Renata Jungo Brüngger gehört als Mitglied der Konzernleitung der Daimler AG und der Mercedes-Benz AG zu den einflussreichsten Frauen der Automobilbranche. Im Interview spricht die gebürtige Schweizerin über die Bedeutung von Nachhaltigkeit, wie sie von ihrem Hobby im Geschäftsalltag profitiert und inwiefern Schwaben und Schweizer ähnlich ticken.

WOMEN IN BUSINESS: Als Vorstandsmitglied der Daimler AG sind Sie für den Bereich Integrität und Recht verantwortlich. Inwiefern zählt auch das Thema Nachhaltigkeit zu Ihrem Bereich?
Renata Jungo Brüngger: Für mich zu 100 Prozent. Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, die nachhaltige Transformation von Mercedes-Benz und Daimler voranzutreiben und andere Fachbereiche zu unterstützen. Unsere Juristen, Compliance-Manager und Integritätsbeauftragten verstehen sich als «Enabler» für Nachhaltigkeit im Unternehmen. Für dieses Mindset setze ich mich persönlich ein. Es ist mir ein Herzensanliegen, und das nicht nur, weil ich oberste Risikomanagerin des Unternehmens und Co Vorsitzende des Nachhaltigkeitsboards bin. Denn zum nachhaltigen Wirtschaften gibt es aus meiner Sicht keine Alternative. Zugespitzt gilt: «Sustainable Business or out of Business».

Welche Massnahmen verfolgen Sie und Ihr Team konkret, um Nachhaltigkeit im Unternehmen voranzutreiben?
Ein prägnantes Beispiel: Unser Einsatz für Menschenrechte. Für die Elektromobilität benötigen wir viele Rohstoffe aus kritischen Ländern. Schon vor einigen Jahren haben wir auch deswegen unser Human Rights Respect System aufgesetzt. Das sind konkrete Regelungen und Prozesse, die uns dabei helfen, mögliche negative Auswirkungen unseres Geschäfts auf die Achtung der Menschenrechte frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Unsere Liefernetzwerke sind hochkomplex, wir haben alleine 60 000 direkte Lieferanten. 100-prozentige Sicherheit wird es daher nie geben, aber wir arbeiten hart daran, die Risiken so gut wie möglich zu minimieren. Das hilft nicht nur den Menschen vor Ort, sondern ist auch ein Mehrwert für das Unternehmen und Investoren. Ein anderes Beispiel: Mit unserem Data Compliance Management haben wir den verantwortlichen Umgang mit Daten im Blick. Software ist für uns ein zentraler Erfolgsfaktor, und wir begleiten technische Neuerungen mit unseren Grundsätzen Transparenz, Selbstbestimmung und Datensicherheit. An den Beispielen sehen Sie, dass wir eine ganzheitliche nachhaltige Geschäftsstrategie entlang der gesamten Wertschöpfungskette verfolgen. Wir orientieren uns dabei an den 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen.

Wo liegen die Herausforderungen, ein gesamtes Unternehmen mit dieser Thematik abzuholen?
Es wäre mittel- und langfristig eine deutlich grössere Herausforderung, jetzt nicht konsequent auf Nachhaltigkeit zu setzen. Damit sichern wir auch zukünftig unsere «Licence to Operate», die gesellschaftliche Akzeptanz für unser Geschäft. Unsere Ziele sind sehr ambitioniert, natürlich vor allem beim Klimaschutz. Wir setzen auf «electric only»: Bis zum Ende des Jahrzehnts wird Mercedes-Benz bereit sein, vollelektrisch zu werden – überall dort, wo es die Marktbedingungen zulassen. Diesen fundamentalen Kurswechsel unterstützen auch unsere Stakeholder, unsere Kunden, unsere Beschäftigten, die Politik und der Kapitalmarkt. Aber diese tiefgreifende Transformation hin zur Elektromobilität verlangt auch viel von uns allen, und es wird nicht immer konfliktfrei abgehen. Der Schlüssel ist, intensiv mit allen relevanten Stakeholdern im Dialog zu bleiben, um gute Lösungen zu finden.

Wenn wir auf Ihre beeindruckende Karriere blicken, was war auf Ihrem Weg an die Spitze eines Weltkonzerns wie Daimler entscheidend?
Erfahrungen in unterschiedlichen Terrains und Wetterlagen helfen, sich sicher zu bewegen, auch wenn es mal schwierig wird. Sie merken schon: Eins meiner liebsten Hobbys sind die Berge. Im Ernst: Es hilft, Risiken gut kalkulieren und managen zu können. Noch wichtiger ist es aber, die Chancen bei vielen Themen zu erkennen und in den Mittelpunkt des eigenen Handelns zu stellen. Und man muss auch einmal mutig und selbstbewusst aus seiner Komfortzone herausgehen, um neue Ziele zu erreichen. Wie den Gipfel sollte man diese Ziele immer im Blick haben. Das rate ich auch Kolleginnen, die ihre Karriere vorantreiben wollen. Über allem steht für mich jedoch, mit einem Weltklasse-Team unterwegs zu sein. Als Führungskraft ist das am Ende entscheidend für den Erfolg – auch für den eigenen.

Mussten Sie sich als Frau in der männerdominierten Branche besonders behaupten?
Der Umgang mit meinen Kollegen war von Anfang an auf Augenhöhe. Inzwischen habe ich auch zwei Kolleginnen im Vorstand der Mercedes-Benz AG, was mich natürlich sehr freut. Insgesamt ist unsere Branche traditionell eher männlich geprägt. Bei Daimler liegen wir derzeit bei einem Frauenanteil von 20,5 Prozent in Führungspositionen – das ist schon gut. Wir engagieren uns aber sehr stark, um diesen Anteil weiter zu steigern. In meinem Ressort sind sogar über 40 Prozent der Führungskräfte Frauen. Ich ermutige jede kompetente und motivierte Kollegin, einen Karriereschritt zu wagen und unterstütze sie entsprechend.

Worauf legen Sie bei der Führung Ihrer Mitarbeitenden Wert, insbesondere mit Blick auf das Thema Diversity?
Bei uns arbeiten rund 280 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 160 Nationen. Alle bringen ihre Erfahrungen, Perspektiven und Kompetenzen mit ein. Das Wichtigste für mich als Führungskraft ist, sich auf diese Vielfalt einzulassen und sie aktiv zu fördern. Das setzt enorme Kreativität frei, die Grundlage für unseren sprichwörtlichen Pionier- und Erfindergeist ist.

Spüren Sie einen Unterschied in der Unternehmenskultur zwischen Deutschland und der Schweiz?
Ich habe in internationalen Unternehmen gearbeitet, da ist der Unterschied in der Unternehmenskultur nicht so gross. Schweizer und Schwaben sind gar nicht so verschieden: Beide sind sehr pflichtbewusst, umtriebig und arbeiten gern und viel. Dazu kommt Kreativität – eine wirklich gute Mischung. Auf beiden Seiten haben wir also Teams, die in der höchsten Liga spielen. Das gibt auch viel Freude an der Arbeit, das gefällt mir hier und dort.

  Die Initiative She’s Mercedes steht für die Idee, dass Inspiration Aussergewöhnliches bewirken kann. Sie bietet Frauen in über 70 Ländern die Möglichkeit, in Kontakt zu kommen und sich gegenseitig zu stärken. In der Schweiz finden regelmässig Events zu den Themen Mind, Move, Body und Nutrition statt. Mehr zur Initiative, zum Magazin und zu den Events von She’s Mercedes in der Schweiz finden Sie im Newsletter mercedes-benz.ch/shesnewsletter-de sowie unter mercedes-benz.ch/shes.

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