral, ein Kunstwerk konzipiert, das sich jeder selbst zu Hause zusammenbasteln kann. Nötig dazu sind: ein paar orangefarbene Sicherheitswesten, Stahlrohre und Kabelbinder aus dem Baumarkt. Der Materialpreis: weit unter 200 Euro.

Doch was genau sucht die Kunst im Baumarkt? Warum wirbt ein Politkünstler für ein Unternehmen? Die Deutung des Werks sei eigentlich jedem selbst überlassen, sagte Ai Weiwei am Presseanlass einem Fernsehjournalisten ins Mikrofon. Und holte dann doch etwas weiter aus – vielleicht weiter, als dem Auftraggeber lieb war: «Wenn man die Farbe der Westen anschaut, ist doch klar, worum es geht. Es erinnert an Rettungswesten der Flüchtlinge, an die Gefahren und Katastrophen unseres täglichen Lebens.»Nach weiteren journalistischen Nachbohrungen, ob das nicht einfach Werbung sei, konterte Weiwei: «Meine Kunst kennt keine Grenzen. Ich arbeite mit wem und für wen ich will.»

Moralischer Appell im Kunstgewand? Oder doch einfach nur Werbung? Ein genialer PR-Scoop der Zürcher Brandagentur Neutral allemal. Die Kunstaktion war eine raffinierte Strategie, die mehrere Preise gewann, und sie brachte den Baumarkt für Tage ins Gespräch. Nicht bekannt ist, wie viele solcher Do-it-yourself-Skulpturen mittlerweile deutsche Wohnstuben zieren. Die Aktion hat im Februar aber eine Zeitenwende vorweggenommen, noch bevor das neue Zeitalter der Pandemie richtig angebrochen war. Sie warf ihren Schatten voraus auf neuartige Kollaborationen zwischen Brands und Künstlern.

Jahrzehntelang haben sich Brands, vor allem aus der Luxusgüterindustrie und der internationalen Modehäuser, mit Künstlern frisches Blut zugeführt. Mode und Kunst inspirierten sich gegenseitig, und die Annäherung führte zu immer wieder neuen Schnittmengen: Die Modedesignerin Elsa Schiaparelli hatte schon in den 1930er Jahren mit Salvador Dali zusammengearbeitet, Yves Saint Laurent liess sich von Mondrian inspirieren. Louis Vuitton kollaborierte während 13 Jahren mit dem japanischen Künstler Takashi Murakami für die ikonische Multicolor Monogramm Taschenkollektion. Der amerikanische Kitschkünstler Jeff Koons verewigte Bilder von Van Gogh auf Handtaschen. Letztes Jahr wurden dann die ikonischen «Capucines»-Taschen von Louis Vuitton von sechs Künstlern neu interpretiert. Derweil trumpfte Cartier vor ein paar Jahren mit einer Edelstein-Installation der brasilianischen Künstlerin Beatriz Milhazes während der Art Basel Miami Beach auf. Und die Schweizer Künstler Philippe Decrauzat und Olaf Breuning kreierten für Bally Produkte und Ladendesign.

In letzter Zeit geben sich auch Gucci und sein Design-Guru Alessandro Michele als Kunst-Patrons: Sie unterstützen ganze Restaurierungsprojekte in Italien. Für eine Modekampagne tummelten sich dann eklektische Bohemiens in den Tempelruinen des Archäologischen Parks von Selinunte in Sizilien. Mit grossen Museumsbauten wie die Fondazione Prada in Mailand und die Fondation Louis Vuitton in Paris setzen sich die Fashion-Tycoons ein Denkmal.

Kunst, da sind sich die Brands offenbar bislang einig, ist unersetzbar, wenn es darum geht, eine starke emotionale Bindung zu einer anspruchsvollen Kundschaft zu erzeugen. Denn die Kunst zelebriert ein besonderes Erlebnis, bereitet ästhetisches Vergnügen, nimmt die Kundin in den erlauchten Kreis der Kunstconnaisseurinnen auf und, last but not least, lädt materielle Güter mit symbolischen Werten auf. Letztlich legitimiert die «Einzigartigkeit» dann auch den hohen Preis.

Neu – und durch die Pandemie und die damit einhergehende Krise verstärkt – ist nun, dass Kunst und Design heute vermehrt im Einsatz von Brands stehen, die danach streben, moralische Legitimation zu erlangen. Bei Hornbach, dem Baumarkt, sieht man Ai Weiweis «Demokratisierung der Kunst» mit der eigenen Do-it-yourself-Mission in Einklang.

Klimakrise, Flüchtlingshilfe, Anti-Rassismus, Feminismus, Nachhaltigkeit: Kein Thema auf der Politagenda zu gross, um heute nicht von einem Brand auf seine Fahne geschrieben zu werden. Louis Vuitton lud unlängst Studenten der Londoner Central Saint Martins Design School dazu ein, Projekte als Antwort auf die Klimakrise und im Zeichen der nachhaltigen Innovation zu kreieren. Natürlich drehte sich alles um das Recycling gebrauchter Textilien, biologisch abbaubare Kleider aus innovativen Materialien, chemiefreie Methoden für Stofffärben und ethische, demokratischere Formen der Architektur. Louis Vuitton brachte die Aktion nicht nur verstärkte Sichtbarkeit bei den zu neuem Umweltbewusstsein erwachten Tastemakern der Design-Szene. Nebenbei wird der Hedonismus durch ein Weltverbesserer-Gewand ausgewechselt, wie ein ausgeleiertes Kleid.

Auch Gucci will Gutes tun: In Kollaboration mit der Nonprofit-Organisation Artolution arbeitete das Modelabel mit Flüchtlingskindern, Frauen und Mitgliedern unterprivilegierter Gemeinschaften zusammen, um von ihnen konzipierte Malereien in fünf Städten auf Hausmauern zu zaubern. Gucci wolle damit, nach eigenen Aussagen, die «Selbstermächtigung und soziale Gerechtigkeit durch Selbstausdruck und Gleichstellung der Geschlechter» fördern. Sogar Dior, Emblem für weibliche Eleganz, inspiriert sich an der Strasse und steht neuerdings für Aktivismus und Gleichstellung ein, zumindest optisch: Für die neueste Kollektion orientierte sich die Chefdesignerin Maria Grazia Chiuri am feministisch motiviertem Aktivismus. Die letzte Show machte klar, wie sehr der Wind im Hause drehte. Um den Laufsteg herum waren Leuchtinstallationen des Künstlerkollektivs Claire Fontaine installiert, auf denen Parolen standen wie «When Women Strike the World Stops» und «Women Are The Moon that Moves the Tides».

Auch der Klimawandel ist bei Dior ein Thema: Die gefeierte französische Künstlerin Marguerite Humeau, die letztes Jahr an der Biennale Venedig mit ihrer delirischen Unterwasserwelt-Installation im französischen Pavillon die Sinne der Besucher betörte, gestaltete im Auftrag des Maison Dior die legendäre «Dior Bag» in Form einer weissen, vom 3D-Printer gedruckten Welle. Sie bezieht sich dabei, laut Dior, auf ihr Wissen der Paläontologie und synthetischer Biologie: «Ich denke, die Tasche spiegelt ein zeitgenössisches Gefühl, dass das Ende unserer Welt nahe sein könnte, aber dass vielleicht andere Welten jenseits der unsrigen existieren, und dass wir Menschen einen Schritt zurück machen müssen», erläuterte die Künstlerin ihr Werk.

Die Basis all dieser Strategien sind basiert auf Storytelling: Produkte und Labels werden transzendiert, und den Käuferinnen wird suggeriert, dass sie mithelfen, die Welt zu verschönern oder, wie jetzt, zu verbessern.

Trauben-Komponistinnen mit Temperament

Posted by corinne.broennimann

In Schweizer Rebbergen stehen immer mehr Frauen, und ihr Wein ist wie sie: Er hat Charakter. Drei der erfolgreichsten jungen Protagonistinnen und die bekannteste Weinbloggerin des Landes sprechen über ihre tägliche Arbeit, männliche Vorurteile und darüber, ob der Weinbau von den guten Seiten des Klimawandels profitieren kann.

An den Ufern des Bielersees wird seit jeher Weinbau betrieben. Klöster und Adelsfamilien waren früher die Besitzer der Rebberge. Mit der Reformation im 16. Jahrhundert verloren diese jedoch ihre Besitztümer an den Staat und an die Patrizier von Bern und Biel. Die Eigentümer wechselten, doch die Rebarbeit lag weiterhin in denselben Händen wie vorher, in jener der Seeanwohner. Doch nach und nach, die Geschichte der Schweiz ist auch die Geburt demokratischen Prinzipien, wurden aus Arbeitern Besitzer. Nicht aber Besitzerinnen!

Das ändert sich seit kurzem auf erfreuliche Weise und für ein eher doch träges Land sogar in erstaunlichem Tempo. Im Schweizer Weinbau findet ein Generationswechsel statt, in der Weinbauregion Bielersee genauso wie in der deutschen Schweiz und im Tessin. Immer öfter übernehmen junge, bestens qualifizierte Betriebsleiterinnen, Winzerinnen und Önologinnen ein Weingut, und nicht selten geben innovative Spitzenwinzer ihr Unternehmen an ihre kreativen Töchter weiter. Eines verbindet diese unterschiedlichen Frauen in einem vermeintlichen Männerberuf. Sie haben Charakter, sie haben Temperament. Und genauso ist ihr Wein, den sie erfolgreich und unter den Argusaugen der männlichen Kollegen produzieren: Er ist ein Produkt, das aus der Menge hervorsticht.

Sensibilität macht den Unterschied

In der einzigartigen Reblandschaft am Nordufer des Bieler- sees scheint die Welt noch in Ordnung. Durch Twann zu bummeln beispielsweise, ist eine Reise in die Vergangenheit. Die historischen Häuser zeugen von einer alten Weinbautradition, an der sich bis heute nichts geändert zu haben scheint. Doch man kann sich täuschen, Anne-Claire Schott steht in einem steilen Weinberg, den sie von ihrem Vater übernommen hat, sie leidet an diesem Herbsttag unter der Hitze, die neu für sie ist. Zeigen sich so die Folgen des globalen Klimawandels? Ist denn nicht der Weinbau ein Profiteur der steigenden Temperaturen? Es gibt Fachleute, die solches propagieren. Je mehr Sonnenstunden, umso besser der Wein, glauben sie.

Die engste Mitarbeiterin und Studienfreundin von Anne-Claire Schott, die Winzerin und Önologin Helena Hebig, hilft auch heute bei der anstrengenden Ernte. Sie hat zum veränderten Klima der zurückliegenden Jahre und den Folgen für den Weinbau eine dezidierte Meinung: «Die Haltung, dass sich der Klimawandel positiv auf unsere Weine auswirke und die Wein im Süden sowieso besser seien, ist überholt. Gute Weine setzen eine hohe Sensibilität der Winzerin oder des Winzers voraus, für das Mikroklima des Rebbergs und seine Veränderungen. Wir müssen Respekt vor der Natur haben, damit wir aus ihr schöne Weine schöpfen können. Für die Qualität des Produkts sind wir selbst verantwortlich.»

Anne-Claire Schott, eine Quereinsteigerin mit akademischem und künstlerischem Hintergrund, die mit lokalen Kunstschaffenden das Marketing ihres Betriebs gestaltet, kann ihr nur zustimmen. Sie ist überzeugt, leide der Mensch wie in diesem Herbst an der Hitze, leide auch die Rebe. Und wenn dieser sich gut fühle, etwa in einem Rebberg, in dem auch Bäume stehen, Pfirsichbäume sind es bei Schott, dann gehe es auch der Pflanze entsprechend besser.

Hände sind Energieüberträger

Die Winzerin, Betriebsleiterin und ausgebildete Önologin trägt Gummistiefel, steigt später in den Weinkeller und prüft die Tagesernte. Wie werden die Trauben reagieren, die heute so warm, vielleicht zu warm geschnitten wurden? Ihr Unternehmen ist das einzige Demeterzertifizierte Gut in der Gegend. Mit diesem Gütesiegel macht sie sich bewusst zur Nischenproduzentin: Unter den rund 7000 Weinbaubetrieben der Schweiz sind lediglich rund 60 Demeter-zertifiziert. In Schotts Philosophie darf der Wein kein standardisiertes Produkt sein. Ehrensache, dass sie und ihr kleines Team alles in Handarbeit erledigen. Man versucht, die Natur zu unterstützen, die «Stimmung» im Weinberg zu verbessern, bemüht sich um Biodiversität, spritzt mit Tee, Pflanzensud oder mit ätherischen Ölen.

«Ich arbeite nicht mit einer klassischen wirtschaftlichen Strategie oder einem Businessplan. Ich versuche, vom Herzen aus zu arbeiten, auf mein Gefühl zu hören und etwas zu kreieren, was mir entspricht. In der Schweiz haben wir die grosse Chance, ein kleines Weinproduktionsland zu sein. Es lohnt sich, kleine, rare Produkte herzustellen und auf Handarbeit zu setzen. Hände übertragen Energie, der viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Natürlich sind die Produktionskosten viel höher als im Ausland. Aber wir haben auch die Kundschaft, die bereit ist, einen qualitativen Wein zu bezahlen. Wenn man wie ich seiner Intuition folgt, wenn man Weine begleitet, wenn man Gelegenheiten wahrnimmt – und nicht nur vernünftig sein will, dann geht es von alleine.» Schott bearbeitet vier Hektaren und produziert jährlich zwischen 25 000 und 30 000 Flaschen Wein. Demeter herzustellen ist für sie ein politisches Statement. Sie meint, billig zu produzieren lohne sich nicht, denn das Ausland sei immer billiger. Mit ihrer Überzeugung scheint sie richtig zu liegen. In den vier Jahren, in welchen sie den väterlichen Betrieb in eigener Verantwortung führt, hat die Trauben-Komponistin Schott ihren Kundenstamm vervierfacht.

Jeden ihrer Kunden kennt sie persönlich, so stellt sich Bindung her und Kundentreue. Zwar kauft man heute geringere Mengen als früher ein, das ist der allgemeine Trend. Doch man trinkt variantenreicher, ist offen und probiert gerne Neues aus. Und auch die Jungen, die Nachwuchs-Trinker sozusagen, stehen in ihrem Interesse für gutem Wein den älteren Menschen in nichts nach.

Die letzte Männerbastion muss fallen

Das entspricht auch den Beobachtungen der erfolgreichsten Weinbloggerin des Landes. Madelyne Meyer leitet den Bereich Marketing und Kommunikation der familieneigenen Weinkellerei Aarau, sie ist ohne Zweifel die unkonventionellste Protagonistin der Schweizerischen Weinwelt. Ihr Blog mit dem Namen «Edvin» weiht Geschlechtsgenossinnen in das sinnliche Universum von Rot, Weiss und dem dazwischen ein. Meyer spricht die Sprache der Konsumentinnen, und alles, was sie sagt und tut, sprüht vor Energie.

«Die Leute trinken weniger, aber sie setzen sich mit der Materie mehr als früher auseinander. Meine Generation, die Gruppe der Millennials, wurde von der Weinbranche lange vernachlässigt. Man argumentierte, dass ihnen die Kaufkraft fehle. Meine Erfahrung ist eine andere. Ich stelle fest, auch jüngere Menschen geben gerne etwas mehr Geld aus für qualitativ hochstehenden Wein. Doch sie wollen zum Beispiel mit Degustation aufgefordert und informiert werden.»

Für Meyer ist Wein keine Kunst. Er sei das Ergebnis des magischen Handwerks, eine Region in einen Geschmack zu verwandeln, meint sie. Und diesen Sinn, den Geschmackssinn sowie das Talent, darüber zu reden, scheint ihre zweite Natur, so selbstverständlich und glaubwürdig kommt es daher. Ihre Begabung hilft ihr bei ihrer persönlichen Mission, mit der verzopften Vorstellung aufzuräumen, wonach Frauen keinen Schimmer von Wein hätten. Und auch keine Absicht, Männern je dieses alte Hoheitsgebiet streitig machen zu wollen. Doch die Weinwelt hat nicht mit der unverblümten «Edna» und ihrer scharfen rhetorischen Klinge gerechnet. Zum Beispiel meint sie furchtlos, wissend, dass sie sich mit ihrer Ansicht nicht nur Freunde macht:

«Männer und Frauen produzieren anders Weine. Und vielleicht produzieren sie sogar anderen Wein, man hört solche Stimmen. Ich persönlich, wenn ich ihn blind trinke, kann den Unterschied nicht feststellen. Doch für Weintrinkerinnen hat es eine Bedeutung, wenn sie sehen, dass Wein auch von Frau- en gemacht wird. Sie kaufen ihn eher, denke ich.» Und energisch wagt sie sich an ein Tabu, das der Überproduktion von Schweizer Massenwein: «Wir haben jetzt, Stand heute, viel zu viel Schweizer Wein. Die Tanks sind noch voll von 2019. Winzer und Winzerinnen bleiben auf ihren Weinen sitzen, das kann existenzgefährdend sein. Um dagegen etwas zu tun, muss die Schweiz, und das ist vielleicht eine krasse Aussage, weniger Masse produzieren.»

In der Ruhe liegt die Kraft

In der Südschweiz, im Sottoceneri, ist die Winzerin Myra Zündel die Exotin, die alles ein bisschen anders macht. Persönlicher und aus einer inneren Gewissheit heraus, die ihr die Natur vermittelt. «In unserem Beruf entscheidet die Natur, nicht unser Plan. Das kann Angst machen, doch es ist auch das Schönste an dieser Arbeit. Zu wissen: Es ist einfach so. Das gibt mir eine grosse Ruhe.» Die Gelassenheit braucht sie, denn der Klimawandel ist im Tessin spürbarer als in anderen Regionen der Schweiz. «Wir hatten schon immer viel Regen und viel Sturm und Hagel, und es kann sehr heiss sein. Doch die Extreme haben mit dem Klimawandel zugenommen, die Natur ist unvorhersehbar geworden. 2018 hagelte es bereits im Mai, das ist meines Wissens so früh noch nie passiert. Diesen Sommer hatten wir auch mehr und heftigeren Regen als üblich, im September war es dreissig Grad, solche Hitze gab es in der Vergangenheit nicht.»

Ihr Vater, Christian Zündel, zählt zu den Weinpionieren des Tessins, ein Deutschschweizer, der mit ähnlich Gesinnten Ende der achtziger Jahre ins Malcantone zog. Biodynamisch erzeugte Merlot- und Chardonnay-Gewächse, sowie Erbaluce, eine autochthone Weissweinsorte aus dem Nordpiemont, wachsen in Beride auf rund vier Hektaren Rebland und ergeben jährlich 13 000 bis 15 000 Flaschen. Das Weingut Zündel ist bis heute im Tessin der einzige biodynamische Demeter-zertifzierte Betrieb geblieben. Seit 2018 bearbeitet die Tochter die Hänge, vinifiziert im Keller und verkauft. Doch die Zukunft des Unternehmens steht in den Sternen.

«Wir haben zum Glück sehr alte Reben, die das alles noch aushalten. Aber wer weiss, was noch passiert. Man kann zudem nicht von heute auf morgen die Sorte wechseln. Man muss lange beobachten, wie sie die Temperatur oder den Niederschlag einer Region oder Krankheiten aushält. Bis man die Rebe versteht, dauert es zwischen 10 und 20 Jahren.»

Zeit ist für die Natur kein Thema, sie hat sie unbeschränkt. Doch für die Weinbäuerinnen, die ihr Unternehmen wirtschaftlich führen müssen, sind der Faktor Zeit und die Unwägbarkeiten des Klimas eine neue zusätzliche Variable in einem Risikogeschäft.

Frage an die Community

Posted by Brigitte Selden

Jeroen van Rooijen
Stil- und Modeexperte, Zürich

«Kleidung spiegelt den Charakter, die Lebenshaltung und die Wertewelt eines Menschen. Darum ist das Outfit für mich natürlich von grosser Bedeutung für eine Karriere bzw. für den beruflichen Erfolg. Aber: Keine noch so exklusive Kleidung kann kaschieren, wenn jemand charakterlich oder fachlich nicht auf der Höhe ist.»


Tatjana Kotoric
Stylingexpertin & Stylingcoach

«Einzig sich an bestimmte Dresscodes zu halten steht nicht mehr im Vordergrund. In meinen Stylingcoachings bekräftige ich meine Kunden, einen persönlichen Businesslook zu finden und zu tragen. Denn ein individueller Auftritt trägt zum beruflichen Erfolg bei.»


Yannick Aellen
Initiator Mode Suisse

«Der Look kann mitdefinierend sein, Teil einer Persönlichkeit werden wie bei Caroline de Maigret oder Anna Wintour. Damit jemand erfolgreich ist, muss natürlich vor allem etwas hinter der Erscheinung stecken. Der Stil zeigt auf wie authentisch und charaktervoll aber auch achtsam jemand ist.»

 

«Zukunftssicherheit stärken heisst, die Handlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten und sowohl als Individuum wie auch als Team eine gewisse Resilienz zu haben in der turbulenten, komplexen Welt, in der wir arbeiten.»

Posted by Brigitte Selden

Andrea Rutishauser
Marketingfrau, Trainerin und Systemischer Coach

Interview: Brigitte Selden | Fotos: Andrea Rutishauser

Andrea Rutishauser ist Geschäftsführerin des Weiterbildungsinstituts BWI. Wir haben mit ihr über die Kernthemen der Weiterbildung gesprochen und wie man die Zukunftssicherheit von Organisationen stärken kann.

Sie sind seit Februar 2020 Geschäftsführerin bei der Weiterbildungsinstitution BWI, vormals das 1929 gegründete Betriebswissenschaftliche Institut der ETH. Können Sie uns Ihr Institut und die Schwerpunkte kurz vorstellen?

Unser Beratungs- und Weiterbildungsinstitut (BWI) bietet wie bisher gewohnt Weiterbildung für Berufsleute an. Es ist uns nach wie vor wichtig, unsere KundInnen vom Wissen zum Können zu führen, d.h. wir legen grossen Wert darauf, auch wirklich praktische Inhalte zu vermitteln und an den Themen der TeilnehmerInnen direkt zu arbeiten und so einen hohen Transfer des Gelernten in den Berufsalltag zu erreichen. Diesen Ansatz des praktischen Nutzens verfolgen wir auch in der Beratung.
Hier geht es uns darum, die Situation der Organisation ganzheitlich zu erfassen und basierend auf der jeweiligen Situation konkrete, vielleicht auch nur inkrementelle Schritte einer Weiterentwicklung zu ermöglichen. Praktisch bedeutet das, dass in manchen Fällen etwa ein Schritt hin zu einem agileren Denkansatz (Mindset) nützlicher ist, als ganze Organisationsteile mit Gewalt auf agile Vorgehensweisen umzustellen. Brauchbarkeit der Intervention im jeweiligen Umfeld ausgehend von den Stärken der Organisation sind unsere Devise.

Unter Ihrer Leitung richtet sich das BWI neu aus. Welche neuen Inhalte haben Sie in Ihr Programm aufgenommen und warum?

Nach wie vor stehen wir für Kernthemen in der Weiterbildung in Führung und Projektmanagement. Wir haben uns neu nach vier Themenkreisen strukturiert: Sich selbst führen, Teams führen, Projekte führen und Organisationen führen. Ansätze wie die eigene Resilienz zu stärken, Hochleistungsteams aufzubauen und zu führen oder auch laterale/kollegiale Führung sowie das Führen rein virtueller Teams sind Themen, die uns im Augenblick stark beschäftigen und die auch angesichts der aktuellen Belastungssituationen in der Welt stark an Bedeutung gewinnen.

In welcher Form vermitteln Sie Ihr Angebot, und an wen richtet sich das Programm des BWI?

Augenblicklich gibt es unsere Weiterbildungen als Präsenzschulung oder als Online-Seminar. Öffentliche Seminare führen wir derzeit wieder vermehrt als Präsenzunterricht durch, Seminare, die wir massgeschneidert für Unternehmen anbieten, laufen derzeit fast ausschliesslich rein virtuell. Künftig werden wir zunehmend auf Blended Formate setzen, in denen die physische Präsenz der Teilnehmenden nicht mehr so ausgeprägt stattfinden wird wie bisher. Derzeit richten sich die Weiterbildungsangebote an Organisationen, die ihre Mitarbeitenden in öffentliche Seminare schicken oder eben auch massgeschneiderte Inhouse-Schulungen buchen können. Selbstzahlende TeilnehmerInnen streben wir vor allem für die Seminare im Bereich Persönlichkeitsentwicklung (sich selbst führen) an. In der Beratung sind es Organisationen aller Arten, die wir ansprechen.

Mit welchen besonderen Herausforderungen sehen sich Unternehmen und Organisationen heute durch Covid-19 konfrontiert?

Vor allem natürlich hat ein rasantes Umdenken bezüglich des online Arbeitens stattgefunden. Die meisten Organisationen haben sich umgestellt und lassen ihre Mitarbeitenden vor allem «remote» arbeiten. Dies führt bereits und wird noch mehr zu anderen Arbeitsabläufen führen. Vermehrt unter Druck kommt natürlich auch das Thema «Kontrolle». Virtuell Arbeiten bedeutet, den Menschen Vertrauen in die Qualität ihrer Arbeit entgegenzubringen und auch Wege zu finden, in Verbindung zu bleiben mit den eigenen Mitarbeitenden, um Ziele gemeinsam erreichen zu können.

Das BWI will insbesondere die Zukunftssicherheit von Organisationen stärken. Wie sehen die Angebote in den Bereichen Weiterbildung und Beratung konkret aus?

Zukunftssicherheit stärken heisst, die Handlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten und sowohl als Individuum wie auch als Team oder Organisation eine gewisse Resilienz zu haben in der turbulenten, komplexen Welt, in der wir leben und arbeiten. Daher die Gliederung unserer Weiterbildungsangebote in die vier erwähnten Bereiche, aus denen Kurse flexibel miteinander kombiniert werden können. Durch die Kombination Beratung und Weiterbildung können wir Organisationen ganzheitlich unterstützen, d.h. wenn wir beraten, sehen wir, welches Wissen noch gefestigt werden muss und wenn wir weiterbilden, erkennen wir, welche Herausforderungen im Unternehmen bestehen und können gezielte beratende Begleitung anbieten.

Zusammen mit der Universität St. Gallen bieten Sie künftig eine neue Weiterbildung für Führungskräfte an. Wen wollen Sie damit konkret ansprechen und welche neuen Inhalte können die Teilnehmer erwarten?

Wir bieten ab Frühling 2021 ein gemeinsames CAS in Projektmanagement an. Dieses CAS bildet angehende und amtierende Projektmanager gezielt aus in den Herangehensweisen (klassisch, hybrid und agil) des Projektmanagements sowie in deren Methoden und Instrumenten. Neu ist vielleicht, dass viel Wert auf das Mindset gelegt wird, mit dem man an Themen herangeht. So bringen wir etwa Aspekte aus dem Mentaltraining und Resilienzansätze mit hinein. Das CAS bringt neben diesem Zertifikat der renommierten Universität St. Gallen gleichzeitig auch eine Zertifizierung nach IPMA Level D sowie als Scrum Master. Impulsreferate erfolgreicher Projektleiter aus der unmittelbaren Praxis runden die Weiterbildung ab.


Über Andrea Rutishauser Über 30 Jahre Führungserfahrung in Marketing und Kommunikation von multinationalen Konzernen sowie in der Geschäftsführung von KMU zeichnen Andrea Rutishauser aus. Seit 2011 arbeitet die Mutter von Zwillingen als selbständige Beraterin und systemischer Coach, mit den Schwerpunkten Teamentwicklung, Mediation und Konfliktmanagement.

Frage an die Community

Posted by Brigitte Selden

Prof. Dr. Andréa Belliger
Professorin, Autorin und Verwaltungsrätin. 2018/19 wurde sie unter die Top 100 Women gewählt und für den Female Digital Leader Award nominiert sowie 2019 unter die 25 einflussreichsten Persönlichkeiten im Gesundheitswesen der Schweiz gewählt.

«Der rasch voranschreitende technologische Wandel führt zu tiefgreifenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Eine zukunftsgerichtete Weiterbildung sollte humane Kompetenzen fördern wie die Fähigkeit zu moralischer Urteilsfähigkeit, die Fähigkeit, kritisch zu mitzudenken, die Fähigkeit, Strukturen, Prozesse und Haltungen immer wieder neu zu denken, die Fähigkeit zu sozialer Intelligenz und Empathie, die Fähigkeit zur Differenzierung und zur Bewältigung von Überfülle, die Fähigkeit, in heterogenen Teams zu arbeiten und die Fähigkeit, trotz räumlicher Trennung effizient zusammenzuarbeiten.»


 

Peter Stücheli-Herlach

Peter Stücheli-Herlach
Professor für Organisationskommunikation an der ZHAW, leitet seit mehr als 15 Jahren Weiterbildungsprogramme und Führungsseminare im Bereich strategischer Kommunikation

«Kommunikation steht im Vordergrund. Aber nicht das herkömmliche «Verkaufen» von etwas. Sondern die Frage, welche Rollen die Persönlichkeit und ihre Kompetenzen in den verwickelten Prozessen der Organisation und ihrer Wertschöpfung spielen können – und spielen müssen.»


 

Das Rennen um die US-Wahlen ist lanciert

Posted by WOMEN IN BUSINESS
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«Film ist ein grossartiges Medium. Es erlaubt, Raum und Zeit, Gefühle und Gedanken ganz neu zusammenzufügen.»

Posted by Brigitte Selden

Gabriel Baur
Regisseurin, Autorin und Produzentin.

Wir haben uns mit der zwischen Zürich und Lissabon lebenden Filmschaffenden Gabriel Baur über ihr Werk unterhalten – und über ihr Engagement für mehr Diversität in der Branche.

Interview: Brigitte Selden | Stills: Hans Gissinger/Ursula Rodel @ Onix / Roswitha Hecke @ Onix

Seit 1984 ist Gabriel Baur freischaffende Filmregisseurin und Filmautorin. Bereits mehrfach wurde sie national sowie international ausgezeichnet. Wir haben uns mit der zwischen Zürich und Lissabon lebenden Filmschaffenden über ihr Werk unterhalten – und über ihr Engagement für mehr Diversität in der Branche.

Können Sie unseren Leserinnen und Lesern etwas über sich erzählen, wie sind Sie zum Film gekommen? Und wo haben Sie Ihre Ausbildung absolviert?

Das ging nicht geradlinig, ich musste mir den Weg erkämpfen. Meine Berufswünsche standen im Widerspruch zur Vorstellung meines Vaters. Er wollte, dass die Kinder existentiell abgesichert sind. Heute verstehe ich das besser als damals. Künstlerische Berufe beinhalten nun mal mehr Risiko. Natürlich rebellierte ich gegen das Nein zu meinem Berufswunsch auf viele Arten und Weisen. Neben der Schule und dem Studium begann ich auf eigene Initiative meine künstlerischen Projekte durchzuziehen. Ich hatte nebenbei immer in unterschiedlichsten Jobs Geld verdient. Dies und der Zeitgeist Ende Siebziger/anfangs Achtziger Jahre ermöglichten mir, früh meine eigenen Wege zu gehen. Ich wollte sehr jung in die USA emigrieren, packte meine Koffer und ging von New York aus auf Entdeckungsreise. In Kalifornien und Mexiko wurde mir zum ersten Mal klar, dass Filmemachen vieles zusammenbrachte, das ich machen wollte und liebte. Was dann geschah, tönt selbst wie aus einem Movie. Per Zufall geriet ich in Dreharbeiten eines Hollywoodfilms mit Starbesetzung, einem Piratenfilm. Es war aufregend, doch bald mehr als ernüchternd. MeToo Übergriffe waren normaler Alltag, ohne machtvolle Protektion schien es davor kein Entrinnen zu geben. Zurück in der Schweiz habe ich Schritt für Schritt meine eigene Karriere aufgebaut. Als Kompromiss mit meinen Eltern begann ich ein Studium der Psychologie, das ich nach einem Jahr in einer offenen Rochade in ein Ethnologie- und dann sukzessive in ein Filmstudium umwandelte. Ich war selten an der Universität, arbeitete bei Filmen in verschiedenen Funktionen mit und schrieb über Film. Dabei wurde ich, wieder per Zufall, als Schauspielerin für eine deutsch-internationale Produktion in der Südsee gecastet. Doch der monatelange Dreh war aufreibend und lebensgefährlich. Nach diesem augenöffnenden Erlebnis traute ich mir dann endlich selbst zu, Regisseurin und Produzentin zu werden. Gleich nach Abschluss des Studiums ging ich zurück nach New York, an die Filmschule der New York University, wo ich sehr viel in sehr kurzer Zeit lernte und vor allem selbst drehen konnte. Auf Grund meiner ersten Kurzfilme folgte ein Angebot eines angehenden Produzenten, einen Film in Nicaragua zu realisieren.

Ein paar Jahre später ergriff ich dann, zurück in Europa, die einmalige Chance, bei zwei polnischen Regisseuren mein Know-how in Regie und Dramaturgie zu vertiefen – bei Krzysztof Kieslowski und Wojciech Marczewski, die beide das europäische Kino der letzten dreissig Jahre stark mitgeprägt haben. Bei ihnen konnte ich ausloten, was mich faszinierte – brillantes cineastisches Know-how als Ausgangspunkt, auf dessen Grundlage das filmische Instrumentarium unerschöpflich ausgeweitet und alle bekannten Regeln bei Bedarf gebrochen werden können.

Welche Filme haben Sie bisher realisiert?

Ich nehme hier Bezug auf Filme, die im Kino und Fernsehen und auch international gezeigt wurden. Mein bekanntester Film ist wohl „Venus Boyz“, eine filmische Reise durch das Universum von Weiblichkeit und Männlichkeit mit beeindruckenden und berührenden Protagonist*innen, die unser gewohntes binäres Geschlechterverständnis in Frage stellen, ja streckenweise aushebeln. Der Film entstand auf Grund jahrelanger Recherchen und eines Drehbuchs, gedreht in New York und London. Ausgehend von Drag King Performances tauchen wir in ein Reich oszillierender und existentieller Geschlechteridentitäten ein. Die Protagonist*innen sind Pionier*innen, exponieren sich, kämpfen gegen Diskriminierung, machen Mut. Die Finanzierung dieses Films war unsäglich, wir mussten jahrelang für das Thema und die hybride cineastische Form kämpfen. Ohne Finanzierung aus Deutschland, den USA und meinen Produktionspartner Kurt Mäder wäre der Film nicht zustande gekommen. An der Weltpremiere am Locarno Film Festival wurde „Venus Boyz“ ausgezeichnet, fand einen hervorragenden Weltvertrieb, wurde nach der erfolgreichen internationalen Premiere an der Berlinale an zahlreiche renommierte, internationale Filmfestivals eingeladen und kam in vielen europäischen Ländern sowie in den USA ins Kino. Der Film hat viel ausgelöst, wird auch heute noch weltweit gezeigt, wurde im englischen Sprachraum schon als bahnbrechend bezeichnet und ist in seinem Bereich ein Klassiker geworden.

Ganz anders ist der Film „Die Bettkönigin“. Eine hart arbeitende Frau mit Mann und Kindern bleibt einfach eines Tages im Bett. Ihre Rebellion ist still, doch konsequent. Während sie immer mehr aufblüht, geraten ihr Mann, ihre Familie und ihre Umwelt zuerst in Verzweiflung und dann in Rage. Wir zogen den Film mit bescheidenen Mitteln durch. Umso mehr hat mich gefreut, dass er dann in der Auswertungsphase das Herz von Jonas Mekas, dem „Godfather“ des Independent und Avantgarde Cinemas in den USA, eroberte. Ein weiterer Film ist „Cada Dia Historia“, ein Dokumentarfilm den ich mit meiner Kollegin Kristina Konrad – heute Weltfilm in Berlin – zusammen in den achtziger Jahren drehte und in dessen Mittelpunkt Frauen im revolutionären Nicaragua und an der Kriegsfront stehen, die unter Einsatz ihres Lebens für eine neue Gesellschaft kämpften. Wir haben diesen Film weitgehend durch die Arbeit als Kriegsfilmreporterinnen selbst finanziert und mit vollem Risiko produziert. Mein jüngster Kinofilm ist „Glow“, der am Zurich Film Festival 2017 Weltpremiere feierte, im Winter 2017/18 ins Kino kam, soeben in «3 Sat» ausgestrahlt wurde und seit kurzem auch als DVD sowie per Streaming erhältlich ist. Die Geschichte spielt in der pulsierenden Epoche Ende der sechziger bis Ende der achtziger Jahre und dreht sich um die Freundschaft von zwei charakterstarken und sehr unterschiedlichen Frauen. Muse, Model und Sexarbeiterin Irene Staub alias Lady Shiva wird von der Designerin Ursula Rodel entdeckt, die mit ihrer innovativen Mode und ihrem Design auch international im Film durchgestartet war, und unter anderem mit Catherine Deneuve befreundet ist. Irene und Ursula inspirierten sich gegenseitig und Ursula unterstützte Irene, der die Welt zu Füssen gelegen wäre. Doch Irene war eine Rebellin. Sie lebte auf der Überholspur und starb jung unter ungeklärten Umständen. Ihr grösster Traum war gewesen, Sängerin zu werden. „Glow“ zeigt rares Archivmaterial und wir erleben hautnah, wie Irene mit ihrer rauen, ungeschliffen fragilen Stimme zum ersten Mal mit einer Band singt, sich dieser Erfahrung schonungslos aussetzt.

Irene Staub, Foto von Hans Gissinger/Ursula Rodel @ Onix

Ihre Filme drehen sich um revolutionäre Kämpferinnen, aussergewöhnliche Rebellinnen, Innovatorinnen oder, wie in «Venus Boyz», um Pioniere. Warum machen Sie diese Charaktere zum Thema?

Früher habe ich oft darüber sinniert, wie es wäre, wenn wir beispielsweise alle grüne Brillen aufhätten, ohne dass wir davon wissen. Und was wäre, wenn wir eines Tages die Welt plötzlich ohne diesen Filter sehen könnten, in ganz neuen Farben und Dimensionen. Gibt es Spannenderes als die Welt immer wieder neu zu entdecken und Menschen, die das tatsächlich riskieren und leben? Wir stehen erst am Anfang dessen, was als Potential in uns schlummert. Das zieht mich geradezu an, in allen Facetten. Vice versa kommen diese Menschen und Themen sozusagen immer wieder auf mich zu. Und es packt mich ganz besonders, wenn Menschen oft unter Einsatz all ihrer Mittel und ihrer gesellschaftlichen Position, manche auch ihres Lebens, für eine Vision einstehen, partout eine verrückte Idee umsetzen wollen. So begann das Fliegen! Oder gegen Diskriminierung und Repression rebellieren und sich für eine egalitärere, inklusivere Welt einsetzen. Natürlich geht das mit kritischer Distanz einher, der Fortschrittswahn kann Alpträume wahr werden lassen. Das Altbekannte kann durchaus lebenswürdiger und spannender sein als das Neue.

Ihre Werke sind alle mit hohem Risikoeinsatz und innovativer Umsetzung entstanden. Sie überschreiten dabei Konventionen, Grenzen und Normen. Welche Botschaften möchten Sie mit Ihren Filmen aussenden?

Film ist ein grossartiges Medium. Es erlaubt Raum und Zeit, Gefühle und Gedanken ganz neu zusammenzufügen, durch Bild, Ton, Musik, Sprache, Montage. Hybride cineastische Formen sowie Gender und Diversität waren von Anfang an Teil meiner Arbeit. Das Medium selbst hat mich herausgefordert, das ist für mich sicher eine elementare Dimension. Meine Filme enthalten jedoch keine klaren Botschaften, das könnte ich gar nicht, ich habe ja mehr Fragen als Antworten. Wenn schon, möchte ich anstossen, berühren, inspirieren, ermutigen, mit Humor Tränen trocknen, selbstverständlich auch provozieren – etwas weitergeben, Türen zu neuen Räumen, Landschaften und sich selbst öffnen. Wenn wir Menschen sehen, die couragiert durch solche Türen vorangehen, kann das ermutigen. Grenzauslotungen sind in unserer Zeit eine Notwendigkeit. Wir haben die Möglichkeit, Gegenwart und Zukunft mitzugestalten, und es braucht uns Frauen in Kombination mit weltoffenen Menschen aller Geschlechter wie nie zuvor.


Ursula Rodel/Irene Staub, Foto von Roswitha Hecke @ Onix

Weibliche Filmschaffende sind in der Filmbranche bis heute unterrepräsentiert. Sie setzen sich schon seit Jahrzehnten in der Schweiz und auch international für die Geschlechtergleichstellung ein. Wie können Sie mit Ihrem Schaffen für mehr Diversität in der Branche sorgen?

Primär am besten mit dem eigenen Filmschaffen, aber die Filme müssen ja auch finanziert werden. Ich habe früh begonnen, mich für die Geschlechtergleichstellung und Diversität einzusetzen, weil ich die konfrontative bis subtile Ungleichbehandlung einfach satt hatte, nicht nur von mir selbst, von Kolleg*innen und vielen Frauen in unserer Gesellschaft, auch von unseren Filmprojekten. So begann ich, einzugreifen wo ich eine Chance sah. Beim Drehen war das nie ein Problem und je schlimmer die Situation wird, desto ruhiger werde ich, aber in der Politik? Als Vizepräsidentin des europäischen Regieverbands FERA, der über 30 Länder und um die 20’000 Filmschaffende vertritt, erhielt ich ab 2010 plötzlich neue Möglichkeiten und kam in Kontakt mit brillanten Kolleginnen aus anderen europäischen Ländern, die sich gerade neu aufstellten. FERA lancierte in Kooperation mit dem European Women’s Audiovisual Network EWA und weiteren europäischen Berufsverbänden sowie dem European Audiovisual Observatory eine europäische Datenerhebung zum Anteil weiblicher Filmschaffenden in Europa. 2014 wurde diese Studie in Cannes vorgestellt, der durchschnittliche Anteil der Filme von Regisseurinnen war 11 bis 17 Prozent. Dieses Resultat war unerwartet niedrig und rief ein grosses Echo hervor, einen Call-to-Action, der in der Schweiz aufgenommen wurde. Auf Anstoss des Berufsverbandes Filmregie und Drehbuch Schweiz ARF/FDS wurde eine Datenerhebung durchgeführt, die zeigte, dass bei uns ebenfalls grosser Handlungsbedarf bestand. Als Beispiel – von 55.3 Millionen investierten Filmfördergeldern im Zeitraum 2012 bis 2014 gingen gerade einmal 14.8 Millionen CHF an Projekte von Filmregisseurinnen, 40 Millionen weniger! Das schlug in der ganzen Filmbranche ein. Es wird immer wieder gerne vergessen, Frauen machen ja über 50 Prozent der Bevölkerung aus und sind keine Minderheit. 2016 gründeten wir SWAN, das Swiss Women’s Audiovisual Network und 2018 den Verein SWAN. Er hat inzwischen über 1600 Facebook Followers und gegen 200 aktive Mitglieder aus der ganzen Filmbranche. Neben meiner Arbeit als Regisseurin und Produzentin bin ich gemeinsam mit Stéphane Mitchell Co-Präsidentin von SWAN. Wir arbeiten mit der ganzen schweizerischen Filmindustrie und in einem tollen Team zusammen, das auch die verschiedenen Regionen der Schweiz repräsentiert. Datensammlung, Auswertung und sogenannte Best Practice sind Grundpfeiler unserer Tätigkeit, kulturelle Sensibilisierung und Karriereförderung weiblicher Filmschaffender verfolgen wir konkret mit professionellen Projekten, Netzwerkveranstaltungen und Panels. Wir streben Geschlechterparität und Diversität in einer Vielfalt filmischer Berufsbereiche an sowie mindestens 50 Prozent Anteil finanzieller Mittel und adäquate Visibilität für Filme von Regisseurinnen. Wir haben in der Schweiz schon einiges erfolgreich in Bewegung setzen können und sind auch international bestens vernetzt.
(mehr Informationen auf https://www.swanassociation.ch)


Über Gabriel Baur
Gabriel Baur gelangte über das Studium in Visual Arts, Schauspiel und Ethnologie zum Film. Nach ihrem Master of Arts mit einer Abschlussarbeit über Film an der Universität in Zürich besuchte sie die Filmschule an der New York University. Ihre Kenntnisse in Regie und Drehbuch vertiefte sie später bei renommierten Regisseuren, darunter bei Wojciech Marczewski, Krzysztof Kieslowski und Frank Daniel. Gabriel Baur ist Mitbegründerin der Onix Filmproduktion sowie Dozentin, unter anderem an der Zürcher Hochschule der Künste (2003-2010). Seit 2010 ist sie zudem Vizepräsidentin des Europäischen Regieverbandes FERA für den Schweizerischen Verband Drehbuch und Regie ARF/FDS. Darüber hinaus ist Gabriel Baur Mitglied der Schweizer Filmakademie und der Europäischen Filmakademie EFA.

Das Rennen um die US-Wahlen ist lanciert

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Was bedeutet dies für Anlegerinnen und welche Anlagethemen sollten jetzt berücksichtigt werden?

Welchen Einfluss haben die US-Wahlen für Investoren?

Noch Anfang Jahr argumentierten wir, dass der Lärm der US-Wahlen die Anleger zwar erheblich ablenken, aber wenig Neues bringen wird. Nur ein Erdrutschsieg der Demokraten würde dieses Bild ändern. Zu Beginn des Jahres 2020 berechneten wir die Wahrscheinlichkeit dafür bei weniger als 5 Prozent. Schnelldurchlauf bis heute: Gut zwei Monate vor dem Wahltag am 3. November sehen wir die Chancen für eine demokratische Kehrtwende bei 25 Prozent.

Soll dieses Szenario in Anlagen einfliessen?

Das Problem bei einer solchen Szenarioanalyse ist die Investierbarkeit. Bei 75 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass das Szenario nicht eintritt, sollte man das Portfolio nicht so anpassen, als wäre man todsicher. Hinzu kommt, dass die Wählerstimmung stark schwankt, je näher wir dem Ereignis kommen.

Aber wie können Anlegerinnen mit dieser Unsicherheit umgehen?

Jetzt ist die Zeit, einige Anlagethemen zu berücksichtigen, die im Falle eines demokratischen Kurswechsels vorteilhaft sein könnten und gleichzeitig langfristig solide sind – für den Fall, dass sich ein anderes Ergebnis durchsetzt. Allerdings sollte die Position (noch) nicht dominieren, sondern bestehende Kernanlagen ergänzen. Möglichkeiten sehen wir in vielen Sektoren – Energie, Gesundheitswesen oder Informationstechnologie. Interessant sind auch Investitionen zum Thema «Städte der Zukunft». Die Corona-Krise dürfte dazu beitragen, dass sich städtische Zentren global verändern und die digitale Infrastruktur einen Aufschwung verzeichnet. Dies wird unabhängig davon geschehen, wer auf dem Capitol Hill das Sagen hat.

«Die Gesellschaft braucht einen Ruck.»

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Verena Pausder, Unternehmerin und eine von Deutschlands erfolgreichsten digitalen Pionieren, engagiert sich für die digitale Transformation in der Bildung. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie über wichtige Weichenstellungen für die Zukunft spricht.

Politikerinnen, Wirtschaftsführer und Kaffeesatzleser rätseln darüber, welche längerfristigen Auswirkungen das Coronavirus auf unser Leben hat. Wird es im Herbst und Winter wieder Lockdowns geben? Oder kehrt unser Leben bald in gewohnte Bahnen zurück? Werden wir einen bewussteren Umgang mit der Natur pflegen? Oder wird, sobald ein Impfstoff gefunden worden ist, wieder gereist werden wie früher?

Verena Pausder gibt die Krise, sosehr sie auch ihr Leben erschwert hat, paradoxerweise gerade Rückenwind. «Klar, Arbeit, Homeschooling und Haushalt unter ein Dach zu bringen, das war für uns auch sehr anstrengend», sagt sie. Parallel zur Betreuung ihrer drei Kinder im Alter von 3, 10 und 12 Jahren schrieb sie an ihrem Buch «Das neue Land», das Anfang September erschienen ist. Es berührt all die Themen, die sie aus Erfahrung kennt: Es geht darum, wie man Innovationen herbeiführt, wie man Bildung neu denkt, um Start-ups und Digitalisierung, um Chancengerechtigkeit und um Klimaschutz. Verena Pausder denkt in grossen Zusammenhängen.

Mit der Corona-Krise stand plötzlich genau das eine Thema zuoberst auf der Agenda, auf das sie seit Jahren fokussierte: die digitale Bildung von Kindern. Homeschooling bedeutete, den Unterricht von einem Tag auf den andern auf digital umzustellen. Sosehr Deutschland für seinen Umgang mit der Pandemie gelobt wird, Pausders Bilanz ist bezüglich Schule sehr durchzogen: «Viele Schulen waren schlecht aufs Homeschooling vorbereitet, Lehrer, Eltern und entsprechend Kinder überfordert. Keine Geräte, kein Wlan, keine Hotspots, die Lehrer nicht oder zuwenig ausgebildet», sagt sie. 

Pausder wirkt während unseres Skype-Gesprächs so alert wie an ihren öffentlichen Auftritten und in dem Video, das auf ihrer Website zu sehen ist. Die 41-Jährige, die in eine deutsche Textilunternehmerfamilie geboren wurde, weiss, wie sie Themen, die ihr unter den Nägeln brennen, anpacken muss, damit sie Gehör findet. Sie twittert, schreibt Artikel auf LinkedIn mit konkreten Lösungsvorschlägen, gibt Interviews und ist gefragte Podiumsteilnehmerin.

Als Unternehmerin hat sie Erfolg, als sie noch in ihren Dreissigern war: 2012 gründete sie die Firma «Fox & Sheep», die Apps für Kinder im Vorschulalter entwickelt, und verkaufte das Unternehmen 2014 für mehrere Millionen Euro an den Spielzeughersteller HABA. Als dessen Geschäftsführerin eröffnete sie dann in verschiedenen Städten Deutschlands Digitalbildungsstätten, in denen Kinder Programmieren und Robotics lernen. Ausserdem ist sie Mitinitiatorin von «Start-up Teens», einer Non-Profit-Initiative, die Schüler und Schülerinnen fürs Unternehmertum begeistern soll. 2017 gründete sie dann den Verein «Digitale Bildung für alle», um Kindern mit verschiedenen Initiativen chancengleichen Zugang zur digitalen Bildung zu ermöglichen.

Kurz bevor sie mit ihrer Familie in die Sommerferien an den Tegernsee verreiste (mit Arbeit, Laptop und Agenda im Gepäck), verschaffte sie sich in der Zeitung «Die Welt» im Juli nochmals Luft: In einem Artikel rief sie die Verantwortlichen der Bildungspolitik dazu auf, nicht weiter einfach nur über Schutzmasken zu reden, sondern jetzt die Konzepte für den reibungslosen digitalen Unterricht zu entwickeln. «Ich appelliere dringend, jetzt nicht ins Sommerloch zu verfallen, sondern einen Plan zu entwickeln», schrieb sie.

Verena Pausder geht es aber nicht allein um Krisenbewältigung, sondern um Grundsätzliches: «Ich möchte nicht, dass unsere Kinder dereinst die verlängerte Werkbank der Welt sind, sondern die Innovatoren, die Gestalter der Zukunft. Aber um das sein zu können, müssen wir sie entsprechend ausbilden.»

Bevor Sie sich für digitale Bildung engagierten, versuchten Sie, eine Salatbar-Kette zu gründen, sie haben eine Sushi-Bar eröffnet und arbeiteten als Marketingleiterin einer Onlineplattform für Partnervermittlung. Wo ist der gemeinsame Nenner?

Nach meinem Studium wollte ich zunächst verschiedene Dinge ausprobieren. Der Schritt in die Online-Partnervermittlung erwies sich dann als zentral in meiner Biografie. Er war die erste Berührung mit der digitalen Welt. Da wusste ich, dass ich in dieser Branche bleiben wollte. Sie erschien mir als zukunftsweisende Welt ohne nationale Grenzen, ein Feld, wo ich immer dazulernen könnte. Ich hatte einen fantastischen Chef und lernte im Schnelldurchlauf digitales Marketing. Das war der Startschuss für alles, was danach kam.

Wie kamen Sie zu Ihrer Unternehmensidee? War es persönliche Betroffenheit oder gingen Sie strategisch-analytisch vor und suchten bewusst nach einem unbeackerten Feld?

Seit ich 20 bin, habe ich stets etwa zehn Ordner zu unterschiedlichen Geschäftsideen in meinem Regal stehen. Es sind nicht einfach Ideen, sondern ich gehe strategisch vor und recherchiere immer viel, bis ich herausfinde, was sich umsetzen lässt. Mit dem Thema Onlinelernen kam ich während meiner Tätigkeit für die Online-Lernplattform «scoyo» in Kontakt. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass eine gute Bildung einem Türen öffnet, und fragte mich: Wie kann man möglichst vielen Kindern diese Türen öffnen?

Heute sitzen Sie in digitalen Beratungsausschüssen der deutschen Regierung, der Lufthansa und der Comdirect Bank. Wie schafft man das als 41-Jährige?

Zunächst einmal: Wer viel tut, wird auch gehört. Mir wird häufig die Frage gestellt, was treibt dich nur an, abends um 23 Uhr noch einen LinkedIn-Artikel zu schreiben. Meine Antwort: Ich kann einfach nicht anders! Ich mache das nicht aus Karrieregründen, sondern weil ich finde, dass, wenn man gesund ist, beruflichen Erfolg und das Privileg hat, in einem sicheren System zu leben, man verpflichtet ist, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren. Ich möchte nicht nur mein eigenes Leben optimieren. Ausserdem habe ich keine Angst, ins kalte Wasser zu springen. Wenn mich jemand fragt, ob ich im Beirat der digitalen Staatsministerin sein möchte, dann denke ich nicht: Bin ich dafür genügend qualifiziert? Sondern ich packe die Chance. Mein Motto ist, lieber in etwas zu grosse Fussstapfen treten und reinwachsen, als sich zurechtstutzen lassen.

Nach diesem Prinzip verfuhr Verena Pausder auch, als sie 2016 vom World Economic Forum (WEF) zum «Young Global Leader» gewählt wurde. Im ersten Moment war sie erstaunt, doch dann wollte sie sich auch selbst beweisen, dass sie den Titel verdient. «Vielleicht hätte ich ohne den Titel die letzten vier Jahre nicht so den Turbo gezündet», sagt sie.

Ihr Netzwerk nutzt sie heute, um sich für Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern einzusetzen. Als sie im vergangenen März in der Zeitung las, dass eine deutsche Unternehmerin gesetzlich vorgeschrieben ihren Vorstandsposten aufgeben musste, weil sie in die Babypause ging, konnte sie es nicht fassen. Sie verfasste einen Artikel auf LinkedIn, in welchem sie auf den Missstand hinwies, erhielt sofort Echo von Anwälten und Unternehmerinnen, in denen sie Mitstreiter fand. Sie rief die neue Initiative «#stayonboard» mit ins Leben, und eine gesetzliche Änderung ist jetzt bereits in Reichweite.

Chancengleichheit hat auch mit Vorbildern zu tun. Ihre Mutter und ihr Vater sind beides erfolgreiche Unternehmer. Was raten Sie Frauen, die keine solche Role Models in der Familie haben? Wie geht man vor, wenn man ein Unternehmen gründen will?

Am besten sucht man sich einen Mentor. Und dann muss man sich früh im Klaren werden, was man mit der Gründung erreichen will: Will ich damit auch Arbeitsplätze schaffen, oder geht es mir darum, Beruf und Familie miteinander zu verbinden und von überallher arbeiten zu können? Je nachdem muss die Idee entsprechend gross eingesteuert werden, und die Finanzierung muss gut durchdacht sein.

Mit den heutigen Möglichkeiten der digitalen Vernetzung erscheint es einfacher, eine Geschäftsidee umzusetzen. Ein Irrtum?
Heute verfällt man tatsächlich leicht dem Irrglauben, dass es eine einfache Sache ist. Man hat schnell einmal 5000 Follower auf Instagram, denen man ein Produkt verkaufen kann. Aber es gibt natürlich Millionen von Leuten, die ebenfalls 5000 Follower haben! Um nachhaltig erfolgreich zu sein, gehören harte Arbeit, das richtige Team und Timing dazu. Man darf nicht darauf vertrauen, dass man durch die sozialen Medien irgendwie automatisch erfolgreich wird.

Was halten Sie für die wichtigsten Eigenschaften, wenn man reüssieren will?

Resilienz: Man muss ein dickes Fell haben. Das müssen sich ganz besonders Frauen antrainieren. Auch ich bin nicht damit geboren, sondern musste sehr an mir arbeiten. Mut und die Leidenschaft fürs Thema sind wichtig. Man muss sich fragen, würde ich auch in fünf Jahren noch um vier Uhr morgens aufstehen, um daran zu arbeiten? Ohne die Leidenschaft gerät man in die Sinnkrise. Aber die Grundvoraussetzung ist immer noch: Fleiss und Disziplin. Sie sind das Fundament, auf dem alles andere aufbaut.

Woher kommt Ihre Motivation, sich weniger unternehmerisch, sondern vermehrt sozialpolitisch einzusetzen?

Ich spüre in mir eine gewisse Ungeduld. Die Frage ist, wie wir unsere Zukunft in Europa sehen, und welche Industrien wir in dieser Zukunft beherrschen, wie wir unsere Kinder ausbilden müssen, welche Rolle die künstliche Intelligenz spielen soll. Bei alldem denke ich mir manchmal, worauf warten wir eigentlich? Die Zeit läuft uns langsam davon, denn andere Länder sind ja nicht untätig. Wenn uns diese Pandemie etwas gelehrt hat, dann, dass wir von der Erkenntnis auf die Umsetzungsebene kommen müssen.

Verena Pausder hat die Corona-Krise den Ball zugespielt.
Das Virus wirke wie ein Katalysator, sagt sie. «Endlich wird bei Problemen, die eigentlich schon lange offen dalagen, aber wegen fehlender Dringlichkeit auf die lange Bank geschoben wurden, wirklich hingeschaut», sagt sie. «Unsere Gesellschaft brauchte wohl diesen Ruck.»

Über Verena Pausder

Verena Pausder wurde 1979 als älteste Tochter in die Bielefelder Textilunternehmerfamilie Delius geboren. Mit 22 Jahren schloss sie ein Finanz- und Controllingstudium an der Hochschule St. Gallen (HSG) ab. Nach leitenden Positionen in einer Online-Partnervermittlung und bei der digitalen Lernplattform «scoyo» gründete sie 2012 mit «Fox & Sheep» ihr eigenes Unternehmen. 2016 wurde sie vom Weltwirtschaftsforum zum «Young Global Leader» ernannt, 2018 in die «Forbes»-Liste «Europe’s Top 50 Women in Tech» aufgenommen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Berlin.

Kunst statt Aktien?

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Wer sein Geld in Objekten wie Gemälde, Skulpturen oder Antiquitäten anlegen möchte – anstelle von Aktien und Anleihen –, sollte Rendite mit Leidenschaft verbinden. Und auch hier sollte man, wie bei jedem anderen Investment, die Spielregeln kennen.

Wer etwas Beständiges sucht, der sollte bevorzugt Kunst kaufen.» Dieses Zitat stammt von keinem Geringeren als von Alan Greenspan, dem früheren Chef der US-Notenbank. Und in der Tat erfreut sich Kunst als Anlageklasse grosser Beliebtheit. 2019 erreichte der weltweite Verkauf von Kunst und Antiquitäten einen geschätzten Wert von 64,1 Milliarden US-Dollar. 82 Prozent der Umsätze stammten aus den USA, Grossbritannien und China. Die Schweiz machte 2 Prozent des globalen Marktes aus. Dabei ging der grösste Teil des Umsatzes auf bestehende Kunden zurück. Doch auch der Anteil an Neukunden wächst. So machten diese 2019 rund 34 Prozent aus, 5 Prozent mehr als im Vorjahr. Dass Kunst im Trend liegt, zeigt sich auch daran, dass es heute viele junge Sammler gibt, die zwischen 25 und 40 Jahre alt sind.

Leidenschaft und Rendite

Doch was gilt es zu beachten, wenn man sein Geld in Gemälde, Skulpturen oder Uhren anlegen möchte? Um Chancen zu erkennen und zu profitieren, empfiehlt es sich, nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Arbeit zu investieren. Man sollte regel- mässig informiert bleiben, was auf dem Markt läuft, sich mit der Materie auseinandersetzen und Fachwissen aneignen. Kunstmessen, Galeriebesuche oder Auktionen sind gute Orte, um sich kundig zu machen.

Wer in Kunst oder andere Sammlerobjekte investiert, tut dies oft nicht nur aus finanziellen Überlegungen, sondern auch aus ideellen. Neben einem materiellen Wert hat ein Gemälde oder eine Antiquität vor allem einen emotionalen Charakter – und somit auch eine «emotionale» Rendite. Dennoch stellt sich für Investoren die Frage, ob und wie sich mit Kunstwerken Geld verdienen lässt. Denn: Rendite ist bei Kunst schwerer messbar als bei Aktien, deren Entwicklung man an den täglichen Börsenkursen ablesen kann. Fest steht jedenfalls, dass sich der

Kunstmarkt auch in wirtschaftlich turbulenten Zeiten bisher meist robust zeigte.
Für den Erwerb von Kunst und Antiquitäten gibt es verschiedene Vertriebskanäle, wie etwa Galerien, Online-Marktplätze, Messen und Auktionshäuser. Auch sogenannte Kunstfonds stehen Anlegern zur Verfügung. Diese oftmals geschlossenen Fonds fassen Gelder von Anlegern zusammen, um in Kunstwerke zu investieren.

Für Anfänger und Fortgeschrittene

Der Schätzwert eines Kunstwerks sollte am besten durch einen Experten, Kunstberater oder Sachverständigen abgeklärt werden, der aufgrund seiner Berufserfahrung und Marktübersicht eine valide Einschätzung abgeben kann. Insbesondere Neulinge sind gut beraten, auf erfahrene Berater zu setzen. Diese können nicht nur mit Analysen zum Kunstmarkt unterstützen, sondern auch beim Aufbau einer Sammlung oder bei einer Sammlungsergänzung helfen.

Auf jeden Fall bringt Kunst als alternative Geldanlage einen Bonus mit, wie ihn andere Anlageklassen nicht haben: nämlich einen hohen emotionalen und ästhetischen Faktor, der nicht mit Geld zu messen ist.

Darauf sollte man achten

• Verbinden Sie Ihre Leidenschaft für ein Objekt mit dem Wunsch nach Rendite

• Kaufen Sie nichts, was Ihnen nicht wirklich gefällt

• Verfolgen Sie Auktionsergebnisse und lassen Sie sich von Gutachtern und Experten dabei unterstützen, den monetären Wert einzuschätzen

• Verschaffen Sie sich durch Internetrecherche in Datenbanken über Auktionsergebnisse eine Preisübersicht

• Klären Sie steuerliche Aspekte ab

 

Niki Osl

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Die Wiener Designerin Niki Osl hat mit ihrer Marke «miss lillys hats» die jahrhundertealte Tradition, Blumen im Haar zu tragen, in die Jetztzeit geholt und damit einen Trend ausgelöst. Ihre Vintage-Blumenkränze schmücken sogar die Häupter internationaler Prominenz wie Lana del Rey, Taylor Swift und Katy Perry.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, «miss lillys hats» zu gründen?

Schon als Kind habe ich die Liebe zu antiken Hutblumen entdeckt, weil ich viele Wochenenden mit meiner Mutter und meiner Schwester auf Flohmärkten verbracht habe. Ich habe begonnen, alte Hüte zu sammeln, aber erst viele Jahre später mir daraus Kopfschmuck gefertigt. Material und Verarbeitung von Original-Vintageblüten sind qualitativ kaum mehr mit dem zu vergleichen, was heute produziert wird. Damals habe ich mir Blumenkränze aus den antiken Hutblumen gebunden, und fast niemand hat daran geglaubt, dass man daraus ein Geschäft machen kann. Ausser meiner Freundin Lena Hoschek, die wie schon so oft das Gespür dafür hatte, dass das ein grosser Trend werden könnte. Es war nie eine bewusste Entscheidung, sondern ist einfach so passiert. Wenn man eine Passion, einen starken Willen und eine Vision hat, ist sehr vieles möglich.

Was war der Startschuss für Ihre erfolgreiche Karriere?

Vor rund zehn Jahren habe ich meine selbstständige Tätigkeit als Artdirektorin und Grafikdesignerin in den Hintergrund gerückt und fast meine ganze Zeit dem Kopfschmuck gewidmet. Nachdem ich meinen ersten Presseaussand gemacht hatte, hat die deutsche «Vogue» gleich angefragt. Und auch der Stylist von Lana del Rey hat Stücke von mir für die Bühnenshows verwendet. Das war der Startschuss. Der Weg war aber ein viel längerer, um davon gut leben zu können. Denn obwohl ich in vielen Magazinen gefeaturet wurde, viele Prominente meinen Kopfschmuck trugen und ich meist sieben Tage die Woche arbeitete, hat es bis zu einem breiten Erfolg gedauert. Es ist immer schwieriger, wenn man ein Pionier ist, und gerade am Anfang hat kaum jemand verstanden warum meine Stücke ihren Preis haben.

Woher stammt der Name «miss lilly»?

Miss Lilly ist meine Lieblingskatze und ich «darf» mit ihr leben. Nachdem Katzen in meinem Leben immer eine grosse Rolle gespielt haben, nannte ich meine Marke nach ihr. Sie kommt oft mit ins Atelier und liebt es, die Kundinnen zu begrüssen. Ich unterstütze viele Tierschutzorganisationen und habe neben Miss Lilly noch einen Kater, eine Hündin und viele Patentiere.

Wie und woraus werden Ihre Hütchen und der Kopfschmuck gefertigt?

Das Besondere an meinen Stücken ist, dass ich antike Materialen weiterverwerte. Teils sind sie museal und daher Einzelstücke. Ich sammle seit meiner Kindheit und die Faszination an Kunsthandwerk und antiken Seidenblumen hat mich nie losgelasssen. Die meisten Blüten sind aus den 1940/1950er-Jahren. Aber ich verarbeite auch Klosterarbeiten aus der Zeit von 1850. Ich verwende kein Plastik, und alles wird sorgsam restauriert. Das benötigt viel Zeit und ist qualitativ nicht mit dem zu vergleichen, was es heute an Kunstblumen auf dem Markt gibt. Von der Restaurierung und Fertigung bis zum fertigen Produkt sind es viele Schritte. Ich habe auch einen speziellen Draht anfertigen lassen, der dünn und strapazierfähig ist. Bei mir werden die Blüten nicht einfach lieblos auf Haarreifen geklebt, sondern jede Blüte hat auf Draht ihr Eigenleben. Diese Methode habe ich, inspiriert von alten Techniken, für meinen Kopfschmuck eigens weiterentwickelt.

Woher stammen die Materialien?

Viele der Blüten stammen aus Amerika, wobei meist ursprünglich aus Deutschland. In den 1950er-Jahren war Sebnitz die Kunstblumenhauptstadt und viel wurde nach Amerika exportiert. Aber ich habe auch wunderschöne Seidenblumen aus Frankreich, Klosterarbeiten aus Österreich, Kunstblumen aus Korea, England und manchmal auch Spanien.

Wer gehört zu Ihren Kundinnen, wer trägt Ihren Kopfschmuck?

Menschen mit Kunstsinn, Liebe zum Detail und zum Handwerk. Ich fertige weder Massenprodukt, noch Wegwerfartikel. Meine Stücke sollen für die Ewigkeit halten und in der Familie weitergegeben werden. Zu meinen Kundinnen zählen viele prominente Namen, sogar ins englische Königshaus durfte ich schon Kopfschmuck liefern.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus? Mit welchen Designern würden Sie gerne kooperieren?

Ich bin sehr glücklich und dankbar, wie es ist. Aber ich wünsche mir für die Zukunft etwas mehr Zeit für meine Kunstprojekte. Spannend fände ich es auch, für ein grosses Modehaus wie Dolce & Gabbana, Chanel oder Dior Kopfschmuck zu kreieren. Es wäre auch schön, für einen Film oder eine Oper Kopfschmuck entwerfen zu können. Ich habe so viele Ideen und immer Musik im Kopf, manchmal fühlt sich mein ganzes Leben an wie eine opulente Operette.

Vom Beben der Nasenflügel

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Seit drei Jahren ist Ursula Bergenthal Programmleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung beim Diogenes Verlag. Obwohl Frauen mehr lesen, mehr Bücher kaufen – Literatur in die Schublade «Nur für Frauen» zu stecken, hält Ursula Bergenthal für keine gute Idee.

Das Haus liegt etwas abseits des Zeltwegs in Zürich an einer ruhigen Wohnstrasse, umgeben von alten Bäumen, unweit des Privatfriedhofs Hohe Promenade, wo Adolf Tobler, der Begründer der Zentralbibliothek Zürich, begraben liegt. Ganz so viele Bücher wie in der Zentralbibliothek stehen hier im Diogenes Verlag nicht in den Gestellen, aber auch hier ist es ruhig. Bücher lesen ist eine stille Angelegenheit, Bücher verlegen auch, wie es scheint. Wäre da nicht das Lachen von Ursula Bergenthal, das während des Gesprächs immer wieder aus ihr hervorsprudelt. Seit April 2017 ist Bergenthal Programmleiterin beim Zürcher Diogenes Verlag, dem grössten Schweizer Buchverlag.

WOMEN IN BUSINESS: Ein Leitsatz von Diogenes lautet «Lesen ist immer eine gute Idee». Was lesen Sie denn gerade privat, Ursula Bergenthal?

Ursula Bergenthal: Natürlich lese ich mich gerne durch die enorme Backlist von Diogenes, aber manchmal gehe ich auch fremd und lese einen Autor aus einem anderen Verlag – gerade ist das Ocean Vuong, «Auf Erden sind wir kurz grandios». Das ist ein unheimlich toller Text, da bin ich fast neidisch, dass wir ihn nicht bei uns haben.

Lesen Sie alle Bücher zu Ende?

Das hat sich sehr gewandelt im Laufe meines Lebens. Ich war immer diejenige, die alle Bücher fertig gelesen hat, die auch ungern Bücher verliehen hat – sie könnten ja Schaden nehmen. Aber heute, wo ich beruflich so viel lese und weiss, was noch alles auf mich wartet, traue ich mich schon, ein Buch wegzulegen. Das ist auch ganz befreiend.

Und es wartet enorm viel auf sie: Diogenes erhält pro Jahr rund 2000 Manuskripte, viele unaufgefordert, noch mehr von Agenturen und internationalen Verlagen, viele aber auch von Vertrauenskontakten aus aller Welt. Diese unzähligen Fäden wollen bewertet, zusammengeführt und verknüpft werden, um ein möglichst vielfältiges Programm auf die Beine zu stellen. Die besten Texte aus den verschiedensten Bereichen «ertrüffeln» möchte Ursula Bergenthal mit ihren neun Lektorinnen. Einmal in der Woche treffen sich die Frauen zum Austausch und diskutieren die Texte. Oft lesen mehrere denselben Text und diskutieren, ob und wie er ins Verlagsprogramm passen könnte. Verleger Philipp Keel, der die Verlagsleitung 2012 nach dem Tod seines Vaters Daniel übernommen hat, liest und diskutiert mit, alle müssen für einen Titel «brennen» bis zum finalen Verlegerentscheid. Ziel ist es immer, das Gesamtwerk eines Autors, einer Autorin zu veröffentlichen.

Der Verlagsgründer Daniel Keel hat mit seinem Grundanspruch die Latte hoch gelegt: «Der Diogenes Verlag will durch lesbare Literatur unterhalten, durch Neues vor den Kopf stossen, aber auch Altes neu entdecken; das ‹Neue um des Neuen willen› übersehen und so das Modische vom Modernen unterscheiden.» Aus diesem Prozess schaffen es im Schnitt aus den rund 2000 Manuskripten pro Jahr höchstens eine Handvoll Texte ins exklusive Diogenes Programm.

Das Gesamtwerk eines Autors zu veröffentlichen, hat sich Diogenes auf die Fahne geschrieben. Da ist es entscheidend, dass der Autor, die Autorin die Leidenschaft des ganzen Verlages zu entfachen vermag, denn bei Diogenes versteht man sich als Familie, deren Mitglieder mit ihrer ganzen Kraft am gleichen Strang ziehen, vom Verleger über das Lektorat, die Presseabteilung, den Vertrieb bis hin zur Herstellung. Ein gutes Zeichen für Ursula Bergenthal ist es, «wenn die Nasenflügel beben», wenn sie merkt, dass sie auf jemanden gestossen ist, von dem sie sich Besonderes verspricht. Wie etwa die junge dänische Autorin Caroline Albertine Minor, die derzeit die Augen bei Diogenes zum Leuchten bringt.

Nach den Lieblingsbüchern ihrer Kindheit befragt, erinnert sich Bergenthal an Tomi Ungerer, dessen Bücher sie geschenkt bekam und den sie später bei Diogenes auch persönlich kennenlernen durfte – «ein grosses Glück». Ihre Grossmutter, eine grossartige Geschichtenerzählerin, habe ihr die ersten Buchschätze geschenkt, darunter Werke wie «Wilbur und Charlotte» von E. B. White, auch er ein Diogenes-Autor. «Viele Autoren bei Diogenes haben mich ein Leben lang begleitet, ich bin mit ihnen aufgewachsen.» Ein prägendes Leseerlebnis dann als Teenager, im Südtiroler Ferienhaus der Tante stand im Regal «Der Fremde» von Albert Camus: «Das war für mich ein richtiges Erweckungserlebnis. Ich bekam ein Gefühl dafür, was Sprache kann, welche Kraft Literatur hat und wie sie einen so richtig umhauen kann, wie ein Schlag in die Magengrube.»

Literatur bleibt fortan Ursula Bergenthals Lebensmittelpunkt. Sie studiert Deutsche, Englische und Vergleichende Literaturwissenschaft und schliesst mit einem Doktorat ab. Es folgt ein Praktikum beim Heyne Verlag, der kurz darauf Teil der Axel Springer Gruppe wird, um dann vom Verlagsriesen Random House übernommen zu werden. Eine Zeit, in der eine Lernphase die nächste jagt.

Wie haben Sie sich denn zurechtgefunden bei Random House?

Nach der Übernahme durch Random House sassen wir in einem Programmbereich plötzlich ohne Backlist da und mussten von Grund auf ein ganz neues Programm kreieren, und das sehr schnell. Das waren prägende Erlebnisse. Ich bin dann vom Heyne Verlag innerhalb der Gruppe zu btb gewechselt. Bei Random House ist jeder Verlag ein eigenes Wirtschaftsunternehmen, die Verlage stehen in Konkurrenz zueinander. Bei btb habe ich gelernt, wie wichtig es ist, ein mutiges Programm zu gestalten, bei dem die Nasenflügel beben. Ich durfte bald Verantwortung übernehmen, bin schnell Cheflektorin geworden und konnte mit der Verlagsleiterin zusammen das Programm erstellen.

Im Vergleich zum Goliath Random House ist Diogenes klein, hat aber ein bedeutendes Alleinstellungsmerkmal: die Fähigkeit und den Willen, Autoren von null auf hundert aufzubauen. Auch wenn Diogenes keine Riesenvorschüsse bezahlen kann, kommen viele Autorinnen und Autoren gerne in den Verlag, gerade auch weil sie das familiäre Umfeld und eine langjährige Partnerschaft zu schätzen wissen. Zum Beispiel die Krimifrauen Ingrid Noll und Donna Leon, die seit den frühen 1990er-Jahren bei Diogenes sind, als der Verlag beginnt, Krimis im Hardcover zu veröffentlichen und das Genre aus der Schmuddelecke zu holen. Diese beiden Autorinnen haben fortan den Status einer Pièce de Résistance bei Diogenes.

Frauen lesen mehr als Männer, vor allem mehr Belletristik, sind also auch ein grösseres Kundensegment für einen Verlag. Random House wirbt auf der Website prominent für «Frauenthemen». Ist das auch ein Thema bei Ihnen, Frau Bergenthal?

Ich finde, wir machen tolle Texte für jeden. Mich irritieren diese Kategorisierungen. Das greift zu kurz und wäre in der Konsequenz beinahe wie die T-Shirts in Rosa und Blau für Mädchen und Jungs. Selbstverständlich wollen wir, und hier tragen wir Verantwortung, als Verlag ein Ort der vielfältigen Stimmen sein, die von allen entdeckt werden dürfen. Literatur, die hoffentlich bleibt. Schlussendlich geht es doch vor allem um Essenz und Welthaltigkeit.

Natürlich, fügt sie an, würde man zielgruppengerecht vermarkten, also etwa in den Zeitschriften werben, in denen man die Kernleserschaft vermute. «Der Markt wird ja immer fragmentierter.»

Der Buchmarkt steht unter Druck. Mit welcher Strategie geht Diogenes in die Zukunft?

Diogenes war immer stark bei den Hardcovers, wir bringen fast alle neuen Bücher gebunden heraus. Viele finden das sehr mutig; da wir aber nur wenige Titel bringen und eine enge Beziehung zum Buchhandel haben, funktioniert es gut. Selbstverständlich setzen wir auch auf die Digitalisierung in all ihren Facetten.

Was genau verstehen Sie darunter?

Digitalisierung heisst nicht nur, etwas als E-Book herauszubringen; sie erlaubt uns vielmehr, sehr lebendig mit unserer Backlist umzugehen, die wirtschaftlich sehr wichtig für unseren Verlag ist. Wir haben die Texte digital zur Verfügung und können sie noch mal ganz anders verwerten, neue Verknüpfungen finden, neue Kanäle bespielen, Themenwelten erschaffen. Wir setzen auf Content First. Das Gesamtwerk eines Autors ist für uns wichtig, und wir können nun auch Kleinstauflagen drucken, damit das Werk für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt – denn das sehen wir als unsere Aufgabe als nicht subventioniertes «Kulturunternehmen». Früher hat sich ein Nachdruck erst ab etwa 2000 Stück gelohnt, viele Titel sind darum einige Jahre nicht lieferbar gewesen.

Neben der enormen Backlist kann Diogenes mit den Weltrechten, die der Verlag bei einigen Autoren hat, punkten. Hält ein Verlag die Weltrechte an einem Autor, kann er in alle Länder und alle Sprachen verkaufen, besitzt neben den Buch- auch die Filmrechte. Besonders die Filmrechte haben sich zu einem sehr wichtigen Standbein entwickelt. Dass die Filmwirtschaft nicht die grosse Buchmörderin ist, als die sie manchmal dargestellt wird, sondern sich die beiden gegenseitig befruchten können, hat sich in der Geschichte von Diogenes mehrfach gezeigt. Als Anthony Minghella den Roman «Der talentierte Mr. Ripley» von Patricia Highsmith 1999 mit Matt Damon neu verfilmte, bescherte das dem Verlag Verkäufe im sechsstelligen Bereich. Im November 2020 kommt nun wiederum eine Neuverfilmung von Highsmiths «Tiefe Wasser» mit Ben Affleck ins Kino, diesmal mit dem Verleger Philipp Keel als Executive Producer. Auch der kleine Bildschirm erweist sich als durchaus befruchtend, denkt man nur an die Verfilmungen von Donna Leons Commissario Brunetti, die eine neue Leserschaft generieren können.

Sogar in der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass gute Literatur immer ihre Abnehmer findet, in welcher Form auch immer: als Hardcover, E-Book oder Hörbuch. Trotz Pandemie entschied Diogenes, «Hunkeler in der Wildnis» von Hansjörg Schneider wie geplant Ende März im Buchhandel zu lancieren und in einer digitalen Kooperation mit «20 Minuten» als Fortsetzungsroman zu bringen. Der Roman landete prompt auf Platz 1 der Bestsellerliste. Lesen ist eben immer eine gute Idee.

«In der Krise schlägt die Stunde der Qualität»

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Ferientrends verändern sich mit der Zeit. Die Corona-Krise hat die beiden Megatrends Nachhaltigkeit und Digitalisierung verstärkt und weist damit auch dem Schweizer Tourismus eine mögliche Richtung für die Zukunft. Gedanken der Tourismusunternehmerin Bettina Plattner Gerber.

Im April herrschte Panik in der Schweizer Hotellerie. Leere Auftragsbücher und drohende Konkurse. Nie mehr war es so drastisch seit dem Kriegsende vor 75 Jahren. Dann kam die schrittweise Aufhebung des Corona-Lockdowns im Mai und ein leiser Hoffnungsschimmer, dass es doch noch so etwas wie ein Sommergeschäft geben könnte. Es trat Bundesrat Ueli Maurer ans Rednerpult und startete einen flammenden Aufruf an alle Schweizer, ihre diesjährigen Ferien im Inland zu verbringen. Man erhörte ihn. Allein in der letzten Mai-Woche, als die Grenzöffnungen zu den Nachbarländern bereits beschlossen waren, wurden in Schweizer Hotels 40 Prozent mehr Neureservationen von inländischen Gästen registriert als in derselben Vorjahreswoche.

Ein Tropfen auf den heissen Stein eines komplett vergeigten Schweizer Tourismusjahres? Mit Einbussen müssen im Corona-Jahr 2020 wohl alle leben, vor allem aufgrund der abrupt beendeten Wintersaison und des schmerzhaften Ausfalls des Ostergeschäfts. Gleichwohl gilt es zu differenzieren. «Wir können nicht vom Schweizer Tourismus allgemein sprechen, denn die Situation ist in den Städten ganz anders als in den alpinen Destinationen», sagt Bettina Plattner Gerber. Die aus Zürich stammende Tourismusunternehmerin lebt seit 24 Jahren im Engadin, verfügt über jahrelange Führungserfahrung in der Hotellerie und entwickelt zusammen mit ihrem Ehemann mit der Plattner & Plattner AG seit bald zehn Jahren erfolgreich neue Ferienwohnungs- wie auch Hotelprojekte im Engadin. Während die vor allem auf internationale Gäste ausgerichtete Stadthotellerie in Zürich, Genf oder Luzern laut Plattner einen harten Sommer erleben werde, könnten alpine Gebiete mit einer traditionell starken Schweizer Stammkundschaft sogar zu den Gewinnern gehören.

Auch bei den Unterkunftsarten hat die Corona-Pandemie, deren Ende noch nicht absehbar ist, eine klare Polarisierung bei der Nachfrage ausgelöst. «Ferienwohnungen sind das Geschäftsmodell der Stunde, weil sie keine oder kaum öffentliche Gemeinschaftsräume haben, während in vielen Hotels die Gäste aufgrund der oft nicht einzuhaltenden Abstandsregeln eher zurückhaltend buchen», so Plattner. Rückmeldungen aus dem Markt bestätigen dies. Ferienwohnungsanbieter wie E-Domizil oder die Reka Feriendörfer vermeldeten schon Ende Mai praktisch vollbesetzte Anlagen für die heissen Sommerferienwochen, während die Hotels mit teils teuren Schutzkonzepten erst das Vertrauen der Gäste gewinnen müssen.

Neue Gästegruppen halten, schnell reagieren und improvisieren können

Doch was wird Corona dem Tourismus generell bringen? Wie wird die Pandemie das Angebot und Bewusstsein der Branche verändern? «In der Krise schlägt die Stunde der Qualität», bringt es Bettina Plattner Gerber auf den Punkt. Und damit meint sie vor allem die Qualität, welche ein Ferienaufenthalt in der unberührten Natur bieten kann. «Wir beobachten zurzeit im Engadin viele junge Leute, beim Flanieren in den Dörfern, beim Wandern, auf dem Bike und am See, die in normalen Jahren irgendwo in die Ferne reisen.» Dies sei für den Engadiner und gesamten Schweizer Tourismus eine enorme Chance, sein hochwertiges, naturnahes und erlebnisreiches Angebot nachhaltig einem neuen Zielpublikum zu präsentieren. «Corona hat uns die Möglichkeit eröffnet, die Bergregionen auch im April und Mai von ihrer schönsten Seite zu zeigen.» So könne die Krise vielleicht auch der Kick-off für eine belebtere Zwischensaison werden. «Corona gibt den Menschen einen neuen Blick auf die Heimat.» Jetzt sei es wichtig, die vielen neuen Gäste, welche dieses Jahr zwangsläufig Ferien in der Schweiz verbringen, zu begeistern und zu halten.

Die grösste unmittelbare Herausforderung für touristische Anbieter in der Schweiz sieht Bettina Plattner Gerber in Form einer Gratwanderung, mit dem neuen Alltag gut umzugehen und die Schutzkonzepte vernünftig umzusetzen. «Man muss einen goldenen Mittelweg finden zwischen

‹Ferien im Laboratorium› und Science-Fiction-Film einerseits und grobfahrlässiger Nachlässigkeit anderseits.» Bei einem Vergleich von verschiedenen touristischen Unternehmen oder ganzen Destinationen stellt die Expertin ganz unterschiedliche Handhabungen der Situation fest. Eine wichtige Fähigkeit müssten sich derweil alle touristischen Anbieter sofort aneignen: «Die Corona-Pandemie macht in unserem sowieso sehr volatilen Geschäft alles noch etwas weniger vorhersehbar. Eine schnelle Reaktions- und Improvisationsfähigkeit sind jetzt essenzielle Skills.»

«Third Place» – Ferien und Arbeit verschmelzen

Auch langfristige Trends, die sich der Schweizer Tourismus vor allem in alpinen und ländlichen Regionen zunutze machen könnte, werden durch den Corona-Ausnahmezustand noch einmal dynamisiert. An der Spitze stehen hierbei die Schlagworte «Nachhaltigkeit» und «Digitalisierung». Corona schiebe die Digitalisierungsoffensive zum einen im Geschäftstourismus enorm an. «Mit einem Schlag sind Videokonferenzen und Onlinemeetings überall salonfähig und machbar. Jegliche Gegenargumente sind vom Tisch gefegt. Dadurch eröffnen sich über Nacht neue Möglichkeiten, die ohne Covid-19 vielleicht noch Jahre gebraucht hätten», sagt Bettina Plattner Gerber.

Nachhaltiges Denken und Handeln würden durch Corona wahrscheinlich kurzfristig noch einmal gestärkt, so ihre Überzeugung. «Bioläden haben ihren Umsatz um 30 Prozent gesteigert, ein Bewusstsein für lokale Lebensmittel, lokales Einkaufen und allgemein klimafreundliches Verhalten ist deutlich spürbar.» Gleichwohl hat die Unternehmerin wenig Zweifel daran, dass die meisten Menschen mittel- und langfristig wieder reisen wollen und der internationale Tourismus auf Zeit wieder zur alten Form zurückfinde. «Trotzdem ist es natürlich wünschenswert, dass nachhaltiges Denken und Handeln im Tourismus auch langfristig an Bedeutung zulegen.»

Einen Megatrend macht die Wahlengadinerin auch in der digital bedingten Aufweichung der Grenzen zwischen Arbeitszeit, Freizeit und Ferien aus. «Die traditionelle Trennung von Zuhause und Arbeitsplatz, den sogenannten ‹First Places› und ‹Second Places›, verschmilzt in Kombination mit Ferien immer stärker zu neuen ‹Third Places», an welche man sich zurückziehen kann, um konzentriert zu arbeiten.» Für Bettina Plattner Gerber liegt hier eines der grössten Potenziale für viele Schweizer Destinationen. Gerade Bergregionen würden

sich als «Third Places» hervorragend eignen. «Sie bieten die ideale Kombination von Arbeit und Erholung für Firmen und Organisationen, Familien, Paare sowie Einzelpersonen und werden damit zum perfekten Rückzugs-, Inspirations- und Vernetzungsort.» Ausserdem biete ein solcher «Third Place» einen attraktiven Lebensraum und, ganz nebenbei, den direkten Zugang zu Bewegung, Tradition und Kultur.

Auf diese Gedanken baut Bettina Plattner Gerber in der Philosophie der Ferienwohnungsmarke «Alpinelodging», die sie gemeinsam mit ihrem Ehepartner in den letzten zehn Jahren aufgebaut hat. Die Marke setzt auf Innovation und ist permanent bestrebt, das Angebot den sich verändernden Bedürfnissen von Kunden und der Gesellschaft anzupassen. «Unsere Vision ist ein Engadin, das die Saisonalität dank Digitalisierung und der Entwicklung zum ‹Third Place› vollständig überwindet und so während zwölf Monaten im Jahr attraktiv ist für etliche Zielgruppen.» Mit dieser Vision bringt sie die hauptsächlichen Herausforderungen für den gesamten alpinen Schweizer Tourismus genau auf den Punkt. Corona könnte eine Initialzündung dafür sein.

Über Bettina Plattner-Gerber

Bettina Plattner-Gerber (55) lebt als Hotelière, Unternehmerin und Autorin seit 24 Jahren im Engadin. Nach der Hotelfachschule Lausanne, Lehrjahren in der Schweiz und den USA sowie Führungsaufgaben in den Hotels Saratz Pontresina und Castell Zuoz lancierte sie 2012 mit der Plattner & Plattner AG mit «Alpinelodging» ein neues Konzept für Ferienwohnungen – alles im Duo mit ihrem Mann Richard. Das nächste grosse Projekt ist das Hotel Post in Pontresina. Weiter präsidiert sie den VR des Hotels Krone La Punt, war als Verwaltungsrätin der Engadin St. Moritz Tourismus AG im Einsatz und ist Initiantin und Mitautorin der Bücher «Wenn Paare Unternehmen führen – Ein Handbuch» und «Engadin St. Moritz – Ein Tal schreibt Geschichten». Sie engagiert sich in verschiedenen Gremien, ist politisch tätig sowie Initiantin und Gründungspräsidentin des Business & Professional Women Club Engadin.

«Der Denkprozess ist eingeleitet.»

Posted by Brigitte Selden

Pirjo Kiefer
Head of Interior Design Services bei Vitra.

Wir haben mit Pirjo Kiefer darüber gesprochen, wie das Büro von morgen aussehen wird.

Interview: Brigitte Selden | Fotos: Vitra

Wird sich nach der durch das Coronavirus ausgelösten Pandemie die Art und Weise verändern, wie wir arbeiten? Und was bedeutet dies konkret?

Die aktuelle Situation hat uns alle ganz schnell gelehrt, digitale Tools einzusetzen, um die notwendige soziale Distanz nicht nur in unserem Arbeitsleben zu überwinden. Plötzlich ist Homeoffice für viele Unternehmen und ihre Mitarbeiter eine geschätzte weitere Möglichkeit geworden. Auch für Unternehmen, die dem gegenüber zuvor sehr skeptisch waren. Diese Erfahrung sensibilisiert viele Geschäftsführer hinsichtlich der Bedeutung des Raums für ihren Unternehmenserfolg. Welche Arbeiten können in der Abgeschiedenheit des Homeoffice getätigt werden? Welche Art von Kollaboration funktioniert digital, und wann muss ich mich physisch treffen, um effizient und gewinnbringend arbeiten zu können? Was bedeutet Homeoffice für die angemieteten oder eigenen Büroflächen? Welche Auswirkungen hat es auf die Unternehmenskultur? Der Denkprozess ist eingeleitet, und jede Firma wird die Parameter neu für sich bestimmen. Sicher ist, dass Homeoffice als weitere Möglichkeit akzeptiert wird, und der Firmensitz, das physische Büro, eine neue Bedeutung bekommt: Das Büro als übergeordnete Heimat, soziale Plattform und Identifikationspunkt.

Inwiefern werden sich neue Vorsichtsmassnahmen für den Gesundheitsschutz auf die Gestaltung der Arbeitsräume auswirken?

Da vor allem die Einhaltung einer gewissen Distanz notwendig ist, sind Open Space Konzepte wie etwa unser Citizen Office auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein, ideal. Sie bieten durch ihre Grosszügigkeit, Flexibilität und Angebotsvielfalt Ausweichmöglichkeiten an, die eine Zellenstruktur niemals einräumen kann. Grossraumbüros lassen sich mittels mobiler Trennwände, wie beispielsweise mit unserem Produkt «Dancing Wall», oder flexibler Mikroarchitektur, wie den «Workbays», wunderbar auf die Bedürfnisse des Nutzers anpassen und strukturieren. Distanzen können eingehalten und Risikopersonen geschützt werden. Wenn jedoch ein Grossraumbüro rein auf Flächeneffizienz ausgerichtet ist, wird es schwierig. Dann muss der Belegungsgrad reduziert werden, was sich meist durch eine gewisse Homeoffice-Rate erreichen lässt. Eine entsprechende Oberflächenauswahl und angepasste Reinigungszyklen unterstützen den erhöhten Hygieneanspruch. Zusätzlich können Screens an Arbeitsplätzen oder Sitzelementen eingesetzt werden, die für die notwendige Distanz der Nutzer sorgen. Aktuell empfehlen wir noch Markierungen, beispielsweise auf dem Boden vor der Kaffeemaschine, oder auf Besprechungstischen, um dezent auf den gebotenen Abstand hinzuweisen.

Sie gehen bei Vitra davon aus, dass sich eine neue Work-Life-Balance entwickeln wird. Welche Auswirkungen hat dieser Trend auf das Büro und auf das zu Hause?

Für das Homeoffice braucht es eine entsprechende Ausstattung und Umgebung, um nicht von Privatem abgelenkt oder gestört zu werden. Dazu gehört zum Beispiel ein ergonomischer Bürostuhl, der aber so ansprechend aussieht, dass er auch an den Küchentisch gestellt werden kann. Gleichzeitig bedeutet das Arbeiten von zu Hause eine geringere Besetzungsdichte im Büro und ermöglicht, dass der erforderliche räumliche Abstand zwischen den Anwesenden eingehalten wird, aber auch, dass das Büro eine neue Bedeutung bekommt. Es muss so attraktiv sein, dass der Mitarbeiter gern kommt und es zu einer sozialen Plattform für das Unternehmen wird. Die flexiblere Gestaltung der Arbeitswoche wirkt sich durch weniger Pendeln zudem sehr positiv auf unseren ökologischen Fussabdruck aus. Und sie wird auch den Zugang zu einem globalen Pool an hochqualifizierten Arbeitskräften erleichtern. Andererseits spüren wir alle im Homeoffice eine gewisse Entfremdung. Als ich nach elf Wochen Abwesenheit wieder auf unseren Campus in Weil am Rhein konnte, war das wie ein Aufladen meiner Vitra-Batterie, ein Heimatgefühl kam auf.

Sollte das Thema «soziale Distanzierung» auch weiterhin aktuell bleiben, welche Konsequenzen wird dies etwa auf die Organisation von Meetings und die Raumplanung der Arbeitsplätze haben?

Die Leitplanken für physische Besprechungen müssen neu definiert werden. Es gibt eine Menge Leute, die zurück ins Büro wollen. Wie kommt das? Schon vor der Krise wussten wir, dass 80 Prozent der Ideen, die wirklich innovativ sind, aus der direkten, persönlichen Kommunikation kommen. Das ist auch eines der Ergebnisse einer Studie, die vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) durchgeführt wurde. Für die gegenwärtige Situation bedeutet dies, dass die digitalen Technologien zur Effizienzsteigerung beigetragen haben, indem sie es den Menschen ermöglichen, Projekte zu verwalten und umzusetzen, unabhängig davon, wo sie arbeiten. Aber wenn es um kritische Analyse, Kreativität und Innovation geht, gibt es keinen Ersatz für direkte Kommunikation. Deshalb werden die Büros in Zukunft so gestaltet sein, dass diesen kollaborativen Prozessen Priorität eingeräumt wird. Aber jedes Unternehmen wird seine eigene Vorstellung davon haben, um welche Prozesse es sich genau handelt und wo die Grenze zwischen den Situationen, in denen die Mitarbeiter zu Hause effektiver arbeiten können, und den Zeiten, zu denen sie ins Büro kommen sollten, gezogen werden muss. Hier gibt es kein richtig oder falsch – es ist ein Spektrum. Es wird für jede Firma, jede Person und jedes Team anders sein, mit unterschiedlichen Auffassungen darüber, welche Regeln und Verfahren eingeführt werden, um zu bestimmen, wann es für die Menschen besser ist, zu Hause zu arbeiten und wann nicht.

Inwiefern werden vor diesem Hintergrund neue Richtlinien für die gemeinsame Nutzung von Räumen entstehen?

Regeln, Richtlinien und Empfehlungen werden bereits von einzelnen Regierungen eingeführt – zum Beispiel von dem Deutschen Bundesministerium für Arbeit und Soziales oder vom Schweizer Bundesamt für Gesundheit – die den Flächenbedarf pro Person und den Mindestabstand zwischen Mitarbeitenden festlegen. Was davon bleibt, werden wir sehen und entsprechend umsetzen müssen. Zusätzlich erleben wir, wie einige unserer Kunden auf Basis dieser Vorgaben ihre eigenen Regulationen definieren. Dazu gehören, wie oben erwähnt, Regelungen für Homeoffice, aber auch für gestaffelte Arbeitszeiten, um die Belegungsdichte der Büroflächen zu entspannen. Hier unterstützen wir beratend, denn bei diesen Überlegungen verknüpfen sich Arbeitsprozesse und Workflow-Notwendigkeiten, Unternehmenswerte und -visionen mit der Komponente Raum.

Was haben wir aus Ihrer Sicht von Covid-19 konkret gelernt?

Das kann ich nicht für jede Leserin beantworten, doch ich, und das beobachte ich auch in meinem direkten Umfeld, habe gelernt noch flexibler zu sein und freier zu denken. Wir haben uns alle sehr schnell neue digitale Tools angeeignet und unsere Arbeitsweise daran angepasst. Wir mussten alle lernen, dass Selbstverständlichkeiten, wie unter anderem das Reisen, eben nicht selbstverständlich sind. Und wir haben gelernt, was unsere urmenschlichen Bedürfnisse sind. Wir brauchen die soziale Interaktion und physische Begegnungen.

Der Weg zurück ins Büro
In der E-Paper Reihe «Back To The Office» stellt Vitra ihre Erkenntnisse aus der Rückkehr ins Büro und dem Übergang zu einer neuen Normalität vor:
https://www.vitra.com/de-de/back-to-the-office

 


Über Pirjo Kiefer
Seit über 20 Jahren sammelt Pirjo Kiefer Erfahrungen im Bereich Büroplanung im In- und Ausland. Dabei begleitet sie mittelständische Firmen bis hin zu grossen Konzernen bei der Findung der jeweils passenden Arbeitsplatzumgebung. Die studierte Innenarchitektin arbeitet seit 2006 bei Vitra im Bereich Interior Design Services, dessen Leitung sie 2015 übernahm. Besonders die Digitalisierung und Globalisierung fordern neue Denkansätze im Bereich Büroplanung und geben dem gebauten Raum eine neue Relevanz. Immer mehr Firmen entdecken die Kraft einer gut gestalteten Büroumgebung, die deren Arbeitsabläufe, Arbeitsweisen und Kultur unterstützen und bestärken. Das tiefe Eintauchen in die Strategie und Struktur eines Unternehmens, das Aufspüren der Kultur und deren Umsetzung in ein massgeschneidertes Büro fasziniert Pirjo Kiefer noch immer.

vitra.com

Frage an die Community

Posted by Brigitte Selden

Prof. Dr. Isabelle Wildhaber
Direktorin Lehrstuhl für Privat- und Wirtschaftsrecht, Universität St. Gallen

«Es gibt keine eine beste Lösung! Das richtige Verhältnis zwischen Homeoffice und Büro ist abhängig von zahlreichsten Faktoren, z.B. Industrie, Führungsaufgaben, Arbeitserfahrung der Mitarbeitenden, Art der Arbeit und letztlich auch den Verhältnissen in der eigenen Wohnung.»


 

Vanessa Foser
VRP C-Level Media AG sowie Co-Founder, CCO & Verwaltungsrat der AI Business School AG

«Klar ist, dass Covid-19 ganz klar als Beschleuniger für die Digitalisierung fungiert hat. Ich denke, die gestellte Frage beinhaltet verschiedene Aspekte. Einerseits muss zuerst die Frage beantwortet werden, wie schnell man als Arbeitgeber auf Homeoffice umschalten kann und wie effizient von zu Hause gearbeitet werden kann – dabei denke ich an IT-Ausstattung, wie z.B. Laptops, Bildschirme, die auch zu Hause genutzt werden können, Tastatur etc. Falls jemand ständig im Homeoffice arbeitet, wäre sicherlich auch die Frage wichtig, wie sitze ich: habe ich einen passenden Bürostuhl, einen auf meine Sitzhöhe angepassten Schreibtisch etc. Andererseits geht es dann um den richtigen Mix aus physischer und virtueller (Zusammen-)Arbeit. Auch da denke ich, gibt es verschiedene Aspekte, die zur Beantwortung betrachtet werden müssen: die Art der Tätigkeit (arbeite ich viel in Teams oder für mich alleine), der Bedarf und die Möglichkeit virtuell zu führen (wie vermittele ich nach wie vor die richtigen Werte und Kultur, wenn ich es nur virtuell tue), Tools für virtuelles Arbeiten und natürlich auch entsprechende und klare Zielvorgaben. Persönlich erwarte ich einen Mix von ca. 60:40 oder 70:30, je nach Branche und Aufgabenbereich. Fazit ist aber auf jeden Fall, virtuelle Zusammenarbeit wird viel wichtiger werden, und wir müssen uns um die Beantwortung der Frage kümmern, wie erhalten die Mitarbeitenden und Führungskräfte die richtigen Skills dazu.»


 

WOMEN IN BUSINESS LIVE mit Meike Bambach

Posted by Peter Schneider

Am 11. August 2020 gewährte uns die prämierte Hoteldirektorin Meike Bambach Einblicke in das ungewöhnliche Konzept des Hotels «Paradies» in Ftan und ihren persönlichen Weg, mit WOMEN IN BUSINESS LIVE.

Hier können Sie sich die ganze Aufzeichnung anschauen.

Viel Vergnügen!

 

Lesen Sie auch das Interview mit Meike Bambach «Hier zu sein, tut einfach gut.».

Weitere Informationen über Meike Bambach und das Hotel «Paradies» finden Sie auf der Webseite paradieshotel.ch

Hotel Paradies
7551 Ftan/Engadin
Schweiz

TOUR DES ROIS

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Eine Entdeckungsreise der besonderen Art

Das Les Trois Rois Team führt Sie auf ganz individuelle Art und Weise durch Basel: Mit der neuen Reihe TOUR DES ROIS werden Ihnen die Lieblingsplätze, die kulturellen Highlights und Geheimtipps der Mitarbeitenden verraten. Lassen Sie sich von den vielseitigen Facetten der Stadt und des Dreiländerecks begeistern und entdecken Sie Neues.

Starten Sie mit einem kräftigen Espresso in einem mittelalterlichen Innenhof. Bestaunen Sie auf verschlungenen Pfaden Graffitis und Kunstinstallationen oder Meisterwerke moderner Architektur.

Zum Ausklang geniessen Sie ein Dinner inmitten von Kunst und erleben Gaumenfreuden in entspannter Atmosphäre in der neugestaltenen Brasserie Les Trois Rois.

In der ersten Ausgabe tauchen Sie ein in Architektur, Design sowie bildende Kunst und finden inspirierende Design & Lifestyle-Tipps von Caroline Jenny, Head of Marketing Communications.

Tour des Rois Design & Lifestyle hier herunterladen!

Porsche Rendez-vous 29. Juli 2020, Zürich

Posted by WOMEN IN BUSINESS

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Lust auf ein unvergessliches Rendez-vous am 29.07.2020?

Der Sommer ist die beste Zeit sich zu verlieben – zum Beispiel in aufregende Porsche Modelle. Deshalb bieten wir Ihnen jetzt die einmalige Möglichkeit, Ihr Traummodell persönlich kennenzulernen. Spätestens nach der ersten Fahrsektion wird es knistern – versprochen!

Ob 911 Carrera Cabriolet, 718 Boxster GTS, Cayenne Coupé, Macan Turbo, Panamera E-Hybrid oder unser vollelektrischer Taycan Turbo: sie alle werden Ihren Puls in ungeahnte Höhen treiben – durch puren Fahrspass.

Welches Modell ist Ihr Favorit? Finden Sie es heraus! Bei Ihrem ganz persönlichen Rendez-vous im TCS Fahrzentrum Betzholz erleben Sie – unter Anleitung der Porsche Instruktoren – die einzigartige Kombination aus einem spannenden Fahrdynamiktraining und einer geführten Roadtour. In jeder Fahrsektion haben Sie die Gelegenheit zum Fahrzeugwechsel. So erleben Sie die ganze Vielfalt der Porsche Modelle.

Dürfen wir Ihr ganz persönliches Rendez-vous für Sie arrangieren? Dann melden Sie sich umgehend bei uns an und registrieren Sie sich für einen von zehn Plätzen beim Porsche Rendez-vous am 29.07.2020 im TCS Fahrzentrum Betzholz. Es gibt 5 Plätze von 12.00 – 14.30 und 5 Plätze von 15.30 – 18 Uhr.

Haben wir Ihr Interessen geweckt?

«Hier zu sein, tut einfach gut.»

Posted by Brigitte Selden

Meike-Cathérine Bambach
Prämierte Hoteldirektorin, Naturliebhaberin und Globetrotterin

Wir haben uns mit Meike-Cathérine Bambach über ihr Hotel «Paradies» in Ftan und nachhaltigen Tourismus unterhalten – und auch darüber, wie ihr aussergewöhnliches Club-Konzept den Nerv in der Corona-Zeit trifft.

Interview: Brigitte Selden | Fotos: Hotel Paradies, Ftan

Können Sie unserer WOMEN IN BUSINESS COMMUNITY etwas über Ihre beruflichen Stationen erzählen?

Schon als kleines Mädchen habe ich die Lust am Reisen entdeckt. Mein Vater war Journalist und Kommunikationsberater. Durch seinen Beruf waren wir als Kinder mit der Familie viel unterwegs und sehr mobil. Geprägt durch meine Kindheit habe ich nach dem Abitur eine klassische Hotelfachlehre gemacht. Das war für mich die ideale Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten. Nach der Ausbildung habe ich weltweit in verschiedenen Hotels unter anderem in den USA, Hongkong und Australien gearbeitet. Nach meiner Rückkehr nach Europa konnte ich dann mit 28 Jahren die Leitung von Schloss Elmau übernehmen. Als meine beiden Kinder auf die Welt gekommen sind, habe ich erst einmal vier Jahre pausiert und unter anderem als Journalistin für Magazine über Hotels geschrieben. Anschliessend war ich Vizedirektorin im Hotel «Louis C. Jacob», das dem Hamburger Unternehmer Horst Rahe gehört.

Wie kamen Sie in die Schweiz und zu Ihrer Position im «Paradies»?

2008, nachdem ich schon eine gewisse Zeit im «Louis C. Jacob» gearbeitet hatte, wollte ich mich nochmals beruflich verändern. Als Globetrotterin zog mich meine Reiselust weiter. Horst Rahe erfuhr von meinen Plänen, kam auf mich zu und bot mir die Leitung des «Paradies» an. Da er meinen Hang zum Nomadentum kannte, sagte er damals zu mir: «Machen Sie das doch einfach zwei Jahre, bringen das Haus in Schuss und bauen in der Zeit einen guten Nachfolger auf. Danach können Sie ja wieder weiterziehen.» Aus den zwei Jahren sind mittlerweile zwölf geworden. Und ich bin immer noch glücklich hier, genauso wie meine Kinder.

Wodurch zeichnet sich das «Paradies» aus?

Durch seine einzigartige Alleinlage am Rand eines typischen Bündner Bergdorfes, die private Atmosphäre des Hauses – einem ehemaligen Künstlerdomizil – und dass es eines der kleinsten Fünf-Sterne-Hotels ist. Es bietet im Rahmen eines privaten Member Clubs einen professionellen Servicestandard, der ganz individuell auf die Bedürfnisse der Gäste abgestimmt ist.

Und mit welchem Angebot hebt sich Ihr Haus von anderen Hotels ab?

Unser Ziel war, mit dem «Paradies» einen besonderen Rückzugsort im Unterengadin zu etablieren, als Hideaway für Geniesser, fernab der üblichen Touristenströme. Abgeleitet aus den Bedürfnissen unserer Gäste, haben wir mit dem Club Privé «Il Paradies» ein völlig neues touristisches Konzept entwickelt, mit dem wir 2017 gestartet sind. Unser Konzept ist dabei nicht vergleichbar mit den typischen Hotel-Clubs oder, auf gehobenerem Niveau, mit einem Robinson-Club. Die Idee dahinter ist vielmehr ein Memberclub, wie man ihn aus dem angelsächsischen Raum her kennt. Wir sind das erste 5-Sterne-Haus im deutschsprachigen Europa, das seine Dienstleistung innerhalb eines «All Inclusive Pakets» anbietet. Das ermöglicht ein Urlaubsangebot, welches ganz individuell auf die Bedürfnisse des einzelnen Gastes abgestimmt ist, und bietet ein hohes Mass an Komfort für den Gast, der sich um nichts kümmern muss. Unsere Mitgliederzahl ist auf 400 Mitgliedschaften beschränkt. Angesprochen werden mit unserem Konzept Menschen, die in den Ferien ein Zweites Zuhause mit persönlicher Atmosphäre suchen – unkompliziert geniessen möchten, ohne die Verpflichtung einer Ferienwohnung. Weil der Club-Gedanke den Leuten aber noch nicht sehr vertraut ist, gibt es zurzeit immer noch grossen Erklärungsbedarf. Wir müssen die Leute ermutigen, es auszuprobieren und zu erleben. Aber wer einmal hier war, der ist begeistert.

Nach den langen Wochen des Lockdowns stellt der Tourismus in der Schweiz vor grossen Herausforderungen. Welche Auswirkungen hatte diese Zeit für Ihr Hotel?

Wir haben durch die Krise natürlich, wie alle Hotels im Engadin, gelitten. Unsere Gäste aus dem nahen Ausland durften ja nicht reisen und zu uns kommen. Zudem stelle ich fest, dass die Menschen aufgrund der Situation und dem was passiert ist, auch jetzt noch sehr vorsichtig und verunsichert sind. Ein Trend zu mehr Anfragen ist aber klar erkennbar.

Haben Sie aufgrund der Coronakrise neue Strategien entwickelt und Ihr Konzept angepasst?

Nein, im Gegenteil. Gewisse Umstände haben uns allerdings auch schon vor der Krise in die Karten gespielt. Insofern greift unser Memberclub-Konzept sehr gut. Denn unabhängig von Corona gab es generell schon seit längerem eine durch den Overtourism ausgelöste Entwicklung. Die Menschen suchen verstärkt Orte, wo der Faktor der Isolation ein Gewinn ist. Sie schätzen es plötzlich sehr, allein zu sein. Wir haben deshalb auch für unser Hotel einen Slogan entwickelt, der lautet: «The privilege of splendid isolation». Ein Begriff, der eigentlich negativ geprägt ist. Aber so für sich sein zu können, ist jetzt plötzlich grosses Privileg. Das ist etwas, wonach die Menschen heute suchen. Sie wollen keine Menschenmassen mehr um sich, wie auf der Spanischen Treppe in Rom oder dem Markusplatz in Venedig. Orte wie diese kann man heutzutage während der Ferienzeit eigentlich gar nicht mehr erleben. Dieses Phänomen war absehbar.

Dann treffen Sie mit Ihrem Club-Konzept sozusagen den Nerv der Zeit?

Ja, das ist so. Ich stelle fest, dass unsere Gäste das Thema Luxus mittlerweile für sich ganz neu definieren, nämlich über Entspannung, Wohlergehen und Gemütspflege. Was den Frieden angeht, die Gemütlichkeit, das saubere Wasser, die klare Luft und die unberührte Natur, ist ein Ort wie das «Paradies» heute einfach unbezahlbar. Hier zu sein, tut einfach gut. Dieses Bedürfnis wurde durch die Coronakrise sicher noch zusätzlich beschleunigt und intensiviert. In den Auszeiten, die sich unsere Gäste im «Paradies» nehmen, müssen sie sich keine Gedanken über irgendeine Planung machen. Als Clubmitglieder können sie einfach, ohne aufwendig packen zu müssen, spontan losfahren, um dann kurze Zeit später auf der Wiese zu sitzen, die Füsse im Bach zu halten und einfach Natur und Frieden zu geniessen. Gepäck, Bergschuhe, Skier oder anderes Material kann man bei uns deponieren. Auch der Wäscheservice ist ebenso inklusive wie die Konsumation, Chauffeur-Service und sämtliche Aktivitäten, wie Sport, Golfen oder Kulturanlässe. Unsere Gäste kommen an und müssen sich um nichts kümmern. Das bietet einen unheimlichen Erholungswert.
Mit unserem Club-Konzept treffen wir aber auch noch einen ganz anderen Nerv in der Corona-Zeit, nämlich das Tracking. Bei uns im «Paradies» gibt es keine grossen Reisegruppen und Menschenmassen von ausserhalb. Durch unsere festen Mitglieder wissen wir immer, wer hier war. Wenn etwas passieren würde, könnten wir ganz genau zurückverfolgen, wer mit wem Kontakt hatte und zusammen war. Das gibt unseren Gästen eine zusätzliche Sicherheit, die für das Wohlbefinden ebenso wichtig ist.

Nachhaltiger Tourismus ist in der Schweiz zunehmend gefragt. Welche Bedeutung hat dieser Aspekt für Sie?

Nachhaltigkeit ist ein zentraler Aspekt. So ist unser Konzept beispielsweise eine nachhaltige Alternative zu Ferienwohnungen. Im Engadin stehen, wie in anderen Bergregionen, viele Ferienwohnungen die meiste Zeit des Jahres leer. Das ist nicht nur bei den Einwohnern zunehmend unbeliebt, sondern auch ein grosses Problem. Denn die ganze Infrastruktur muss für diese leerstehenden Wohnungen aufrechterhalten werden. Daneben gibt es im Hotelbetrieb aber auch noch viele andere Dinge, mit denen man die regionale Nachhaltigkeit unterstützen kann. Zum Beispiel werden die Wiesen hinter dem Haus seit 40 Jahren nicht mehr gedüngt. Dadurch können wir unseren Salat direkt von der Wiese ernten. Auch das Mineralwasser in Flaschen haben wir abgeschafft und bieten nur noch Hahnenwasser an, weil das Wasser hier so gut ist. Nachhaltig bedeutet für mich auch, mengenmässig so zu kochen, dass man kein Essen wegwirft. Unsere Menükarte haben wir deshalb angepasst und bieten alles in verschiedenen Portionsgrössen an. Damit der Gast wählen kann, wieviel er essen möchte. Dass fast alle unsere Lebensmittel aus der Region stammen, ist für uns selbstredend. Damit ist nicht nur alles frisch, meistens Bio, sondern es entfallen auch lange Lieferwege. Und auch die Schafsfelle für die Terrasse stammen von einheimischen Schafen und nicht aus Neuseeland. Das ist zwar etwas teurer und ist pflegeintensiver, aber wenn man im Engadin lebt – und in Ftan gibt es mehr Schafe als Einwohner – dann ist es für mich einfach undenkbar, neuseeländische Schafsfelle einzusetzen. Dies sind alles viele kleine Dinge, die für mich gelebte Nachhaltigkeit sind.


Über Meike-Cathérine Bambach
Ihre Karriere startete die gebürtige Norddeutsche mit einer Hotelfachlehre im «Brenner’s Park Hotel» in Baden-Baden. Nach der Ausbildung an der Cornell University in New York folgten Stationen in Hongkong, Australien und den USA. Als Vizedirektorin im Hamburger Hotel «Louis C. Jacob» lernte sie schliesslich Horst Rahe kennen, den Unternehmer und Besitzer, der ihr später die Leitung des kleinen, feinen Hideaways «Paradies» in Ftan im Unterengadin übertrug. Mit dem innovativen Memberclub-Konzept «Il Paradies» startete Meike-Cathérine Bambach ein Novum in der Schweizer Hotellerie, für das sie 2019 vom BILANZ-Hotelranking zur «Hotèliere des Jahres» gekürt wurde.
paradieshotel.ch

Frage an die Community

Posted by Brigitte Selden

Annette Kreczy
Leiterin Kuoni Vertrieb

«Kundinnen und Kunden haben lange genug auf Ferien verzichten müssen. Bald herrscht fast in ganz Europa wieder Reisefreiheit. Aber: Kaum mehr Restriktionen im Inland und unsere ausgebaute Produktepalette sorgen für eine ungewohnt hohe Nachfrage nach Sommerferien in der Schweiz.»


 

Tanja Wegmann
General Manager, Grand Hotel Les Trois Rois, Basel

«Meine Hotelier-Kollegen in den Bergregionen und im Tessin bestätigen eine grosse Nachfrage der Schweizer Gäste. Wir in den Städten haben es ein wenig schwieriger. Aber unser Angebot im Grand Hotel Les Trois Rois ist attraktiv und Basel hat viel zu bieten. Unsere „neue“ TOUR DES ROIS, kreiert von unseren Mitarbeitern, lässt Basel neu entdecken und inspiriert mit Geheimtipps, ganz nach unserem Claim „Rich in History, Young at Hearth. Ein Must Do»


 

Deborah Gröble
Geschäftsführerin, Tourismus Silvaplana

«In Silvaplana sind wir sehr gut in die Sommersaison gestartet. Hotel- und Restaurantbetriebe, die bereits im Mai geöffnet haben, ziehen eine positive Bilanz und auch die Aussichten auf die Sommerferien sind vielversprechend. Bis Mitte August verzeichnen wir einen überdurchschnittlich hohen Buchungsstand. Unsere beiden Aktionen „Din Mehrwert 50% Extra“ (Gäste erhalten beim Kauf eines Gutscheins 50% des Wertes dazu geschenkt) und „Wind- und Kitesurfkurse für 200 Kinder“ (200 Kinder können einen Wind-/Kitesurfkurs gewinnen) sind auf sehr grosses Interesse gestossen.»


 

Katrin Rüfenacht
Generalmanager, 7132 HOTEL

«Wir stecken mitten in den Vorbereitungen für die Wiedereröffnung unserer 7132 Hotels am 19. Juni und dürfen zahlreiche Reservationen von Schweizer Gästen entgegennehmen. Es zeichnet sich ab, dass Schweizer vermehrt Urlaub in Bergregionen machen, und Vals diesen Sommer sehr gefragt ist.»

WOMEN IN BUSINESS LIVE mit Claudia Silberschmidt

Posted by Peter Schneider

Am 3. Juni 2020 gewährten wir Einblicke in die Arbeit von Claudia Silberschmidt und aktuelle Wohntrends mit WOMEN IN BUSINESS LIVE. Wir liessen uns bei einer digitalen Rundumschau im Atelier der Innenarchitektin inspirieren.

Hier können Sie sich die ganze Aufzeichnung anschauen.

Viel Vergnügen!

 

Lesen Sie auch das Interview mit Claudia Silberschmidt «Der Trend zur Natur wird sich intensivieren».

Weitere Informationen über Claudia Silberschmidt und atelier zürich finden Sie auf der Webseite atelierzuerich.ch

atelier zürich gmbh
fröhlichstrasse 54
ch-8008 zürich

Claudia Wellendorff

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Zusammen mit ihrem Mann, ihrem Schwager und ihren Schwiegereltern führt Claudia Wellendorff die Manufaktur Wellendorff, die seit 127 Jahren für höchste Goldschmiedekunst steht. Im Interview spricht sie über das Erfolgsrezept, Familiensinn und Nachhaltigkeit.

Frau Wellendorff, Ihr Familienunternehmen wurde vor 127 Jahren gegründet. Was bedeutet Tradition im Hause Wellendorff und was zeichnet Ihren Schmuck aus?

Das Credo unseres Firmengründers Ernst Alexander Wellendorff 1893 war: «Nimm von allem nur das Beste,
Gold und Diamanten, die besten Goldschmiede, die besten Werkzeuge, und du erschaffst den besten Schmuck für die feinsten Schmuckliebhaber der Welt.» Diese Werte bestimmen noch heute unsere Philosophie und sind Richtschnur für all unsere Handlungen. Und darauf vertrauen unsere Schmuckliebhaber. Basierend auf diesem reichen Erfahrungsschatz in der Goldschmiedekunst haben wir uns auf zwei Schmuckstücke konzentriert, die mittlerweile zu Ikonen geworden sind: die Wellendorff-Kordel aus 18k Gold wird unter Schmuck-Connaisseurs als das weichste Collier der Welt bezeichnet. Der drehbare Wünsch-Dir-Was-Ring aus 18k Gold ist durch seine samtweiche Drehbarkeit, die besondere Brillantfassung und die alltagstaugliche Kaltemaille ein begehrtes Sammler- und Liebhaberschmuck-stück geworden.

Ihre Schmuckmanufaktur wird mittlerweile in der vierten Generation geführt und ist bis heute eine reine Familienangelegenheit geblieben. Wie geht das gut?

Wir haben in der Familie zwei Grundgedanken, die Basis unserer Diskussionen und Familienrunden sind: Die Familie ist die Spielwiese des Lebens, und Familiensinn geht vor Eigensinn. Wenn wir uns daran halten, sind wir unschlagbar.

Geduld, Ruhe und Beständigkeit sind wichtige Tugenden im Goldschmiedehandwerk. Doch blosses Beharren und Stolz genügen nicht, um ein Unternehmen heute erfolgreich in die Zukunft zu führen. Welches Erfolgsrezept haben Sie, um sich international gegen Schmuckriesen wie Cartier und Bulgari zu behaupten?

Als Familienunternehmen führen wir auch unsere Firma familiär und persönlich. Dabei stehen unsere Schmuckliebhaber stets im Mittelpunkt unseres Tuns. Ihre Meinung und Wünsche sind Massstab und Orientierung für uns. Ich glaube, dass der Konsument ganz schnell spürt, ob etwas authentisch gelebt wird und aus dem Inneren kommt oder ob es Teil einer Marketingstrategie ist. Unsere Mission ist es, dass wir Menschen inspirieren, Liebe, Dankbarkeit und Erfolg für ein Leben festzuhalten. Grundvoraussetzung für ebendiese lebenslange Freude am Schmuck ist Perfektion. Und da sind wir an einem weiteren wichtigen Punkt: Unsere internationalen Juwelierpartner sagen uns, dass wir mit unseren raffinierten Entwicklungen ein Niveau in der Goldschmiedekunst erreicht haben, welches technisch wie handwerklich weltweit seinesgleichen sucht. Als Beispiel nenne ich einmal die Entwicklung einer Faltschliesse für ein Armband, das mittlerweile patentiert wurde und lebenslangen Tragekomfort garantiert. Mit einem schwebenden Brillanten, gefasst in ein Amulett, haben wir den Traum jedes Goldschmieds wahr gemacht. Unsere neueste Entwicklung, für die wir gerade ein Patent erhalten haben, kommt auch in diesem Jahr auf den Markt: der erste drehbare Solitärring der Welt, eigentlich etwas scheinbar Unmögliches. Die Kombination aus etwas, das sich nicht drehen soll, dem lupenreinen Solitär, und etwas Drehbarem, dem Wellendorff-Ring. Es sind also Innovationen wie diese, die immer wieder unseren Spitzenplatz in der Goldschmiedetechnik bestätigen und uns abheben von anderen Schmuckherstellern.

Die Arbeitsbedingungen in vielen Goldminen sind heute ein nicht ganz unwesentlicher Aspekt. Wie setzen Sie auf eine nachhaltige Produktion?

Wir sind froh über die derzeit aufkommende Diskussion über Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit bedeutet für uns, Verantwortung zu übernehmen. Ein Prinzip, das in unserem Familien- unternehmen in vielerlei Dimensionen fest verankert ist. Angefangen von den Schmuckstücken, die alle ausschliesslich bei uns in der Manufaktur in Pforzheim hergestellt werden und für die wir eine lebenslange Garantie auf Material- und Fabrikationsfehler geben. Das bezieht sich auch auf die Herstellung der Schmuckstücke unter definierten Standards und die ausgewählten Materialien. Wir verwenden ausschliesslich recyceltes Gold aus Pforzheimer Scheideanstalten, die den Zertifizierungsprozess des Responsible Jewellery Council (RJC) durchlaufen und sich verpflichtet haben, kein Konfliktgold aus zweifelhaften Quellen zu beziehen, zu verarbeiten oder zu verkaufen. Die verwendeten Brillanten unterliegen dem «Kimberley Process», der in jeder Handelsstufe die Einhaltung ethischer Regeln fordert, praktiziert und kontrolliert – vom Schürfen in der Ursprungsmine bis zum Schleifen und Polieren. Ich glaube, dass ein Familienunternehmen in der vierten Generation automatisch gelernt hat, dass Nachhaltigkeit ein wichtiger Schritt für ein langfristiges Vertrauensverhältnis zwischen Unternehmen, Mitarbeitern und Kunden ist. Es sind Grundlagen der «Wahren Werte» der Schmuckmanufak- tur, die als Schriftzug über dem Logo der Marke Wellendorff festgehalten sind. Die «Wahren Werte» stehen als DNA der Marke jedoch noch für vieles mehr.

Seit 2019 finanziert Wellendorff eine Stiftungsprofessur für Luxus an der Hochschule Pforzheim, die in Deutschland einzigartig ist und in dieser Form nur noch in Paris und Monaco existiert. Was hat Ihre Familie dazu bewegt und welche Intention steckt dahinter?

Wellendorff ist Initiator und Mitförderer bei der Gründung dieses Lehrstuhls. Auslöser war das Jubiläum 2017, welches die Stadt Pforzheim anlässlich des 250. Geburtstags der Uhren- und Schmuckindustrie gefeiert hat. Schon der Markgraf von Baden hat vor mehr als 250 Jahren die erste Berufsschule der Welt in Pforzheim gegründet und damit den Grundstock für die Uhren- und Schmuckbranche gelegt, indem er die Waisenkinder der Stadt von einem Uhrmacher aus der Schweiz und einen Goldschmied aus Paris unterrichten lies. Wir haben uns damals gefragt: Was würde dieser visionäre Markgraf von Baden heute tun? Pforzheim hat sich im Laufe der Zeit zum Luxuszentrum nördlich der Alpen entwickelt und sich damit auch international bekannt gemacht. Auch heute noch kommen rund 80 Prozent des aus Deutschland exportierten Schmucks aus Pforzheim. Das heisst, seit mehr als 250 Jahren beschäftigen sich die Pforzheimer mit Luxus. Um die führende Position und die Wettbewerbsfähigkeit dieser Industrie weiterhin zu erhalten und Fortschritte zu erzielen, ist die Professur und die damit verbundene wissenschaftliche Lehre, etwa wie man Luxusmarken auf einen erfolgreichen Weg bringt oder welche besonderen Anforderungen Luxus-Unternehmen haben, ein grossartiger Motor. Übrigens wurde der Professor nach einem langen Auswahlverfahren nun berufen, sodass der Start des Studiengangs kurz bevorsteht.

Eine letzte Frage: Welche Rolle spielen Sie bei den Schmuckinnovationen?

Oft als erste Testperson von neuen Kollektionen und Schmuckentwicklungen und manchmal als Einflüsterin meines Mannes, der für die Manufaktur zuständig ist, wenn es um die Optimierung des Tragekomforts bei unserem Schmuck geht.

«Mit der richtigen Einstellung entstehen neue Ideen und Erfolgskonzepte»

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Unter dem Motto «Adventure Days» reist WOMEN IN BUSINESS mit der «WOMEN’S TRAVEL» im September in das Hotel & Chalet Aurelio nach Lech. Wir haben mit Axel Pfefferkorn, dem Direktor des Hotels, gesprochen. Im Interview berichtet er darüber, was die Teilnehmerinnen von der Reise erwarten dürfen, wie Frauen in der Tourismusbranche erfolgreich sein können und was die Corona-Krise für sein Hotel und ihn persönlich bedeutet.

WOMEN IN BUSINESS: Herr Pfefferkorn, warum haben Sie sich für die Zusammenarbeit mit WOMEN IN BUSINESS entschieden?

Axel Pfefferkorn: Wir möchten einem der Leitgedanken von WOMEN IN BUSINESS Raum geben – «Lust auf Neues – auf Inspiration, neue Menschen, Themen und Ideen». Mit unserem Hotel und der schönen Umgebung stellen wir eine Plattform dar, einen Kraftplatz, für Wissensaustausch und neue Netzwerke für ambitionierte Frauen.

Was macht Ihr Hotel zur geeigneten Destination für den Besuch?

Im «Aurelio» sind wir bemüht, anders zu sein, auch mal gegen den Strom zu schwimmen. Vor allem möchten wir immer das persönlich Beste geben und authentisch sein. Ich glaube, dieses geteilte «Mindset» macht mehr aus als unsere Zimmer, unser Spa-Bereich, unser Restaurant und natürlich die faszinierende, mächtige, idyllische Lecher Landschaft.

Was können die Damen vom Aufenthalt in Ihrem Hotel erwarten?

Wir möchten den Teilnehmerinnen von WOMEN’S TRAVEL den Aurelio Spirit vermitteln – eine Kombination von Beschleunigung und Entschleunigung, von Anspannung und Entspannung, von Neuartigem und Beständigkeit – von bewussten gemeinsamen Aktivitäten, von Teambuilding und dem Aufbau von Netzwerken – und trotzdem genug Raum und Zeit für Individualität und die persönlichen Bedürfnisse.

Was die Eckpunkte von WOMEN’S TRAVEL betrifft: Lassen Sie sich überraschen! Es geht von schnellen Autos über erstklassige Kulinarik, körperlichem und mentalem Wellbeing bis hin zum erlebnisreichen Erlernen von neuen Fähigkeiten. An Highlights wird es nicht fehlen!

Welche Rolle spielen Frauen in führenden Positionen in Ihrem Hotel?

Im «Aurelio» freuen wir uns über Menschen in Führungspositionen, die Kreativität, Zielstrebigkeit und einen starken Willen besitzen. Menschen, die etwas bewegen wollen. Für mich ist es nicht wichtig, ob eine Führungsposition von einem Mann oder einer Frau besetzt ist. Unabhängig davon ist es auch in jeder Position das A und O, ambitioniert zu sein und sein ganz individuelles Mass an Verantwortung für die eigene Tätigkeit zu übernehmen.

Was empfehlen Sie Frauen, die eine höhere Karriere im Tourismusbereich anstreben?

Die persönliche Erfolgsgeschichte schreibt jeder selbst. Meiner Meinung nach ist es wichtig, einen klaren Blick in die Zukunft zu haben und sich nicht irritieren zu lassen, wenn auf dem Weg mal eine Kurve oder ein Stolperstein
auftauchen. Und wenn eine andere Abzweigung schöner wirkt, warum sollte man diese nicht wählen? Es ist nicht so wichtig, was man im Leben macht, sondern wie man es macht. Nur mit der richtigen Einstellung zu dem, was man macht, können neue Ideen und Erfolgskonzepte entstehen. Wenn man das WIE richtig gestaltet, kann das WAS sich viel einfacher zu etwas Grösserem entwickeln.

Wie fördern Sie Frauen?

Wie wir unsere Mitarbeiterinnen fördern, kann ich nicht verallgemeinern. Denn genau so individuell, wie jede unserer Mitarbeiterinnen ist, sollte auch die Art sein, in der sie gefördert wird. Wer engagiert ist und die Zukunft mitgestalten wird, sollte dabei auch unterstützt werden.

Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit besonderen Spass?

Vor allem die Abwechslung in allen Bereichen – kein Tag, kein Gast und keine Geschäftspartnerin gleicht dem oder der anderen. Mir gefällt der Austausch mit Menschen – mit meinen Mitarbeitenden, mit den Gästen, den Kollegen aus der Hotellerie und auch aus anderen Branchen. Diese Vielfältigkeit an Ansichten macht es gerade im Tourismus spannend und schafft Raum für Inspiration und neue, andersartige Ideen und aussergewöhnliche Konzepte.

Inwiefern nutzen Sie die Corona-Krise für Ihr Hotel?

Wir nutzen die Zeit der Entschleunigung vor allem dazu, alte Strategien, Bedürfnisse und Muster zu überdenken sowie dazu neue Ideen und Ansätze zu implementieren.

Inwiefern hat die Corona-Krise Sie persönlich beeinflusst?

Die Corona-Krise hat aufs Neue gezeigt, wie entscheidend die Kombination aus zukunftsorientiertem Arbeiten, einer schnellen Reaktion auf ein sich veränderndes Umfeld, Anpassungsfähigkeit und einem ausserordentlich starken Teamgeist in jeder Abteilung ist, wenn es darauf ankommt.

Über Axel Pfefferkorn: Axel Pfefferkorn, geboren am 2. März 1974, absolvierte seine Matura an der Höheren Lehranstalt für Tourismusberufe Villa Blanka in Innsbruck. Nach mehreren Auslandsaufenthalten arbeitete er bis 2007 im elterlichen Betrieb, Pfefferkorns Hotel in Lech am Arlberg. Im September 2008 übernahm er die Direktion vom Hotel & Chalet Aurelio. Das Fünf-Sterne-Superior-Haus gehört zu den exklusivsten Boutique Hotels der Welt und überzeugt seine Gäste mit zeitlosem, alpinem Stil und schlichter Eleganz.

Sind Sie dabei, bei dieser aussergewöhnlichen Reise! Hier anmelden.

«Der Trend zur Natur wird sich intensivieren»

Posted by Brigitte Selden

Claudia Silberschmidt
Innenarchitektin, Designerin und Powerfrau

Wir haben mit Claudia Silberschmidt über ihre Arbeit während des Lockdowns, Tipps für das Homeoffice und neue Einrichtungstrends gesprochen

Interview: Brigitte Selden | Fotos: Martin Guggisberg

Frau Silberschmidt, als Innenarchitektin verbringen Sie viel Zeit mit und beim Kunden. Wie sind Ihre Projekte in Zeiten von Corona weitergelaufen? Und wie sind Sie mit Ihren Kunden in Kontakt geblieben?

Es war eine spannende, aber auch herausfordernde Zeit für mich und mein Team. Wir mussten sofort die Meetings mit unseren Kunden umstellen und via Zoom kommunizieren. Das funktionierte sehr gut, solange es um Planung oder strukturelle Themen ging. Aber sobald wir über haptische Dinge, wie Materialien, Stoffe oder Stimmungen sprechen mussten, wurde es schwierig. Das Haptische lässt sich nicht einfach virtuell auf dem Screen vermitteln. Für diese Meetings haben wir uns in meinem Atelier mit maximal fünf Personen getroffen. So konnten wir der Bauherrschaft unsere Präsentationen zeigen und dabei trotzdem genügend Abstand halten. Der persönliche Kontakt mit meinen Kunden ist und bleibt das Wichtigste für mich. Dass ich meine Kunden spüren kann, macht unsere Projekte letztlich aus.

Hat sich während dieser Zeit auch die Zusammenarbeit mit Ihrem Team verändert?

Nach dem Lockdown mussten wir natürlich auch unsere Arbeitsweise umstellen, damit mein zehnköpfiges Team im Homeoffice arbeiten konnte. Vorher haben wir nur sehr vereinzelt von zuhause aus gearbeitet. Das war für uns eine neue, positive Erfahrung, aber auch nicht immer ganz einfach. Denn wenn wir zusammen im Atelier arbeiten, können wir schnell nebenbei Fragen klären oder etwas diskutieren. Das geht virtuell nicht ganz so unkompliziert. Aber das war für mich auch das Spannende an der neuen Situation, zusammen herauszufinden, was wie am besten funktioniert.

Wo arbeiten Sie denn am liebsten?

Tatsächlich ist es so, dass ich immer mit dem Laptop unterwegs bin und sehr ortsunabhängig arbeite. Den grössten Teil meiner Zeit verbringe ich mit meinen Kunden. Oder ich bin im Atelier, um mit meinem Team die laufenden Projekte weiterzuentwickeln, Materialien zu samplen und mit ihnen zu diskutieren und die weiteren Planungsschritte abzustecken. Auch die vielen Emails, die ich täglich erhalte, erledige ich meist irgendwo unterwegs. Deshalb habe ich auch kein eigentliches Homeoffice. Während der letzten Wochen hat aber auch unser Esstisch als Arbeitsort für die ganze Familie gedient. Diese Momente habe ich als sehr schön empfunden.

Zukunftsforscher gehen davon aus, dass wir auch nach der Corona-Krise vermehrt im Homeoffice arbeiten werden. Können Sie als Innenarchitektin unseren Leserinnen Empfehlungen geben, wie man mit der richtigen Einrichtung Zuhause ein gut aufeinander abgestimmtes Wohn- und Arbeitsumfeld schaffen kann?

Selbst in einer kleinen Wohnung kann man mit einer durchdachten räumlichen Aufteilung eine gute Balance zwischen Wohnen und Arbeiten schaffen. Wichtig ist, dass sich jeder seinen Platz beispielsweise im Ess- oder Wohnzimmer, in der Küche oder bestenfalls im Büro mit der richtigen Infrastruktur eingerichtet hat und sich zum Arbeiten gelegentlich zurückziehen kann. Aber wir sollten auch die Flexibilität nutzen, die uns die Technologien heute ermöglichen. Mit dem Laptop kann man schliesslich überall arbeiten, am Esstisch, auf der Parkbank oder auf dem Sofa. Diese Möglichkeiten sollten wir ausschöpfen und mit kleinen Massnahmen unterstützen. Beispielsweise mit dem richtigen Licht, das sehr wichtig ist für ein gesundes Arbeitsumfeld. So hat man mit einer kleinen Akkuleuchte immer dort, wo man gerade sitzt, das passende Licht dabei.

Wer zuhause arbeitet, läuft schnell mal Gefahr, die Arbeit so gar nicht mehr vom Privatleben zu trennen. Haben Sie persönliche Tipps, wie sich im Homeoffice die richtige Work-Life-Balance herstellen lässt?

Für mich persönlich spielt eine Work-Life-Balance keine grosse Rolle. Die Innenarchitektur und das Design sind, nebst meiner Familie, mein Lebensinhalt. Bei mir gehen Leben und Arbeit fliessend ineinander über und die Ideen gedeihen irgendwo, wo ich gerade bin. Aber ich habe während des Lockdowns bei meinen Mitarbeiterinnen miterlebt, wie sie sich im Homeoffice organisiert haben. Sie haben sich beispielsweise mit ihrem Partner immer zu fixen Terminen in der Küche zum Kochen getroffen. Oder sich zum Online-Yoga oder Pilates zurückgezogen und anschliessend zur abgemachten Uhrzeit wieder zum Apéro getroffen. Das ist sicher eine der wichtigsten Erfahrungen, die wir aus den vergangenen Wochen mitgenommen haben, dass es unbedingt Struktur und einen festen Rhythmus braucht. Dazu gehört aber auch, immer wieder bewusst eine Pause einzulegen und draussen spazieren zu gehen, um Energie zu tanken, damit es im Homeoffice nicht dann noch ausufert.

Wir alle haben in den letzten Wochen sehr viel Zeit in den eigenen vier Wänden verbracht. Wird aufgrund dieser Erfahrung die Gestaltung des persönlichen Wohnraums als Rückzugs- und Erholungsort zukünftig wichtiger für uns sein?

Ich stelle tatsächlich eine Veränderung fest. Wenn wir uns so lange zuhause aufhalten, bekommen die eigenen vier Wände automatisch eine andere, wichtigere Bedeutung. Denn dann spüren wir unsere Umgebung ja viel mehr. Vor allem, wenn wir auch noch zuhause arbeiten. Ich glaube, dass der Rückhalt, den ein Zuhause gibt, nach der Erfahrung der letzten Wochen mehr Gewicht bekommen hat. Die Wohnung ist ein Ort, der uns Sicherheit, Ruhe und Ausgleich gibt. Ich denke, es wird generell eine grössere Lust aufkommen, auch selbst anzupacken und Veränderungen vorzunehmen, wie etwa eine Wand neu zu streichen und eine frische Atmosphäre in die Räume zu bringen. Das Bewusstsein, es sich zuhause schön zu machen, wird mehr Aufmerksamkeit gewinnen.

Welche Trends zeichnen sich jetzt Ihrer Meinung nach bei der Einrichtung, den Materialien, Farben und Accessoires ab?

Ein völlig neuer Trend wird nicht entstehen. Aber der Trend zur Natur wird sich intensivieren. Dadurch, dass wir gezwungen waren, über Wochen drinnen zu bleiben, fällt uns jetzt auf, wie wichtig die Natur für uns ist. Ich bin davon überzeugt, dass echte Materialien und Farben aus der Natur die Einrichtungsgestaltung bestimmen werden. Mir selbst liegt das auch sehr am Herzen, weil ich ein naturbezogener Mensch bin und es lieber bodenständig mag. Ich denke, das kommt jetzt generell noch mehr auf. Die Naturnähe zu spüren, ist gerade in einer Krisenzeit sehr wichtig. Und das gelingt uns zum Beispiel mit den Trendfarben Grün und den verschiedenen Erdtönen.

Welche Tipps haben Sie für unsere Leserinnen, wie sie ihr Heim verschönern und es sich gemütlich machen können?

Es sind die einfachen Dinge, mit denen wir in dieser Hinsicht schon sehr viel erreichen können. Zum Beispiel mit einer schönen Kerze, einem Duft oder einem frischen Blumenstrauss. Auch die richtige Beleuchtung ist für eine schöne, angenehme Atmosphäre zentral. Letztlich sind es sind die kleinen Dinge und Aufmerksamkeiten, die Freude machen und bewirken, dass wir uns wohlfühlen. Und die müssen überhaupt nicht teuer sein.

Zum Schluss noch eine letzte Frage: Welche positiven Erkenntnisse nehmen Sie mit aus den letzten Wochen, die hinter uns liegen?

Enorm positiv finde ich, dass durch die virtuellen Meetings die Reisezeiten weggefallen sind. Am richtigen Ort für die richtigen Sitzungen eingeführt, sind Video-Meetings fantastisch. Vor allem bei trockenen Sitzungen, wo etwas abgearbeitet und Entscheidungen getroffen werden müssen und alle genau wissen, um was es geht. Ich habe in den vergangenen Wochen die Erfahrung gemacht, dass diese Meetings viel kürzer und effizienter waren, weil alle konzentriert und gut vorbereitet waren. Ich musste immer wieder schmunzeln, wenn wir mit einer Sitzung, für die wir früher zwei Stunden brauchten, plötzlich nach einer Stunde fertig waren. Ich meine, das sollten wir weiter ausbauen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass wir in meinem Team punktuell mehr von zuhause aus arbeiten werden. Generell entstehen zurzeit eine grössere Flexibilität und Offenheit, Neues auszuprobieren. Das finde ich sehr positiv.


Über Claudia Silberschmidt
Nach Studienjahren in St. Gallen und New York sowie Berufsjahren in verschiedenen Architektur- und Designbüros gründete die gebürtige Appenzellerin Claudia Silberschmidt 1999 ihr eigenes Innenarchitekturbüro in Zürich, das Atelier Zürich. Zusammen mit ihrem Team entwickelt sie für ihre Auftraggeber Konzepte, die jedem Projekt eine eigenständige Identität geben. Atelier Zürich arbeitet sowohl für Unternehmen als auch für Privatpersonen. Ausgewählte Design-Objekte und selbst entworfene Produkte sowie verlesene Wohnaccessoires finden sich in Claudia Silberschmidts Concept Store Frohsinn im Zürcher Seefeld.
www.atelierzuerich.ch
www.frohsinn.ch

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Posted by Brigitte Selden

Carolina Müller-Möhl
Müller-Möhl Group & Müller-Möhl Foundation

«Mein Team (Family Office/Stiftung) hat sich von seiner besten Seite gezeigt: flexibel, engagiert, stets gut gelaunt und sich gegenseitig unterstützend. Auch in Krisenzeiten so ein Team hinter sich zu haben, empfinde ich als sehr wertvoll.»


 

Karin Frick
Head Research

«Der Lockdown hat dazu geführt, dass sich das Home-Office praktisch über Nacht weltweit durchgesetzt hat und funktioniert! Sowohl Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben die grossen Vorteile von flexiblen Arbeitsorten erkannt und werden auch nach der Krise daran festhalten wollen.»


 

Christine Maier
Kommunikationsexpertin

«Meine persönlichen Erkenntnisse aus dem Lockdown: Nicht erst, wenn die Welt um uns herum stiller wird und Reisen in die Ferne nicht mehr möglich sind, lohnt es sich, sein Inneres zu erkunden. Ich habe gelernt, zu meditieren: Das grösste Abenteuer überhaupt.»


 

Mariel Hoch
Partner/Attorney Bär & Karrer

«Plötzlich merkt man, dass vermeintlich Unmögliches doch geht: Ich denke da an die Arbeit im Home Office oder dass ein bedeutender Teil der geschäftlichen Flugreisen verzichtbar ist. Ich konnte aufgrund des Lockdown mehr Zeit mit meiner Familie verbringen und den wunderschönen Frühling in nächster Umgebung geniessen.»


 

Dr. Antonella Santuccione Chadha
Ärztin und Co-Gründern Women’s Brain Project

«Der Lockdown hat mir gezeigt, wie wertvoll und gleichzeitig zerbrechlich Freiheit für uns Frauen ist. Viele von uns tragen in dieser beispiellosen Zeit eine enorme Last: Es sind mehrheitlich Frauen, die in Gesundheits- und Pflegeberufen an der COVID 19-Front stehen. Neben der Arbeit unterrichten meist sie ihre Kinder. Gleichzeitig führen sie den Haushalt. All das verdeutlicht, wie stark, widerstands- und multitaskingfähig wir Frauen sind. Ich werde daran erinnert, warum Frauen weltweit die Säulen der Gesellschaft sind. Ich frage ich mich aber auch, ob diese Zeit unseren Emanzipationserfolgen dient oder sie eher gefährdet.»

Geld und Anlage AKTUELL

Posted by WOMEN IN BUSINESS
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30 Prozent als Zwischenetappe

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Die deutsche Kampagne #30mit30 sucht 30 Unternehmen, in denen die Frauenquote auf den ersten drei Führungsebenen mindestens 30 Prozent beträgt. Die Initiantinnen wollen sensibilisieren für ein Thema, das aus ihrer Sicht irgendwann keines mehr sein sollte.

Wenn Maren Martschenko frühmorgens ihre Joggingrunde dreht, schnellen bei ihr nicht nur Herzrhythmus und Muskeltonus nach oben. Auch im Kopf herrscht Hochbetrieb. «Beim Laufen denke und wälze ich Themen hin und her, die mich schon länger beschäftigen», sagt die Vorsitzende des deutschen Netzwerks Digital Media Women (#DMW), in dem sich 115 Frauen ehrenamtlich für mehr Gleichberechtigung in Berufswelt und Gesellschaft einsetzen. Ein solches Thema ist bei Martschenko seit Jahren die Frage, wie sich die Notwendigkeit eines steigenden Frauenanteils in den Führungsetagen von Unternehmen sinnvoll thematisieren und breit kommunizieren liesse. Sie will weder Frauenstreiks organisieren, noch hat sie Lust darauf, die Frauen im Jammermodus als Opfer des patriarchalischen Systems zu beklagen oder um eine staatliche Frauenquote zu flehen. «Nein, ich möchte nachweisen, dass Unternehmen mit gemischten Teams einen echten Vorsprung haben, in Sachen Arbeitsatmosphäre, Themenvielfalt und vor allem beim kommerziellen Erfolg.»

So spulte Maren Martschenko eines Morgens wieder ihre Joggingkilometer ab und hatte den Geistesblitz, eine Kampagne mit dem Titel #30mit30 zu starten. Die Idee dahinter: «Wir möchten 30 Unternehmen in Deutschland finden, die auf den ersten drei Führungsebenen einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent haben.» Warum gerade 30 Prozent? Martschenko weiss aus Studien, dass männliche Verhaltensstereotype in einem Unternehmen oder einem Gremium Überhand nehmen, sobald der Frauenanteil unter 30 Prozent liegt. Genau diese Stereotype seien ein zentrales Hindernis auf dem Weg zur Chancengleichheit, «weil dadurch stets eine einseitige Kultur herrscht, in der sich Frauen nicht wohlfühlen, geschweige denn entfalten können». Was Studien ebenfalls zeigen: Unternehmen, die einen Frauenanteil von über 30 Prozent in der Führung haben, sind am Markt innovativer und wirtschaftlich erfolgreicher.

Das seien doch genau die Argumente, mit denen man eine breite Öffentlichkeit erreichen könne. «Der Gedanke fiel mir beim Laufen quasi wie Schuppen von den Augen.» Martschenko machte sich umgehend an die Lancierung der #30mit30-Kampagne, die auf viele brennende Fragen endlich Antworten liefern sollte.

Viel Offenheit, noch mangelhafter Tatendrang

Inzwischen läuft das Projekt seit gut einem Jahr und hat schon einiges bewirkt. «Wir haben bei Unternehmen, Frauenverbänden und politischen Amtsträgern offene Türen eingerannt und auf ein intensives Echo gestossen», berichtet Projektleiterin Nadine Bütow, Expertin für Unternehmenskommunikation und aktives Mitglied im #DMW-Netzwerk. Das Interesse an der Kampagne sei von Beginn weg erfreulich gewesen, was sie positiv überrascht habe. «Gleichwohl mussten wir feststellen, dass sich nur wenige Unternehmen tatsächlich für eine Teilnahme qualifizieren konnten, weil sie die 30-Prozent-Quote schlicht nicht erreichen.» Die Motivation, sich in diese Richtung zu bewegen, sei vielerorts durchaus vorhanden. «Viele wissen aber nicht, wie sie es anfangen sollen», erklärt Bütow.

Hier komme die Kampagne ins Spiel, indem sie vorbildliche Testimonials ins Schaufenster rücke. «Wir erzählen die Geschichten und Hintergründe der Unternehmen, die Vielfalt in Führung bereits erfolgreich praktizieren, und setzen damit Impulse und Anregungen für andere Unternehmen und Institutionen. Dies in der Hoffnung, dass es mehr Nachahmer in der Zukunft geben wird», führt Nadine Bütow aus. Derzeit sei man bei 15 solchen Unternehmen angelangt, die ihre Geschichten auf der Projektwebseite und in den sozialen Medien bereitwillig publik machen.

Die engagierte Projektleiterin ist zuversichtlich, noch 15 weitere Unternehmen zur «Vollendung der Kampagne» zu finden, zumal die vorhandenen Beispiele aufhorchen lassen. Da ist etwa das IT-Unternehmen Andagon aus Köln, das selbst in einer männertypischen Branche dank einer offenen Politik der Gleichberechtigung immer mehr Topfrauen anzieht und mit gemischten Teams wirtschaftlich floriert. Oder der bekannte Hamburger Zeitverlag, der in der Führungstage zur Hälfte Frauen beschäftigt und in den letzten 15 Jahren als einer von wenigen Medienhäusern sein Portfolio stark ausbauen konnte.

Unter Zeitdruck wollen sich die Frauen von #DMW derweil nicht setzen lassen. «Es dauert so lange, wie es dauert, bis wir die 30 Unternehmen zusammenhaben», sagt Nadine Bütow. In der Zwischenzeit nutze man jede Gelegenheit, um Betriebe und Organisationen zu motivieren, einen Schritt weiter zu gehen und kritisch auf die eigene Unternehmenskultur und Führung zu schauen. Da sei auch eine gehörige Portion Selbstreflexion vonnöten, weiss die PR-Frau aus der Erfahrung vieler Gespräche. «Die Geschäftsführung muss den Wandel an vorderster Front mittragen und Vorbild sein. Veränderung beginnt immer bei einem selbst.»

Nadine Bütow würde lügen, wenn sie bei der Kampagne von einem Selbstläufer sprechen würde. Das Sichtbarmachen von Pionierunternehmen, die den Wandel aktiv vollziehen und damit überwiegend auf der wirtschaftlichen Sonnenseite stehen, sei aber gerade bei festgefahrenen Unternehmensstrukturen oft ein wirksamer Eisbrecher. «Langfristig wünschen wir uns, dass weder in Deutschland noch in einem anderen Land Europas überhaupt darüber gesprochen werden muss, warum Vielfalt und damit auch Frauen in der Führung sich lohnen», formuliert sie ihre Vision.

Ähnliche Situation im gesamten deutschsprachigen Raum

Womit Maren Martschenko, Nadine Bütow und das ganze DMW-Team in Deutschland konfrontiert sind, gilt auch für die Schweiz und das gesamte deutschsprachige Europa. Die Diversität steckt nach wie vor in den Kinderschuhen. 2018 lag die Frauenquote in den Führungsebenen von Unternehmen in der Deutschschweiz im Durchschnitt bei tiefen 7 Prozent. In den Verwaltungsräten sind es immerhin 20 Prozent, Tendenz steigend. «Trotzdem reicht die Geschwindigkeit des Wachstums nicht aus, um das Ziel von 30 Prozent im Jahr 2022 zu erreichen», gibt die Initiantin Maren Martschenko zu bedenken. Ähnlich verhalte es sich in Österreich.

Eine Quote känne hier zwar wichtige Impulse setzen. «Langfristig jedoch werden Frauen nicht freiwillig in Führungspositionen bleiben, wenn sie sich in einer Unternehmenskultur wiederfinden, die von Männern für Männer gemacht wurde und entsprechend geprägt ist», so die Überzeugung von Martschenko. Das zeige die laufende Kampagne #30mit30 ganz deutlich. «Viel Arbeit und der Zwang zum Ideenreichtum liegen noch vor uns.» Also auch viele Joggingrunden.

Kampagne #30mit30 5 wichtige Erkenntnisse

«Es genügt nicht, Frauen auf Biegen und Brechen einzustellen und Quoten zu erfüllen», sind sich Maren Martschenko und Nadine Bütow einig. «Die Wirkung eines solchen Vorgehens wäre nur kurzfristig und würde rasch verpuffen.» Für eine langfristig positive Entwicklung in Richtung Gleichberechtigung und gelebte Diversity sei es notwendig, die Rahmenbedingungen zu verändern. Die Kampagne #30mit30 hat aus Sicht der beiden Frauen fünf wesentliche Punkte hervorgebracht, aus denen andere Unternehmen lernen können.

1. DAS SYSTEM MUSS VERÄNDERT WERDEN Wenn man über mehr Frauen in Führung spricht, dann gehört ein grundlegender Systemwechsel dazu. Diese Erkenntnis widerlegt eine weit verbreitete Fehlannahme. Nämlich, dass es die Frauen sind, die sich dem System anpassen müssen, weil sie vermeintlich voller Defizite stecken. Vielmehr ist es das System, dass sich verändern muss.

2. EINE UNTERNEHMENSKULTUR DES VER- UND ZUTRAUENS AUFBAUEN Die Unternehmen, mit denen #30mit30 sprach, haben das erkannt. Ihre gesamte Unternehmenskultur ist darauf ausgerichtet. Dort gehen männliche als auch weibliche Führungskräfte in Teil- oder Elternzeit und bleiben in ihren Führungsrollen. Häufig werden ihre Positionen nach der Rückkehr auf ihre veränderten Bedürfnisse angepasst – nicht anders herum.

3. VORBILDER SCHAFFEN UND VERNETZEN Der Unternehmensführung kommt dabei eine sehr wichtige Rolle zu. Sie muss Gleichberechtigung und Diversität glaubwürdig vorleben und vorantreiben. Zugleich gibt es in allen befragten Unternehmen Frauen und Männer, die als Vorbilder fungieren, Impulse setzen und motivieren.

4. KULTUR SCHLÄGT FACHWISSEN BEIM RECRUITING Einige Unternehmen achten bereits beim Recruiting auf einen «Cultural Fit» mit dem Bewerber oder der Bewerberin. Häufig zählt bei der Bewertung nicht mehr das reine Fachwissen und die Expertise, sondern einzig die Frage: Passt dieser Mensch kulturell ins Unternehmen? Das Motto ist: Fehlendes Wissen kann man erwerben.

5. ES BRAUCHT KEINE EXPLIZITE FRAUENFÖRDERUNG In den meisten befragten Unternehmen gibt es keine expliziten «Frauenförderungsprogramme». Vielmehr vertritt man die Meinung, Schulungen, Mentoren-Programme und Trainings auch, oder insbesondere, zum Thema Diversity für alle offenzuhalten.

Kafi am Freitag

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Wer viel pendelt oder schlecht schläft, hat womöglich bereits eine vielseitige Podcast-Bibliothek. Ansonsten kommt spätestens in der Selbstquarantäne, den Zwangsferien oder im Home office Bedarf auf. Podcasts sind wunderbare Alltagsbegleiter und Wundermittel gegen den Trott. So etwa «Kafi am Freitag» von Bloggerin Kafi Freitag und ihrer besten Freundin Sara Satir. Verblüffend ehrlich, oft tiefsinnig philosophierend, dann wieder mit gnadenlos ansteckendem Humor. Die Protagonistinnen öffnen ihre innige, bedingungslose Freundschaft und lassen die Welt daran teilhaben. Dass sie hauptberuflich erfolgreich eigene Coachingpraxen führen, müssen sie nicht sagen. Man fühlt es, wenn man ihre Gedanken im Gedächtnis behält.

Wie man das Anlage-Portfolio jetzt gesund hält

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Wie man das Anlage-Portfolio jetzt gesund hält

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Die Coronavirus-Pandemie trifft die Märkte hart. Dazu einige Empfehlungen.

Die langfristige Sichtweise aufrecht erhalten In vielerlei Hinsicht ist diese Krise anders als alle früheren. Investoren sollten dennoch nicht kurzsichtig agieren, sondern die langfristige Perspektive behalten. Jede Änderung einer strategischen Allokation im Portfolio sollte jetzt gut durchdacht sein.

Akzeptieren Sie ein gewisses Mass an Risiko Momentan ist die Versuchung gross, Risiken im Portfolio zu reduzieren. Die kurzfristige Richtung des Marktes ist jedoch nicht kontrollierbar. Daher gilt: Risiken für kurze Zeit zu akzeptieren bringt langfristig Erfolg.

Denken Sie nach, bevor Sie springen Die relative Bewertung festverzinslicher Papiere und Aktien hat ein rezessives Ausmass erreicht und könnte dazu verlocken, aufzuspringen. Das ist verfrüht: Vor einer Wirtschaftserholung werden wir mehrere Höhen und Tiefen durchmachen und wegen staatlicher Interventionen greift die übliche Logik momentan nicht.

Bleiben Sie positiv gegenüber China China, das als erstes von der Pandemie betroffen war, dürfte auch die erste Wirtschaft sein, die sich erholt. China gehört nach wie vor als zentrale Anlageklasse in ein Portfolio.

Setzen Sie auf digitale Gesundheit Die Corona-Krise unterstreicht, dass auch Unternehmen der Gesundheitsbranche in einem Portfolio nicht fehlen sollten – gerade jene der digital gestützten, datengesteuerten Gesundheitsindustrie.

Verantwortungsbewusstes Investieren bleibt Bereits vor der Krise war Nachhaltigkeit ein Megatrend. Unternehmen, die sich verantwortungsvoll und nachhaltig verhalten, werden auch in Zukunft besser abschneiden.

Bühne frei für die Frauen!

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Die Netzwerke und das Wissen von Förderstiftungen spielen eine entscheidende Rolle beim Aufbau einer solistischen Karriere im Klassikbereich. In deren Fokus kommen nun auch vermehrt Frauen.

Wenn Julia Hagen am 4. März die Bühne der Tonhalle Maag in Zürich betritt, wird sie aufgeregter sein als sonst. Sie wird noch einmal tief durchatmen, ihr über 300 Jahre altes Violoncello zur Hand nehmen und die ersten Klänge der «Variationen über ein Rokoko-Thema» von Tschaikowsky spielen. Es ist eine eingängige, einfache Melodie, die sich nach und nach erweitert. Diese 20 Minuten sind ein wichtiger Moment in der Karriere der 24-jährigen Salzburgerin.

Die Orpheum Stiftung veranstaltet dieses Konzert in Zusammenarbeit mit der Müller-Möhl Foundation und gibt Julia Hagen wie auch der japanischen Pianistin Aimi Kobayashi die Gelegenheit, ihr Können unter der Führung der estnischen Dirigentin Kristiina Poska unter Beweis zu stellen. Die Orpheum Stiftung macht diese Form der Solistenförderung seit 30 Jahren und ist dabei äusserst erfolgreich. Ein Beispiel ist die Italienerin Beatrice Rana: Die Pianistin feierte in Übersee bereits beachtliche Erfolge, war aber in ihrer Heimat und in Europa im Allgemeinen noch weitgehend unbekannt, als sie 2014 unter der Ägide von Zubin Mehta im Namen von Orpheum auftrat. Das gab ihr den nötigen Schub, um auch hierzulande Fuss zu fassen.

Bühnenpräsenz zählt
Julia Hagen ist im Förderprogramm des Wiener Konzerthauses, hat bereits verschiedene Preise gewonnen und spielt in diesen Monaten fast jede Woche ein Konzert. Seit sie das Studium vor etwa einem Jahr abgeschlossen hat, stimmt auch das Finanzielle. «Wenn man gut gebucht ist, kann man von der Musik leben», sagt die Österreicherin, «aber es gibt natürlich sehr viele Musiker und nicht annähernd so viele Bühnen.» Die Gagen variieren sehr stark, und wie in anderen Branchen gibt es schon junge Topverdiener, aber auch etablierte Berufsmusiker, die nur knapp über die Runden kommen. Grundsätzlich gilt, dass Klavier, Geige und Cello (in dieser Reihenfolge) die besten Voraussetzungen haben, weil hierfür auch die meisten Stücke geschrieben wurden. Der Geschäftsführer der Orpheum Stiftung, Thomas Pfiffner, sagt: «Für junge Solisten ist es anfangs schwierig, bedeutende Auftritte zu erlangen. In unserer Förderarbeit geht es deshalb im Kern darum, Begegnungen mit etablierten Dirigenten und Künstlern zu schaffen.» Auch andere Organisationen wie etwa die LGT Young Soloists mit Sitz in Zug, die ein noch jüngeres Alterssegment ansprechen, haben sich der Förderung von Künstlern verschrieben. Dabei geht es oft vor allem um Kontakte und Netzwerke , die letztlich in Bühnenpräsenz münden. «Die klassische Musik bewegt sich in einem sehr feinmaschigen, hart umkämpften Markt», sagt Pfiffner, «deshalb planen wir unsere Auftritte sorgfältig und prüfen auch immer die optimalen Kombinationen.»

Dirigentinnen fehlen
Seit drei Jahren sind die Orpheum Stiftung und die Müller-Möhl Foundation Kooperationspartner. Diese von der Philantropin Carolina Müller-Möhl initiierte Stiftung hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, die gesetzlich längst verankerte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau durchzusetzen. Ein perfekter Match: Die Solistenförderung von Orpheum war in den vergangenen drei Jahrzehnten ausgeglichen, wie eine Analyse ergab. Gerade unter den Dirigenten, die eine klassische Führungsposition innehaben, gibt es aber nach wie vor sehr wenige Frauen. Auch Julia Hagen macht in diesem Zusammenhang eine interessante Beobachtung: Während es im Studium sehr viele Kolleginnen gab – teils waren sie sogar in der Überzahl –, seien auf den grossen Bühnen immer noch vornehmlich männliche Künstler präsent. Sie hofft, dass dieses Thema in einigen Jahren keins mehr sein wird und nur noch das Können des Einzelnen zählt.

Dieses Ziel strebt auch die Müller-Möhl Foundation an. «Mit unseren Förderkonzerten wollen wir einen Kontrapunkt setzen, indem wir herausragende Musikerinnen aufbieten», sagt Stifterin Carolina Müller-Möhl. Denn für sie ist klar: «Was man sieht, das glaubt man.» Weibliche Vorbilder würden weitere Talente nach sich ziehen, die den Schritt in die Öffentlichkeit wagen. Gerade in der klassischen Musik habe sich diesbezüglich schon einiges bewegt. Während 1987 nur 12 Prozent Frauen in deutschen Berufsorchestern spielten, seien es aktuell 38 Prozent.

Trotzdem stellt Carolina Müller-Möhl fest, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auch heute noch zahlreiche Karrieren von Frauen verhindern. «Für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss die Schweiz endlich die Empfehlungen der OECD umsetzen.» Das sei erstens: die Einführung einer Individualbesteuerung, damit sich für den Zweitverdienenden in einer Partnerschaft – im Regelfall die Frau – das Arbeiten lohnt. Zweitens: adäquate und bezahlbare Kinderbetreuung und drittens: Ganztagesschulen. «Hinsichtlich Kinderbetreuung ist es vor allem für eine junge Musikerin mit Kindern aufgrund ihrer unregelmässigen Arbeitszeiten und den vielen Reisen noch schwieriger, die Kinderbetreuung sicherzustellen, als es für berufstätige Mütter ohnehin der Fall ist.»

Zwei Proben bis zum Auftritt
Julia Hagen wird drei Tage vor dem Konzert nach Zürich reisen und zunächst die Dirigentin zu einer sogenannten Verständigungsprobe treffen. Danach folgt eine Probe mit dem Orchester sowie die Generalprobe am Konzerttag. Die Frage nach Gleichberechtigung wird sie in diesem Moment nicht beschäftigen. Vielmehr geht es nun darum, möglichst viel von ihrer Persönlichkeit in dieses sehr frei interpretierbare Stück einzubringen, um ihrer eigenen Karriere Aufwind zu geben. Nach aussen aber wird das Konzert der drei Frauen ein weiteres Zeichen dafür setzen, dass Weiblichkeit auf den grossen Bühnen der klassi- schen Musik heute zur Normalität gehören sollte.

Das Konzert findet am Mittwoch, 4. März 2020, um 19.30 Uhr in der Tonhalle Maag in Zürich statt. Tickets sind erhältlich unter tonhalle-maag.ch.

30 Jahre Solistenförderung

Die 1990 von Hans Heinrich Coninx gegründete Orpheum Stiftung unterstützt hochtalentierte Solisten aus aller Welt, indem sie ihnen Auftritte mit renommierten Orchestern und Dirigenten ermöglicht. Dieser Kern der Förderidee wurde in den letzten Jahren weiterentwickelt: Neu ist unter anderem die Orpheum CD-Reihe. Pro Jahr werden vier bis acht Musiker in das Förderprogramm aufgenommen. Die Mitglieder des künstlerischen Kuratoriums, welche die Solistinnen und Solisten teils jahrelang in ihrer musikalischen und auch persönlichen Entwicklung beobachten, geben eine Empfehlung ab. Darüber hinaus ist es möglich, sich bei der Orpheum Stiftung zu bewerben. Der künstlerische Leiter Howard Griffiths trifft die definitive Solistenwahl.

«Talent kennt kein Geschlecht»

Unter der Prämisse «Talent kennt kein Geschlecht» setzt sich die Müller-Möhl Foundation für Gender Diversity in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur ein. Sie fordert geeignete Rahmenbedingungen für Familien sowie bessere Wiedereinstiegsmöglichkeiten für Frauen in den Arbeitsmarkt. Konkret befürwortet die Stiftung die Diskussion über die Einführung einer Individualbesteuerung. Neben der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die einen der drei Hauptpfeiler darstellt, fokussiert sich die Müller-Möhl Foundation auf die Themen Bildung und Standortförderung. Sie ist schwerpunktmässig in der Schweiz tätig und möchte hier Verantwortung für drängende gesellschaftliche Themen übernehmen.

WOMAN OF THE YEAR 2019 – Antonella Santuccione Chadha

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Goldene Zwanziger

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Jedes Jahrzehnt verändert die Welt und damit auch die Finanzmärkte. Vier Themen, die den Beginn der 2020er prägen werden.

Wirtschaft in der Talsohle
Sofern kein exogener Schock auftritt, ist es nicht ausgeschlossen, dass die Wirtschaft in der ersten Hälfte des Jahres 2020 die Talsohle erreicht. Für einen umfassenderen Aufschwung fehlt es jedoch an Staatsausgaben. Zahlreiche Staaten weltweit und vor allem in Europa haben enorme Mittel zur Verfügung, aber ob sich die Regierungen trauen, die Staatsausgaben zu erhöhen, ist ungewiss.

US-Präsidentschaftswahlen
2020 finden in den USA Präsidentschaftswahlen statt – das sagt alles. Ein klareres Bild für eine Beurteilung der Auswirkungen auf die Finanzmärkte erwarten wir nach den Vorwahlen im ersten Quartal. Wir gehen davon aus, dass einige Sektoren attraktive Einstiegsmöglichkeiten bieten werden, allen voran das Gesundheitswesen.

Negative Renditen
Auf dem Höhepunkt der Sorgen um das Wachstum brachten 2019 festverzinsliche Anlagen im Wert von USD 17 Billionen weltweit negative Zinsen ein. Und sofern die Regierungen nicht das magische Allheilmittel zur Ankurbelung der Wirtschaft austeilen, werden negative Zinssätze auch nicht so bald verschwinden. In der Zwischenzeit werden Alternativen zu den renditelosen Anlagen florieren.

Innovative/disruptive Unternehmen                                                    Vorherrschendes Thema ist nach wie vor die Marktführerschaft innovativer/disruptiver Firmen im Unternehmenssektor. Dies zeigt sich auf Sektorebene, auf Marktebene sowie auch in Bezug auf Einzelaktien. Anleger werden entscheiden müssen, welche Ebenen ihren Risiko-Rendite-Anforderungen am ehesten entsprechen.

Goldene Zwanziger

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Jedes Jahrzehnt verändert die Welt und damit auch die Finanzmärkte. Vier Themen, die den Beginn der 2020er prägen werden.

Wirtschaft in der Talsohle
Sofern kein exogener Schock auftritt, ist es nicht ausgeschlossen, dass die Wirtschaft in der ersten Hälfte des Jahres 2020 die Talsohle erreicht. Für einen umfassenderen Aufschwung fehlt es jedoch an Staatsausgaben. Zahlreiche Staaten weltweit und vor allem in Europa haben enorme Mittel zur Verfügung, aber ob sich die Regierungen trauen, die Staatsausgaben zu erhöhen, ist ungewiss.

US-Präsidentschaftswahlen
2020 finden in den USA Präsidentschaftswahlen statt – das sagt alles. Ein klareres Bild für eine Beurteilung der Auswirkungen auf die Finanzmärkte erwarten wir nach den Vorwahlen im ersten Quartal. Wir gehen davon aus, dass einige Sektoren attraktive Einstiegsmöglichkeiten bieten werden, allen voran das Gesundheitswesen.

Negative Renditen
Auf dem Höhepunkt der Sorgen um das Wachstum brachten 2019 festverzinsliche Anlagen im Wert von USD 17 Billionen weltweit negative Zinsen ein. Und sofern die Regierungen nicht das magische Allheilmittel zur Ankurbelung der Wirtschaft austeilen, werden negative Zinssätze auch nicht so bald verschwinden. In der Zwischenzeit werden Alternativen zu den renditelosen Anlagen florieren.

Innovative/disruptive Unternehmen                                                    Vorherrschendes Thema ist nach wie vor die Marktführerschaft innovativer/disruptiver Firmen im Unternehmenssektor. Dies zeigt sich auf Sektorebene, auf Marktebene sowie auch in Bezug auf Einzelaktien. Anleger werden entscheiden müssen, welche Ebenen ihren Risiko-Rendite-Anforderungen am ehesten entsprechen.

Neun Expertentipps zum Thema Immobilien

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Es gibt keine Kostenfreiheit !

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The conscious consumer

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Anders, als man denkt

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Microfinance in the spotlight

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Erfolgsfaktor Leadership

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Dr Auma Obama: three characteristics of change makers

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Auf der Sonnenseite

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Leidenschaftlich sammeln

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Viele hiesige Finanzinstitute unterhalten eigene Sammlungen und bringen sich so als Förderer im Kunstbereich ein. Und dabei stehen nicht Renditegedanken hinter dem Engagement, sondern ideelle Motive wie die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung und der Fördergedanke.

Barbara Staubli, Kuratorin der Julius Bär Kunstsammlung, hat in der Vergangenheit für verschiedene Galerien gearbeitet, unter anderem bei der renommierten Galerie Hauser & Wirth. Seit 2014 ist sie für die Julius Bär Kunstsammlung verantwortlich und zusammen mit ihrem Team für über 5’000 Kunstwerke zeitgenössischer Schweizer Kunst zuständig. «Als Kunsthistorikerin kann man in einer Galerie für zeitgenössische Kunst arbeiten, in der man den Künstlern sehr nahesteht und diese in ihrem kreativen Prozess unterstützt. Man kann auch in einem Museum tätig sein und dort eher einen akademischen Ansatz verfolgen», erzählt sie. «Oder man geht eben zu einer Unternehmenssammlung.» Für die Kunsthistorikerin war das die interessanteste Option, denn Unternehmen spielen eine immer wichtigere Rolle in der Förderung der Gegenwartskunst. Bei Julius Bär war die Leidenschaft für Kunst und die Unterstützung von Kunstschaffenden der Treiber, als die Kunstsammlung im Jahr 1981 von Hans J. Bär ins Leben gerufen wurde. «Kunst ist bei Julius Bär ein Teil der Unternehmenskultur und für die Mitarbeitenden und Kunden jeden Tag erlebbar. Davon wollte ich ein Teil sein», sagt Barbara Staubli.

Sammlerstrategie: Die Sammlung von Julius Bär umfasst Werke von führenden Schweizer Künstlern wie John Armleder, Silvia Bächli, Lutz & Guggisberg, Markus Raetz, Pipilotti Rist, Ugo Rondinone und Roman Signer, um nur einige zu nennen. Und sie wächst weiter: «Unsere Strategie ist es, die Entwicklung junger Künstlerinnen und Künstler zu beobachten und die Kunst- werke von denjenigen anzukaufen, die ihre Kreativität immer wieder unter Beweis stellen. Von diesem Zeitpunkt an verfolgen wir die künstlerische Entwicklung der Kunstschaffenden und erwerben weitere Werke, um die Sammlung abzurunden», erläutert Barbara Staubli das Konzept. Die Qualität und Innovation der Werke stehen im Zentrum, ebenso wie die Weiterentwicklung der einzelnen Künstlerinnen und Künstler im Verlauf ihrer Karrieren. Julius Bär zeigt Teile ihrer Sammlung auf ihrer Website artcollection. juliusbaer.com – und bietet damit viel Inspiration für ein eigenes Engagement im Kunstsektor.

Die Kunst, in Kunst zu investieren

Der Einstieg
Gerade wer mit überschaubarem Portemonnaie Kunst erwerben will, für den eignen sich zeitgenössische Künstler. Werke der alten Meister und etablierter Künstler sind für die meisten unerschwinglich. Die Schweiz verfügt über eine sehr vielfältige Kunstszene und es gibt viele spannende junge Positionen zu entdecken.

Wo kaufen? Die wichtigsten Vertriebskanäle für Kunst: Galerien, Kunstmessen, Kunsthandel, Auktionshäuser, Online-Marktplätze, Kunsthallen, Direktkauf bei den Künstlern.

Langfristige Perspektive
In Kunst zu investieren, folgt eigenen Gesetzmässigkeiten. Generell gilt, dass Kunstwerke eher für langfristige Investitionen geeignet sind. Der Verkauf kann – anders als etwa bei einem Wertpapier – Wochen, Monate oder sogar Jahre dauern. Das Investieren in Kunst dient also eher dem langfristigen Werterhalt und ist als alleinige Anlageform weniger geeignet. Wer ein Kunstwerk verkaufen will, muss oftmals die Hilfe einer Galerie oder eines Auktionshauses beanspruchen. Übrigens bringen auch die sachgerechte Aufbewahrung und je nachdem die Versicherung eines Werks laufende Kosten.

Erste Informationen
upandcoming.ch gibt die Möglichkeit, sich einen Überblick der jungen Kunst in der Schweiz zu verschaffen, über einzelne Künstlerinnen und Künstler, deren Arbeiten und aktuelle Ausstellungen.

kunst.org zeigt eine sorgfältig selektierte Auswahl aus dem grossen Angebot zeitgenössischer Kunst und gibt einen ersten Überblick zu Kunst als Wertanlage.

artprice.com ist laut eigenen Angaben die weltweit führende Online-Kunstpreisdatenbank. Es finden sich dort mehr als 27 Millionen von Kunsthistorikern kommen- tierte Einträge, die bis zu 500’000 Künstler abdecken.

Kunstberater beraten professionell, wenn man in Kunst investieren möchte. Diese bringen ein Grundverständnis zu kunsthistorischen Kontexten der Werke mit und wissen, wie ein Künstler auf dem Markt aufgestellt ist und zu welchem Preis die Werke auf Auktionen gehandelt werden. Bei der Suche nach dem passenden Berater können Banken weiterführende Auskünfte geben.

 

Corina Widmer

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Seit Juli 2019 ist Corina Widmer Personalchefin und Geschäftsleitungsmitglied bei Coca-Cola HBC Schweiz. Zwei ihrer Kernthemen sind die Herstellung der Lohngleichheit und die Talentförderung. Daneben gibt sie Mitarbeitenden Yoga-Unterricht über Mittag.

WOMEN IN BUSINESS: Frau Widmer, Sie engagieren sich stark für die Lohngleichheit. Wie weit sind Sie damit in Ihrem Unternehmen? Corina Widmer: Wir sind auf einem sehr guten Weg! 2018 lag der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau bei 0.8 Prozent. Gemäss der Erhebung des Bundes zum Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern (2016) liegt die Differenz in der Schweizer Wirtschaft bei über 10 Prozent.

Welche Themen sind in Ihrem Bereich, dem HR, darüber hinaus vordringlich? Welche Anliegen der Mitarbeitenden tauchen aktuell oft auf? Bei uns arbeiten über 800 Mitarbeitende unterschiedlichen Alters und Hintergrunds an verschiedenen Standorten in der Schweiz. Vielfalt und Zusammenarbeit spielen daher eine zentrale Rolle in unserer Unternehmenskultur. Um den kontinuierlichen Dialog mit den Mitarbeitenden zu fördern, haben wir vierteljährliche Mitarbeitergespräche und standardisierte Feedbackinstrumente eingeführt. Mitarbeitende geben und erhalten regelmässig Rückmeldungen und werden motiviert, ihre individuellen Vorstellungen und Fähigkeiten aktiv in die tägliche Arbeit einzubringen. Nur so können wir gemeinsam vorwärtskommen und einen Mehrwert für unsere Kunden schaffen.

Welchen Prinzipien folgen Sie in Ihrem Führungsstil? Ich sehe meine Aufgabe darin, Brücken im Unternehmen zu bauen und Barrieren in der täglichen Arbeit proaktiv anzugehen. Der direkte und regelmässige Kontakt mit den Mitarbeitenden ist mir dabei sehr wichtig. Der Austausch über die Abteilungen und Funktionsstufen hinweg verleiht die notwendige Bodenhaftung und schärft das Verständnis für die diversen Anliegen. Damit schaffen wir ein Umfeld, in dem die Bedürfnisse der Mitarbeitenden gehört und ihr Beitrag geschätzt wird.

Sie waren bisher in recht unterschiedlichen Branchen tätig. Wo fühlen Sie sich am meisten daheim? Ich fühle mich überall dort zu Hause, wo etwas läuft. In einem dynamischen Umfeld zu arbeiten, inspiriert mich und gibt mir Antrieb. Bei Coca-Cola HBC Schweiz sind aktuell viele spannende Initiativen am Laufen: Ein Bespiel hierfür ist das neu überarbeitete Talent-Review-Konzept, welches in Kürze ausgerollt wird.

Wie finden Sie Ausgleich zu Ihrer fordernden Aufgabe? Eine gesunde Work-Life-Balance ist mir sehr wichtig. Beim Yoga oder Fallschirmspringen kann ich gut abschalten und meine Umwelt einmal aus einer völlig anderen Perspektive betrachten.

Haben Sie noch einen besonderen Karrieretipp? Die Digitalisierung der Arbeitswelt wirkt auf Arbeitnehmende oftmals einschüchternd. Mein persönlicher Tipp: Neugierig sein und den Wandel zu seinen eigenen Vorteilen nutzen. Veränderungen sind eine wertvolle Möglichkeit, um sich der eigenen Stärken und Schwächen bewusst zu werden und daran zu arbeiten. So ergeben sich völlig neue Chancen.

«Es braucht mehr Mut und Vernetzung»

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Im Gespräch mit Natalie Robyn

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Im Gespräch mit Trudie Götz

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WOMAN OF THE YEAR 2018 – Sandy Oppliger

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WOMAN OF THE YEAR 2017 – Robin Errico

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WOMAN OF THE YEAR 2016 – Hedy Graber

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«Zuhören hilft!»

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«Seid ihr noch einig, oder habt ihr schon geteilt?», sagt der Volksmund, wenn es ums Thema Erben geht. Doch Streitigkeiten um den Nachlass kann man vermeiden. Dafür gibt es Experten wie Nathalie Eser Wolfer. Sie hilft Kunden bei der richtigen Planung. Ihr Erfolgsgeheimnis ist eine Mischung aus Recht und Psychologie, vorausschauender Planung und guter Kommunikation.

WOMEN IN BUSINESS: Wie sind Sie zum Wealth Planning gekommen?

Nathalie Eser Wolfer: Schon während meines Studiums der Rechtswissenschaften an der Universität Zürich hat mir das Thema Nachfolgeplanung gefallen. Dies ist ein sehr sensibles, persönliches Thema, und um es gut zu handhaben, muss man Menschen mögen. Sie müssen sich für sie interessieren, für ihr Leben, ihre Leistungen, ihre Familien, ihre Ängste, ihre Träume und ihre Pläne. Kurz nach dem Abschluss habe ich bei Julius Bär angefangen. Auch nach 18 Jahren fasziniert mich meine Arbeit jeden Tag aufs Neue.

Nachfolge und Vermögensplanung – was bedeutet das? Zuallererst ein guter Zuhörer zu sein, denn es gibt keine Standardlösungen. Keine zwei Personen oder Paare haben das gleiche Vermögen, die gleiche familiäre Situation, das gleiche Leben. Ehepartner, Kinder, Verwandte und weitere Personen sind betroffen. Bei Patchwork-Familien – namentlich solchen mit nicht gemeinsamen Kindern – kann die Planung kompliziert werden. Je grösser und weiter verteilt das Vermögen und die Familienmitglieder sind, umso anspruchsvoller wird die Aufgabe. Ich muss dafür das Gesamtbild des Kunden verstehen: nicht nur die Zahlen, sondern auch seine Familie – und seine individuelle Situation kennen. Nachdem ich mir ein Gesamtbild verschafft habe, weiss ich, welche weiteren Experten innerhalb der Bank oder von unseren Geschäftspartnern mit einzubeziehen sind. Dann arbeiten wir mit dem Kunden und seiner Familie zusammen an der Entwicklung einer Lösung, die ihren Bedürfnissen optimal entspricht. Niemand denkt gern über den eigenen Tod nach; das ist ein sensibles Thema. Aber wir tun dies auf eine sanfte, strukturierte Art und Weise, die zu Antworten und Lösungen führt.

Was braucht es, um diese Aufgabe zu meistern? Ich verlasse mich stark auf zwei Disziplinen: meinen juristischen Hintergrund und psychologisches Geschick. In meiner Arbeit ist Fingerspitzengefühl gefragt. Jede Familie hat ihre eigene Geschichte: Es gibt Stolpersteine, verletzte Gefühle und manchmal auch Intrigen. Diese treten häufig zutage, wenn Nachlässe geregelt oder Erbschaften geteilt werden. Manchmal hat jemand das Gefühl, dass er oder sie ungerecht behandelt oder überstimmt wird.

Was ist der häufigste Fehler bei der Nachlassplanung? Nicht selten fokussiert man zu rasch auf die Lösungsfindung. Die Planung eines Nachlasses ist jedoch ein Prozess, bei dem verschiedene Aspekte zu beachten sind: etwa die Bedürfnisse der Betroffenen, das Vermögen, aber auch rechtliche und steuerliche Fragen. Befinden sich das gesamte Vermögen sowie die beteiligten Parteien in der Schweiz und sind die Beziehungen intakt, braucht es etwa drei Monate, um mit den Kunden eine Lösung zu finden. Wenn die Dinge komplizierter sind, etwa, wenn sich sowohl das Vermögen als auch die Betroffenen auf verschiedene Länder und Gerichtsbarkeiten verteilen, kann der Prozess bis zu einem Jahr oder sogar länger dauern. Dies ist insbesondere bei komplexen Planungen der Fall, die Ehe- und Erbverträge, Testamente und Strukturen wie Stiftungen, Trusts oder Lebensversicherungen umfassen können.

Wie zahlt sich gute Beratung aus? Ich hatte kürzlich mit einem älteren Paar zu tun. Das Ehepaar hatte den eigenen Ruhestand finanziell sehr gut abgesichert, deshalb wollten sie ihr Vermögen noch zu Lebzeiten weitergeben. Das ist schön, braucht aber Planung; insbesondere, wenn es darum geht, die Kinder gleich zu behandeln, um Streitigkeiten zu vermeiden. Wer bekommt das Feriendomizil? Wem steht das Elternhaus zu? Das sind emotionale Herausforderungen, zumal die einzelnen Besitztümer – im erwähnten Fall – nicht gleichwertig waren, sondern jeweils ein finanzieller Ausgleich geschaffen werden musste. Letztlich haben wir einen Weg gefunden, alles gerecht zu verteilen und zu entschädigen. Wir diskutierten und entwarfen Schenkungsverträge sowie einen Erbvertrag, welche schliesslich vor den jeweiligen Notaren unterzeichnet wurden. Jetzt sind Eltern und Kinder glücklich – alles ist entschieden, geplant und geregelt. Wir legen grossen Wert darauf, Vertrauen zu unseren Kunden und ihren Familien aufzubauen. Dies ist die Grundlage einer soliden Beziehung, die Generationen überdauern kann.

Wie hat die Digitalisierung Ihren Beruf verändert? Einerseits stellen sich Fragen im Zusammenhang mit dem digitalen Nachlass; digitale Daten sind Teil des heutigen Lebens. Aufgrund der daraus resultierenden Spuren im Netz stellen sich zahlreiche Fragen im Zusammenhang mit der Vererbung von Benutzerkonti, Zugangsdaten, Passwörtern. Es empfiehlt sich, nicht nur den materiellen, sondern auch den virtuellen Nachlass zu regeln. Andererseits vereinfacht die fortschreitende Digitalisierung den Beratungsprozess und die Erstellung von rechtlichen Dokumenten. Allerdings ist das persönliche Element in der Nachlassberatung zentral und kann meines Erachtens nicht durch ein Computerprogramm ersetzt werden.

Was gibt Ihnen das grösste Gefühl der Erfüllung? Eine Lösung zu finden, die zu einer ganzen Familie passt. Obwohl eine Nachlassplanung nie abgeschlossen und eine stetige Überprüfung wichtig ist, sind meine Kunden dankbar, wenn der Prozess angestossen und der Nachlass zumindest für den Moment geregelt ist.

Die Vermögensplanung ist ein Teilaspekt einer umfassenden und ganzheitlichen Betrachtung aller finanziellen Aspekte eines Kunden.

Expertinnen wie Nathalie Eser Wolfer, Head Succession Planning Switzerland bei der Bank Julius Bär, beraten und unterstützen ihre Kunden mit einer langfristigen Vermögensplanung für alle Lebensphasen.

Mehr über die Bank Julius Bär erfahren Sie hier.

Die Ziellinie als Startblock

Posted by Brigitte Selden

Silvia Wegmann

Posted by WOMEN IN BUSINESS

Seit 23 Jahren ist sie bereits im Bankbereich tätig. Als Head Sustainable Investment Solutions Portfolio Management bei der Privatbank Julius Bär sind nachhaltige Investments ihr Thema.

Frau Wegmann, woher rührt Ihr Interesse am Thema Nachhaltigkeit?
Ich bin auf dem Land aufgewachsen und hatte deshalb schon immer eine natürliche Affinität zum Thema Nachhaltigkeit. Zu nachhaltigem Investieren kam ich vor etwa dreizehn Jahren, als ein Kunde, ein erfolgreicher Unternehmer notabene, bei seinen Anlagen sogenannte Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien verankern wollte. Zudem sollten Unternehmen ausgeschlossen werden, die sich mit Waffenherstellung, Kernenergie, Tabak und Gentechnik beschäftigen. Damals kannte man einen solchen Anlageansatz noch kaum. Aber meine Neugierde war dadurch geweckt. Ich suchte alle verfügbare Literatur über diese Art von Investieren – was damals nicht viel war – und erkannte schnell, dass das alles Sinn macht. Damit lässt sich gegen Ungleichgewichte ankämpfen, und es widerspiegelt meine eigenen persönlichen Werte.

Welche Themen sind in diesem Bereich für Sie die drängendsten?
An erster Stelle stehen sicherlich die Klimaerwärmung und der hohe CO2-Ausstoss. Da braucht es dringend Lösungen. Akut sind auch die sozialen Missstände gerade auf der südlichen Erdhalbkugel, versursacht durch Krieg und andere Unglücke.

Nachhaltige Investments sind in Mode: Ist das nur ein Trend oder ein zukunftsweisendes Konzept? Ganz bestimmt nicht nur ein Trend! Der Ansatz hat sich heute aus einer Nische heraus etabliert. Das Thema Nachhaltigkeit steht auf allen Agenden, nicht nur auf der politischen, wie etwa mit dem Pariser Abkommen der Vereinten Nationen zum Klimaschutz. Auch die viel zitierten ESG-Kriterien («environment, social, governance») in der Finanzwelt sind Ausdruck davon. Ich glaube, dass nachhaltiges Investieren künftig unumgänglich und in wenigen Jahren zum Mainstream wird.

Wie nachhaltig ist Ihr persönlicher Lebensstil? Ich lebe nach wie vor auf dem Land, kaufe so oft wie möglich Lebensmittel vom benachbarten Bauernhof und überhaupt unterstütze ich das lokale Gewerbe. Beim Reisen versuche ich beispielsweise unnötige Fahrten durch gute Planung zu vermeiden. Oder ich spende direkt für soziale Projekte, deren Initianten ich kenne und bei denen ich weiss, dass das Geld direkt eingesetzt wird.

Sie sind seit über 20 Jahren im Finanzbereich tätig. Können Sie sich vorstellen, noch einmal etwas ganz anderes zu machen? Nicht etwas komplett anderes, Nachhaltigkeit ist mein Thema und darum müsste eine andere Tätigkeit immer damit zutun haben. Was ich mir gut vorstellen könnte, wäre für eine Stiftung im Philantrophiebereich zu arbeiten, wo man geeignete Projekte identifizieren und zukunftsträchtigeIdeen unmittelbar unterstützen kann.

Mehr über die Bank Julius Bär erfahren Sie hier.

Die «Pink Tax» ist real

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Frauen verdienen nach wie vor durchschnittlich 20 Prozent weniger als Männer für gleiche Arbeit. Was dazukommt: Oft bezahlen sie sogar mehr für identische Dienstleistungen, etwa für einen Haarschnitt, ein Parfüm oder Hygieneartikel. Dies aber nicht immer ganz unfreiwillig.

Über das Phänomen «Gender Pricing» wird schon seit Jahrzehnten diskutiert und gestritten. Darf man identische Produkte und Dienstleistungen in zwei unterschiedliche Preiskategorien für Männer und Frauen unterteilen? Ist das nicht eine klare Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, wo Frauen doch schon weniger verdienen als Männer? Und dies nachweislich für gleiche Arbeit. Grundsätzlich sind die beiden Themen eng miteinander verwandt, dürfen aber gleichwohl nicht vermischt werden.

Es geht um die «Pink Tax» (Rosa Steuer), wie die unterschiedliche Bepreisung von eigentlich identischen Männer- und Frauenprodukten sowie -dienstleistungen neben «Gender Pricing» auch noch – fast liebevoll – genannt wird. Eine deutsche Studie, in Auftrag gegeben von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, ist der Sache im vorletzten Jahr auf den Grund gegangen und hat identische Produkte und Dienstleistungen für beide Geschlechter akribisch untersucht. Das denkwürdige Resultat: Während bei den 381 untersuchten Dienstleistungen Frauen in jedem zweiten Fall draufzahlen, müssen die Männer nur gerade in 9 Prozent der untersuchten Beispiele tiefer in die Tasche greifen. Bei den handfesten Produkten sind die Unterschiede derweil seltener, aber gleichwohl vorhanden. Hier zahlen Frauen laut der deutschen Studie bei 2,3 Prozent der 1682 verglichenen Produkte mehr, Männer bei 1,4 Prozent.

Keine Studien in der Schweiz

Eine ähnliche Studie existiert in der Schweiz (noch) nicht, wie man auf Nachfrage bei Juristen, Konsumentenforen und Antidiskriminierungsstellen erfährt. Das Thema ist aber sehr wohl auch hierzulande bekannt. «Ja, dieses Phänomen gibt es auch in der Schweiz», heisst es etwa beim juristischen Infoportal Weblaw.ch. «Es fängt schon bei kleinen Dingen wie dem Coiffeurbesuch an. Frauen bezahlen für die gleiche Dienstleistung mehr, obwohl bei Männern in der Regel auch nur ‹die Spitzen› geschnitten werden», sagt die Mediensprecherin Moana van Aalst. Ein weiteres Beispiel wäre die Textilreinigung: So macht es einen Unterschied, ob man ein Herrenhemd oder eine Damenbluse reinigen lässt – obwohl der Unterschied kaum sichtbar ist. Ebenfalls betroffen sei der Erwerb von Hygieneartikeln wie Seifen, Bodylotions oder Shampoos, wo es auch erhebliche Preisunterschiede gebe. «Diese Artikel sind aus unserer Sicht für die Frauen unzulässigerweise teurer, weil sie eine Notwendigkeit darstellen.»

Auch beim Schweizerischen Konsumentenforum (KF) ist man sich des Phänomens «Pink Tax» durchaus bewusst. «Dass teils identische Produkte geschlechterspezifisch aufgeteilt und bepreist werden, gibt es schon seit vielen Jahren», sagt der KF-Sprecher Dominique Roten. Selbst sei er vor Jahren von seiner damaligen Freundin darauf aufmerksam gemacht worden, als diese Rasierklingen verglich. Einen wirklichen Überblick habe man beim Konsumentenforum indes nicht, wie Roten einräumt. «Bei den meisten Angeboten aus dem Detailhandel können wir die ‹Pink Tax› kaum schwarz auf weiss nachweisen, weil es unglaublich viele Produkte gibt, die auf dem Markt erscheinen, verschwinden, verändert wiederkommen und so weiter. Wir sind schlicht zu wenig Leute, um den Markt dahingehend beobachten zu können.» Man könne beim Konsumentenforum deshalb auch keine Tendenz erkennen, ob die genderspezifischen Preisunterschiede zugenommen hätten oder nicht.

Eigenverantwortung beim Kaufverhalten

Rechtlich ist in der ganzen Sache bis dato ohnehin nicht viel zu machen. In Deutschland etwa entgegnen Ökonomen den sich beklagenden Verbraucherschützern und Antidiskriminierungsstellen relativ nüchtern, dass es bei der ganzen Sache in erster Linie um Marketing gehe. «Um der Unterschiedlichkeit von Verbraucherbedürfnissen nachzukommen, muss ein Unternehmen verschiedene Arten von Produkten anbieten. In diesem Fall sind es geschlechterspezifische Produkte, und das macht vom Grundsatz Sinn», liess sich etwa der Marketingexperte Martin Fassnacht in deutschen Medien zitieren.

Gegen solche Aussagen lässt sich rechtlich kaum ankämpfen. Auch in der Schweiz geht es den Konsumentenschützern daher weniger um juristische Schritte als vielmehr um Aufklärungsarbeit. Das KF etwa hat beste Verbindungen zu politischen Instanzen und Frauenorganisationen und ist mit Vertreterinnen und Vertretern auch regelmässig in den Wandelhallen des Bundeshauses anzutreffen. «Es geht darum, Themen wie die ‹Pink Tax› ins politische Bewusstsein zu manövrieren und damit bekannter zu machen», sagt Dominique Roten.

Intensiv appellieren er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter dabei auch an die Eigenverantwortlichkeit von Frauen. Es sei nicht wegzudiskutieren, dass weibliche Konsumentinnen oft ein anderes Einkaufsverhalten an den Tag legten als Männer und auch empfänglicher seien für Produkte, die frauenspezifisch gestaltet sind, Stichwort: «Bling-Bling». Man könne deshalb nicht nur von den «bösen Detailhändlern» sprechen, die den Frauen «teurere Produkte aufdrängen». Oft falle die Wahl auf mehr Extravaganz bei Frauen ganz bewusst. Gerade beim konkreten Beispiel der Rasierklingen hätten die Frauen mit ihrem Kaufverhalten deshalb die Macht, Dinge zu ändern. «Ich habe in meinem Bekanntenkreis mehrere Frauen, die ganz bewusst Männerrasierklingen kaufen, welche bezüglich Qualität identisch sind, dafür aber günstiger und erst noch platzsparender. Würde sich ein Grossteil der Frauen so verhalten, hätten wir ziemlich rasch Unisex-Rasierklingen.»

Beim Thema Versicherungen gibt es die «Pink Tax» übrigens nicht mehr. Während Frauen früher höhere Krankenkassenprämien zahlten, wurden diese Unterschiede laut Dominique Roten inzwischen verboten. Für Autoversicherungen bezahlen Frauen heute sogar weniger als Männer. Für die Juristen von Weblaw.ch ist der Grund dafür aber auch klar. «Frauen verursachen weniger Unfälle.» Aber auch hier würde sich wohl eine genauere Betrachtung einmal lohnen.

Livingdreams

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Custom made – Vom Kundenwunsch bis zur Ausführung

Wir produzieren massgefertigte Esstische, Stühle, Bänke und Lounges, alles für In- und Outdoor geeignet. Abgerundet wird die Kollektion mit den wetterfesten Gartenlampen und Outdoor Kissen in jeder gewünschten Grösse.

Wir fertigen Ihre Outdoor Kissen in verschiedenen Stoffen und Farben auf Mass – inspiriert aus dem Bootsbedarf.Sie suchen pflegeleichte und wetterfeste Kissen für Ihre Lounge, Sonnenbett oder Stühle, die Sie die ganze Saison draussen lassen können? Wir produzieren Ihnen diese Matratzen mit dem Spezialschaumstoff auch für Wellness- oder Poolbereich. Der Schaumstoff speichert keine Feuchtigkeit und der Regen perlt am Funktionsstoff ab.

Ethische Prinzipien sind für das Unternehmen wichtig bei der Möbelproduktion. Wir verwenden für unsere Produkte vor allem Recycling Teak oder Eisenholz und brennen oder kalken die Oberfläche in einem speziellen Verfahren. Weil wir selber produzieren, können wir sicherstellen, dass unsere Produkte zu fairen Konditionen hergestellt werden.

Erfahren Sie mehr über uns!

Natalie Robyn

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Seit Anfang 2017 ist Natalie Robyn als Managing Director an der Spitze von Volvo Car Switzerland. Die 41-jährige Doppelbürgerin (USA, Spanien) arbeitet seit über 13 Jahren in der Automobilbranche und hatte zuvor verschiedene Führungspositionen bei Daimler/Chrysler, Nissan und Delphi inne.

Frau Robyn, die Automobilbranche ist im Wandel begriffen.Was sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen?Einerseits betreffen die aktuellen Veränderungen in der Automobilbranche neue Technologien. Die Vernetzung im Internet, elektrische Antriebe und autonomes Fahren sind hier die Trends. Idealerweise werden künftige Fahrzeuge alle drei dieser neuen Technologien vereinen und so für Fahrer, Umwelt und die Gesellschaft einen Mehrwert kreieren. Kunden haben zudem heute und in Zukunft nicht mehr denselben Anspruch an ein Fahrzeug wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Sie sind interessiert an neuen Formen des Fahrzeugbesitzes, wie die Nutzung eines Autos im Abonnement oder auch Car-Sharing.

Wie begegnen Sie diesen Herausforderungen? Bei Volvo sehen wir diese Herausforderungen als Chance. Wir wollen zwar ein Pionier sein bei der Entwicklung neuer Technologien, jedoch immer mit dem Menschen im Zentrum unserer Überlegungen. Denn wenn eine neue Technologie unser Leben nicht besser macht, sollten wir sie nicht einführen.

Wird Volvo in absehbarer Zeit nur noch auf E-Mobilität setzen?
Ja. Wir werden nur noch elektrifizierte Fahrzeuge anbieten, also Modelle, die einen Verbrennungsmotor mit Mild-Hybrid oder Plug-in-Hybrid-Technologie verbinden oder ausschliesslich elektrisch betrieben werden. Die Schweiz ist dabei ein wichtiger Markt für uns, da hier viel Innovationsfreude vorherrscht.

Wie halten Sie angesichts der immer dominanter werdenden Digitalisierung den persönlichen Kontakt zu den Kunden?
Einerseits sind wir über verschiedene digitale Kanäle mit unseren Kunden in Kontakt. Andererseits betrachten wir aber auch weiterhin unsere Markenvertreter als wichtiges Bindeglied zu den Kunden – praktisch als «Offline-Kanal». Unsere Händler sind die Stimme und das Gesicht der Marke.

Sie haben umfassende Erfahrung in der Autobranche. Könnten Sie sich vorstellen, die Branche zu wechseln? Wenn ja, was würde Sie reizen?
Nein, ich möchte aktuell keinen anderen Job (lacht). Ich denke, die Automobilbranche durchlebt gerade die grösste Transformation seit ihrem Bestehen. Und es ist äusserst spannend, diesen Veränderungsprozess aktiv mitgestalten zu können.

Eher praktisch oder eher sportlich: Welches ist Ihr Lieblingsmodell? Warum?
Ich und mein Partner haben seit kurzem eine kleine Tochter und so ist praktisch für uns im Moment wichtiger. Unsere neuen Modelle sind aber nicht nur praktisch, sondern auch schön designt. Im Moment fahre ich unseren SUV XC90 Plug-in Hybrid.

Welche Pläne haben Sie für Ihre persönliche Zukunft? Ich möchte mit Volvo in der Schweiz gerne nachhaltig erfolgreich sein – sowohl für unser nationales Team wie auch für unser Händlernetz. Und für meine Tochter möchte ich die bestmögliche Mutter sein. ★

Wohin gehen die Zinsen?

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Der Abwärtsdruck auf die Richtzinsen von Festhypotheken im vergangenen Jahr hält 2019 weiter an. Die Kosten für Festhypotheken dürften nun wieder ansteigen, wie unsere Analyse diverser Zinsprognosen zeigt.

Die Richtzinsen für kurz-, mittel- bis langlaufende Hypotheken sind seit Jahresbeginn weiter gesunken. Wie aktuelle Daten (Stand 14. März 2019) von Comparis-Partner-Service HypoPlus zeigen, sind die Sätze für zehnjährige Hypotheken mit 1,30 Prozent auf eine Rekordmarke gefallen. Die fünfjährigen Hypotheken notieren mit 0,99 Prozent so tief wie nie zuvor. Zweijährige Festhypotheken verharren mit 0,93 Prozent weiterhin auf tiefem Niveau.

Der allgemeine Zinsrückgang ist unter anderem auf eine Abschwächung der Weltwirtschaft zurückzuführen. In der Folge hat die amerikanische Notenbank Fed ihre Zinserhöhungspläne nach hinten geschoben. Die Europäische Zentralbank EZB befindet sich weiterhin im Krisenmodus und dürfte die Zinsen nicht vor 2020 anheben. «Die Schweizerische Nationalbank wird unter diesen Prämissen keine Zinserhöhung in Erwägung ziehen», erklärt Comparis-Finanzexperte Frédéric Papp.

Werden Festhypotheken nun teurer?

Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) beispielsweise ist der Ansicht, dass die Korrektur der Langfristzinsen zu stark ausgefallen sei. Die Bank rechnet daher mit leicht steigenden Langfristzinsen in den nächsten Quartalen. In diesem Kontext prognostiziert die ZKB per Januar 2020 einen Richtzins von 2,06 Prozent für eine zehnjährige Festhypothek. Das entspricht einem Aufschlag von 0,5 Prozent im Vergleich zum Stand vom vergangenen Januar.

Träfe die Prognose der ZKB ein, müssten Hauseigentümer für eine Hypothek über 500’000 Franken pro Jahr 2’500 Franken mehr bezahlen, wenn sie die Hypothek erst in zwölf Monaten statt bereits heute abschliessen würden. Das Staatsinstitut sieht bei den fünfjährigen Hypotheken binnen zwölf Monaten Werte von 1,51 Prozent – ein Anstieg um 0,4 Prozent.

Die Credit Suisse erwartet ähnlich hohe Richtzinsen. Sie prognostiziert einen Anstieg binnen zwölf Monaten um knapp 50 Basispunkte auf 2 Prozent für zehnjährige Festhypotheken. Bei den fünfjährigen Festhypotheken rechnet die Schweizer Grossbank mit einem Aufschlag von knapp 40 Basispunkten auf 1,5 Prozent.

Zinsänderungsrisiko nimmt zu

Ein viel beachteter Indikator für Zinsprognosen sind die sogenannten Swap-Sätze. Sie geben an, was eine Absicherung beispielsweise eines zehnjährigen Zinsgeschäfts gegen drohende Zinsänderungsrisiken kostet. Geben die Swap-Sätze nach, rechnet der Markt mit tieferen Zinsen. Ein Anstieg der Swap-Sätze deutet auf eine Erhöhung hin. Die von Comparis analysierten Zinsprognosen diverser Banken gehen allesamt von zunehmenden Swap-Sätzen aus. Die St. Galler Kantonalbank (SGKB) beispielsweise rechnet für 2019 mit einem Anstieg des zehnjährigen Zinsswaps auf bis zu 0,9 Prozent. Anfang Jahr lag der Satz noch bei 0,29 Prozent. Ein deutlicher Richtungswechsel innert Jahresfrist erwartet die SGKB auch für fünfjährige Swap-Sätze, und zwar von -0,27 (Stand Anfang 2019) auf bis zu 0,35 Prozent.

In einem ähnlichen Rahmen sieht zudem die UBS die Swap-Sätze ansteigen. Die Aargauische Kantonalbank gibt sich etwas vorsichtiger. Beim 5-Jahres-Swap-Satz erwartet sie einen Anstieg auf 0,1 Prozent und beim 10-Jahres-Swap-Satz auf 0,45 Prozent.

Ökonomen sehen höhere Zinsen

Mit einem höheren Zinsniveau am Kapitalmarkt rechnen auch die von der KOF Konjunkturforschungsstelle befragten Ökonomen. Sie erwarten einen Anstieg der Rendite zehnjähriger Bundesobligationen bis zum Jahresende auf 0,51 Prozent. Die Entwicklung der Bundesobligationenrenditen strahlt in der Regel auf die Hypothekarzinsen aus.

Liborhypotheken bleiben günstig

Die Richtzinsen der Liborhypotheken, auch Geldmarkthypotheken genannt, bleiben laut den Bankprognosen stabil. Der Libor ist ein Referenzzinssatz, zu dem sich die Banken auf dem europäischen Geldmarkt gegenseitig kurzfristige Kredite gewähren. Die Hypothekenanbieter verwenden den 3-Monats-Libor als Basiszinssatz, auf den sie dann noch eine individuelle Marge schlagen.

Das KOF rechnet auch Ende 2019 mit einem negativen 3-Monats-Libor bei -0,55 Prozent. Solange sich der Libor im negativen Bereich befindet, wird von den Hypothekenanbietern ein Basiszinssatz von 0 Prozent angewendet. Die Hypothekarnehmer zahlen unter dem Strich weiterhin nur die Marge der Bank, die zwischen 0,65 bis 1,1 Prozent liegt.

Fazit

Obwohl die Banken künftig von höheren Hypothekarzinsen ausgehen, sind Zinsprognosen mit Vorsicht zu geniessen. Bereits im vergangenen Jahr rechneten die Anbieter mit steigenden Zinsen. Eingetroffen ist aber das Gegenteil – zumindest bis heute. «Hypothekarnehmer sollten deshalb bei der Wahl ihrer Hypothek nicht ausschliesslich auf Zinsprognosen vertrauen. Vielmehr bestimmt die Suche nach der passenden Hypothek die individuelle Risikobereitschaft, die Risikofähigkeit und das Bedürfnis nach Flexibilität», sagt Papp. ★

TOP LEVEL – Positionen, die sich auszahlen

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WOMEN IN BUSINESS neue Medienpartnerschaft

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Jubiläumsanlass 20+1 JAHRE WIRTSCHAFTSFRAUEN SCHWEIZ
Am 3. September 2019

Erfolg ist das zentrale Thema in unserer Gesellschaft und auch die grosse Herausforderung. Wichtig ist, dass wir das finden, was uns anspornt, dass wir überzeugt sind, das Richtige zu tun und wir unsere Bestimmung leben können.

An diesem Abend werden wir 3 Personen auszeichnen, die einen ungewöhnlichen Weg gegangen sind und ihren Erfolg immer wieder neu definiert haben. Im Anschluss stellt uns Markus Bühler, Autor und Fotograf mit der Vernissage das Buch „Swiss Made“ vor.

Er hat Frauen in der Schweiz interviewt und bei unterschiedlichen Arbeitsszenen fotografiert. Diese Frauen haben auf ihre Stärken gebaut und ihren Weg verfolgt. Das Buch wird mit dem Film und der Ausstellung nachhaltig zur Meinungsbildung über weibliche Berufsrollen in unserer Gesellschaft beitragen.

Im Anschluss können sich die Gäste in einem exklusiven Rahmen vernetzen, sich mit unseren Talk-Gästen austauschen, den Autor und Fotografen und die erfolgreichen Frauen aus «Swiss Made» kennenlernen. Denn es ist doch so: Technische Möglichkeiten bringen uns zwar schnell, überall und jederzeit in Kontakt miteinander, feinstoffliche Informationen nimmt man jedoch nur im persönlichen Kontakt wahr.

Erfahren Sie hier mehr zum Anlass und den Wirtschaftsfrauen Schweiz.

Programm

17.00 Uhr Türöffnung, Anmeldung und Begrüssungsdrink

17.30 Uhr Begrüssung durch Cilvia Koch, Präsidentin Wirtschaftsfrauen Schweiz

17.35 Uhr Key-Note «Womenomics – die Rolle der Wirtschaftsfrau in der Zukunft» mit dem Zukunftsforscher, Prof. Dirk Helbling, ETH

18:40 Uhr Podiumsdiskussion

Mit den Talk-Gästen Doris Aebi, Executive Searcher, Gründerin und Mitinhaberin Aebi+Kuehni AG, David Bachmann, erfolgreicher Schweizer Jungunternehmer und Self-Made Millionär, Nathalie Bourquenoud, Leiterin Human Development Die Mobiliar, Mitglied der Geschäftsleitung und Luba Ganz-Durje, Geschäftsfrau, Hotelbesitzerin – moderiert von Nadine Jürgensen.

19.50 Uhr Preisverleihung

20.20 Uhr Vernissage Buch «Swiss Made»

20.30 Uhr Apéro Riche & Netzwerken

22.30 Uhr Ausklang

Melden Sie sich hier für den Anlass an.

Das Handwerk entdeckt die Frauen

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Der Motorgerätehersteller Stihl findet neue Käufergruppen: Frauen wagen sich immer mehr auch an schweres Gerät. Ein Aushängeschild dafür ist Yolanda Hagmann, eine der wenigen Sportholzfällerinnen Europas. Diesen Sport fördert das Unternehmen seit vielen Jahren.

Hand aufs Herz, woran denken Sie, wenn die Rede vom Sportholzfällen ist? Vor dem geistigen Auge der meisten Menschen entsteht wohl eine Szenerie von muskelbepackten Männern mit Wollmütze und karierten Flanellhemden auf einer Waldlichtung, die schwitzend dicken Baumstämmen mit der Axt den Garaus machen. Ganz so ist es dann aber doch nicht!

Das Sportholzfällen ist mittlerweile auch hierzulande eine ernstzunehmende Sportart, mit nationalen und internationalen Wettkämpfen. Das ist dem Engagement der Firma Stihl, Hersteller von motorbetriebenen Geräten für Forstwirtschaft, Landschaftspflege und Bauwirtschaft, zu verdanken. Dem Familienunternehmen, das mittlerweile in 3. Generation geführt wird, vollzog damit einen cleveren Schachzug, wie Ralph Turke, Geschäftsführer der Stihl Vertriebs AG bestätigt: «Damit gelang uns ein emotionaler Brückenschlag zu unserem Brand. Und wir können mit Stihl Timbersports die nächste Generation ansprechen.» Das Sportholzfällen ist eine Kombination aus historischem Handwerk und sportlichem Wettkampf. Der Sprung in die Moderne ist dabei bereits vollzogen, sagt Turke nicht ohne Stolz. «Was früher nur Mann gegen Mann ausgetragen wurde, findet heute natürlich auch Frau gegen Frau statt.»

Leidenschaft für schweres Gerät

Eine dieser Frauen ist Yolanda Hagmann. Die 34-jährige Landschaftsarchitektin hat ihr Herz an das Sportholzfällen während ihres Studiums in Kanada verloren, wo sie von 2003 bis 2007 am Nova Scotia Agricultural College studierte. Dazu war allerdings einiges an Überredungskunst ihrer Freunde nötig, erinnert sie sich. «Meine Kollegen am College haben jedes Jahr versucht, mich ins Team zu bringen. Sie wollten, dass ich vom Eiskunstlauf zum Sportholzfällen wechsle, denn das war an unserem College eine der Hauptsportarten.» 2006 haben diese Überredungskünste dann Früchte getragen – und Yolanda fand schnell Gefallen an diesem aussergewöhnlichen Sport. «Ich habe mich schon immer für handwerkliche Berufe und grosse Maschinen interessiert. Das Werkzeug, die rasiermesserscharfen Äxte und laute Kettensägen, aber auch der fast schon familiäre Zusammenhalt der Sportler haben mich schnell fasziniert. Und dann hat mich auch die Herausforderung gereizt», sagt sie

Für diese Werte steht auch Stihl gern. Im Jahr 1985 entschied sich das Unternehmen in den USA dazu, das Sportholzfällen zu unterstützen und dessen Professionalisierung zu fördern. Der Motorsägenhersteller rief gemeinsam mit dem amerikanischen Sportkanal ESPN die Stihl Timbersports Series ins Leben und wählte aus der Vielzahl der Disziplinen die sechs attraktivsten aus. In Europa besteht die Wettkampfserie seit 2001, professionelle Standards wurden entwickelt und die Sportler werden aktiv in Trainingscamps und durch verschiedene Programme gefördert. Mittlerweile hat sich die Stihl Timbersports Series als die Königsklasse im Sportholzfällen etabliert. Wettkämpfe finden auf nationaler und internationaler Ebene nach einheitlichem Regelwerk statt. Der Sieger des Mehrkampfs wird aus den Ergebnissen der Einzelwertungen ermittelt. Höhepunkte der Saison sind die nationalen Titelkämpfe in mehr als 25 Ländern sowie die Champions Trophy und die Weltmeisterschaft als Aufeinandertreffen der internationalen Elite.

Exotin im Wettkampf

Yolanda Hagmann nimmt an nationalen und internationalen Wettkämpfen teil und hat sich grosse Ziele gesetzt: «Ich möchte in diesem Jahr möglichst viele Siege erringen.» Doch dafür muss sie weitere Sponsoren finden, denn «der Sport ist sehr teuer wegen dem Equipment, sprich Äxte und Sägen, die wir als unsere Sportgeräte benötigen. Und da die meisten Wettkämpfe im Ausland stattfinden, reisen wir sehr viel.» Für Frauen ist diese Suche wohl noch ein wenig schwieriger als für Männer, denn hierzulande wird die junge Frau vielfach bestaunt. «In Kanada hat sich keiner über meinen Sport gewundert. In der Schweiz tun das alle. <Wie bitte? Was machst Du?> ist meist die erste Reaktion.» Sie nimmt das mit Humor. «Es ist witzig, den verwunderten Gesichtsausdruck des Gegenübers zu sehen. Doch die meisten sind schnell begeistert.» Und auch ihre Familie und Freunde unterstützen Yolanda, wo sie nur können. Ihr bisher grösster Erfolg war das Setzen eines neuen Weltrekords in der Disziplin Stock Saw. Dabei müssen mit einer handelsüblichen Motorsäge von einem Stammstück zwei komplette Scheiben innerhalb einer Markierung geschnitten werden. Yolanda schafft das in 11.51 Sekunden.

Frauen auf dem Vormarsch

Die Unterstützung einer weiblichen Athletin wie Yolanda Hagmann geschieht bei Stihl natürlich im Hinblick auf eine neue, weibliche Zielgruppe. Noch sind Frauen als Stihl-Kundinnen in der Minderheit – doch das ändert sich, weiss Ralph Turke: «Frauen erledigen immer mehr handwerkliche Arbeiten selbst. Bei ihnen sind akkubetriebene Geräte sehr beliebt und genau in diesem Segment steigt der Absatz.» In den Bereich der Produktforschung und -entwicklung, wie etwa leistungsfähigere Akkus wird konsequenterweise viel investiert. Selbst ist die Frau – auch der Handel reagiert gern auf den gesellschaftlichen Wandel, kann so doch eine völlig neue Käuferschicht erschlossen werden. «Die Ladenlokale setzen ihren Fokus zunehmend auf weibliche Kundschaft. Diese legt gesteigerten Wert auf Qualität, Komfort, Funktionalität, Beratung und Kundendienst.»

Eine grosse Herausforderung für Unternehmen mit hoch technisierten Produkten ist die Aufladung des Brands mit Emotionalität. Das Engagement von Stihl für das Sportholzfällen soll diesen Brückenschlag leisten, sagt Turke: «Wir können damit unseren Bekanntheitsgrad steigern, was sich auch in wirtschaftlicher Hinsicht niederschlägt. Zudem arbeiten wir damit an der Beziehungspflege zu einer weltweit motivierten und engagierten Fangemeinde.» In der Schweiz ist diese Fangemeinde noch recht überschaubar, wie Yolanda Hagmann weiss. Dem Sportholzfällen blieb sie auch nach ihrer Rückkehr in die Schweiz treu. Doch die Voraussetzungen unterscheiden sich in beiden Ländern stark, stellte sie schnell fest. «In Kanada im College haben fast genauso viele Frauen wie Männer diesen Sport betrieben. Wir hatten auch unsere eigene Bewertung.» In der Schweiz oder generell in Europa sehe das anders aus, erzählt sie. «Hier bin ich eine von wenigen Sportlerinnen in Europa, deshalb muss ich meistens gegen die Männer antreten.» Kein Hinderungsgrund für die toughe junge Frau.«Wir sind eigentlich wie eine grosse Familie, alle sind sehr hilfsbereit.» Diese Freude will sie auch anderen vermitteln.«Es wäre schön, wenn sich mehr junge Frauen für diesen Sport interessieren würden. Ich mache auf jeden Fall fleissig Werbung dafür!»

Das tun, was einem gefällt

Mut zu unkonventionellen Vorlieben hat Yolanda Hagmann auch im Berufsumfeld schon mehrfach bewiesen. Nach ihrem Studium absolvierte sie eine Ausbildung als Lastwagenchauffeurin und trat in Kanada ihre erste Stelle im staatlichen Wildtierpark an. 2008 kehrte sie jedoch aus familiären Gründen in die Schweiz zurück. Sie orientierte sich neu, begann ein Studium der Landschaftsarchitektur. Nach ihrem erfolgreichen Abschluss arbeitete Yolanda dann in einem Planungsbüro. Doch immer nur im Büro sitzen war nichts für die Naturliebhaberin. Aktuell arbeitet Yolanda Hagmann in einem Gartenbauunternehmen, wo sie teils draussen als Gärtnerin, teils im Büro als Landschaftsarchitektin tätig sein kann. Und auch hier – ebenso wie beim Sport – spielt für sie das Geschlecht keine Rolle:«Wenn jemand gut in dem ist, was er tut, ist es völlig egal, ob Mann oder Frau. Ich finde, dass jede und jeder das tun sollte, was ihr oder ihm gefällt.»

Über Stihl

Seine erste Motorsäge entwickelte der Firmengründer Andreas Stihl im Jahr 1926. Sein Antrieb: «Den Menschen die Arbeit mit und in der Natur erleichtern.» In den vergangenen 90 Jahren hat sich das Unternehmen von einem Einmann-Betrieb zu einem international tätigen Motorsägen- und Motorgerätehersteller entwickelt. Seit 1971 ist Stihl die meistverkaufte Motorsägenmarke der Welt.

1950 übernahm die Einzelfirma Max Müller in Zürich die Vertretung der Stihl-Produkte in der Schweiz und dem Fürstentum Liechtenstein. Am 1. Januar 1990 wurde die Firma der Max Müller Maschinen AG in die Stihl Vertriebs AG umgewandelt. Per 31.12.2015 verkaufte Werner Müller sein Aktienpaket zu 100 Prozent an die STIHL International GmbH in Waiblingen. Ralph Turke übernahm 2015 die Geschäftsführung. Aktuell sind 39 Personen bei der STIHL Vertriebs AG angestellt.

Bilder Onkel Jürgens

WOMAN OF THE YEAR 2018: Sandy Oppliger

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Alle warteten gespannt auf die eine: die WOMAN OF THE YEAR 2018. Als Sandy Oppliger, CEO der Bauknecht AG, das Podium betrat, war das Geheimnis gelüftet. Sie hatte von der Leserschaft der WOMEN IN BUSINESS die meisten Stimmen erhalten. Offen erzählte sie über ihren Werdegang, Höhen und Tiefen und was ihr am Herzen liegt.

Stilvoll und vorweihnachtlich – das Ambiente im Hotel Baur au Lac in Zürich hätte für den besonderen Anlass nicht besser sein können. Nach dem Begrüssungschampagner wurde das Podium eröffnet und die WOMAN OF THE YEAR 2018 wurde dem Publikum vorgestellt. Die stolze Siegerin war Sandy Oppliger, CEO der Bauknecht AG. Für sie kam diese Wahl sehr überraschend: «Ich bin total aus den Schuhen gekippt, als ich davon erfuhr!», so ihr erfrischend unkompliziertes Statement zu Beginn des Gesprächs mit WOMEN IN BUSINESS-Chefredaktorin Irene M. Wrabel. In genau derselben sympathischen, humorvollen und offenen Art setzte sich das Gespräch fort. Sandy Oppliger vermittelte sehr packend persönliche Details zu ihrem Werdegang und gab spannende Einblicke in ihren Führungsstil.

Begonnen hat die Karriere der Selfmade-Woman scheinbar klein. Wenn man zu diesem Zeitpunkt von Karriere oder Karriereplanung sprechen konnte. Geplant war diese nämlich nie. Viel wichtiger als Karriereplanung war kurzfristige Zielorientierung. «Ich habe immer das gemacht, woran ich Freude hatte.» Dass sie einmal zu einem Arbeitstier würde, war für sie ausgeschlossen. Nach dem Trampen durch verschiedene Länder wie Neuguinea und Mexiko wollte Sandy Oppliger ursprünglich nur 50 Prozent arbeiten. Doch sie hatte noch keine Lehre absolviert und so kam schnell die Ernüchterung: Ihre Einkommensmöglichkeiten waren sehr begrenzt. Das weckte ihren Ehrgeiz: Sandy Oppliger beschloss, das KV, später die HWV und den MBA berufsbegleitend zu absolvieren. «Schnell merkte ich, dass mir Arbeiten gefällt. Das mit der Teilzeitarbeit hatte ich prompt gestrichen».

Der Weg hin zu ihrer heutigen Position als CEO der Bauknecht AG war trotz viel positivem Denken und einem gesunden Selbstvertrauen nicht immer leicht. Beim IT-Logistiker ALSO übernahm sie als erste Frau die Stelle der Produktmanagerin und wurde später zur Teamleiterin. Doch das musste sie sich hart erkämpfen: «Ich verdiente weniger als meine männlichen ebenbürtigen Kollegen – nur weil ich eine Frau war. Da eckte ich zum ersten Mal an und wurde unangenehm.»

Von der ALSO nahm Sandy Oppliger dennoch vor allem positive Erfahrungen mit. «Das Unternehmen war schon damals sehr modern unterwegs, mit einer Du-Kultur und dem erklärten Ziel, motivierte Mitarbeiter zu haben. Das prägte mich – bis heute.» Eine weitere Herausforderung in Sandy Oppligers Karriere war die Leitung des Callcenters bei der Bechtle AG. Rund 20 Frauen hatte sie dort zu führen. «Wer führen lernen will, soll mal eine Horde Frauen führen», meinte sie dazu.«Frauen kämpfen leider häufig gegeneinander, anstatt als Team an einem Strick zu ziehen.»

Nun sind es nicht 20 Frauen, sondern rund 200 Mitarbeitende mit den unterschiedlichsten Ausbildungen, Talenten und Bedürfnissen, die Sandy Oppliger als CEO der Bauknecht AG führen darf. Ursprünglich kam sie Anfang 2018 als Head of Sales zur Bauknecht AG. Doch zunächst war sie skeptisch: «Zuerst dachte ich, uh, Bauknecht, dieser Brand tönt für mich total verstaubt. Soll ich mich da wirklich vorstellen? Schnell merkte ich aber, dass es eine tolle Firma mit Spitzenprodukten ist. Das Problem war das staubige Image – eine Herausforderung, an der wir im Moment arbeiten.» Was Sandy Oppliger zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Die Bauknecht AG war gleichzeitig auf der Suche nach einer Stellvertretung und Nachfolge für den damals amtierenden CEO Stephan Gieseck. «Mein Recruiting war speziell. Es dauerte ein halbes Jahr, ich musste mich sechs Mal vorstellen – in verschiedenen Ländern versteht sich. Mein Mann meinte damals, wenn die so ein kompliziertes Verfahren für einen Head of Sales haben, was machen die, wenn sie einen CEO einstellen?»

Dann ging alles ganz schnell oder wie Sandy Oppliger selbst sagt: «Plötzlich CEO!» Nach sechs erfolgreichen Monatenals Head of Sales wurde der Rücktritt ihres Vorgängers bekannt gegeben. «Da erreichte mich am Abend eine WhatsApp-Nachricht von meinem Chef mit der Einladung zu einem Mittagessen. Ich dachte zuerst, sie wollen mir zu sechs Monaten bei Bauknecht gratulieren. Stattdessen fragten sie mich, ob ich die Stelle des CEO antreten möchte. Die Entscheidung war schnell gefällt – insbesondere, weil ich wusste, dass mein Mann hinter mir steht. Ich habe ihnen aber eine klare Ansage gemacht: Ich bin kein Nicker und sage, wenn mir etwas nicht passt.»

Als CEO hat Sandy Oppliger die Möglichkeit, die Bauknecht AG nach ihren Werten zu führen. «Schon als Head of Sales habe ich Probleme erkannt, die ich geändert hätte, wäre ich Chef gewesen. Nun habe ich die Möglichkeit dazu.» Es gab viele Neuerungen, die von den Mitarbeitern gut aufgenommen wurden. «Klar, es ist schwierig, alle 200 Mitarbeiter dazu zu motivieren, auf den Zug aufzuspringen. Andererseits sind sie froh, weht nun frischer Wind, egal von welcher Seite. Ich möchte, dass die Mitarbeiter wieder dem Gedankengut von Customer First folgen. Noch wichtiger ist mir, dass jeder Mitarbeiter als Erwachsener wahrgenommen wird, der das Beste für das Unternehmen will.» Für Sandy Oppliger ist es fundamental, den Mitarbeitern zu vertrauen. «Es ist nicht die Aufgabe eines Chefs zu kontrollieren, sondern den Mitarbeitern eine Aufgabe mit Zielen vorzugeben.»

Aus diesen Werten leitet sich Sandy Oppligers Vision für die Zukunft ab. «Mein Ziel sind 200 glückliche Mitarbeiter in fünf Jahren, damit jede und jeder gerne und mit Stolz in die Bauknecht arbeiten kommt. Ich möchte beweisen, dass Vertrauen und Motivation automatisch zum Erfolg führen, damit irgendwann ein Umdenken in den Führungsetagen stattfindet.» Diese Vision verfolgt Sandy Oppliger mit Freude und viel Engagement oder wie ihre Freunde sagen: «Sie nimmt sich gerade eine Auszeit von der Freizeit.»

So geht Rendite – ohne Gewähr

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Es ist Jahresende und damit Zeit, diverse Bilanzen zu ziehen.
Auch in Geldfragen. Tops und Flops im Anlageportfolio sollten analysiert und richtig interpretiert werden, so dass die Investitionsstrategie 2019 erneut oder endlich pralle Früchte treibt. WOMEN IN BUSINESS hat zwei Profis nach Tipps, Trends und Prognosen befragt.

Es war ein wilder Ritt, den uns die globalen Aktienmärkte 2018 teils vorgeführt haben. Einmal euphorisch in Rekordsphären aufsteigend, dann im Sauseschritt talwärts donnernd und sogleich wieder hoch. In Champagnerlaune stieg etwa die New Yorker Wall Street ins Jahr, wurde dann aber durch aufkeimende Ängste vor rasant steigenden Zinsen noch im Januar in eine Art Schockstarre versetzt. Es folgte nach temporären Kurszusammenbrüchen die Entwarnung der Notenbank, welche den längsten Bullenmarkt in der US-Börsengeschichte, ausgelöst bereits im März 2009, in die Verlängerung schickte.

Wenn die Wall Street Impulse setzt, zuckeln die globalen Aktienmärkte oft hinterher. Gleichzeitig durchlebten 2018 auch die EU-Börsen als Folge von Brexit-Verhandlungen, italienischen Schuldenbergen und Handelskonflikten mit den USA teils heftige Schwankungen. Davon tangiert wurden unweigerlich auch Schweizer Anleger. Vom Hüst-und-Hott-Kurs der vergangenen Monate etwas verunsichert, fragt man sich nun zu Recht: Wie geht es im Jahr 2019 weiter? Was haben wir zu erwarten?

Gezeitenwechsel der globalen Geldpolitik

Laut Finanz- und Anlageexperten gibt es verschiedene Entwicklungen, die das Börsenjahr 2019 prägen dürften. Aus Sicht von Matthias Geissbühler, Chief Investment Officer bei Raiffeisen Schweiz, dürfte das bevorstehende Jahr einen «Gezeitenwechsel in der globalen Geldpolitik» bringen. Seit der Finanzkrise 2008/2009 hätten die Notenbanken die Märkte mit Geld geflutet und die Zinsen auf null oder gar in den negativen Bereich gesenkt. «Als Folge haben praktisch alle Anlageklassen stark zugelegt und zeitweise neue Rekordstände erreicht.»

Dieser Rückenwind durch die Notenbanken werde in den kommenden Monaten nun jedoch nachlassen. Der Raiffeisen-Experte rechnet mit einem schwierigen und deutlich volatileren Börsenjahr. «Nach den bereits sieben erfolgten Zinsanhebungen durch die amerikanische Notenbank – 2019 werden ziemlich sicher weitere folgen – dürften spätestens im Herbst 2019 auch die europäische Zentralbank und die Schweizerische Nationalbank mit den ersten Zinserhöhungen nachziehen», so seine Prognose. «Damit wird eine wichtige Stütze für die Finanzmärkte wegfallen.» Anleger müssen sich laut Geissbühler ohnehin bewusst sein, dass nach einem derart nachhaltigen Konjunkturaufschwung mit massiver Börsenhausse, wie in den letzten Jahren erlebt, irgendwann wieder eine Rezession folgen werde. «Für Investoren ist es ratsam, die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen, entsprechende Warnzeichen frühzeitig zu erkennen und danach zu handeln.»

Steigende Zinsen seien grundsätzlich schlecht für Obligationenanleger, weshalb mit dieser Anlageklasse 2019 eher wenig zu holen sei, wird der Raiffeisen-Experte konkret. Auch bei den Aktien zeichnet Geissbühler ein durchzogenes Bild. «Einerseits entwickelt sich die globale Konjunktur zwar noch positiv, was insgesamt auch noch leicht steigende Unternehmensgewinne nach sich ziehen dürfte.» Gegenüber den Vorjahren werde die Dynamik aber spürbar nachlassen. Zudem sei infolge des Zinsanstiegs auch unweigerlich mit einer Bewertungskorrektur zu rechnen. «Vor diesem Hintergrund raten wir zu einer eher defensiven Positionierung.»

Für interessant hält der Raiffeisen-Experte beispielsweise Basiskonsumgüteraktien und Gesundheitswerte, da diese in der Regel über stabile Geschäftsmodelle verfügen würden. «In der Schweiz zählen Aktien wie Nestlé und Novartis zu unseren Favoriten.» Bei der Aktienselektion sollte zudem ein besonderes Augenmerk auf solide Bilanzen und attraktive Dividendenrenditen gelegt werden. Eher Vorsicht ist aus seiner Sicht gegenüber zyklischen Sektoren geboten.

Attraktive Prognosen für 5G und Wandelanleihen

Auch für Petra Schmidli-Tröndle, Partnerin bei der Privus AG Vermögensverwaltung in Zürich, taucht am Anlegerhorizont im Hinblick auf 2019 die eine oder andere graue Wolke auf. Gleichwohl ist aus ihrer Sicht verhaltener Optimismus angezeigt. Auch die Finanz- und Anlageexpertin ist überzeugt, dass sich das Gewinnwachstum der Unternehmen, allen voran in den USA, 2019 verlangsamen werde. Dies spreche aus Sicht der Anleger eher für defensive Branchen und Titel. Dabei hat sie ihre klaren Präferenzen. «In unserer Auswertung der Berichtssaison zum dritten Quartal 2018 ist aufgefallen, dass der Gesundheitssektor in Sachen Gewinnprognosen ganz vorne rangiert.» Dieser Fakt veranlasse deshalb auch sie zu einer zuversichtlichen Prognose für diesen Sektor. «Wir investieren im Hinblick auf 2019 beispielsweise in Novartis, Straumann und Siemens Healthineers. In den USA betrachten wir Pfizer als attraktiven Gesundheitstitel. Eher vorsichtig sind wir derweil gegenüber zyklischen Konsumgütern gestimmt.»

Ganz generell gibt die Vermögensverwalterin Anlegern den Tipp, die Finger zu lassen von Unternehmen, die in Sachen Standards hinsichtlich Ethik und Nachhaltigkeit nicht überzeugen können. «Man sollte bei der Auswahl eines Titels aktiv prüfen, ob er beim ESG-Rating, das für Environmental, Social und Governance steht, ein gewisses Mindestmass einhält.» Für immer mehr institutionelle, aber auch private Anleger seien Ethik und Nachhaltigkeit bei der Zusammensetzung des Portfolios zu einer Vorbedingung geworden. «Unternehmen, die hier nicht überzeugen können, werden tendenziell aus den Anlageuniversen verschwinden, mit entsprechend negativer Auswirkung auf die jeweiligen Aktienkurse.»

Als weiteres höchst interessantes Anlagethema für 2019 nennt Petra Schmidli-Tröndle den aktuellen Aufbau des neuen Mobilfunkstandards 5G. «Autonomes Fahren, neue Anwendungen in der Medizin, Internet der Dinge, Industrie 4.0 etc. machen eine schnellere und stabilere Technologie, welche die Geräte und Applikationen auch direkt verbindet, nötig.» Die 5G-Technologie werde in den kommenden Jahren daher ein wichtiger Wachstumstreiber sein. Unternehmen wie Anbieter von drahtlosen Kommunikationsdienstleistungen, Hardwarelieferanten für Datenkommunikationsnetzwerke, Hersteller von entsprechender Soft- und Hardware und solche, die für den Bau und die Wartung von Telefonmasten besorgt sind, werden laut Schmidli-Tröndle davon profitieren und zahlreiche Anleger anlocken.

Grundsätzlich ist die Vermögensverwalterin überzeugt, dass im aktuellen Umfeld Wandelanleihen für 2019 eine gute Anlagewahl sein dürften. «Sie bieten eine gewisse Sicherheit, enthalten aber auch ein attraktives Gewinnpotenzial.» Denn im Gegensatz zu herkömmlichen Anleihen (Obligationen) können Wandelanleihen selbst bei steigender Inflation positive Erträge abwerfen. «Mit Wandelanleihen können Anlegerinnen und Anleger also gegebenenfalls auch profitieren, sollten sich die Aktienkurse weiterhin positiv entwickeln.»

Eher auf Gold und «Cash» statt Immobilien setzen

Auch Matthias Geissbühler sieht für 2019 durchaus attraktive Alternativen für Anleger, die von einer Dominanz der Aktien wegkommen wollen. «Bei uns gehören etwa Hedge Funds, Edelmetalle oder Rohstoffe in diese Kategorie.» Besonders Gold dürfte aus Sicht des Raiffeisen-Experten 2019 durchaus ein heisser Tipp sein. Die wachsenden Unsicherheiten betreffend Konjunkturentwicklung und Entwicklung der globalen Handelsstreitigkeiten würden dem gelben Metall mit Sicherheit Auftrieb geben. «Wir empfehlen deshalb eine Allokation von gut fünf Prozent in einem Portfolio.» Auch ist Geissbühler der Meinung, dass sich im Hinblick auf 2019 zumindest kurzfristig eine etwas höhere Liquidität aufdränge, um sich eröffnende Opportunitäten rasch nutzen zu können.

Was den Schweizer Immobilienmarkt betrifft, mahnt Geissbühler indes eher zur Vorsicht. «Direkt in Renditeliegenschaften zu investieren, halten wir bei den aktuellen Renditeniveaus eher für risikoreich und würden deshalb abraten.» Der Grund: Die Leerwohnungsziffer steigt permanent und hat im laufenden Jahr von 1,45 Prozent auf 1,62 Prozent zugenommen. Aktuell sind etwa 72‘000 Wohnungen leerstehend, nach 64‘000 im Vorjahr. «Die nachlassende Zuwanderung und der Fakt, dass in einigen Agglomerationen mit Neubauten übertrieben wurde, mahnt zur Vorsicht», bestätigt auch Petra Schmidli-Tröndle. Sie geht davon aus, dass sich sowohl im privaten wie auch gewerblichen Immobilienmarkt die Leerstandquoten 2019 weiter erhöhen werden.

Beide Experten sind gleichwohl überzeugt, dass sich das Hypothekarzinsniveau auch im nächsten Jahr auf einem anhaltend tiefen Niveau bewegen wird. Der Traum von Eigenheim dürfte deshalb nach wie vor für viele Schweizerinnen und Schweizer attraktiv und realisierbar bleiben. Immerhin eine Sicherheit im Dschungel der Fragen, Risiken und Ungewissheiten, die das Geld- und Anlagejahr 2019 aus heutiger Sicht prägen. ★

 

Anlageprognosen: Irrtümer gehören zum Geschäft

Was die Entwicklung der Finanz- und Kapitalmärkte betrifft, sind Prognosen grundsätzlich mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen. Die diversen Einflussfaktoren sind extrem komplex und ändern sich laufend. Zudem kommen oft schwer prognostizierbare politische Einflüsse hinzu, welche das anlagepolitische Umfeld stark verändern können. «Ganz wichtig ist, dass Anlageentscheidungen immer auf einer rational beurteilbaren Basis gefällt werden», meint dazu Petra Schmidli-Tröndle. Unbedingt zu vermeiden seien beispielsweise Wetten auf binäre Ereignisse, beispielsweise den Ausgang von Wahlen. Da es nie eine hundertprozentige Sicherheit gebe, könne man bei Prognosen mit prozentuellen Wahrscheinlichkeiten arbeiten.

Welches sind aus Sicht der Vermögensverwalterin nennenswerte Beispiele von Irrtümern und falschen Prognosen? «Nach der Wahl von Donald Trump floss kurzfristig viel Geld in ‹Old-Economy-Aktien› wie Caterpillar oder Fluor, die vom vermeintlichen ‹Wiederaufbau der US-Infrastruktur› profitieren sollten. Daraus ist aus verschiedenen Gründen nichts geworden. Caterpillar notiert in diesem Jahr mit minus 21 Prozent, Fluor mit minus 16 Prozent, während der S&P500 Index ein kleines Plus verzeichnet. Im Gegensatz dazu hat es sich bezahlt gemacht, auf die Steuersenkungsprofiteure, ein weiteres Wahlversprechen von Donald Trump, zu setzen. Zum Beispiel entwickelten sich Apple (+10%), Walt Disney (+7%) und Microsoft (+22%) alle klar besser als der Index.»*

*Stand der im Zitat genannten Kurse: 19.11.2018

Frauen, traut Euch!

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Frauen erobern langsam, aber stetig die Führungsetagen und übernehmen in der Businesswelt immer mehr Verantwortung. Doch wenn es darum geht, ihr eigenes Geld zu investieren, herrscht vielerorts weibliche Zurückhaltung. Die beiden ehemaligen Bankerinnen Clara Creitz und Caroline-Lucie Ulbrich wollen das ändern.

WOMEN IN BUSINESS: Wie sind Sie auf das Thema Finanzen für Frauen gekommen?
Clara Creitz: Wir haben uns bei einer Bank kennengelernt und festgestellt, dass sich selbst dort viele Frauen, obwohl sie vielmehr Zugriff auf entsprechende Informationen haben, wenig oder gar nicht mit dem Thema Finanzen auseinandersetzen. Das wollten wir näher ergründen. Im Dezember 2017 haben wir eine Online-Umfrage durchgeführt. Das Resultat: Viele Frauen wollen investieren, sie wissen aber nicht, wo sie starten sollen. Und da Frauen tendenziell risikoaverser sind als Männer, führt dies dazu, dass sie weniger investieren. Aber in Studien hat man festgestellt, dass Frauen meist langfristiger und besser investieren.

War diese Umfrage der Startpunkt für Finelles? Haben Sie sofort Ihre bisherigen Jobs gekündigt? Wenn man Ihre Geschichte liest, hat man den Eindruck, das alles geschah innert weniger Wochen. Nicht ganz. Ich hatte schon gekündigt, da ich mir eine Auszeit nehmen und mich im Anschluss umorientieren wollte. Caroline hingegen war auf einem Projekt und hat dieses noch ein Stück begleitet. Daher haben wir ungefähr drei, vier Monate die ersten Ideen und Recherchen nebenbei gemacht. Und als wir dann beide die Zeit hatten, uns dem Thema Vollzeit zu widmen, haben wir einige Konzepte – wie etwa die Online-Kurse – ins Leben gerufen. Das war natürlich auch Glück, dass wir uns für ein paar Monate komplett dem Projekt widmen konnten. Da eine neue Selbständigkeit sehr viel Durchhaltevermögen und Zeit braucht, arbeiten wir derzeit beide wieder auf einem Projektmandat, während wir uns parallel um Finelles kümmern.

Gab es keine Möglichkeiten, diese Ideen innerhalb Ihres bisherigen Unternehmens im Rahmen des Stellenprofils zu realisieren?
Durchaus haben einige Banken, wie die UBS oder die Bank CLER, Initiativen, die auf Frauen fokussiert sind. Allerdings haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Frauen eine unabhängige Einschätzung oft bevorzugen, weil sie den Angeboten nicht immer vertrauen. Hinzu kommt aber, dass unser Fokus vielmehr auf dem Bildungsgedanken liegt und eben nicht auf der Produktebene oder dem Verkaufszweck. Unsere Vision ist es, das Thema Finanzen salonfähig und für Frauen attraktiver zu machen – damit es ein Alltagsthema wird, über welches sie gerne sprechen. Dafür haben wir einige neue Ideen.

Und wie genau soll das funktionieren? Für uns ist der Community-Gedanke sehr wichtig. Frauen sind mindestens genauso gut wie Männer in der Lage, zu investieren. In der Community können Frauen ihre entsprechenden Erfahrungen teilen, und das motiviert andere Frauen. Zudem bieten wir Online-Kurse zu diversen Finanzthemen an wie «Persönliche Finanzen» oder «Investieren», die jede Frau in ihrem Tempo bearbeiten kann.

Warum ist es für Frauen so wichtig, sich um die eigenen Finanzen zu kümmern?
Da gibt es mehrere Gründe. Erstens können sich Frauen bei einer Scheidungsrate von rund 40 Prozent nicht darauf verlassen, dass der Lebenspartner beim Thema Finanzen den Durchblick hat und diese Rolle auf ewig weiterführt. Zweitens gehört es dazu, für sich selber Verantwortung zu übernehmen, aber auch gewisse Lebensziele zu verwirklichen, sei es zum Beispiel für die Rente oder auch, um möglichen Engpässen vorzubeugen. Und schliesslich sind wir der Überzeugung, dass man bei sorgfältigem Umgang mit den eigenen Finanzen seine Lebensziele besser und sicherer erreicht.

Kommen wir zum Thema Investieren zurück. Wo soll man beginnen, wenn man sich dem Thema nähern möchte, aber eben noch nicht über fundiertes Wissen darüber verfügt? Das A und O ist natürlich, sich des Themas anzunehmen und dafür zu interessieren. Welche Anlageklassen gibt es? Da gibt es Aktien, Anleihen, Fonds oder auch Rohstoffe. Wir sind der Ansicht, dass Investieren keine Hexerei ist, es wird meist komplizierter dargestellt, als es tatsächlich ist. Daher ist unser Rat: einfach mal anfangen. Das nötige Grundwissen kann man sich durch Bücher, wie zum Beispiel «Worth it» von Amanda Steinberg, oder auch durch Trainings aneignen. Was das Investieren selbst angeht, so muss man entgegen aller Vorurteile keine hohen Summen anlegen oder ein hochkomplexes Portfolio entwickeln. Beispielsweise kann man mit ETFs (Exchange Traded Funds), das sind an der Börse gehandelte Fonds, die meist auf einem Aktienindex basieren, kostengünstig beginnen. Viele Banken bieten ETFs nicht unbedingt aktiv an, da sie im Vergleich zu aktiv betreuten Fonds weniger Umsatz bringen beziehungsweise teurer sind. Dafür bieten Online-Broker wie Swissquote ETFs mittlerweile sogar mit einem Sparplan an. Damit kann man monatlich einen gewissen Betrag sofort anlegen. Wem das zu viel Arbeit ist, der kann alternativ auch zu einem Robo Advisor (z.B. Swissquote, True Wealth oder Scalable Capital) gehen, hier wird das Geld auch mit ETFs investiert, was das Angebot günstiger macht. Robo Advisor sind Vermögensberater, die mit einem Algorithmus das Geld, basierend auf dem eigenen Risikoprofil, bestimmen und investieren. Marktschwankungen werden vom Algorithmus aufgenommen und dieser passt das Portfolio dann entsprechend an. Wer mit ETFs investiert, sollte sich natürlich bewusst sein, dass dies eine langfristige (min. 10–15 Jahre) Anlagestrategie mit sich bringt. Und wenn es noch etwas Mut braucht, einfach mit kleineren Beträgen anfangen.

Welche beruflichen Erfahrungen und Expertisen bringen Sie beide mit?
Caroline hat rund 15 Jahre primär in der Organisationsberatung bei Banken oder Unternehmensberatungen gearbeitet. Ihre Erfahrung im Bereich Finanzen und Investieren hat sie in der praktischen Umsetzung entwickelt wie auch dadurch, dass sie häufig mit Freunden oder Bekannten ein Depotkonto und ein Portfolio für sie aufsetzt. Meine Kernkompetenzen liegen in der Personalentwicklung. Ich habe unter anderem als Trainerin für Kundenberater bei einer Grossbank gearbeitet und dort Verkaufs- oder Produkttrainings durchgeführt. Vertieften Einblick in die Welt der Produkte habe ich in der internen Beratung bei der Optimierung von Bankprozessen erhalten. Und ich beschäftige mich auch privat gern mit dem Thema Finanzallgemeinbildung (Financial Literacy) und hoffe, dass sich auch die Schulen zukünftig vermehrt dem Thema Finanzen widmen und dies zu einem festen Bestandteil des Unterrichts machen.

Damit haben Sie ja dann den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Was war das Schwierigste beim Aufbau von Finelles? Für uns war es sicherlich das Umdenken, dass wir nicht mehr in einem grossen Unternehmen arbeiten. Wir waren auf uns selbst gestellt und eigneten uns sehr schnell neue Expertise an, etwa im Aufbau einer starken Marke, Online Marketing, Pitchen und so weiter. Zum anderen war der Fokus auf die Strategie nicht einfach. Am Anfang haben wir uns manchmal verzettelt, weil wir beide eher leicht zu begeistern sind. Doch wir haben gelernt, uns Schritt für Schritt nach vorne zu arbeiten. Uns hilft dabei, dass wir lange als Beraterinnen tätig waren.

Warum ist der Frauenanteil bei den Unternehmensgründungen immer noch geringer als der der Männer? Ähnlich wie beim Investieren sind Frauen risikoaverser und müssen sich absolut sicher sein, bevor sie etwas anfangen. Beim Gründen geht es aber nicht immer darum, alles zu wissen, sondern um das Doing. Einfach starten, nicht zu perfektionistisch sein. Das ist übrigens beim Investieren auch so. Wir sehen, dass mehr und mehr Frauen sich trauen. Das ist super! Und es ist toll, wenn mehr Frauen darüber berichten.

Was würden Sie anderen Frauen raten, die mit der Idee spielen, ein Startup zu gründen?
Erst einmal sollte man damit beginnen, die Idee genauer zu definieren. Dann mit vielen anderen darüber reden. Da kommen noch viel mehr Ideen und Feedbacks zusammen. Man darf dabei keine Angst haben, dass einem jemand die Idee klaut, denn am Ende geht es nicht primär um die Idee, sondern um deren Umsetzung. Und ganz wichtig: eine gute Mitgründerin finden!

 

Über Finelles und die Gründerinnen

Clara Creitz und Caroline-Lucie Ulbrich lernten sich über ihren Job kennen: Beide arbeiteten bei einer Grossbank. Sie freundeten sich an und ihre Gespräche drehten sich immer öfter um Frauen und ihr Verhalten in Bezug auf Finanzen. Dabei hatten sie in ihrem jeweiligen Umfeld sehr ähnliche Erfahrungen gemacht: Die meisten ihrer weiblichen Bekannten und Freunde waren sehr moderne und engagierte Frauen, die ihr Leben erfolgreich managen und hervorragende Arbeit leisten, die aber ihre Finanzen und ihre Investitionen leider keineswegs mit derselben Selbstverständlichkeit zu meistern scheinen.

Eine Online-Umfrage, welche die beiden Frauen Ende 2017 initiierten, bestätigte diesen Eindruck: Frauen sparen zwar, aber sie scheuen sich, dieses Geld dann zu investieren. Der Knackpunkt liegt jedoch weniger darin, dass Frauen eine Aversion dagegen hätten, ihr Geld für sich arbeiten zu lassen – vielmehr fehlt das Wissen, wo man anfangen sollte. Die beiden Expertinnen suchten nach Lösungen und gründeten Finelles, eine Online-Lerngemeinschaft zu persönlichen Finanzen, zu den Grundlagen des Investierens und zu Karrierethemen. Ihre Vision ist es, Frauen dabei zu unterstützen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, indem sie sich das erforderliche finanzielle Know-how aneignen.

Mit interessanten und verständlichen Artikeln zu diversen Finanzthemen und einer Online-Lerngemeinschaft, aber auch Veranstaltungen wie Finanz-Bootcamps und Workshops möchte Finelles Frauen den Zugang zur Finanzwelt erleichtern und sie ermutigen, richtig zu investieren.

Bild Finelles

Evelyne Binsack

Posted by WOMEN IN BUSINESS

«Motivation bedeutet, nicht immer nur das zu tun, was einem auch Freude macht, sondern das Ziel, das einen fasziniert, hartnäckig zu verfolgen.» Diplom-Bergführerin, Helikopterpilotin, Extrem-Bergsteigerin und Bestseller-Autorin:
Evelyne Binsack ist Abenteurerin aus Leidenschaft.

Sie war erste Schweizerin auf den «drei geografischen Polen»: dem Gipfel des Mount Everest, dem Süd- und dem Nordpol. «Jahrelanges Training ist die Voraussetzung, um zur Physis und zum Know-how für Abenteuer dieser Formate zu gelangen», sagt Evelyne Binsack dazu. Sie gehört international zu gerade mal einer Handvoll Frauen, die im Bereich Abenteuer durch physische Leistungen herausragt.

Nach dem Schulabschluss startete sie ihren Weg mit einer Ausbildung als Sportartikel-Verkäuferin und verfolgte gleichzeitig eine sportliche Laufbahn in der Leichtathletik. Doch dann faszinierte sie das Zusammenspiel als Team am Berg, welches völlig im Kontrast zum Gegeneinander bei Einzelwettkämpfen im Laufsport stand. Sie verstand sehr schnell, dass es für das Überleben in der Steilwand essenziell wichtig ist, die Gesetze der Natur zu respektieren und die physischen sowie mentalen Fähigkeiten unermüdlich zu trainieren.

Eine weibliche Pionierin

1991 absolvierte Evelyne Binsack als eine der ersten Frauen Europas die Ausbildung zur diplomierten Bergführerin. Alleine und abermals als erste Schweizer Frau erreichte sie am 23. Mai 2001 den höchsten Punkt der Erde, den Gipfel des 8848 Meter hohen Mount Everest. Die Eiger-Nordwand durchstieg sie insgesamt dreimal: zuerst mit 22 Jahren im Winter bei minus 17° Celsius durch die Heckmair-Route, dann seilfrei und im Alleingang durch die Lauper-Route und letztlich erneut durch die Heckmair-Route, im Team für einen Dokumentarfilm, der den Fernsehpreis erhielt («Eiger-Nordwand live»).

Doch ihre grösste Herausforderung war das Extrem-Abenteuer, das sie zwischen 2006 und 2008 bewältigte: Als einziger Mensch der Welt erreichte sie den Südpol in purem Stil: zuerst per Fahrrad von der Schweiz aus bis zum Südzipfel Chiles. Dann weiter zu Fuss und ohne Aussenunterstützung mit Ski und Schlitten durch den kältesten Kontinent der Welt, die Antarktis, bis zum Südpol. Diese «Expedition Antarctica» führte sie durch 16 Länder auf vier verschiedenen Kontinenten, bis sie nach 484 Tagen und 25‘000 Kilometern am Südpol ankam.

Einschneidende Erlebnisse verarbeiten

Zwei Jahre danach dann der Einbruch. Als sie 2010 abermals einen Achttausender besteigen wollte, musste sie feststellen, dass zwei Jahre nach der kräfteraubenden Expedition ihr Körper plötzlich nicht mehr bereit war, diese Extremleistung zu vollbringen. Die Freude daran war verschwunden. Evelyne Binsack beschloss, eine Dokumentation über die Willenskraft des Menschen zu realisieren. 2013 brach sie zum Mount Everest auf, um vor Ort herauszufinden, was den Menschen antreibt, dieses hohe Ziel, das Besteigen des höchsten Gipfels der Welt, zu erreichen.

Das Projekt wurde zur Tragödie: Evelyne Binsack verlor einen guten Freund, der abstürzte, und geriet selber in eine Eislawine. Sie überlebte, erlitt aber infolgedessen eine schwere Entzündung der Bronchien durch den Eisstaub. Den Gipfel erreichte sie deshalb nicht, doch die Alpinistin kam zu der Erkenntnis, dass trotz ihrer Willenskraft der Überlebenswille stärker gewesen war. Das scheinbare Scheitern hat so also auch eine gute Seite.

2016 startete die diplomierte Bergführerin zu ihrem dritten Pol, dem Nordpol. Am 12. April 2017 erreichte sie ihr Ziel nach 105-tägiger Expedition. «Gesund. Erschöpft. Glücklich», wie es auf ihrer Website heisst. Evelyne Binsack ist damit zu einer der erfolgreichsten Extremsportlerinnen und Abenteurerinnen der Welt geworden. Die Grenzgängerin gibt ihre Erfahrung weiter in vielen Vorträgen zum Thema Motivation, Willenskraft, Risikomanagement und Grenzen sprengen. ★

Pionierinnen der Zukunft

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Vor vier Jahren wurde die virtuelle Denkplattform «Female Shift» gegründet mit dem Ziel, neue Lösungsansätze in Bezug auf Krisen und Konflikte zu erarbeiten. Hinter dem Projekt stehen die Trendspezialistin und Wirtschaftsethikerin Monique Siegel (79) sowie die Unternehmerin Rosmarie Michel (87).

WOMEN IN BUSINESS: Ihr Thinktank «Female Shift» beschreitet neue Wege im Zusammenhang mit der Geschlechterrolle. Welche Idee verfolgen Sie konkret? Monique Siegel: Vor einigen Jahren wurde mir bewusst, dass wir uns in der Geschichte der Menschheit noch nie mit einer solchen Dichte und Parallelität von Krisen konfrontiert gesehen haben wie in unserer Zeit, was neue Lösungswege voraussetzt. Mit Unterstützung meiner langjährigen Wegbegleiterin Rosmarie Michel habe ich den virtuellen Verein «Female Shift» gegründet mit Einbezug männlicher und weiblicher Sichtweisen. Dabei habe ich mich vom Club of Rome inspirieren lassen, der internationalen Denkfabrik für Zukunftsfragen zur Umwelt.

Rosmarie Michel: Dank dem Förderbeitrag der OPO-Stiftung, die sich auf gemeinnütziger Basis für wissenschaftliche Forschung einsetzt, war die finanzielle Situation erst mal gesichert.

Handelt es sich um ein weiteres weibliches Netzwerk? Monique Siegel: Auf keinen Fall, denn eine Vernetzung steht nicht zur Debatte. Auch verfolgen wir keine karitativen Projekte und betrachten uns ebenso wenig als Karriereförderinnen. Vielmehr spielen neue Impulse im Hinblick auf die Zukunft eine wesentliche Rolle. Wir stellen unser System infrage und möchten Probleme mithilfe neuer Denkformen und unverbrauchter Kräfte angehen. Dazu gehören hauptsächlich unsere bestausgebildeten Frauen. Gute Voraussetzungen sind vorhanden, aber die Krux liegt in der Unternehmenskultur.

Das heisst, Männer geniessen noch immer Vorrang? Monique Siegel: Sie erhalten im Rahmen von Sitzungen mehr Aufmerksamkeit, und ihre Lösungsvorschläge werden in der Regel höher bewertet als jene der Frauen. Männer möchten gerne rasche Lösungen erarbeiten, während Frauen mehr Zeit benötigen und oft die näheren Umstände, welche zu einer bestimmten Entwicklung geführt haben, beleuchten möchten. Nachhaltige Ideen sind gefragt und inzwischen ist auch bewiesen, dass die Rendite in gemischten Teams höher ist.

Rosmarie Michel: Frauen in Entscheidungsfunktionen müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und sich nicht anpassen. Entsprechend ist Selbstbewusstsein gefragt. Das gelingt am besten, wenn man nicht an sich selbst denkt und stattdessen einen allgemeinen Beitrag leistet. Diese Anschauung möchten wir weitergeben, indem wir Frauen in Entscheidungsprozesse involvieren und sie motivieren, ihre Erkenntnisse umzusetzen. Das ist allerdings kein Kinderspiel.

Sie liefern quasi eine Anleitung zum zielgerichteten Denken? Monique Siegel: Wir vermitteln Denkanstösse und setzen auch Themen ins Zentrum, die bislang in der Öffentlichkeit kaum diskutiert worden sind. Hinzu kommt, dass Frauen und Männer auf Augenhöhe miteinander kommunizieren müssen. Wir setzen bewusst auf die Unterschiede und das führt gelegentlich auch zu einem gewissen Befremden, da sich viele Netzwerke eher um Gleichschaltung bemühen. Weder die männliche noch die weibliche Optik muss geopfert werden. Mit grosser Wahrscheinlichkeit handelt es sich aber nicht um endgültige Entscheidungen, sondern um eine Basis, die ein ungefiltertes Denken ermöglicht. Mit anderen Worten: Wir«verkaufen» Innovation anstelle von Frauenförderung.

Die weibliche Optik scheint in der Politik jedoch immer mehr an Bedeutung zu gewinnen. Besteht das Ziel darin, möglichst viele Frauen in die Landesregierung zu hieven? Monique Siegel: In der Regierung stehen immer mehr Entscheidungen an, die auch einen weiblichen Input benötigen. Ich wünsche mir zwei weitere Magistratinnen. Dennoch sprechen wir uns nicht für eine Quote aus.

Rosmarie Michel: Derzeit stellen sich für das Amt des Bundesrates zahlreiche valable Kandidatinnen zur Verfügung, und diese Chance gilt es zu nutzen.

Die Männer dürften Sie auf Ihre Seite ziehen, wenn diese registrieren, dass sich Ihre Denkfabrik gegen die Frauenquote ausspricht.
Monique Siegel: So ist es, aber auch viele Frauen betrachten unsere Philosophie mit Interesse. Wir setzen uns auch für die neuen Väter ein. Eine Quote bewirkt zudem keine Systemveränderung. Sie ist vielmehr Symptombekämpfung und keine Ursacheneliminierung.

Ihre virtuelle Plattform verfolgt den Ansatz, dass anstehende Probleme im Allgemeinen nicht von staatlichen Stellen, sondern mit Eigeninitiative gelöst werden. Frauen wird indes immer wieder Passivität vorgeworfen. Woran liegt das? Monique Siegel: Wir haben uns zu viele Jahrzehnte lang beklagt, anstatt etwas zu unternehmen. Zudem muss das Vokabular unserer Zeit berücksichtigt werden. Vergangenheitsfragen müssen nicht ständig aufs Neue thematisiert werden.

Weitgehend unverändert ist die Lohnungleichheit. Ärztinnen verdienen beispielsweise rund 29 Prozent weniger als ihre männlichen Berufskollegen. Wie lässt sich eine Verbesserung erzielen? Monique Siegel: Das ist kein erfreuliches Resultat, aber die Situation ist nicht in sämtlichen Branchen dieselbe. Der Erklärungsnotstand der Firmen, die keine Frau im obersten Gremium beschäftigen, wird allerdings zunehmend grösser. Frauen müssen für ihre Rechte einstehen und keinerlei Konfrontationen scheuen.

Rosmarie Michel: Das Ziel sollte darin bestehen, nicht nur zu fordern, sondern in erster Linie zu überzeugen. Wer nur reklamiert, sieht sich mit Gegnern konfrontiert. Die Lohndifferenz im Bereich der Medizin ist bedauerlich, doch es dürfte einiges in Bewegung kommen: Prof. Dr. Beatrice Beck Schimmer vom Institut für Anästhesiologie am Universitätsspital Zürich wurde 2016 durch den Ausschuss des Stiftungsrats ins Forschungsratspräsidium des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gewählt. Sie ist dort verantwortlich für den Fachausschuss Karrieren.

Ist es grundsätzlich nicht sinnvoll, neue Gesetze zu schaffen, wenn sich in den Köpfen nichts ändert? Monique Siegel: Das trifft zu. Wir möchten das Bewusstsein fördern für gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen. Bestimmte Umstände und Veränderungen müssen genauer erforscht werden. Frauen sollten sich zudem das beste Verhandlungstraining leisten.

Rosmarie Michel: Die Frauenfrage ist auch eine Frage der Erziehung. Ich gehörte seinerzeit zu den einsamen Frauen im Verwaltungsrat.

Wie haben Sie die Frauenproblematik seinerzeit erlebt? Rosmarie Michel: Ich habe stets Verbündete gehabt und Allianzen gebildet. Auch stellte ich fest, dass sich die Aktionärinnen und Mitarbeiterinnen stets an mich wandten. Das Zuhören spielt eine wichtige Rolle. Ich hatte seinerzeit das Privileg, in einem Elternhaus aufzuwachsen, in welchem Frauen selbstverständlich Führungsaufgaben übernommen haben. Meine weiblichen Vorfahren waren als Kleinunternehmerinnen tätig.

Wie haben Sie sich als Verwaltungsrätin unter lauter Männern durchgesetzt? Rosmarie Michel: Ich bezeichne mich als Muttertyp, und mit meinen 1,57 Metern wirke ich auch nicht allzu bedrohlich (lacht).

Monique Siegel: Wenn sich Rosmarie Michel zu Wort meldet, sieht die Situation allerdings anders aus (lacht).

Rosmarie Michel: Ich konnte das nötige Vertrauen wecken, und die männlichen Berufskollegen haben mir in der Kaffeepause oft ihre Sorgen anvertraut. Neuen Herausforderungen bin ich offen gegenübergestanden, auch habe ich das Gespräch mit den Medien nicht gescheut. Als ich seinerzeit mit der Maori-Königin in Neuseeland über den roten Teppich stolzierte, stiess dies auch auf mediales Interesse, das ich zu nutzen wusste.

Monique Siegel: Meine Mutter betrachte ich als Vorbild, weil sie eine selbstständig denkende Frau war und mich in Berlin alleine grossgezogen hat, als mein Vater in den Krieg gezogen ist. Ich habe nie daran gezweifelt, mich als Frau durchsetzen zu können. Allerdings bin auch ich gescheitert. Als ich bei Orell Füssli eine Stellung übernehmen sollte, krebsten die Verantwortlichen zurück mit der Begründung, dass man sich eine Frau in einer höheren Position doch nicht leisten könne. Das war 1980. Das führte dazu, dass ich mich im Bereich der Frauenbildung stark engagierte. Später erteilte ich als einzige Frau Rhetorikseminare bei der damaligen PTT. Schon zu jener Zeit erwähnte ich die Privatisierung, die damals noch kein Thema war.

Stichwort Frauen: «Female Shift» ist die Bezeichnung für einen der wichtigsten Megatrends. Wie entsteht ein solcher? Monique Siegel: Indem man sich wachsam zeigt gegenüber Veränderungsschritten. Die Flexibilität und die Neugier stehen im Zentrum. Man muss den Mut aufbringen, sich mögliche Zukunftsszenarien vorzustellen. Männer werden zum Beispiel eines Tages auch akzeptieren, dass manche Frauen laut Studien gar bessere Programmiererinnen sind. Aber auch nicht berufstätige Frauen lernen, Lösungen herbeizuführen, indem sie mit ihren Kindern eine gemeinsame Freizeitstrategie entwickeln. Das gilt übrigens auch für Männer, die nicht lediglich auf den Beruf setzen.

Also Schluss mit Geschlechterkampf? Monique Siegel: Unbedingt, denn dieser stellt eine Vergeudung unserer Kräfte dar. Die jungen Väter erhoffen sich, dass sie selbstbestimmter arbeiten können. Die Vollzeitbeschäftigung dürfte allmählich zum aussterbenden Modell gehören. Microsoft beispielsweise bietet für Mütter auch Homeoffice an. Das zeigt, dass ein Umdenken stattgefunden hat.

Welche Zukunftsfragen stehen im Vordergrund? Monique Siegel: Wir würden gerne wissen, wie sich Frauen den Konsum in den nächsten zwanzig Jahren vorstellen, was für sie Nachhaltigkeit im Alltag bedeutet, was sie verändern würden, wenn sie eine Stadt planen könnten im Zeitalter der Verdichtung. Neue experimentelle Wohnformen bestimmen unsere Zukunft, und dieser wichtige Bereich muss aufgewertet werden.

Welche weiteren Pläne verfolgt die Denkplattform «Female Shift»? Rosmarie Michel: Wir werden den Mitgliederbestand auf der Basis eines Leistungsausweises weiter vergrössern. Firmenmitglieder dürften demnächst den Austausch mit uns suchen, und überdies soll der interaktive Dialog gefördert werden. Meine Aufgabe wird darin bestehen, die Finanzierung zu sichern und in absehbarer Zeit nach Nachfolgerinnen Ausschau zu halten. ★

 

Über Female Shift

Der unabhängige Thinktank www.femaleshift.org engagiert sich für Entwicklungsmöglichkeiten aus frauenspezifischer Sicht, indem er frühzeitig relevante Themen definiert und Lösungsansätze aufzeigt. «Female Shift» ist die Bezeichnung für einen der wichtigsten Megatrends: Frauen haben ihre männlichen Berufskollegen bezüglich Bildung weltweit überholt.

Über Monique Siegel

Monique Siegel (www.siegel.ch) wurde 1939 in Berlin geboren und absolvierte ein Germanistikstudium an der Columbia University und New York University. 1971 siedelte sie in die Schweiz über und wurde Rektorin bei der AKAD. Es folgte ein Studium an der Universität Zürich in Angewandter Ethik. Monique Siegel ist auch als Wirtschaftsethikerin sowie als Autorin tätig.

Über Rosmarie Michel

Rosmarie Michel wurde 1931 in Zürich geboren. 1956 übernahm sie die Geschäftsleitung der familieneigenen Confiserie Schurter. Sie war Präsidentin der International Federation of Business and Professional Women und übernahm zudem diverse Verwaltungsratsmandate, unter anderem bei den ZFV-Unternehmungen Valora und Credit Suisse.

Bild Sandra Blaser

«Wir werden keine Hängematten aufspannen»

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Mit der fortschreitenden Digitalisierung verändert sich die Arbeitswelt und mit ihr unser Berufsleben. Theo Wehner, Arbeits- und Organisationspsychologe und langjähriger Professor an der ETH, über unseren Umgang mit Technologien, lebenslanges Umlernen und die Kreativität, sich immer wieder neu zu erfinden.

Women in Business: Automatisierung und künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Was tun wir in Zukunft, wenn uns Maschinen am Arbeitsplatz zunehmend Arbeiten abnehmen und unsere Arbeit wegrationalisiert wird? Ein grosser Wandel besteht darin, dass wir nicht mehr an einer einzigen Karriere festhalten werden. Früher ging man ein Leben lang einem Beruf nach. Er war Identitäts- und persönlichkeitsstiftend. Mit den Veränderungen in der Arbeitswelt, mit Projektarbeit und zeitbefristeten Jobs ändert sich das Profil. Schon heute haben die Menschen beispielsweise in den USA zwei oder drei Arbeitgeber. Künftig ist viel mehr Kreativität erforderlich, um sein Arbeitsleben zu gestalten und durch die Tätigkeit, nicht unbedingt durch den Beruf, Stolz zu gewinnen.

Das erfordert ein hohes Mass an Flexibilität und Findungsreichtum vom Einzelnen.
Genau. Wir waren es uns bisher gewohnt, dass man eine Ausbildung und Wissen bevorratet hat. Heute ist mein Wissen nur noch so viel wert, wie ich anschlussfähig bin und jemand dieses Wissen überhaupt braucht. Ich muss mich also immer wieder adaptieren.

Und wie halte ich mich «anschlussfähig»? Der Ruf nach lebenslangem Lernen ist schon heute laut. Heisst das, dass wir uns dauernd weiterbilden müssen?
Lebenslang lernen tönt mir zu sehr nach lebenslänglicher Strafe, wie eine Drohung. Es wird viel stärker um ein Learning by doing gehen, um ein Umlernen am Arbeitsplatz. Da ist eine ganz andere psychische Energie erforderlich als beim Neulernen im Rahmen einer klassischen Ausbildung. Vor allem heisst das, dass es wichtiger wird, situativ-reflexiv zu handeln. Nicht nur flexibel sein, sondern die Situation und den Kontext genau betrachten und reflektieren. Keine Maschine kann das! Und es bedeutet, dass man nicht einfach eine Ausbildung macht und dann im Beruf die Kompetenzen langsam aufgebraucht werden. Es geht in Zukunft zwei Schritte vorwärts, einen zurück, drei zur Seite, dann wieder nach vorne, und vielleicht kommt ein Luftsprung!

Sie beschreiben ein Zukunftsszenario, in welchem das Arbeitsleben in voneinander getrennten Etappen stattfindet und sich mit Pausen, Regenerierungs- und Umorientierungsphasen abwechselt. Tatsächlich werden Ausbildungen kürzer und nicht mehr so fest an Strukturen gebunden sein. Das ist auch sinnvoll. Es wird vielmehr auf den Einzelnen ankommen, was er lernen will, statt auf das Curriculum, das eine Institution vorgibt. Der Einzelne wird stärker an seiner Ausbildung mitarbeiten, er wird seinen Bildungsbedarf laufend selbst bestimmen. Bildungsexperten haben lange genug danebengelegen. Es wird Zeit, dass wir uns den Bildungsbedarf selber erarbeiten.

Vielen macht die Selbstständigkeit aber auch Angst. Sie brauchen Sicherheit.
Der Wunsch nach dem sicheren Arbeitsplatz ist, bei aller Wertschätzung, eine statische Sicht. Sie ist eine Erhaltungs- und nicht eine Ermöglichungssicht. Es steht nirgendwo geschrieben, dass wir ein Recht auf einen Arbeitsplatz haben. Das 21. Jahrhundert wird über kurz oder lang eine Trennung von Arbeit und Einkommen erleben. Die Technologisierung am Arbeitsplatz führt zu Rationalisierung. In kürzerer Zeit wird mehr von immer weniger Erwerbstätigen erledigt. Technikeinsatz führt zu Verdichtung in nicht gekanntem Ausmass. 

Warum arbeiten wir dennoch alle gefühlt mehr? Der Technikeinsatz führte bisher zu Be- und nicht zu Entschleunigung oder zu mehr Musse. Dieser Umgang mit Technologie ist ja nicht gottgegeben! Ein Smartphone oder eine App könnten ja Chancen zu mehr Freiraum bieten. Der Gebrauch von Geräten liegt nicht in der Technik, sondern daran, wie wir sie benutzen. Wenn wir Kommunikationstechnik wie eine elektronische Hundeleine handhaben, dann haben wir dieses Element in die Technik gelegt. Nicht die Technik schreibt das vor.

Rationalisierung bedeutet, dass es weniger Arbeit gibt. Sehen Sie darin einen Segen und eine Befreiung – oder einen Fluch?
Zunächst ist die Technologisierung und Rationalisierung ja nichts Neues. Der Drang zur Automatisierung wohnt dem Menschen schon seit archaischen Zeiten inne. Was neu hinzugekommen ist, ist die Vernetzung, die Verdichtung, die Reduktion und die enorme Beschleunigung. Sie wird uns von der Arbeits- in eine Tätigkeitsgesellschaft überführen. Die Arbeitszeit hat sich bereits in den vergangenen Jahren in allen Industrieländern stark reduziert. Wir produzierten vor 30 Jahren mit der doppelten Beschäftigungszahl das Gleiche, was wir heute produzieren. Diese Entwicklung schreitet weiter voran.

Das bedeutet: mehr Freizeit, mehr Freiheit – nur, wovon leben wir dann? 
Die Zwangskopplung des Erwerbs an die Arbeit wird sich lockern. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, darüber nachzudenken, wie Menschen ihre Existenz sichern, wenn es immer weniger Arbeit gibt. Ich denke an das bedingungslose Grundeinkommen. Arbeitsgesellschaften haben nie eine Vollbeschäftigung gehabt. Heute werden weit über ein Drittel der Arbeitsfähigen subventioniert. Es muss einen gerechteren Verteilschlüssel geben, der erlaubt, dass man Einkommen von der Arbeit trennt. Wenn wir heute in der Lage sind, das zu produzieren, was früher mit der doppelten Arbeitskraft hergestellt wurde, muss man sich fragen, wo das Geld, das durch die Rationalisierung gewonnen wurde, hingeflossen ist. Die Frage ist: Was leistet eine Arbeitsgesellschaft und für wen? Es geht um Verteilungsmechanismen. Warum wird die Arbeit besteuert, warum haben wir keine Maschinensteuer? Das sind Anachronismen, über die gesprochen werden müsste.

Wenn dieses Problem gelöst ist, haben wir noch das «Problem» mit der freien Zeit. Bezieht der Mensch durch seine Arbeit nicht auch Sinnerfüllung? Was machen wir dann mit der freien Zeit? Ich hätte jedenfalls keine Sorge, dass weltweit die Hängematten aufgespannt würden. Der Mensch ist von Natur aus ein tätiges Wesen! Es ist ein Grundbedürfnis, und zwar nicht nur, um den eigenen Neigungen nachzugehen. Auch um sich sozial zu betätigen, etwa in Freiwilligenarbeit. Sie führt zu grosser Befriedigung und – wie unsere Forschung gezeigt hat – zu einer positiven Work-Life-Balance. Unsere hochentwickelte, verdichtete, durchrationalisierte und stressdominierte Arbeitsgesellschaft hat mit Mobbing hingegen eine absolut asoziale Form von Zusammenarbeit hervorgebracht. Der Plattformkapitalismus führt teilweise zu Formen von Selbstausbeutung, durch die Gig-Economy etwa. Die Tätigkeitsgesellschaft wird die sozialen Aspekte des Tuns und die Sinnerfüllung vermehrt betonen.

Wie sähe also in Ihren Augen die Zukunft der Arbeitsgesellschaft aus?
Wenn Einkommen und Arbeit getrennt wären, könnten die Menschen Tätigkeiten nachgehen, die sie wirklich innerlich befriedigen und ihnen sinnvoll erscheinen. Der Anspruch, eigene Ideen in den Arbeitsprozess einfliessen zu lassen, wird ebenfalls zunehmen. Statt um vertikalen Aufstieg ginge es mehr um horizontale Weiterentwicklung. Das heisst, ich betätige mich auf verschiedene Art und Weise: mal im Team, mal im Homeoffice, mal handwerklich, dann wiederum als Teamleiter. Dabei kann es auch mehr um Identitätsbildung gehen als um die Karriere.

Frauen wird ja gemeinhin ein grösseres Talent im Multitasking nachgesagt, weil sie durch die Verbindung von Arbeit mit Betreuungsaufgaben – sei es von Kindern oder Eltern – mehr gewohnt sind, verschiedenen Anforderungen nebeneinander zu genügen. Wird die sogenannte Tätigkeitsgesellschaft also weiblicher? Das situativ-reflexive Moment ist Frauen tatsächlich in höherem Masse eigen. Wenn Sie – ob Frau oder Mann – sich Erziehungs- oder Betreuungsaufgaben widmen, müssen Sie sich immer wieder auf Dinge einlassen, die Sie nicht geplant haben, und sich situativ anpassen. Wenn ich zum Beispiel Freiwilligenarbeit betrachte, sehe ich Männer, die die Arbeit im Sitzen erledigen – ich denke an die typische Vorstandsarbeit. Derweil handeln die Frauen und organisieren den ganzen Rest. Wenn die sozialen Aspekte in der Tätigkeitsgesellschaft wichtiger werden, dann sind die traditionell den Frauen zugeschriebenen Tugenden tatsächlich besonders geeignet. Bisher hat die Arbeitswelt zwar den Frauenanteil erhöht, aber nur mit einer gewissen Anpassungsleistung der Frauen an die männlichen Attitüden.

Sie sind Forscher. Wären Sie aber Mitarbeiter in einem Unternehmen, wie würden Sie sich für die Zukunft rüsten? Ich würde Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten kultivieren. Jeder, der heute nur schon fünf oder zehn Jahre in der Berufswelt stand, hat schon Veränderungen gemeistert. Ich würde mir genau überlegen, wie ich diesen Wandel gemeistert habe und wo ich Probleme hatte. Es braucht Offenheit gegenüber Veränderungen und ein stärkeres Selbstbewusstsein gegenüber der Techniknutzung. Heute kommt es mir manchmal vor, als wären wir von Scham besetzt, dass unsere Geräte uns überlegen sind. Das ist keine günstige Voraussetzung, um sich Technik anzueignen. Nicht diese Geräte haben uns gemacht, sondern wir sie! Ich denke, wir müssen uns genau überlegen, wo und mit welcher Geschwindigkeit wir sie einführen wollen. In Zukunft eine gewisse Souveränität gegenüber der Technikentwicklung und deren Gebrauch zu erhalten, erscheint mir zentral.

 

Theo Wehner

1949 in Fulda (D) geboren, studierte Psychologie und Soziologie und promovierte an der Universität Bremen. Seit 1997 ist er an der ETH Zürich. Einen Schwerpunkt bilden Forschungsprojekte zur Sicherheit und Fehlerfreundlichkeit in der Arbeitswelt und zur Freiwilligentätigkeit. Wehner ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und eine Enkelin.

Versicherungen stecken Millionen in Startups

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Versicherer wollen ihre Kunden mit digitalen Technologien bei der Stange halten. Konzerne investieren deshalb Millionen in kleine Startups. Zum Beispiel in das junge Basler Unternehmen Creadi AG.

Achtung, wir starten direkt mit einem fiesen Buzzword: Insurtech. Sagt Ihnen nichts? Sollte es aber. Insurtech ist eine Revolution, zumindest im Versicherungswesen. Das Kofferwort aus Insurance (Versicherung) und Technology bedeutet nichts anderes, als dass die Digitalisierung auch vor der Versicherungsbranche nicht haltmacht. Jetzt gilt es, aufzuspringen oder ewig hinterherzuhinken. Versicherungen wollen mit digitalen Lösungen an ihren Kunden dranbleiben. Prozesse sollen vereinfacht und möglichst automatisiert werden.

Kuratierter Versicherungsmarktplatz statt endloser Beratung

Dafür suchen sich die Versicherungen Startups. Die sind freier, innovativer und vor allem schneller in der Entwicklung neuer Produkte. «Man kann sich das so vorstellen», sagt Désirée Mettraux: «Du hast die grosse ‹Queen Mary›: die Versicherung mit festen Strukturen und klaren Prozessen. Und du hast das agile, wendige Schnellboot: das innovative Startup.»

Mettraux ist CEO der Creadi AG, ein Basler Insurtech-Startup und Tochtergesellschaft des Lebensversicherers Pax. Das mittlerweile 14-köpfige Unternehmen will digitale, auf den Kunden fokussierte Geschäftsmodelle auf den Markt bringen. Ein paar Coups sind Creadi in ihrem zweijährigen Bestehen bereits gelungen: Das Startup hat die erste empfehlungsbasierte Versicherungsplattform der Schweiz inklusive App entwickelt, mit der man innerhalb von 60 Sekunden eine Versicherung abschliessen kann.

Simpego heisst diese Plattform, mit der man via Kreditkarte spontan und gezielt sein Hab und Gut versichern kann. Das Smartphone, das Velo, eine ganze Reise. Mettraux sagt dem: «kuratierter Versicherungsmarktplatz». Unter den Partnern finden sich bekannte Namen wie Vaudoise, ERV, Coop Rechtsschutz und Baloise. Die gestandenen Versicherer wollen offensichtlich den digitalen Wandel nicht verschlafen. Dürfen sie auch nicht, wenn man Raphaela Kurer zuhört. «Bisher lief es so: Du verlangst eine Offerte und kriegst 60 Seiten nach Hause geschickt, die du durchlesen musst», erklärt die Marketing-Verantwortliche von Creadi. «Eventuell sitzt noch ein Berater zu dir in die Stube. Das wird heute einfach nicht mehr nachgefragt. Wenn man da als Unternehmen nicht reagiert und mitzieht, verliert man Kunden.»

Investitionen in Milliardenhöhe

Damit das nicht passiert, wird ordentlich Geld ausgegeben. Im zweiten Quartal 2017 investierten Versicherer weltweit fast eine Milliarde US-Dollar in Insurtech-Startups. Das ist mehr als in den drei vorherigen Quartalen zusammen. Auch die Schweiz zieht kräftig mit. 2017 investierte zum Beispiel die Baloise-Gruppe in zwei amerikanische Insurtech-Startups. Im Jahr davor gab der Versicherer bekannt, zusammen mit der Investment- und Beratungsfirma Anthemis insgesamt 50 Millionen Franken in Insurtechs investieren zu wollen. Man rechne mit zehn Investment-Tranchen bis 2021. Es herrscht Goldgräberstimmung, obwohl es kaum ausgereifte Produkte auf dem Markt gibt.

Einen ähnlichen Kurs fährt Helvetia. Anfang 2017 errichtete das Unternehmen einen 55 Millionen Franken schweren Venture Fund zugunsten von Insurtech-Startups aus ganz Europa. Gleichzeitig startete Helvetia mit der Swiss Startup Factory ein «Accelerator Programm», um Startups «mit einer Affinität zum Helvetia-Kerngeschäft» zu pushen.

Keine Frage: Es herrscht Goldgräberstimmung. Und das, obwohl es kaum ausgereifte Produkte auf dem Markt gibt. Mettraux erklärt: «Heute ist es nicht mehr so, dass ein Produkt zu 100 Prozent fertiggestellt ist, bevor es auf den Markt kommt. Heute geht man eher auf 70 oder 80 Prozent, um erst einmal zu testen, ob es funktioniert und wie sich die User verhalten.» Die digitale Entwicklung auf dem Markt sei unglaublich schnell geworden. «Täglich poppt etwas Neues auf.» Um da mithalten zu können, müsse man zügig arbeiten.

Und was passiert eigentlich mit meinen Daten?

Ohnehin sind die Versicherungsgesellschaften in erster Linie auf etwas ganz anderes heiss: auf Know-how, das sich Startups wie Creadi zügig aneignen. «Wir wollen die Bedürfnisse unserer Kunden verstehen», sagt Mettraux. «Will jeder nur online abschliessen? Braucht er zusätzliche Informationen? Wenn ja, wie können wir ihm die am einfachsten geben? Und wohin entwickelt sich das Ganze in den nächsten drei Jahren?»

Antworten auf solche Fragen geben die Nutzerdaten. Doch was passiert eigentlich damit? «Sicherheit ist ein grosses Thema und dem Schweizer User ein wichtiges Anliegen», sagt Marketing-Verantwortliche Kurer. Mettraux ergänzt: «Als Tochtergesellschaft von Pax halten wir uns an strenge Auflagen im Bereich Compliance.»

Dass Konzerne das Thema Datenschutz zuweilen durchaus ernst nehmen, zeigt das folgende Beispiel: Das Zürcher Insurtech-Startup Knip sorgte im Oktober 2015 für Schlagzeilen. 15 Millionen Investment-Franken konnte es für seinen digitalen Versicherungsbroker einholen – die grösste Summe, die ein Fintech- beziehungsweise Insurtech-Unternehmen in der Schweiz je erhalten hat. Wenige Monate später beendete Partner Helsana, der grösste Krankenversicherer der Schweiz, die Zusammenarbeit bereits wieder. Grund: Helsana wollte Knip «gesundheitsrelevante und somit sehr persönliche Daten» ihrer Kunden nicht anvertrauen.

Informatiker statt Versicherungsberater

Beim Thema Digitalisierung steht noch ein weiteres grosses Thema im Raum: Laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey steht jeder vierte Versicherungsjob auf dem Spiel. Mettraux wiegelt ab: «Natürlich kannst du mithilfe der Digitalisierung in gewissen Bereichen Personal einsparen», sagt sie. «Dafür tun sich auch neue Felder auf. Es braucht weiterhin Manpower, aber andere Skills.» Diese Bewegung sehe man in allen Branchen.

Kurer doppelt nach: «Es ist nicht so, dass es den Versicherungsberater in Zukunft nicht mehr brauchen wird. Die Erfahrung zeigt: Die Leute möchten online abschliessen, doch vor dem Abschluss häufig noch mit einem Berater sprechen.»Kunden wünschen sich laut Kurer heute eine Auswahl an Optionen und möchten selber bestimmen, auf welchem Weg sie Informationen beziehen und Dienstleistungen respektive Produkte kaufen.

 

Désirée Mettraux ist CEO der Creadi AG. Das Basler Insurtech-Startup ist eine Tochtergesellschaft des Lebensversicherers Pax. Ziel des Unternehmens ist es, digitale, auf den Kunden fokussierte Geschäftsmodelle zu etablieren.

Frauen müssen klare Grenzen setzen

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Frauen verhandeln schlechter als Männer – ein Argument, das vielfach als Grund für unterschiedliche Chancen der Geschlechter im Berufsleben ins Feld geführt wird. Stimmt das überhaupt? Und was lässt sich dagegen unternehmen? Kann man lernen, besser zu verhandeln?

Das Verhandeln liegt in der Natur des Menschen. Und wir alle tun es, seit unserer frühen Kindheit. Wir haben mit den Eltern um den heiss gewünschten Teddybären, mit den Lehrern um weniger Hausaufgaben, mit den Geschwistern um Stillschweigen über unsere Missetaten verhandelt. Und je älter wir wurden, umso grössere Bedeutung hatten unsere Verhandlungen. Nun ging es nicht mehr um das Stofftier oder die Höhe des Sackgeldes: Mittels Verhandlungen kommen wir zu begehrten Jobs mit besseren Karrierechancen, mehr Verantwortung und höheren Einkommen. Und in all diesen Jobs – unabhängig von Branche und Bereich – spielt geschicktes Verhandeln eine gewisse Rolle.

So weit die Theorie. In der Praxis sieht das oft anders aus. Es gibt geschickte Verhandlungsführer und solche, die selten zum Ziel zu kommen scheinen. In allen Abstufungen, versteht sich. Gerade für Frauen hat das Verhandlungsthema in den letzten Jahren stark an Brisanz gewonnen. In der Diskussion um den Zugang zu hohen und höchsten Positionen in Wirtschaft und allen relevanten Bereichen unserer Gesellschaft wird Frauen ein Defizit der Fähigkeiten zur Verhandlung attestiert. Männer seien darin einfach besser – was zu geringerer Präsenz von Frauen in den Führungsetagen, weniger weiblichen Einflussmöglichkeiten in der Gesellschaft und vor allem niedrigeren Löhnen für gleiche Positionen im Vergleich zu den Männern führen würde.

Solche Stereotype zu widerlegen (oder auch zu beweisen) ist schwer. Wie lässt sich objektiv nachweisen, dass Frau X die Position des CEO nicht erhalten hat, weil sie schlechter verhandelt hat? Hatte ihr männlicher Mitbewerber schlicht den besseren Leistungsausweis? Die umfangreicheren Sprachkenntnisse? Oder die – unabhängig vom Geschlecht – schlichtweg passendere Persönlichkeit für das Unternehmen? Aus solchen Niederlagen die richtigen Schlüsse zu ziehen, ist eine Herausforderung. Doch keine Frau, die etwas erreichen möchte und über die Fähigkeiten dazu verfügt, sollte aufgrund mangelnden Verhandlungsgeschicks davon abgehalten werden. Denn Verhandeln kann man lernen.

WOMEN IN BUSINESS: Dem Verhandeln kommt in allen Bereichen des Lebens eine wichtige Rolle zu. Können Sie sich noch an Ihren ersten Verhandlungserfolg erinnern? Matthias Schranner: (überlegt lange) Ich habe eigentlich aus meiner Sicht nie den Eindruck, einen Erfolg erzielt zu haben, weil ich nie ein Siegergefühl habe. Ich bin zufrieden, wenn ich das Ziel erreicht habe, aber dennoch denke ich immer, ich hätte es noch besser machen können. Das vergleiche ich oft mit dem Kochen. Es schmeckt mir, es ist ein gelungenes Gericht, aber ich bin immer auf der Suche nach der noch besseren Lösung.

Wie haben Sie selbst sich zum Spezialisten entwickelt? Ich komme ja ursprünglich aus dem Polizeibereich. Der Unterschied zwischen dieser Welt und dem Businessbereich ist der, dass man als Polizist erst dann dazukommt, wenn die Verhandlung schon gescheitert ist und die Krise in vollem Gange ist. Da habe ich gelernt, Wege aus dieser Sackgasse zu finden. Im Business hingegen sucht man nach Lösungen, um diese Konflikte zu verhindern. Ich habe dann eine Ausbildung zu den psychologischen Grundlagen gewaltfreier Kommunikation absolviert, die mir sozusagen das theoretische Fundament zu dem vermittelt hat, was ich zuvor gemacht hatte.

Haben Sie ein besonderes Talent zum Verhandeln, wird einem das in die Wiege gelegt?
Ich glaube, dass jede und jeder verhandeln lernen kann und dass alle darin besser werden können. Was ich persönlich mitbringe, ist die Fähigkeit, in besonders schwierigen Situationen die Ruhe und einen kühlen Kopf bewahren zu können. Das hilft sehr.

In welchen Bereichen arbeiten Sie? Generell werden wir beigezogen, wenn es um schwierige Verhandlungen geht, für die wir Strategien entwickeln sollen. Das sind zum Beispiel Insolvenzverhandlungen, wir planen, wann in solchen Verfahren wer ins Spiel kommt. Mergers & Acquisitions sind ebenfalls ein Bereich, in dem wir tätig sind. Da geht es um immens viel Geld, ein Fehler in den Verhandlungen kann sehr teuer werden.

Und wer beauftragt Sie? Das können alle in den Verhandlungen involvierten Parteien sein, Unternehmen, Behörden, die ganze Bandbreite. Was wir beobachten, ist, dass uns vor allem diejenigen als Sparringpartner ins Boot holen, die selbst bereits eine gewisse Verhandlungskompetenz besitzen. Sie möchten sich sozusagen den Feinschliff holen.

Dazu bieten Sie auch eine Vielzahl an Workshops an. I DO IT MY WAY ist eine Veranstaltung für Frauen, die schwierige Verhandlungen zu meistern haben. Wieso speziell Frauen als Zielgruppe? Diese Workshops haben wir vor drei Jahren ins Leben gerufen, weil uns aufgefallen ist, dass sich Frauen von unserem Angebot bisher weniger angesprochen fühlten. Wir haben das mit Frauen analysiert und festgestellt, dass unsere Website sehr männlich orientiert war. Das haben wir daraufhin geändert. Was ich zudem bis dahin unterschätzt hatte, ist, dass Frauen bei solchen Veranstaltungen lieber unter sich sind. Frauen agieren vorsichtiger und zurückhaltender, wenn Männer dabei sind, und bringen sich nicht so offen ein. Männer haben keine Angst davor, «blöde» Fragen zu stellen. Und sie stellen oft Fragen einfach nur, um sich zu positionieren, nicht um eine Antwort zu erhalten. Das ist bei Frauen anders. Uns ist bei DO IT MY WAY wichtig, dass es ein geschützter Raum ist, in dem Frauen offen und ehrlich diskutieren können. Die Themen sind im Übrigen mit den männlichen Themen fast deckungsgleich. Und ich möchte betonen, dass es kein Frauen-gegen-Männer-Workshop ist.

Und wie können Frauen darin besser werden? Wenn man das Gefühl hat, dass man etwas ändern möchte, ist man bereits verhandlungsbereit. Dann muss man auch etwas unternehmen. Man sollte sich darüber klar werden, welche Ziele man verfolgt, welche Strategie und welche Taktik innerhalb dieser Strategie man anwenden möchte. Wenn ich zum Beispiel im nächsten Jahr zehn Prozent mehr Einkommen fordere, muss ich das konfliktorientiert – was aber nicht unfair bedeutet – angehen. Ein grosser Fehler wäre es, den Impuls zu unterdrücken, denn dann verhandle ich mit mir selbst. Ich ärgere mich, mache mir Vorwürfe, warum ich nichts sage. Das ist nicht zielführend. Gut ist es, die Verhandlung vorzubereiten. Also bereits im Vorfeld zu signalisieren, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt, zum Beispiel in drei Monaten, über das Thema sprechen will.

Und wenn der andere gar nicht verhandeln will? Dann ist die Nichteinigung für den anderen verträglich, für ihn ändert sich nichts, wenn es zu keiner Einigung kommt. Der Fehler liegt bei mir, denn dann habe ich die falsche Strategie. Ich muss in der Vorbereitung andere mit ins Boot holen. Um beim Beispiel der Lohnverhandlungen zu bleiben: Es hilft, im Vorfeld anderen, etwa weiteren Vorgesetzten, zu kommunizieren, dass ich demnächst eine Forderung aufstellen werde.

Ist es gut, immer einen Plan B bereit zu haben? Nein, davon rate ich dringend ab. Ein Plan B ist total verkehrt, weil ich unter Druck dann sofort einknicke. Man darf aber auch nicht den Fehler machen, dem anderen gleich die Lösung unter die Nase zu reiben, denn dann hat der andere keine Wahl. Man muss das also gemeinsam ausloten und nicht mit sich selbst schon vorverhandeln.

Ihr Credo ist, dass Frauen nicht männliche Verhaltensweisen kopieren dürfen – völlig d’accord. Doch sobald Frauen sich behaupten und ihre Position klarmachen, wird ihnen oft vorgeworfen, dass sie «zu männlich» agieren würden. Wie sieht da Ihr Weg aus? Was in der männlichen Welt sehr typisch ist, ist dieses «Gockelgehabe», im Sinne von «mein Haus, mein Auto, mein Boot». Frauen sind davon zwar auch nicht frei, aber es äussert sich anders. Die falsche Reaktion darauf wäre, das abzuwerten, also zu fragen, ob Männer das so nötig haben. Das kommt beim Gegenüber natürlich schlecht an. Genauso, wie dieses Gehabe zu kopieren, im Übrigen.

Wie kann sich eine Frau da positionieren, damit sie ernst genommen wird?
Indem ich zeige, dass ich eine professionelle Verhandlungsführerin bin, also weder auf dieses Gockelgehabe einsteige noch mich als «Weibchen» präsentiere. Wenn eine Frau in Verhandlungen klar und direkt eine Haltung einnimmt und ihre Forderungen formuliert, hat sie den Respekt ihrer Verhandlungspartner, egal, ob männlich oder weiblich.

Doch was, wenn ich bei meinem Gegenüber auf die alten Geschlechterstereotypen treffe, wie reagiere ich darauf? Im gehobenen Management sind mir persönlich grobe Verstösse gegen geltende Regeln des Anstands noch kaum begegnet. Aber es gibt sichtbare und unsichtbare Grenzen, erstere sind die strafbaren, die vom Gesetz gedeckt sind. Die unsichtbaren sind schwieriger zu definieren. Was erwarte ich, welchen Respekt fordere ich ein? Frauen erwarten vielleicht ein anderes Respektlevel als das, welches ihnen Männer entgegenbringen. Diese überschreiten das dann manches Mal auch unabsichtlich oder unwissentlich. Das soll keine Entschuldigung sein, im Gegenteil: Es unterstreicht, wie wichtig es ist, dass Frauen hier klare Grenzen setzen. Diese müssen klar und unmissverständlich kommuniziert werden.

Unabhängig vom Geschlecht, welche möglichen Vorgehensweisen gibt es in Verhandlungen?
Ich unterscheide die Menschen in Bezug auf ihre Verhandlungsfähigkeiten grundsätzlich in zwei Lager: Es gibt diejenigen, die an die Kraft der Logik glauben, sie sind zuverlässig und einschätzbar. Dann gibt es eben den spielerischen Typ, der Spass an der Verhandlung selbst hat. Er stellt einfach Forderungen, die nicht rational sind, und freut sich, wenn der andere reagiert …

… ein eher anarchisches Konzept …

Ja, und provozierend dazu. Für den Spieler wird es eben dann erst spannend. Wenn ich sehr detailorientiert, zahlengetrieben und rational bin, habe ich Schwierigkeiten mit spielerischen Menschen, sie sind aus meiner Sicht unvernünftig. Wenn ich selbst aber sehr spielerisch bin und Freude an der Verhandlung selbst habe, habe ich Probleme mit den rationalen Menschen, denn diese sind für mich langweilig und uninspiriert.

Aber es gibt doch fliessende Übergänge zwischen diesen beiden Typen?
Nein. Es gibt meiner Erfahrung nach keine rationalen Verhandler, die echten Spass am Spiel haben.

Wer ist erfolgreicher? Wenn der Spieler auf den rationalen Typ trifft, gewinnt immer der Spieler. Spielerisch dabei aber bitte nicht falsch verstehen: Das bedeutet nicht, dass jemand leichtsinnig ist, sondern dass er flexibel ist und über den Tellerrand hinausblicken kann.

Gilt das für alle Kulturkreise? Ich bin in USA, Europa und Asien tätig. Prinzipiell hat man es immer mit regionalen Besonderheiten und Befindlichkeiten zu tun. Die amerikanische Kultur etwa hat viel mehr Spass am Konflikt. Das sieht man am aktuellen Präsidenten, was immer man auch von ihm halten mag. Im deutschsprachigen Raum laufen Verhandlungen viel rationaler ab, man bereitet sich nicht auf die Verhandlung vor, sondern auf die Lösung. Diese beiden Gegensätze bergen natürlich Konfliktpotential. Wenn ich also mitspielen möchte, muss ich die Regeln des anderen akzeptieren. Um nochmal auf das Beispiel Donald Trump zurückzukommen: Er ist demokratisch vom US-amerikanischen Volk gewählt worden. Und wenn man mit ihm verhandeln möchte, muss man diese Tatsache akzeptieren, unabhängig davon, was man von seinem Stil, Politik zu machen, hält.

Sind die kulturellen Unterschiede zum asiatischen Raum nicht viel grösser?
Das wird zwar oft angenommen, ist aber nicht so. Die chinesische Verhandlungsführung etwa ist der europäischen sehr ähnlich, es wird rational und vor allem schnell verhandelt. Japan ist da aufgrund der Kultur wieder ein spezieller Fall. Aber bei den USA ist die Gefahr viel grösser, sich in Verhandlungen zu verkalkulieren. Wir denken, dass ihre Kultur der unseren sehr viel näher sei, und meinen, sie besser zu kennen. Das macht Verhandlungen schwieriger. Aber generell muss man sich immer auf den Verhandlungspartner einstellen – das gilt in jedem Umfeld. ★

Über Matthias Schranner

Matthias Schranner ist ein international tätiger Verhandlungsexperte. Seine Ausbildung fand bei Polizei und FBI statt, wo er für schwierigste Verhandlungen trainiert wurde. Als Berater unterstützt er mit seinem Institut die UN, globale Unternehmen und politische Parteien. Er ist Autor der Bücher «Verhandeln im Grenzbereich», «Der Verhandlungsführer», «Teure Fehler» und «Faule Kompromisse» sowie Verfasser zahlreicher Publikationen. An der Universität St. Gallen ist er Lehrbeauftragter für Verhandlungen.

Das von ihm gegründete Schranner Negotiation Institute unterstützt seine Klienten in allen Phasen schwieriger Verhandlungen. Dazu bietet das Unternehmen mit Seminaren, Konferenzen und Workshops für jedes Management Level massgeschneiderte Inhalte.

Text & Interview: Irene M. Wrabel

 

Die TOP 100 2018

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Wenn Innovation zum Business wird

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Auf der Basis von Forschungsergebnissen ein tragbares Jungunternehmen zu gründen oder ein marktfähiges Produkt zu entwickeln, ist nicht einfach. Innosuisse, die Förderagentur des Bundes unter CEO Annalise Eggimann, stellt Startups Coachingprogramme und KMU Mentoren sowie finanzielle Unterstützung für Innovationsprojekte zur Verfügung.

Klischees halten sich oft hartnäckig. Vor nicht allzu langer Zeit machte das Bild der Forscherin oder des Wissenschaftlers als Bewohner des Elfenbeinturms die Runde. Als leicht weltfremder Nerd, der sich lieber in akademischen Diskussionen ergiesst, als sich dem harten Wind der Realwirtschaft auszusetzen, lieber Studie um Studie veröffentlicht, anstatt selber anzupacken, der Patente anmeldet, aber seine Ideen nicht wirklich «zum Fliegen» bringt. Vielleicht ist ja auch der Gründermythos des Silicon Valley, von wo aus mit sozialen Netzwerken, künstlicher Intelligenz und Virtual Reality die globale Wirtschaft auf den Kopf gestellt wurde, mitverantwortlich dafür, dass sich die Wirtschaft von der Wissenschaft eine Frischzellenkur verspricht. Schliesslich finden sich unter ihnen die disruptiven Kräfte, die einem Unternehmen – oder gar der Wirtschaft eines Landes neuen Schwung verleihen.

Genau diesen Wissenstransfer zwischen Forschung und Unternehmertum will Innosuisse, die Förderagentur für Innovation des Bundes, unterstützen. «Wir fördern wissenschafts- und technologiebasierte Unternehmensideen», sagt Annalise Eggimann, Direktorin der Innosuisse. Sie ist für einen beachtlichen Geldtopf von jährlich 228,9 Millionen Franken an Steuergeldern verantwortlich. Damit werden innovative, forschungsbasierte Startups mit Coachings unterstützt und die Forschung mit der Wirtschaft kurzgeschlossen.

Innovationen marktfähig machen

Nicht die Aussicht auf raschen Gewinn oder das Verfolgen kurzfristiger gesellschaftlicher Trends steht im Fokus, sondern nachhaltiges Wachstum. Ziel ist es, Forscherinnen und Forschern zur Realisierung ihrer Produkte oder Dienstleistungen zu verhelfen und eine Brücke zwischen Forschung und Wirtschaft zu schlagen. Letztlich geht es auch um Anschubhilfen für die Innovation in der Wirtschaft. Denn der Löwenanteil des Budgets (70 bis 80 Prozent), so Eggimann, komme Forschungsinstitutionen, vor allem Hochschulen, zugute, die gemeinsam mit einem Umsetzungspartner, in den meisten Fällen ein KMU, ein Innovationsprojekt durchführen.

Ein Unternehmen zu gründen ist mit grossen Risiken verbunden. Für potenzielle Entrepreneurinnen ist es oft Neuland. Wie erstellt man einen Businessplan? Wer sind die potenziellen Kunden? Wie tritt man in den Markt? Hier setzt Innosuisse mit einer Reihe von Angeboten an; etwa mit Trainings und Coachings für Jungunternehmen und Startups. «Innerhalb des Programms «Bridge» können Forschende ihre Entdeckungen zur konkreten Anwendung zum Nutzen der Gesellschaft und der Wirtschaft weiterentwickeln», so Eggimann. «Bridge» wird von der Innosuisse in Zusammenarbeit mit dem Nationalfonds betrieben und positioniert sich an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung. Für den Zeitraum 2017 bis 2020 verfügt das Programm über ein Budget von 70 Millionen Franken. «Proof of Concept» ist für junge Forschende bereits ab Stufe Bachelor gedacht; «Discovery» für erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Über 40 Projekte werden insgesamt derzeit unterstützt.

Unternehmertum wagen

Dank dieser Unterstützung wagte etwa die junge Westschweizer Biologin Olga Dubey den Schritt von der Wissenschaft ins Businessleben: Sie ist Mitbegründerin des Startups «Agrosustain». Während ihres Doktorats hatte sie eine natürliche Substanz entdeckt, mit der sich krankheitserregende Pilze bekämpfen lassen, die Früchte und Gemüse befallen. Früher wäre die Wissenschaftlerin wohl weiter in einem Universitätslabor gesessen, bis sie vielleicht von einer der grossen Chemieunternehmen angeworben worden wäre, um als eine von Hunderten von Mitarbeitern einer vorgegebenen Berufskarriere zu folgen. Die Biologin schlug einen anderen Weg ein. Dank des staatlichen Förderbeitrags von Innosuisse und dem Schweizerischen Nationalfonds konnte sie weiterforschen, ein Patentgesuch einreichen und das Startup gründen. Im nächsten Jahr wird die junge Firma ihre Produkte den grossen Schweizer Agrar- und Nahrungsmittelkonzernen vorstellen.

Mit Nachhaltigkeit zum Erfolg

In den Genuss des Bridge-Programms kam auch die Designerin Catalina Jossen Cardozo mit ihrem Schuhlabel «By Maria!». Sie machte ihre Masterarbeit in Design an der Kunsthochschule Luzern und nahm dabei den Schuhmarkt unter die Lupe. In Kolumbien, ihrem Herkunftsland, hatte sie bereits mit den komplexen Bedingungen der Schuhfabrikation und -logistik Erfahrungen gesammelt. Mit ihrer Schuhmarke will sie nun eine optimierte Produktionskette unter nachhaltigen Prinzipien und mit Nutzung neuer Technologien erschaffen. Die Materialien werden nach ökologischen Kriterien ausgewählt, und kolumbianische Handwerker arbeiten unter fairen Bedingungen und mit Weiterbildungsmöglichkeiten. Am anderen Ende scannt der Kunde mit einer App seine Füsse ein, und Designer erstellen ihre Kollektionen mit einer Online-Software. Sie erhalten zehn Prozent des Verkaufspreises (gegenüber normalerweise nur einem Prozent). Auf einer Internetplattform laufen die Fäden zusammen. «Ich wollte beweisen, dass es möglich ist, ein wirtschaftlich erfolgreiches Produktionsmodell zu entwickeln, das fair und nachhaltig ist», so Catalina Jossen Cardozo.

Auch das Schweizer Legal Tech Startup Legartis kam in den Genuss der Anschubhilfe von Innosuisse. Es bietet eine auf künstlicher Intelligenz basierende Software für die Erfassung und den Abgleich von grossen Mengen juristischer Dokumente und Daten. Das sogenannte«Lifecycle Contract Intelligence Tool» ermöglicht etwa eine effizientere Arbeit von Anwälten und Unternehmensjuristen. Ein weiteres Beispiel ist das Startup AdNovum, das in Kooperation mit AMAG, AXA, Mobility und dem Strassenverkehrsamt Aargau das sogenannte «Car Dossier» mit der Blockchain-Technologie entwickelt. Es soll ähnlich einer Krankenakte den Lebensweg eines Autos elektronisch erfassen und bei Bedarf jederzeit abgerufen werden können. Eine elektronische Schnittstelle also zwischen Importeur, Zoll, Strassenverkehrsämtern und Garagen.

Über die Schweiz hinaus

Derzeit unterstützt Innosuisse 1235 Innovationsprojekte zwischen KMU und Forschungsinstitutionen; von den 211 solcher Gesuche, die allein im ersten Halbjahr 2018 eingereicht wurden, erhielten etwas mehr als 50 Prozent eine Finanzierung. Fast die Hälfte aller an Innovationsprojekten beteiligten Forschungspartner sind dabei Fachhochschulen. An die 4000 Teilnehmer besuchten im letzten Jahr Trainingsmodule des Start-up-Trainings. Angehende Unternehmer kommen auch in den Genuss eines Coachings und eines Start-up-Trainings; in sogenannten Internationalisierungscamps (in San Francisco, Boston, New York, Rio de Janeiro, São Paulo, London, Bangalore und Schanghai) können neue Märkte entdeckt werden.

Coachings wurden über die Vorgängerorganisation der Innosuisse, des KTI, schon seit den 1990er-Jahren angeboten – zu einer Zeit also, als es praktisch noch keine privaten Beratungs- und Trainingsangebote für Startups gab. Seit Anfang 2018 ist Innosuisse als eigenständigere Agentur ausserhalb der Verwaltung organisiert. Das sorgt für mehr Flexibilität, und mit dem Ingenieur und Industriellen André Kudelski hat sie einen prominenten Verwaltungsratspräsidenten aus der Wirtschaft gewonnen. Der für die Förderentscheide verantwortliche Innovationsrat besteht aus 19 Unternehmerinnen und Unternehmern mit breitem Erfahrungsfundus.

Startup-Förderung im Trend

In den letzten Jahren haben sich auf privater Basis eine ganze Anzahl von Startup-Accelerator-Programmen, Inkubatoren und Hubs gebildet, die Unternehmensgründer fit für den Markt machen wollen, und Business Angels, die die ersten Phasen der Finanzierung übernehmen. Auch die Hochschulen sind aktiv, etwa die ETH Innovation + Entrepreneurship Lab, der EPFL Innovation Park und das Center for Entrepreneurship an der Hochschule St. Gallen. Auch Banken machen mit, etwa die Credit Suisse mit dem Innovation Circle; sie alle haben sich der gezielten Förderung von innovativen Jungunternehmern verschrieben. An Match-Making-Events der Non-Profit-Organisation Swiss Startup Invest begegnen sich Investoren und innovative Jungunternehmer. Dass die Innovationsförderung aber auch als staatliche Aufgabe wahrgenommen wird, liegt im nationalen Eigeninteresse. Von Innovation verspricht man sich Arbeitsplätze und internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Ideale sind wichtig

Worin liegt nun der grosse Unterschied zwischen der Arbeit der Innosuisse und derjenigen der privaten Startup-Coachings? «Wir machen massgeschneiderte Coachings, die in der Regel länger dauern als die privater Programme. Ein Jungunternehmer wird bis zu drei Jahre begleitet; sie durchlaufen zusammen mit ihrem Coach den gesamten Aufbauprozess.» Letztlich geht es aber vor allen Dingen darum, den Unternehmergeist bei den Forschenden zu wecken, zu pflegen und für die Wirtschaft fruchtbar zu machen.

Dass es den Jungunternehmern aus der Forschung nicht nur um den finanziellen Erfolg geht, sondern um Ideale, bekommt Annalise Eggimann bei Zusammenkünften von Startup Unternehmern aus der Forschung immer wieder zu spüren. «Ihr Wille, etwas Gutes zu bewirken und einen Unterschied zu machen in der Gesellschaft», schwärmt sie, «dieser Enthusiasmus und diese Energie ist mit Händen zu greifen.»

Über Annalise Eggimann

Annalise Eggimann, 1960 in Eriswil bei Bern geboren, erlangte bereits als 27-Jährige das Anwaltspatent an der Universität Bern. 2003 absolvierte sie das Executive MBA an der Universität Zürich. Nach einigen Jahren als juristische Mitarbeiterin in Unternehmen arbeitete sie beim Schweizerischen Nationalfonds und beim Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) in leitenden Positionen, bevor sie 2015 Geschäftsführerin der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) wurde. Seit Anfang 2018 ist sie Direktorin der Nachfolgeorganisation der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung Innosuisse.

Sie ist verheiratet, ihre Freizeit verbringt sie mit Vorliebe mit Lesen, Wandern und Reisen.

Für immer verloren?

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Jährlich verschwinden Millionen Franken an Pensionskassengeldern und liegen als nachrichtenlose Vorsorgegelder auf Schweizer Konten. Davon betroffen sein kann jede und jeder. Wie sich der Verlust verhindern lässt und wie verschollen geglaubte Gelder wiedergefunden werden können.

Fünf Milliarden Franken – das ist kein Vermögen einer superreichen Schweizerin. Fünf Milliarden Franken ist die Höhe sogenannter kontaktloser Pensionskassengelder in der Schweiz. Vorsorgevermögen, das einfach vergessen geht. Kaum vorstellbar, aber fast schon an der Tagesordnung. Und es geschieht schneller, als man denkt. Beispielsweise, wenn Versicherte ihren Arbeitsplatz wechseln oder das Land verlassen – ihre Pensionskasse aber nicht informieren. Dann bleiben bei Pensionskassen, Banken, Versicherungen und der Stiftung Auffangeinrichtung BVG Geldbeträge zurück, welche die versicherte Person über Jahre hinweg angesammelt hatte. «Es handelt sich dabei in der Regel um kleinere Geldbeträge», sagt Jeannette Canzani, Leiterin Operation und Mitglied der Geschäftsleitung Stiftung Auffangeinrichtung BVG. 80 Prozent der Guthaben bewegen sich unter 5000 Franken. Doch Kleinvieh macht auch Mist.

Eigentlich dürfte es erst gar nicht zu kontaktlosen Pensionskassengeldern kommen. Denn: Wechselt jemand die Arbeitsstelle, erhält die betreffende Person von der Pensionskasse die Leistungsabrechnung mit der Frage, wohin das Vermögen überwiesen werden soll. Pensionskassen sind gesetzlich verpflichtet, das Guthaben von austretenden Mitarbeitenden an die Pensionskasse des neuen Arbeitgebers zu überweisen. Wird die Bitte ignoriert, macht auch die neue Pensionskasse nochmals auf die nötige Überweisung des Vorsorgekapitals aufmerksam. Passiert daraufhin noch immer nichts, erfolgt der Austausch zwischen der alten und neuen Pensionskasse auch einmal direkt – soweit der neuen Kasse die alte Einrichtung bekannt ist. Ein sicheres System, möchte man meinen. Doch trotz allem kommt es immer wieder vor, dass die Gelder eben nicht auf dem neuen Pensionskassenkonto landen. Gründe dafür gibt es viele: Manchmal melden Arbeitgeber den Austritt eines Mitarbeitenden der Vorsorgeeinrichtung zu spät oder erst, wenn dieser umgezogen oder gar ausgereist ist. Aber auch der Arbeitnehmer ist in die Pflicht zu nehmen. Häufig ignoriert dieser jedoch Schreiben von der Pensionskasse oder der Auffangeinrichtung und gibt keine Informationen zu einer neuen Institution oder seiner aktuellen Wohnadresse weiter.

Geld und Anlage

Wohin geht das Geld?

Pensionskassen überweisen die angesammelten Vorsorgegelder spätestens zwei Jahre nach dem Austritt der Versicherten aus dem Unternehmen an die Stiftung Auffangeinrichtung BVG (siehe unten). Allein der Stiftung fehlt der Kontakt zu sagenhaften 697 000 Kontoeigentümern. «Das entspricht 3,7 Milliarden Franken», sagt Canzani. Der restliche Teil der oben erwähnten fünf Milliarden Franken liegt gemäss Schätzungen bei Banken und Versicherungen.

Sobald eine Person das Rentenalter erreicht und Rentenzahlungen bei der AHV beantragt, findet ein Abgleich der aktuellen Adresse zwischen der AHV-Ausgleichskasse und der Zentralstelle 2. Säule statt. Diese informiert dann die Rentner über die vorhandenen Guthaben bei den Freizügigkeits- oder Policeneinrichtungen. «Das gilt auch für Personen, die im Ausland leben», sagt Canzani. In solchen Fällen gleicht die ausländische Rentenkasse mit der Zentralstelle 2. Säule die Adressinformationen der Betroffenen ab.

«Das System funktioniert gut»

Wird dennoch kein Anspruch auf die Vorsorgegelder der 2. Säule geltend gemacht, verwaltet die Stiftung das Vermögen bis zehn Jahre nach Erreichen des Rentenalters weiter. Danach wird das Guthaben an den Sicherheitsfonds überwiesen. Dieser verwaltet das Vermögen bis zum 100. Geburtstag der Person. Daraufhin verfällt der Anspruch und der Sicherheitsfonds verwendet die Gelder zur Finanzierung der Zentralstelle 2. Säule.

Die Auffangeinrichtung überweist dem Sicherheitsfonds jedes Jahr einen Betrag von rund sechs Millionen Franken. «Das zeigt, dass verhältnismässig wenige Gelder kontaktlos bleiben und dass das System funktioniert», so Canzani.

Jeder kann betroffen sein

«Ich würde nie meine Pensionskassengelder vergessen», sagen Sie sich vielleicht nun selbst. Aber Achtung: Gemäss Canzani ist niemand davor gefeit. «Wir erkennen den ‹typischen Fall› nicht. Jede Person, die aus der Pensionskasse austritt, kann be-troffen sein.» Dennoch scheinen bestimmte Berufsgruppen besonders Gefahr zu laufen, kontaktlose Konti zu hinterlas-sen. Dazu gehören beispielsweise Angestellte im Gastgewerbe und in der Baubranche. Aber auch Ausländer wie Saisoniers oder Expats sind betroffen. Sie arbeiten oftmals nur für ein paar Monate oder Jahre in der Schweiz und kehren anschlies-send wieder in ihre Heimat zurück. Deshalb kennen sie das Schweizer Sozialsystem nicht. Weitere Betroffene sind Studenten: Sie arbeiten nur unregelmässig und ziehen oft um. Somit bricht in diesen Fällen ebenfalls leicht der Kontakt zur Pensionskasse ab. So hat zum Beispiel für eine heute in der Berufswelt fest integrierte Frau im mittleren Kader früher als Studentin die Pensionskasse einfach noch keine Bedeutung gehabt. Bei Auslandaufenthalten und Stellenwechseln hat man einfach nicht an die Vorsorgegelder gedacht. «Viele Menschen kümmern sich nicht um Aspekte der Vorsorge», sagt Daniel Dürr, Mandatsleiter Sicherheitsfonds BVG. «Über das Thema der kontaktlosen Vorsorgeguthaben machen sie meist Medienberichte aufmerksam – und dann suchen sie nach ihrem Pensionskassengeld.»

Die Suche nach dem Geld

Wer glaubt, Pensionskassengelder vergessen zu haben, kann sich bei der Zentralstelle 2. Säule melden. Sie ermöglicht die Wiederherstellung des Kontakts zwischen den Versicherten und Vorsorge Instituten (siehe Box). Für die Anfrage kann jeder das Formular der Zentralstelle ausfüllen und einreichen. Dieses ist auf der Website der Zentralstelle erhältlich. Die Anfrage wird mit den Meldungen der Vorsorgeeinrichtungen verglichen. Stimmen die Informationen überein, werden die betroffene Person und die zuständige Einrichtung informiert. Ab diesem Zeitpunkt erfolgt der Kontakt zwischen dem Versicherten und der Einrichtung direkt – und auch Ansprüche müssen direkt an die Vorsorge- oder Freizügigkeitseinrichtung gerichtet werden. Denn sie entscheidet über eine Auszahlung. Die Zentralstelle verwaltet nur Guthaben von Personen ab 74 (Frauen) und 75 Jahren (Männer), die von Freizügigkeits- und Policeneinrichtungen überwiesen wurden.

«2017 haben wir rund 50000 Anfragen beantwortet», sagt Dürr. Die Anfragen stammen von verschiedenen Personengruppen. Rund die Hälfte aller Anfragen sind von Einzelpersonen. Weiter kommen beispielsweise Hinterbliebene auf die Zentralstelle zu. «Meist handelt es sich dabei um Frauen, die Bestände aus der 2. Säule ihres verstorbenen Ehemannes suchen», sagt Dürr. Die Zentralstelle hat darüber hinaus Anfragen im Zusammenhang mit Scheidungsverfahren. Denn bei einer Scheidung müssen die Pensionskassengelder, die während der Ehe zusammengekommen sind, hälftig aufgeteilt werden. Folglich fragen Anwälte und Gerichte bei der Zentralstelle nach Vorsorgevermögen. Auch nehmen Finanz- dienstleister Kontakt auf, wenn es um die Pensionierung ihrer Kunden geht. Für die richtige Beratung ist der Überblick über alle Vorsorgegelder nötig. Deshalb müssen auch kontaktlose Guthaben aufgedeckt werden. «Diese Anfragen haben in den letzten zwei Jahren stark zugenommen», so Dürr. Das hängt einerseits damit zusammen, dass seit 2017 neben Anwälten und Privatpersonen auch Gerichte bei der Zentralstelle Anfragen im Zusammenhang mit Scheidungsverfahren stellen.

Über 70 Prozent der Anfragen kann die Zentralstelle einem Vorsorgekonto zuordnen. Die hohe Trefferquote ergibt sich aus dem Umstand, dass die Zentralstelle auch alle aktiven Versicherungsverhältnisse einer arbeitnehmenden Person kennt. Für eine erste Suchanfrage muss die Anfragestellerin Name, Vorname, Geburtsdatum und die AHV-Nummer angeben. Für weitergehende Recherchen der Zentralstelle sollten Sie – wenn möglich – Kopien von AHV-Ausweis, Lohnausweis, Arbeitsvertrag, Versichertenausweis 2. Säule und Arbeitsbestätigung Ihrem Suchantrag beilegen können. So werden Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Ihre Pensionskassengelder wiederfinden – und gehören damit nicht mehr zu den «Vergesslichen».

Bild Martin Mischkulnig / 13 Photo

Stiftung Auffangeinrichtung BVG

Die Stiftung Auffangeinrichtung BVG ist eine registrierte Vorsorgeeinrichtung. Sie wurde 1983 im Auftrag des Bundes gegründet. Die Stiftung verwaltet unzustellbare und freiwillig eröffnete Freizügigkeitskonten. Zudem nimmt sie Personen auf, die sich freiwillig in der 2. Säule versichern möchten, und schliesst Arbeitgeber an die berufliche Vorsorge an, die sich keiner Vorsorgeeinrichtung anschliessen können. Zu den weiteren Aufgaben gehören beispielsweise die Versicherung Arbeitsloser gegen die Risiken Tod und Invalidität und die Begleitung von Firmen mit BVG-pflichtigem Personal beim Anschluss einer Vorsorgeeinrichtung nach Auflösung eines Anschlussvertrags bei einer Vorsorgeeinrichtung. www.aeis.ch

 

Mein Name ist Tanja Wegmann

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«Ich bin im Ursprung eine ‹Hotelière› mit Herzblut und liebe diesen Job!» Dennoch verliess Tanja Wegmann 2009 das Grand Hotel Les Trois Rois und ging zum Luxusjuwelier Bucherer. Ihre Gedanken zu …

… ihrer Rückkehr

Ich bin dem Grand Hotel Les Trois Rois seit langem emotional enorm verbunden. Ich liebe das Haus mit seinen Gästen und Mitarbeitenden sehr. Und die Kunst- und Kulturstadt Basel ist zudem meine Heimat. Als die Besitzer mich Ende 2017 anfragten, ob ich die Führungdes Les Trois Rois wieder übernehmen möchte, habe ich mir eine Rückkehr gut überlegt, aber schlussendlich nicht gezögert. Es ist eine Herzensangelegenheit.

… ihren Erfahrungen

Ich liebe es, Gastgeberin zu sein, und weiss mein Team zu schätzen, auch wenn meine Anforderungen an mein Umfeld und die Mitarbeitenden über die Jahre eher gewachsen sind. Denn Erfolg haben ist nur im Team möglich. Heute bin ich als Führungsperson viel relaxter und authentischer als noch vorzehn Jahren, als blutjunge Hoteldirektorin, die sich «in meinen Augen» damals beweisen musste. Ich gehe entspannter auch mit schwierigen Situationen oder Reklamationen um und sehe in allem Positiven wie Negativen auch ein Potenzial für die Zukunft.

… Führungsqualität

Ich bin seit mehr als zwölf Jahren in einer Führungsposition. Neben der Leitung des Hotels zählt nun auch die Führung der Restaurants Cheval Blanc by Peter Knogl, des Chez Donati und der Brasserie Les Trois Rois sowie der angegliederten Blumenboutique Fleurs des Rois zu meinen Aufgaben. Den Überblick zu behalten und allen Abteilungen, Teams und Gästen zeitlich gerecht zu werden, ist ein Challenge, gehört aber dazu.

…ihren Zielen und Visionen für das «Les Trois Rois»

Ich habe viele Ziele und Visionen, die sich mehrheitlich mit denjenigen der Besitzer deckt. Aber es wäre nach drei Wochenin meinem Amt zu früh, darüber öffentlich zu sprechen. Auch ich nehme mir die Freiheit, meine ersten «100 Tage» zu erfahren, zu spüren, zu hinterfragen und zu geniessen. Momentan freue ich mich einfach jeden Tag darüber, «zurück» im Grand Hotel Les Trois Rois zu sein.

Er dynamisch, sie hysterisch

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Führungskräfte stehen unter öffentlicher Beobachtung. Das gilt gleichermassen für Frauen wie Männer. Doch werden an beide Geschlechter dieselben Massstäbe angelegt? Die Diskussion darüber ist aktueller denn je.

Die Presse streift sich keine Samthandschuhe über, wenn über Wirtschaftsgrössen geschrieben wird – besonders, wenn sie in einen Skandal verwickelt sind. Die Schlagzeilen zur Post-Chefin Susanne Ruoff, deren Unternehmen mit Buchhaltungstricks die Postautos subventionieren liess, lauteten beispielsweise so: «‹Miss Perfect› wankt», «Reformerin ohne Netzwerk» oder «Der Fall der Businessfrau». Nicht, dass die Medien bei männlichen Pendants unkritisch berichten würden. Aber die Titel über den Ex-Raiffeisen­ Chef Pierin Vinzenz, gegen den ein Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung läuft, klingen irgendwie anders: «Aufstieg und Fall eines Starbankers», «Pierin Vinzenz war ein fabelhafter Geschichtenerzähler» oder «Der Schatten des allmächtigen Pierin Vinzenz». Schwingt da nicht doch etwas Bewunderung mit?

Stereotypen auf den Redaktionen

Eine Analyse des «Tages­ Anzeigers» rund um die Stadtratswahlen in Zürich kam zum Schluss, dass Journalistinnen und Journalisten bei den Kandidatinnen beispielsweise eher die häusliche Situation thematisierten, bei den Kandidaten dies hingegen kein grosses Thema war, wer zu Hause kocht und die Kinder betreut. Auch sprachlich analysierte die Redaktion die Berichterstattung (auch die eigene!) vor den Stadtratswahlen. Dabei beobachtete sie, dass den Kandidierenden je nach Geschlecht andere Eigenschaften zugeschrieben wurden. Die Kandidaten wurdenals «nicht fassbar» oder «dünnhäutig» kritisiert, Kandidatinnen hingegen als «farblos», «gehässig» oder «stur» beschrieben. Mehr als bei Männern sei bei den Frauen jeweils ihre Kompetenz hinterfragt worden. Dass sie gut sein könnten, müssten sie erst noch beweisen. Sie sind «Krampfer», «Kämpferinnen» oder «fleissig». Männer seien eher «Strategen», «souverän» oder «ausdauernd». Apropos ausdauernd: Sind Männer «ausdauernd», betone dieses Wort ihre positive Durch­ setzungskraft. Frauen gälten hingegen als «verbissen».

Die Journalistinnen und Journalisten würden gängige Stereotypen über Männer und Frauen reproduzieren, ungeachtet dessen, ob sie selbst weiblich oder männlich sind. Frauen dürften öffentlich weniger Fehler machen, ihnen würden weniger Kompetenzen zugeschrieben. «Frauen genügen nicht», lautete das Fazit der Tageszeitung.

Nicht gut genug?

Die langjährige SRF­ Journalistin und «Tagesschau»­ Moderatorin Beatrice Müller ist heute als Kommunikations- und Unternehmensberaterin tätig und macht die Erfahrung, dass Frauen selbstkritischer mit sich sind, obwohl ihre Kompetenzen unbestritten vorhanden sind. Trotzdem lehnt sie es ab, dass sich Frauen als Opfer sehen.

WOMEN IN BUSINESS: Frau Müller, werden Frauen von den Medien härter als Männer kritisiert?

Beatrice Müller: Ich glaube nicht, dass sie härter angefasst werden, sondern anders. Frauen erhalten andere Attribute, die bei Männer positiv bewertet, bei Frauen hingegen negativ wahrgenommen werden.

Inwiefern?

Die Schauspielerin Hildegard Knef hat einmal gesagt: Brüllt ein Mann, ist er dynamisch, brüllt eine Frau, ist sie hysterisch. Die Sprache ist unglaublich machtvoll diesbezüglich. Alle, die wir mit Sprache umgehen, sollten viel aufmerksamer dabei sein, wenn wir sie einsetzen. Das gilt nicht nur für die Medien. Stereotypen bestehen überall.

Laut der Verhaltensökonomin Iris Bohnet haben wir alle – auch Frauen – diese Stereotypen im Kopf. Es gibt das berühmte Beispiel mit den US-Orchestern: Seitdem an Auditions blind vorgespielt wird, wurde der Frauenanteil massiv erhöht. Wie kommt es, dass wir so stark in Rollenmustern denken?

Wir sind aufgewachsen mit klaren Rollenmustern und stecken in einem langwierigen Prozess über eine Neudefinition, der noch immer anhält. Trotzdem bin ich dagegen, dass wir Frauen nun darüber lamentieren und uns als Opfer sehen. Ich habe meinen Weg gemacht. Männer werden auch hart angegangen. Vielleicht stecken Männer Kritik auch eher weg, Frauen nagen länger daran. Für mich geht es darum, dass wir uns gesellschaftlich bewusst werden, wie wir Sprache gezielter einsetzen.

Was halten Sie von gendergerechter Sprache?

Ach, das gibt es doch schon ganz lange, wir wurden früher extrem geschult darin. Es gibt viele sprachliche Mittel, um nicht immer die maskuline Formzu verwenden, aber man muss sie eben einfach einsetzen!

Warum kommt die private Seite von Frauen viel mehr als jene von Männern in Portraits vor? Beispielsweise zur Kinderbetreuung?

Das zeigt doch, wie unser gesellschaftliches Bild einer Frau bzw. eines Mannes ist. In der Schweiz wird die Kinderbetreuung nach wie vor mehrheitlich von Frauen übernommen. Würde die Hälfte dieser Arbeit von Männern ausgeübt, wäre es bestimmt kein Thema mehr oder man würde diesbezüglich in der Berichterstattung keinen Unterschied merken. Aber da es nun einmal noch so ist… widerspiegelt sich das auch medial.

Werden Frauen nur sprachlich als weniger kompetent als ihre männlichen Pendants dargestellt? Oder fühlen sich Frauen im Grunde selber weniger kompetent und die Sprache widerspiegelt das?

Das ist eine spannende Frage, wahrscheinlich bedingt das eine das andere. Mich beschäftigt die Selbstwahrnehmung der Frauen in meinem Berufsalltag als Kommunikationstrainerin sehr. Frauen treten durchaus anders auf als Männer.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich beobachte beispielsweise, dass Frauen ehrlicher und offener, aber auch selbstkritischer mit sich selber sind. Wenn sich Frauen von mir beraten lassen, haben sie sich oft bereits sehr differenziert mit dem Thema Auftrittskompetenz auseinandergesetzt und sind sich bewusst, dass beispielsweise ein Medienauftritt keine einfache Sache ist. Manche Männer merken dagegen nie, dass ihr Auftritt nicht besonders gelingt! Gut, immerhin jene, die zu mir kommen, wollen sich schon verbessern, aber grundsätzlich stellen sie ihre Kompetenz weit weniger infrage, als es die Frauen tun.

Warum sind Frauen zurückhaltender?

Das frage ich mich auch! Kürzlich war ich an einem Netzwerkanlass mit lauter wunderbaren, bestens ausgebildeten Frauen – aber sie sind in der Öffentlichkeit nicht sichtbar! Dabei können sich diese Frauen sehr gut ausdrücken, haben ein grosses Potenzial und bekleiden in ihrem Beruf anspruchsvolle Positionen. Trotzdem zögern sie, vorne hinzustehen.

Liegt es am männlichen Umfeld?

Vielleicht, das wäre möglich. Sie sagen mir einfach, vorne hinzustehen, das sei nicht ihr Ding. Diese Frauen, die so viel leisten, wollen das nicht, weil sie sich das nicht zutrauen. Männer sind da viel selbstbewusster.

Sie beraten Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit stehen. «Gut gebrüllt, Löwe» – so heisst Ihr Buch, in dem Sie praktische Kommunikationstipps aufgeschrieben haben. Was ist das Wichtigste, das man beachten muss im Umgang mit der Öffentlichkeit?

Mich wundert es immer wieder, dass viele glauben, Auftrittskompetenz komme von alleine. Niemand setzt sich einfach in ein Auto und meint, es auf Anhieb fahren zu können, sondern man nimmt zuerst Fahrstunden. So verhält es sich auch mit der Kommunikation. Man muss sich dieses Wissen aneignen. Das Wichtigste ist zu wissen, welche Botschaft man hat und wie man diese – je nach Medium – rüberbringen will. Dazu muss man verstehen, wie man von seinem Publikum wahrgenommen wird. Was sage ich, und wie kommt es an? Es geht darum, seine eigene Wahrnehmung zu schärfen.

Über Beatrice Müller

Beatrice Müller war Journalistin, Reporterin, Produzentin und Filmemacherin für TV und Rundfunk. Von 1997 bis 2013 war sie das Gesicht der «Tagesschau» im Schweizer Fernsehen. Heute ist Beatrice Müller selbstständige Unternehmensberaterin. Sie bietet Medien- und Auftrittstraining an und verhilft Unternehmen und Führungskräften zu einem glaubwürdigen, professionellen und attraktiven öffentlichen Auftritt.

Interview Nadine Jürgensen         Bild Guenter Bolzern

Wie Frauen ihre Altersvorsorge verbessern können

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Frauen erhalten im Durchschnitt tiefere Altersrenten als Männer. Ursache unter anderem ist die traditionelle Rollenverteilung bei der Kinderbetreuung und im Haushalt. Acht von zehn berufstätigen Müttern arbeiten Teilzeit. Spätestens bei der Pensionierung fehlen die Beiträge in der beruflichen Vorsorge und der 3. Säule. Was man als Frau dagegen tun kann:

Rechtzeitig beraten lassen
Planen Sie Ihre Altersvorsorge aktiv und lassen Sie diese 10 bis 15 Jahre vor Ihrer Pensionierung analysieren.

Renten optimieren
Ehepaare sollten prüfen, ihre Altersrenten anzugleichen – so sinkt das Renteneinkommen nicht drastisch, wenn einer der Ehepartner stirbt.

Bei Scheidung vorsorgen
40% beträgt die Scheidungsrate in der Schweiz. Nicht nur Unterhaltszahlungen, auch die Vorsorgebeiträge für die 3. Säule gehören in eine Scheidungskonvention.

Risiken absichern
Die Absicherung gegen Tod und Invalidität gibt Familien mit Kindern die notwendige Sicherheit.

Nicht nur in der Gegenwart leben
Auch wenn die aktuelle Einkommenssituation komfortabel ist, wird das Einkommen im Ruhestand spürbar tiefer ausfallen.

Weitere Informationen finden Sie unter zkb.ch/planen

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