Die Schweiz ist als Standort vieler international tätiger Unternehmen nach wie vor attraktiv. Damit das so bleibt, müssen jedoch Anpassungen an veränderte Rahmenbedingungen stattfinden. Im Gespräch mit Corine Blesi, Gründerin von Zurich Economic Impulse.

WOMEN IN BUSINESS: Frau Blesi, was motivierte Sie, ein eigenes Unternehmen zu gründen? Corine Blesi: Meine Grundidee lag darin, Politik und Wirtschaft zusammenzubringen, ich möchte Unternehmen für Politik begeistern, aber auch die Politik näher an Unternehmen bringen. Daraus entstand 2016 der Zurich Economic Impulse. Es ist wichtig, dass die Wirtschaft auch in der Politik repräsentiert ist, damit aus den divergierenden Interessen tragfähige Lösungen entstehen können. Nehmen Sie als Beispiel die Abstimmung zur Steuervorlage, die wir eben hatten: Da sind selbst die Parteien intern oft zerrissen. Doch letztlich führt der gut schweizerische Kompromiss, das Feilschen um die beste Lösung, oft zu den stabilsten Ergebnissen. Auch wenn es vielleicht manchmal etwas länger dauert.

Eine ehrgeizige Idee. Ja, aber wenn man von seiner Idee überzeugt ist, kann man das schaffen. Es hat mich gereizt, selbst etwas zu bewegen. Ich hatte bis dahin immer in grösseren Unternehmen gearbeitet und wollte selbst initiativ werden. Das war natürlich ein Experiment. Man merkt dann schnell, dass niemand auf mich oder auf noch mal eine neue Konferenz gewartet hat. Dazu muss man sich Zeit nehmen, man ordnet dem alles unter. Ich habe wirklich alles selbst gemacht, habe gelernt, die Website selbst zu programmieren, Videos zu schneiden und eine saubere Budgetplanung zu machen. Einzig bei der Buchhaltung hat mich immer meine Mutter unterstützt. Das Projekt hatte wirklich diese Start-up-Mentalität. Es war ein riesiger Lernprozess für mich zu entdecken, was es alles dazu braucht. Über diesen Weg habe ich auch gelernt, die Menschen, die diesen unternehmerischen Geist mitbringen, noch viel mehr zu schätzen. Heute unterstellt man ja der jüngeren Generation oft, dass sie kein Durchhaltevermögen mehr hätten. Doch wir haben in der Schweiz eine sehr lebendige junge Gründerszene…

die auch am diesjährigen ZURICH ECONOMIC IMPULSE, das sich dem Thema «Die Schweiz im internationalen Standortwettbewerb» widmete, vertreten war … Richtig. Bei diesen jungen Startups wie zum Beispiel bei Beekeeper, die eine App entwickelt haben, um die zuverlässige Kommunikation aller Mitarbeiter eines Unternehmens zu ermöglichen, habe ich eine unglaubliche Freude an dem, was sie tun, gespürt. Wenn diese jungen Unternehmer über ihr Leben erzählen, merkt man, das ist eine neue Generation. Denen ist Sicherheit nicht mehr das Allerwichtigste, es zählt vielmehr auch die Freude an dem, was man macht. Und viele von ihnen haben eine tolle Geschichte zu erzählen.

Stimmt das wirtschaftliche und politische Umfeld für diese Jungunternehmer? Generell schon, aber der Mindset auf Seiten der administrativen Ebene gegenüber den Jungen muss sich ändern, sie brauchen mehr Akzeptanz. Es ist ja nicht so, dass junge Menschen nichts machen, man muss aber anerkennen, dass sie es eben anders machen. Natürlich muss man daran arbeiten, dass sie den Willen zum Durchhalten, auch in schwierigen Phasen, noch besser entwickeln. Der Pioniergeist und das Herzblut ist da, doch man braucht auch die Geduld, schwierige Phasen zu überstehen.

Ist dieser Pioniergeist für die Schweiz auch ein wichtiger Standortfaktor? Unbedingt! Wir brauchen diese Talente, wir haben super Universitäten, das ist unser Glück. Das Umfeld ist gut. Die Schweiz ist ein attraktiver Standort mit besten Bedingungen in der Mitte Europas. Wir haben einen grossen Wohlstand, verbunden mit einer ausgezeichneten Lebensqualität, welche im Land selbst oft zu wenig geschätzt wird. Und die Schweiz ist ein stabiles Land, das eine hohe Rechtssicherheit bietet.

Um ein guter Standort zu sein, braucht es aber noch einiges mehr. Es braucht engagierte und weitsichtige Politiker, die die Unternehmenskultur fördern und das Umfeld schaffen, damit man initiativ werden kann. Das heisst im Endeffekt möglichst wenig Regulierung. Dazu braucht es auch die kreative Wissenschaft. Dort haben wir allerdings vielfach noch das Problem, dass die Schnittstellen und die Vernetzung zur Wirtschaft und vor allem zur Politik zu wenig gut ausgebaut sind. Nehmen wir das Beispiel von Uni-Absolventen aus dem Ausland, die in der Schweiz studiert haben: Die Genehmigungsverfahren dauern oft noch viel zu lang, wenn man diese nach dem Abschluss in der Schweiz beschäftigen möchte. Auch in anderen Bereichen ist das mangelnde Tempo ein Problem. In der IT etwa braucht man für laufende Projekte meist kurzfristig neue Programmierer. Da kann man dann nicht Monate warten, bis ein Entscheid kommt. Schnelle und unkomplizierte Entscheide sind hier gefragt.

Die Schweiz hat aber auch ein bisher zu wenig genutztes Potenzial an gut ausgebildeten Frauen. Die Schweiz ist in Bezug auf die Integration von Frauen im Berufsleben hintennach, das stimmt. Man muss aber auch sagen, dass es immer beide Seiten braucht, also zum einen das Umfeld, aber zum anderen auch die Frauen. Oft geben Frauen im beruflichen Umfeld zu schnell auf. Manchmal muss man Dinge aussitzen oder sich etwas erkämpfen. Diese Eigenschaften liegen nicht unbedingt in der Natur von uns. Frauen müssen vermehrt aktiv anmelden, was sie wollen und nicht warten, bis sie gefragt werden – doch um dies als Mutter und Berufsfrau tun zu können, müssen natürlich auch die Strukturen stimmen. Sind diese vorhanden, zahlt das eben auch wieder auf die Wettbewerbsfähigkeit und die Qualität der Wirtschaft ein. Frauen sind wichtig für die Wirtschaft, weil sie auch einen anderen Blickwinkel in die Führung einbringen.

Welche Voraussetzungen müssen also von politisch-administrativer Seite geschaffen werden, damit die Schweiz international wettbewerbsfähig bleibt? Ich glaube, Flexibilität, Agilität und Tempo sind hier die Stichworte. Die Frage ist vor allem, ob wir richtig aufgestellt sind, um auf die sich immer schneller verändernden Bedingungen zu reagieren. Manches dauert hier einfach noch zu lang. Mein Eindruck ist aber, dass unsere Politiker entgegen der herrschenden Meinung gut informiert sind und sich für den Wirtschaftsstandort engagieren. Das zieht sich durch alle politischen Richtungen durch.

Was man sicher sagen kann, ist, dass zu viel Administration und Regulierung hinderlich ist. Unter den Kantonen herrschen da noch sehr grosse Unterschiede bei den Voraussetzungen. Die Greater Zurich Area etwa ist eine begrüssenswerte Initiative, welche den Wirtschaftsraum rund um Zürich als Standort positionieren möchte. Generell ist es gut, dass in diesem Bereich etwas geschieht. Ein gutes Beispiel ist auch Zug, die Gaststadt unserer diesjährigen Veranstaltung. Dort schafft man aktiv die Voraussetzungen und Anreize, damit sich neue Unternehmen ansiedeln können. Das Kryptovalley, das sich da gebildet hat, ist ein interessanter Ansatz mit Sogwirkung. Da herrscht ein kreatives Umfeld, die Mitarbeitenden wohnen zum Teil am Arbeitsort. Es entwickeln sich ganz neue Modelle. In den Ämtern müsste man dafür noch viel offener werden.

Es besteht also durchaus noch Handlungsbedarf, wenn ich Sie richtig verstehe. Auch andere Länder sind steuerlich attraktiv, aber anscheinend hat die Schweiz noch andere Vorteile. Und wir haben ja durchaus schon viele grosse globale Unternehmen hier wie etwa Google. Allerdings gehen auch Firmen wieder weg, das darf man nicht ignorieren. Das wollten wir an der diesjährigen Veranstaltung eben auch beleuchten, doch man findet kaum ein Unternehmen, das über seine Motivation, die Schweiz zu verlassen, sprechen möchte. Doch es wäre sehr wichtig, gerade diese Seite genauer anzuschauen, um die Standortattraktivität zu fördern und aus Fehlern zu lernen. Da müssen viele verschiedene Bereiche zusammenarbeiten. Dazu kommt, dass die Produktionskosten hierzulande sehr hoch sind. Auch das mit ein Grund dafür, dass manche Unternehmen letztlich nicht die Schweiz als Standort wählen. Unser Land ist attraktiv, aber die internationale Konkurrenz muss man ernst nehmen, denn auch andere Länder haben viel zu bieten wie beispielsweise attraktive Steuermodelle oder eben günstigere Produktionskosten. Momentan haben wir mit Irland, Luxemburg und Holland sehr starke europäische Konkurrenz. Die geben alle wahnsinnig Gas und wir müssen schauen, dass wir nicht zu bequem werden und den Anschluss verlieren.

Welches Fazit haben Sie nun aus Ihrer diesjährigen Veranstaltung ziehen können? Die Bandbreite an Akteuren aus Politik und Wirtschaft war ja sehr breit. Was ich generell festgestellt und auch immer wieder gehört habe, ist – wenig überraschend –, dass es eben alle Akteure braucht. Wir müssen uns besser untereinander vernetzen. Der Standortwettbewerb kann nicht nur in der Politik stattfinden. Es müssen gewisse Rahmenbedingungen geschaffen werden, in denen kreative Ideen und Talente gefördert werden, aber auch die Wissenschaft sowie die Unternehmen erfolgreich sein können. Mein persönlicher Wunsch ist, dass sich Unternehmer wieder vermehrt in der Politik engagieren, damit unser Milizsystem nicht stirbt, und dass die Wissenschaft die Berührungsängste gegenüber der Politik ablegt. So entsteht ein Klima, in dem die Schweiz auch international erfolgreich sein wird. Und bestens ausgebildete Fachkräfte allein reichen nicht die Menschen müssen Herzblut haben, für das, was sie tun, Unternehmergeist zeigen, innovativ sein!

Über Corine Blesi

Corine Blesi ist Leiterin Client Management & Business Development und Stellvertretende CEO des Bereichs Facility Services bei der Investis Real Estate Group. Per 1. August wird Corine Blesi die Leitung der NZZ Konferenzen und des Swiss Economic Forum übernehmen.

Im Jahr 2016 gründete Corine Blesi den ZURICH ECONOMIC IMPULSE mit der Zielsetzung, Unternehmertum und Politik auf einer Plattform zu verbinden und die viel diskutierte Lücke zwischen Politik und Wirtschaft zu thematisieren.

Nach dem Studium der internationalen Beziehungen an der Universität St. Gallen (HSG) und ihrer Tätigkeit für das World Economic Forum (WEF) war Corine Blesi im Generalsekretariat des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements als wissenschaftliche Mitarbeiterin für aussenpolitische Angelegenheiten tätig.


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Die nächste WOMEN IN BUSINESS Ausgabe wird am 21.11.2019 lanciert
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