Sie ist der weibliche Teil des Power-Ehepaars Clozel, das in den letzten Jahren die Schweizer Pharmabranche mitgeprägt hat. Martine Clozel hat nach ersten Berufsjahren in der Forschung bei Roche die beiden Pharmaunternehmen Actelion und Idorsia mitgegründet. Ans Aufhören denkt die 67-Jährige noch lange nicht.

WOMEN IN BUSINESS: Frau Clozel, Sie sind in der Öffentlichkeit bekannt als Wissenschaftlerin und Unternehmerin, die zusammen mit ihrem Mann die Schweizer Pharmaunternehmen Actelion und Idorsia gegründet hat. Doch wie sah Ihr Leben davor aus?

Martine Clozel: In Nancy, im Nordosten Frankreichs, wo ich geboren wurde, habe ich nach dem Abschluss des Gymnasiums an der dortigen Universität ein Medizinstudium in Angriff genommen. Relativ schnell wurde mir aber klar, dass ich nicht einfach «nur» Ärztin sein wollte. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber mir war es wichtig, auch die Mechanismen von Krankheiten zu verstehen. Deshalb begann ich mich für die Forschung zu interessieren und habe auch noch Biologie und Physik studiert, um die Forschung auf die Medizin anwenden zu können. Diese Erweiterung hat mein Berufsleben stark und nachhaltig beeinflusst. Ausserdem habe ich in jener Zeit auch meinen Mann, den Kardiologen Jean-Paul Clozel, kennengelernt.

Wie ging der Berufseinstieg vonstatten?
Nach dem Studium ging ich noch für ein Jahr an die Universität in San Francisco, um mich vor allem im Bereich der Forschung und des Schreibens von Studienprotokollen sowie von wissenschaftlichen Publikationen weiterzubilden. Zurück in Frankreich war ich dann eine Zeit lang Assistenzprofessorin in der Neonatologie. Ich begleitete unter anderem die Geburt von Fünflingen. Das war eine
Sensation, da dies die erste Geburt von Fünflingen in Frankreich war und alle fünf überlebten. Sogar das Wochenmagazin Paris Match berichtete darüber.

Welcher Weg führte Sie schliesslich in die Pharmabranche?
Zur gleichen Zeit gründete ich mit meinem Mann zusammen ein Forschungslabor. Wir wollten begreifen, wie Krankheiten entstehen und Behandlungen dagegen entwickeln. 1987 wechselten wir beide in die Pharmabranche zu Roche nach Basel, und ich war dort als Wissenschaftlerin in der Forschung tätig. Diese Arbeit gefiel mir auf Anhieb sehr gut, denn mit einer bahnbrechenden Entdeckung kann man potenziell tausenden von Menschen helfen, während man als Hausärztin grundsätzlich nur einen Patienten zur gleichen Zeit behandelt.

Zehn Jahre später wagten Sie mit Ihrem Mann zusammen den Schritt in die Selbstständigkeit. Was führte dazu, die Komfortzone und einen sicheren Arbeitsplatz aufzugeben und selbst ins Risiko zu gehen?
1997 entschieden wir uns zusammen mit zwei weiteren Mitarbeitern, Roche zu verlassen und in Allschwil die neue Firma Actelion zu gründen. Hintergrund dieser Entscheidung war der Umstand, dass Roche die Entwicklung eines Medikaments gegen Herzinsuffizienz, an dem mein Mann und ich arbeiteten, einstellen wollte. Wir haben beide allerdings fest an dieses Projekt geglaubt und wollten die Forschung fortsetzen. Für uns war das ein riskanter sowie ehrgeiziger Entscheid und ein sehr grosser Schritt, den wir aber nie bereut haben. Anfänglich waren wir Generalisten und machten alles selbst. Aber wir hatten eine gute Einstellung, glaubten an uns und waren voll motiviert. In den Jahren nach der Gründung von Actelion konnten wir das Medikament erfolgreich weiter bringen. Dieses entfaltete seine Wirkung zwar weniger gegen Herzinsuffizienz, sondern vielmehr gegen pulmonale arterielle Hypertonie und entwickelte sich zu einem grossen Erfolg für Actelion und für die Patienten.

Wie beurteilen Sie rückblickend diese Gründer- und Wachstumszeit?
Das Unternehmen entwickelte sich sehr gut und war ausserordentlich erfolgreich. Im Verlaufe der 20 Jahre konnten wir für fünf Medikamente eine Marktzulassung erhalten und unsere Produkte erfolgreich zu den Patienten bringen. Auch die Mitarbeiterzahl stieg stetig an. 2017 waren mehr als 2500 Mitarbeitende bei Actelion beschäftigt. Rund die Hälfte davon waren Frauen. In vielen Niederlassungen im Ausland war der Posten des General Managers mit Frauen besetzt. So zum Beispiel unter anderem in Frankreich, Österreich, Griechenland, Polen oder Mexiko.

Welche Rolle spielten damals Themen wie Lohngleichheit, Geschlechterfragen oder Frauenförderung? Gleichberechtigung, gleiche Löhne für gleiche Arbeit und ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis waren uns immer wichtig und sind es heute noch. Für unsere Bemühungen und Errungenschaften in der Frauenförderung wurde Actelion mit einem Preis ausgezeichnet. Das Preisgeld spendeten wir unserer Standortgemeinde Allschwil, damit sie Kinderkrippen einrichten konnte. Actelion betrieb selbst eine Krippe für 45 Kinder von Mitarbeitenden, was sich sehr lohnte, denn viele gute Mitarbeitende entschieden sich nicht zuletzt deshalb für uns.

Gleichwohl veräusserten Sie Actelion und gründeten Idorsia. Wie kam es dazu und wie ist die neue Firma ausgerichtet?
Im Jahr 2017 kaufte Johnson & Johnson die Actelion, was eigentlich nicht geplant war. Wir hätten weiter innerhalb der neuen Struktur forschen können, aber weil unsere Forschungsabteilung in dieser grossen Firma verloren gegangen wäre, einigten wir uns, die Forschungsabteilung von Actelion abzuspalten. Wie schon vor 20 Jahren gründeten wir eine neue Firma, Idorsia, die auch in Allschwil ihren Hauptsitz hat. Im Unterschied zu Actelion mussten wir mit Idorsia nicht bei null angefangen. Gestartet waren wir mit rund 650 Mitarbeitenden. Heute beschäftigt Idorsia mehr als 1300 Mitarbeitende, wovon etwa 45 Prozent Frauen sind. Unser Kern ist immer noch die Forschung und Entwicklung, aber mittlerweile haben wir schon zwei neue Medikamente auf den Markt gebracht: eines gegen zerebrale Gefässspasmen in Japan und eines gegen Schlafprobleme, das bereits in den USA und den ersten Ländern in Europa erhältlich ist und voraussichtlich auch bald in der Schweiz verfügbar sein wird.

Woher nehmen Sie Ihre Motivation, als Forscherin und als Unternehmerin zu funktionieren?
Die Innovationskraft unseres Wirkens und die Leidenschaft für die Forschung treiben mich tagtäglich an. Es gibt nichts Befriedigenderes, als zu forschen und die besten Medikamente zu entwickeln. Das ist auch für unsere Mitarbeitenden motivierend. Wir verstehen uns als eine familiäre Firma mit einer tollen Kultur. Alle setzen sich für Idorsia ein, was auch ein Grund für unseren Erfolg ist. Forschung ist kein einfaches Feld, vor allem wenn man etwas ganz Neues machen will. Da kann man nur im Team erfolgreich sein und auch die Vielfalt spielt eine wichtige Rolle. Bei uns arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Herkünften, Hintergründen und Nationalitäten.

Sie haben für Ihre eigenen Unternehmen jeweils die Schweiz als Standort gewählt. Was gab den Ausschlag
dafür?

Die Schweiz ist ein guter Standort, um die besten Talente in der Pharmabranche zu bekommen. Insbesondere natürlich die Region Basel. Auch die Nähe zu den Grossunternehmen wie Roche und Novartis ist wichtig. Und doch ist da auch genug Raum für Startups und kleinere Firmen. Wir haben auch gerne Studenten, Praktikanten und Post Docs bei uns, um sie an die Forschung heranzuführen und ihnen zu zeigen, wie unsere Branche funktioniert. Ausserdem bieten wir interne und externe Weiterbildungsprogramme an.

Die Pharmabranche gilt als sehr international. Wie setzt sich die Belegschaft von Idorsia zusammen?
An unserem Hauptsitz in Allschwil brauchen wir Spezialisten aus aller Welt, weshalb unser Team besonders international zusammengesetzt ist. In den einzelnen Ländereinheiten gibt es hingegen mehr lokale Mitarbeitende, da sie den jeweiligen Markt gut kennen müssen. Weltweit kommen unsere Mitarbeitenden aus 43 Nationen. Wir möchten als Firma in dieser Beziehung ein Vorbild sein und für alle die gleich guten Arbeitsbedingungen anbieten. So fördern wir zum Beispiel die Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern.

Im Jahr 2022 haben Sie den Prix Suisse der Initiative Schweiz gewonnen, der jährlich an eine Person vergeben wird, die «herausragende Leistungen für die Schweiz» erbracht hat. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für Sie?
Ich wurde für meine Tätigkeit in der medizinischen Forschung und für die Entwicklung verschiedener neuer Medikamente geehrt, was mich sehr gefreut hat. Besonders berührt hat mich, dass ich als Frau, als Forscherin und als Unternehmerin ausgezeichnet wurde. Die Preisverleihung im Kursaal Bern habe ich als angenehm und einzigartigen Abend in Erinnerung. Auf die Auszeichnung bin ich sehr stolz, und ich hoffe, dass ich für andere Frauen ein gutes Beispiel sein kann. Im gleichen Jahr haben mein Mann Jean-Paul und ich auch noch die Ehrendoktorwürde der Philosophisch- Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel verliehen bekommen. Auch diese Wertschätzung war eine grosse Ehre, vor allem, weil sie zum ersten Mal überhaupt einem Ehepaar zuteilwurde.

Wie hat sich in den letzten Jahrzehnten die Situation für Frauen im Berufsleben verändert? Und wie unterstützen und fördern Sie bei Idorsia diese Entwicklung?
Die Zeiten haben sich seit meinem Studium und meinen Anfängen im Berufsleben stark geändert. Heute ist es einfacher, als Frau eine Berufskarriere zu starten und diese mit einer Familie in Einklang zu bringen. Das vielfältige Krippenangebot und die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit haben entscheidende Vorteile für Frauen, aber auch für die Gesellschaft gebracht. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass Frauen mit Kindern nach einer Elternzeit in den Job zurückkehren können. Bei Idorsia sind wir darum bestrebt, für Familien möglichst gute Bedingungen zu schaffen, in dem wir zum Beispiel flexible Arbeitszeitmodelle anbieten und Homeoffice ermöglichen. ★

MARTINE CLOZEL
Die 1955 in Nancy geborene und heutige französisch-schweizerische Doppelbürgerin Martine Clozel ist Ärztin, Forscherin, Wissenschaftlerin, Gründerin und Unternehmerin. Zusammen mit ihrem Mann Jean-Paul gründete sie 1997 in Allschwil (BL) das Unternehmen Actelion, das sich innert 20 Jahren zum grössten Biotech-Konzern in Europa entwickelte. 2017 wurde das Unternehmen Actelion für 30 Milliarden Dollar von der Johnson & Johnson gekauft. Einzig die Forschungsabteilung für die Entwicklung von Medikamenten behielten sie und gründeten eine neue Firma: Idorsia. Martine Clozel ist Mutter von drei erwachsenen Kindern und wohnt in der Region Basel.

IDORSIA PHARMACEUTICALS LTD
Idorsia ist ein unabhängiges biopharmazeutisches Unternehmen mit Sitz in Allschwil (BL), das auf die Entdeckung, Entwicklung und Kommerzialisierung innovativer Medikamente spezialisiert ist. Die Firma verfügt über ein breites, diversifiziertes und ausgewogenes Portfolio, das mehrere Therapiegebiete abdeckt. Das Portfolio umfasst gegenwärtig zwei vermarktete Produkte und mehr als zehn Wirkstoffe in der klinischen Entwicklung. Über 1300 Fachleute sind weltweit bei Idorsia beschäftigt. Das Unternehmen ist an der SIX Swiss Exchange kotiert.

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Die nächste WOMEN IN BUSINESS Ausgabe wird am 5.09.2024 lanciert

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