Ntsiki Biyela hat mehrere Glasdecken durchbrochen: In Südafrika, wo bis heute weisse Männer die Weinwirtschaft dominieren, ist sie die erste schwarze Önologin und eine erfolgreiche Winzerin. Ihr Weinlabel Aslina exportiert sie nach Europa und in die USA.

Südafrikas Winzerinnen sind auf dem Vormarsch. Eine von ihnen ist Ntsiki Biyela, die einen bemer- kenswerten Weg hinter sich hat. Eigentlich wollte sie Chemietechnik studieren. Doch ein Stipendium für ein Weinbaustudium an der Universität von Stellenbosch, das von der Fluggesellschaft South African Airways ausgeschrieben worden war, änderte alles. Ntsiki Biyela gewann es, zog von Mahlabathini, einem Dorf in der südafrikanischen Provinz KwaZuluNatal nach Stellenbosch, und schloss das Studium mit dem Bachelor of Science der Landwirtschaft in der Fachrichtung Weinbau und Önologie ab. Das war vor zwanzig Jahren. Heute gehört sie zu den führenden Köpfen von Südafrikas florierender Weinindustrie.

Für eine junge Frau, die von ihrer Grossmutter aufgezogen wurde – ihre Mutter arbeitete als Haushalthilfe in Durban –, und zunächst ebenfalls in einem Haushalt arbeitete, die noch dazu parallel zum Studium die Sprache Afrikaans lernen musste, keine Selbstverständlichkeit. Heute produziert die 45-Jährige ihren eigenen Wein: Aslina – drei weisse, zwei rote und ein Schaumwein – wurde mehrfach mit Goldmedaillen ausgezeichnet und wird nach Europa, in die USA und nach Japan exportiert – auch in die Schweiz. Bis zu ihrem Studium hatte sie noch nie einen Tropfen Wein getrunken.

WOMEN IN BUSINESS: Erinnern Sie sich, wie es für Sie war, als Sie Ihren ersten Wein probiert haben?
Ntsiki Biyela: Oh ja. An der Stellenbosch University kostete ich erstmals von dieser roten Flüssigkeit, von der alle sagten, sie sei etwas Wunderbares. Aber ich fand Wein, entgegen allen Beteuerungen, am Anfang schrecklich. Wenn jemand von Pflaumen- oder Beerenaroma spricht, stelle ich mir etwas Süsses vor. Doch was ich trank, war alles andere als süss. Ich konnte nicht einmal erklären, wonach mein erster Schluck Rotwein schmeckte. Es war keine romantische Angelegenheit. Der Geschmack am Wein kommt eben erst mit der Zeit.

Heute sind Sie die erste schwarze Winzerin Südafrikas und wurden mit ihrem Wein mehrfach ausgezeichnet. Was waren die grössten Herausforderungen auf Ihrem Weg?
Zunächst hatte ich wirklich Angst, nach Stellenbosch zu kommen. Es war eine grosse Veränderung zu der Umgebung, aus der ich kam. Eine ganz andere Kultur. Auch die Sprache, Afrikaans, war ein Hindernis für mich. Ich erinnere mich an meinen ersten Tag, als ich feststellte, dass ausschliesslich Männer im Raum waren. Das hatte mich zunächst erschreckt. Aber ich konnte mich leicht anpassen, denn zu Hause, wo ich aufgewachsen bin, hatte ich mich um die Kühe gekümmert, und auch da war ich hauptsächlich mit Jungs zusammen.

Dann waren es eher Hindernisse im Kopf, die sich in Realität schnell auflösten?
Ich denke, die Erziehung hat einen sehr grossen Einfluss darauf, wie wir uns in der Welt verhalten. Mir hat es geholfen, dass ich mich jeweils frage: Was ist das Schlimmste, das jetzt passieren kann? Und dass ich alles, was sich auf den ersten Blick als Hindernis darstellt, positiv betrachte. Ich frage mich: Wie kann ich es ändern, wie kann ich es für mich arbeiten lassen. Und wenn ich an einen neuen Ort komme, schaue ich, dass ich wirklich auf die Menschen zugehe. Ich sorge dafür, dass ich gesehen werde, verstecke mich nicht, egal, wie einschüchternd die Situation ist.

Sie sind die erste in Ihrer Familie, die studieren konnte, und arbeiten in der Luxusindustrie. Inwiefern sind – auch in der Weinbranche – immer noch Einflüsse des Apartheid-Regi- mes zu spüren?

Natürlich haben sich die Dinge stark geändert, und sie entwickeln sich weiter. Was aber übrigbleibt, ist der Rassismus und die ungleiche Verteilung von Reichtum. Wie ich gesagt habe, der Geschmack am Wein kommt mit der Zeit. Das bedeutet auch, dass der Weingenuss kein Privileg der Weissen mehr ist. Aber eben erst seit 20 Jahren! Es ist verrückt, wenn man das bedenkt.

Wein wird heute also von allen Bevölkerungsteilen gleichermassen genossen.
Ja, bei jenen Menschen, die nicht in Armut leben, ist der Weingenuss in der Bevölkerung gleich verteilt. Jeder, der es sich leisten kann, geniesst das luxuriöse Getränk. Für mich selbst bedeutet Wein die Nähe zur Natur. Die Natur gehört uns allen. Sie ist grossartig, und wenn man bereit ist, zu lernen, beginnt man, die Feinheiten zu verstehen, etwa die Charaktereigenschaften der verschiedenen Traubensorten.

Sie hatten früh Erfolg, gewannen Medaillen. Warum haben Sie sich vor sieben Jahren entschlossen, Ihr eigenes Unternehmen zu gründen, anstatt angestellt zu bleiben?
Schon während ich studierte, wusste ich, dass ich irgendwann mein eigenes Unternehmen gründen würde. Und als ich zu Beginn in einer Weinverkostung arbeitete habe, entwickelte ich sofort eigene Unternehmensideen und dachte mir: Warte mal, in Durban könnte ich doch meinen eigenen Verkostungsraum eröffnen? Später konnte ich im Rahmen eines Praktikumsprogramms, welches das US-Aussenministerium für afrikanische Frauen organisierte, teilnehmen. Da traf ich auf Frauen aus verschiedensten afrikanischen Regionen, und auf einen Redner, der sagte: «Wenn Du Dein eigenes Unternehmen gründen willst, musst Du zuerst verstehen, warum Du das tun willst.» Ich realisierte, dass für mich die Motivation darin bestand, dass ich flexibel bleiben wollte, flexibler, als man es im Angestelltenstatus ist, um in meinem Dorf helfen zu können. Ich wollte Veränderung nicht nur in mein eigenes Leben, sondern auch in das meiner Umgebung bringen.

Wie meinen Sie das?

Ich dachte mir, wenn ich in der Stadt mein Geschäft aufbaue und dieses ein gewisses Niveau erreicht, dann kann ich dies nutzen, um meine Leute im Dorf zu unterstützen. Im Gegensatz zu Frauen in vielen anderen afrikanischen Ländern konnte ich mein Unternehmen unter meinem Namen registrieren lassen und bei einer Bank einen Kredit bekommen.

Für Ihr eigenes Weingut hatten Sie dennoch nicht genügend Geld. Wie startet man denn als Winzerin ohne Weingut?
Ich begann in einem gemieteten Raum auf einem Weingut ausserhalb von Stellenbosch, kaufte Trauben von verschiedenen Weingütern und vinifizierte sie. So mache ich es noch heute. Chardonnay-Trauben beziehe ich zum Beispiel von einem Weingut aus Stellenbosch und aus Elgin. Den Stellenbosch-Wein lagere ich in Edelstahl und den Elgin-Wein in Fässern. Denn Stellenbosch ist wärmer, so dass der Chardonnay von Natur aus reichhaltig ist. Elgin ist eher säurebetont und mineralisch. Mit ein wenig Holz wird die Säure etwas gemildert. Heute produziere ich 100 000 Flaschen und exportiere.

Sie haben Ihren Wein nach Ihrer Grossmutter Aslina benannt. Was bedeutet sie Ihnen?
Sie war mein grosses Vorbild. Sie war jemand, die etwas sehr Kleines in etwas Grosses, Blühendes verwandeln konnte. Mein Grossvater ist früh gestorben, so war sie die Matriarchin im Haus. Als ich mit meinen Geschwistern bei ihr lebte, hatte sie sehr wenig Geld, aber sie unterstützte uns Kinder in allem, und sie verstand, dass man das Wenige, das man hat, durch den Anbau von Pflanzen ergänzen muss, damit jeder zu essen hat. Sie lehrte uns Disziplin auf liebevolle Art.

Während Ihrer Ausbildung kamen Sie mit anderen Winzern in Frankreich, Italien und den USA in Kontakt, reisten viel zu berühmten Weingütern.
Ja, ich wollte wirklich herausfinden, wie sich die Weinbaugebiete und Produktionsprozesse unterscheiden. In Kalifornien traf ich viele Winzerinnen, testete ihre Weine, diskutierte über die Schwierigkeiten beim Produktionsprozess. Mit Helen Keplinger aus dem Napa Valley ging ich eine wunderbare Kollaboration ein. Sie kam zu mir nach Südafrika, und wir mischten unsere Weine.

Worauf sind Sie heute besonders stolz?

Wir haben soeben einen eigenen Verkostungsraum geöffnet. Das ist ein Meilenstein für uns. Aber ich denke, mein grösster Erfolg ist, dass ich ein Team habe, das mit mir meine Vision teilt und sie vorantreibt.

Sie arbeiten mit Menschen, mit der Natur, Sie betreiben ein Business, das auch Administration umfasst. Welche Arbeit ist Ihnen die Liebste?
Ich bin nicht gerade ein Fan von Verwaltung. Wer tut das schon gerne? Ich liebe die Seite der Weinherstellung, aber genauso die Verkostungen. Ich finde es interessant zu sehen, wie verschieden die Menschen auf meine Weine reagieren. Ich kann an ihrer Körpersprache erkennen, wenn sie nicht meinen, was sie sagen.

Wirklich?

Ja. Als meine Grossmutter zum ersten Mal einen Wein von mir kostete, merkte ich ihr an, dass sie stolz auf ihre Enkelin war. Als sie einen Schluck nahm und sagte, dass er gut schmeckt, konnte ich aber ihrem Gesichtsausdruck ablesen, dass sie ihn nicht wirklich mochte. Sie fühlte sich wahrscheinlich wie ich mich, als ich zum ersten Mal Wein probierte.

Das Hospitality- und Weinbusiness erfreut sich heute grosser Beliebtheit bei jungen Menschen. Was würden Sie jenen empfehlen, die da einsteigen wollen?
Was ich für mich erkannt habe, ist, dass man wirklich leidenschaftlich sein muss für das, was man tut. Denn wenn man nicht mit Leidenschaft dabei ist, ist man auch nicht in der Lage, jemandem zu vermitteln, was man tut. Emotionen spielen nun einmal eine wichtige Rolle. Aber Leidenschaft allein genügt nicht. Man muss auch sicherstellen, dass man sich über die Branche genau informiert, in die man einsteigen will. Manche Branchen sehen von aussen schick und glamourös aus, aber es steckt verdammt viel Arbeit dahinter. Es ist wichtig zu wissen, dass man hart arbeiten muss, wenn man etwas erreichen will. Es braucht auch Geduld und Arbeitswillen. Heute wollen viele Junge gleich CEO sein. Aber zuerst muss man den Boden richtig schrubben können. ★


NTSIKI BIYELA
ist Gründerin und Direktorin von Aslina Wines. Nach der High School arbeitete sie ein Jahr als Haushaltgehilfin und begann 1999 mit dem Agrikultur-Studium an der Stellen- bosch University. Nach Studienabschluss heuerte sie 2004 bei Stellekaya, einem Boutique-Weingut in Familienbesitz, an. 2009 wurde sie zum Winemaker of the Year ernannt. 2017 kam sie unter die Top 20 der innovativsten Frauen im Bereich «Essen und Trinken» des Magazins Fortune. Ihre Weine wurden mehrfach mit Goldmedaillen ausgezeichnet, sie werden u.a. in die Schweiz, die Niederlande, die USA und die Bermudas sowie nach Deutschland, Schweden, Japan, Ghana und Kenia exportiert. Sie sitzt im Vorstand der Pinotage Youth Development Academy, einer Organisation, die junge Arbeitslose zwischen 18 und 25 Jahren für die Wein- und Tourismusindustrie ausbildet.

0 0 votes
Article Rating

Abo WIB in deinem Postfach Jetzt abonnieren
Die nächste WOMEN IN BUSINESS Ausgabe wird am 5.09.2024 lanciert

×
0
Would love your thoughts, please comment.x
()
x