Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen, heisst es gemeinhin. Das gilt auch für Technologieunternehmen. Marianne Janik, seit 2015 an der Spitze von Microsoft Schweiz, ist sich dessen bewusst – und sorgt jeden Tag dafür, dass ihr Unternehmen zukunftsfähig ist.

WOMEN IN BUSINESS: Frau Janik, Sie sind seit 2015 an der Spitze von Microsoft in der Schweiz. Wie hat sich das Thema Arbeitswelt in den vier Jahren Ihres Amtes verändert? Marianne Janik: Ich denke, es hat sich in den letzten vier Jahren tatsächlich einiges getan. Zum einen hat das Thema des Wandels der Arbeitswelt im Management Einzug gefunden. Wir sind getrieben durch den vielzitierten «War for talents», in dem wir uns ja stärker denn je befinden. Das Thema ist wirklich gelandet, das sieht man daran, dass zunehmend ein Austausch unter den Unternehmen stattfindet. Besonders in der Schweiz, wo viele Firmen ihren Hauptsitz haben, ist das der Fall. Wenn diese renoviert werden, kommt das vermehrt zum Tragen, man muss sich Gedanken machen, wie das Gebäude konzipiert sein soll, welche Technologien man einsetzen möchte. Ein weiterer wichtiger Bereich ist das Thema Arbeitszeiten, das wird zum Teil nun auch sehr kontrovers diskutiert. Das Arbeitszeitgesetz wurde ja nie modernisiert. Es geht eben nicht um die Länge eines Arbeitstages, sondern um die Flexibilität. Wie kann man auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingehen, auf junge Menschen, die sich nicht mehr vorschreiben lassen wollen, wann sie arbeiten sollen oder ob sie am Sonntag arbeiten dürfen? Oder auch auf Familien, die wieder ganz andere Bedürfnisse haben. Diese Diskussion ist nun definitiv beim Bundesrat angelangt.

Ihr Geschäftsfeld, die IT, ist dafür bekannt, dass man 24/7 arbeitet, gerade auch bei einem internationalen Konzern wie Microsoft. Wie begegnet man dieser Herausforderung, auch in Bezug auf die Verantwortung für die Arbeitnehmer? Grundsätzlich hat sich natürlich auch unser Business in den letzten vier Jahren verändert, hin zu einem Serviceprovider. Als solcher müssen wir 24 Stunden Support bieten. Wir müssen im Vergleich zu früher viel stärker für unsere Kunden da sein. Das lässt sich etwa durch organisierte Handovers zwischen den einzelnen Regionen lösen. Dabei müssen wir die jeweiligen Gesetzgebungen der beteiligten Länder einhalten. Unser Verständnis ist, dass wir jedem die Möglichkeit geben möchten, sich individuell zu entfalten und dass wir allen die Eigenverantwortung geben möchten, in der sich jede und jeder organisieren kann, wie es ihm entspricht. Wir stehen in engem Dialog mit den Mitarbeitenden. Das fängt bereits bei den Vorgesetzten an. Wie führt man in einer Welt, in der Menschen von überall aus arbeiten können?

Ein Kernproblem im modernen Management … Ja, Führung ist deutlich komplexer geworden. Wir bieten da auch sehr viel Schulungen und Coachings für die Manager. Die Nähe herzustellen trotz der Distanz ist eine grosse Herausforderung, das ist ein ständiger Prozess. Bei uns sind alle Mitarbeitenden mit einem Tool ausgestattet, das mittels künstlicher Intelligenz das eigene Arbeitsverhalten analysiert. Wie viel Zeit verbringe ich in Meetings, wie viel mit Nachdenken, wie viel wird für die Beantwortung von Mails aufgewendet? Das bekommen wir in einem auf uns individuell zugeschnittenen Rahmen gespiegelt, dazu gibt es Handlungsempfehlungen. Da heisst es dann vielleicht, dass man viel Zeit damit verbracht hat, Mails zu beantworten, und es vielleicht besser wäre, etwas mehr Fokuszeit zu haben. Es wird auch gespiegelt, mit wem man wie viel Zeit verbringt. Das ist vor allem für die Vorgesetzten wichtig, damit man das Team entsprechend führen kann. Man kann diese Auswertungen mit seinem Vorgesetzten teilen, gerade im Rahmen von Feedbackgesprächen, man muss das aber nicht tun.

Welche Rolle spielt das Thema Vertrauen? Generell ist es eine Frage der Kultur. Unsere Unternehmenskultur basiert auf gewissen Prinzipien, einer Vision und bestimmten Grundwerten. Vertrauen gehört für uns in hohem Masse dazu. Da gibt es unterschiedliche Massnahmen. Eine davon sind die sogenannten Connects, die wir vor etwa vier Jahren weltweit eingeführt haben. Das sind strukturierte Dialogpunkte, wo sich die Mitarbeitenden mit ihrem jeweiligen Vorgesetzten einmal im Quartal über nicht-monetäre Ziele austauschen. Es geht also nicht um Umsatzziele oder Ähnliches, sondern darum, was man in den nächsten drei Monaten im Sinne der weiteren Karriereplanung erreichen möchte. Das wird von beiden Seiten unterschrieben. Was wir dazu noch einfordern, ist, dass jede und jeder Vorgesetzte mit jedem Teammitglied einmal wöchentlich ein 1:1-Gespräch hat. Das ist nicht einfach…

…aufgrund des Zeitproblems? Ja, deshalb versuchen wir, die Teams möglichst übersichtlich zu halten, mit maximal acht Mitgliedern. Wir messen mit solchen Tools den Puls der Organisation. Was bringt es für die Mitarbeitenden, wie ist die Zufriedenheit? Alle 120’000 Mitarbeitenden werden also quartalsmässig befragt, einmal jährlich führen wir eine ganz grosse Survey durch. All diese Instrumente greifen ineinander. Es ist uns bewusst, dass das nie alles perfekt ist, unsere Welt verändert sich ja ständig. Heute muss jeder sein eigener Projektmanager sein, die Technologie hilft uns dabei. Der virtuelle Assistent unterstützt uns, indem er uns zum Beispiel an Termine erinnert.

Wie positioniert sich Microsoft heute in diesem veränderten Umfeld? Was bieten Sie an? Wir haben uns in der Tat verändert. Dazu gehört, dass das Portfolio sehr stringent weiterentwickelt wurde, indem wir die bekannte Office-Welt ist in eine Welt von Tools und Services weiterentwickelt haben. Auf unserer Kollaborationsplattform Teams, die Chats, Besprechungen, Notizen und Anhänge kombiniert, können externe dritte Anbieter ihre Lösung andocken.

In der Tat ein starker Wandel. Früher haben Sie Software verkauft … Richtig, das ist eine andere Philosophie. Heute ist es eben nicht mehr nur ein Service, sondern eine Plattform. Wir haben damit eine grössere Offenheit nach draussen, es gibt offene Schnittstellen, es kann dazuentwickelt werden. Früher waren etwa Updates ein Riesenthema, das geschieht jetzt ständig, implizit und eleganter. Auch Sicherheitsupdates können damit besser eingebaut werden. Man kann nun sehr intuitiv arbeiten, es braucht auch weniger Schulungen. Ein weiteres Thema ist die intelligente Cloud. Das geht mehr die Infrastruktur an, aber auch die Lösungen, die am Markt sind. Microsoft Azure ist eine offene, flexible Cloud-Computing-Plattform für Unternehmen. Das sind rund 170 einzelne Services, der Kunde muss sich nicht mehr um die Erstellung einer Infrastruktur kümmern, sondern er kauft Services ein, wenn er sie braucht.

Welche Services sind das? Zum Beispiel Rechenleistung. Der Kunde hat dafür keine eigene Hardware mehr, er zahlt, was er nutzt. Dann gibt es Applikationen in der Azure-Cloud, die zum Beispiel Algorithmen beinhalten. Wenn man Aspekte der KI in eigene Prozesse einbinden will, kann man auf Azure Grundalgorithmen finden, die man dazu nutzen kann. Das können die Unternehmen dann für sich selbst ausbauen.

Inwiefern spielt die Verlinkung Software–Hardware eine Rolle? Grundsätzlich sehen wir, dass Software Hardware zunehmend ablöst. Wir bieten auch Hardware im Premiumsegment an, aber für uns ist wichtig, dass wir offen bleiben. Wir möchten Technologie demokratisieren, jeder soll wählen, was für ihn passt.

Und wie sieht es mit der Nutzbarkeit von MicrosoftProdukten auf allen Geräten und Betriebssystemen aus? Generell kann man Microsoft-Produkte auf allen Devices nutzen. Viele Hersteller nutzen Windows, bis auf eine Ausnahme aus der Fruchtfraktion (lacht), der ein eigenes Betriebssystem hat. Aber unsere Applikationen sind auch auf Apple verfügbar. Wir öffnen uns seit etwa fünf Jahren komplett für alle Betriebssysteme. Unser drittes Portfolio-Element neben Office und Azure ist Dynamics, eine Applikation im Sinne eines ERP für KMU. Es hat sehr viele Module, vergleichbar mit SAP, die in eine Kollaborationsumgebung integriert sind, die Basisinfrastruktur ist die Azure-Cloud. Wenn der Kunde nun diese drei Wolken, also Office, Azure und Dynamics nutzt, hat er ein integriertes Erlebnis und ein zentralisiertes Datenmodell.

Sicherheitsbedenken sind der grösste Painpoint der Kunden. Wie begegnen sie dem? Grundsätzlich ist das Thema Vertrauen ein Kernthema, denn niemand wird eine Technologie nutzen, der er nicht vertraut. Wir sind froh, wenn alle das Thema ernst nehmen, sowohl die Verbraucher als auch die Unternehmen. Für uns zentral ist die Aufklärung. Da gibt es natürlich Abstufungen der Verständlichkeit. Nehmen wir als Beispiel die Spielkonsole Xbox; Auch das ist ein Device, das angegriffen werden könnte, weshalb maximale Sicherheit sehr wichtig ist. Der Schutz personenbezogener Daten erfolgt bereits im Entwicklungsstadium, Privacy by design ist da ein wichtiger Grundsatz. Dazu stellen wir uns allen Zertifizierungen, was für uns als globales Unternehmen eine immense Herausforderung darstellt. Wir müssen uns jedes einzelne Land anschauen. Selbst innerhalb der EU gibt es unterschiedliche nationale Regelungen, auch Branchen unterscheiden sich voneinander oder die öffentliche Hand, die wieder andere Anforderungen hat. Die Schweiz hat hier vieles im Sinne des autonomen Nachvollzugs erledigt, oft gibt es noch einen Swiss Finish. Alle Prozesse hinter diesen Zertifizierungen machen wir maximal transparent, denn das schafft Vertrauen.

Ganz konkret: Wie kann man der Angst der Verbraucher vor Missbrauch ihrer Daten begegnen? Da braucht es ein stärkeres gesellschaftliches Engagement, angefangen bei den Schulen, die Medienkompetenz vermitteln müssen. Teil dieser Medienkompetenz muss aber auch sein, dass wir die Geschäftsmodelle der unterschiedlichen Akteure im Markt verstehen, die hinter kostenlosen Angeboten stehen. Wir alle müssen lernen, dass es völlige Kostenfreiheit nicht gibt. Wenn ich mir nun aber anschaue, in welchem Ausmass Menschen zum Beispiel auch WhatsApp für geschäftliche Konversationen nutzen, teile ich Ihre These von der Angst nicht so ganz. Viel zu wenig Menschen machen sich darüber Gedanken, wie sie sich in dieser digitalen Welt bewegen! Da ist sehr viel Aufklärung notwendig. Microsoft ist ein Technologieunternehmen, wir machen unser Geschäft nicht mit Daten. Wir haben also nichts davon, Daten zu sammeln. Das geschieht bei uns nur im Bereich der technischen Daten, die dazu genutzt werden, das System ständig zu verbessern. Als Plattformanbieter brauchen wir den mündigen, aufgeklärten Bürger. Dazu ist es wichtig, eine breite gesellschaftliche Diskussion zu führen. Fake News etwa werden zu einem immer grösseren Problem, da mit modernen Technologien sehr viel Missbrauch getrieben werden kann. Wir haben vor zwei Jahren die Idee einer «Digital Geneva Convention» entwickelt, eine Erweiterung der Genfer Konventionen für den digitalen Raum. Das ist auf grosses Interesse gestossen und wir hoffen, dass das nun auch von offizieller Stelle befördert wird. Dieser Fatalismus, dass alles hingenommen wird, weil es eben so sei, muss wieder umgekehrt werden.

Sie haben als globales Unternehmen den besten Vergleich: Wie unterscheidet sich die Schweiz von anderen Märkten? Nun, der Schweizer Markt ist demjenigen unserer Nachbarländer Deutschland und Österreich schon sehr ähnlich. Die Unterschiede, die es gibt, resultieren aus der starken Position und Entwicklung der Schweiz. Generell sind wir sehr zufrieden hier. Unser Geschäftsmodell stützt sich sehr stark auf Partner. Und auch da entwickelt sich der Markt rasant. Es gäbe sehr viel mehr Geschäft, aber der Fachkräftemangel limitiert auch hier das Wachstum. Wir brauchen dringend mehr Spezialistinnen und Spezialisten im Technologiebereich. In unserem Partnernetzwerk in der Schweiz gibt es aktuell 15’000 offene Stellen! Das ist besorgniserregend, denn dadurch entsteht ein immenser volkswirtschaftlicher Schaden. Es gibt zwar mittlerweile viele Initiativen, die aber stark fragmentiert sind. In den Bereichen der Lehrlingsausbildung und der Fortbildung muss von der Politik her eine Vision entwickelt werden. Doch auch Unternehmen haben eine grosse Verantwortung, die nehmen wir wahr.

Wie kann man sich das vorstellen? Wir bieten Aus- und Weiterbildungen an, das ist die Basis dafür, dass sich die Menschen weiterentwickeln können. Mathematiker oder Physiker etwa haben sowohl das Interesse als auch das Verständnis, um in diesen Berufsfeldern erfolgreich zu sein. Die Schweiz hat einen sehr soliden Markenkern. Wir sind ein Land, das Sicherheit bietet, grossen Wohlstand hat und über einen hohen Standard mit Hochschulen von Weltruf verfügt. Entlang dieser Werte wollen wir das Umfeld stärken. Dazu schaffen wir zum Beispiel mit unseren zwei neuen Datencentern in der Schweiz eine Infrastruktur, damit die Daten der hiesigen Unternehmen auch in der Schweiz bleiben. Auch das hat positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.

Wie schafft man es, neue Kräfte zu rekrutieren? Wir haben drei Bereiche definiert, auf die wir uns fokussieren: das Halten von jungen Talenten, dann die Generation 50+ und schliesslich diejenigen, die von den Entlassungswellen in Grossunternehmen, die kommen werden, betroffen sein werden. Aber auch Frauen, etwa als Wiedereinsteigerinnen, sind für uns ein Thema. Die Kernfrage für uns ist: Wie kann man Mitarbeitende so weiterbilden, dass sie arbeitsmarktfähig bleiben? Auf unserer Plattform MS Learn kann man seine Karrierechancen verbessern, dazu bieten wir auch Zertifizierungen an. Wir schulen nicht nur uns selber, sondern auch unsere Partner und Kunden.

Und wie kann man junge Menschen und speziell Frauen in MINT-Berufe bringen? Da haben wir ein riesiges Potenzial, das schlummert …

Der Überblick über die Berufsbilder ist noch nicht gross genug, scheint es … Ja, auch die Eltern wissen da noch zu wenig Bescheid. Und die Lehrer sind da zum Teil auch überfordert, das ist ja nicht Teil ihrer Ausbildung. Sie müssen auf dem Laufenden bleiben und wir geben da, was wir können. Dazu haben wir Volunteering-Programme, um mit den Lehrern in den Schulen zu sprechen und sie dazu zu befähigen, das entsprechend kompetent weiterzugeben. Auch das Thema Gamification ist da ein wichtiger Baustein.

Ihr Tipp für junge Menschen? Mein Tipp wäre, sich möglichst breit auszubilden. Die Hochschule St. Gallen bietet diesen Winter erstmals eine Data-Science-Ausbildung. Auch die ETH hat da durchaus noch Potenzial. Aus meiner Sicht ist aber wie gesagt ein möglichst breit gefächerter Background von Vorteil. Das Humboldt’sche Ideal des Studium Generale wäre da wünschenswert.

Und wohin geht die Reise im Bereich KI? Das Thema ist ja mittlerweile fast 70 Jahre alt. Was sich jedoch geändert hat, ist die massiv gesteigerte Rechenleistung. Die Maschine ist ein Assistenzsystem, die dem Menschen in manchen Bereichen überlegen sein kann, etwa bei der Bilderkennung. Unser Ziel ist es, diese Technologien so weiterzuentwickeln, dass sie dem Menschen dienen – in ethischer Art und Weise.

Über Marianne Janik

Marianne Janik ist seit 2015 als CEO für die Leitung von Microsoft Schweiz zuständig. Zuvor verantwortete sie die Bereiche öffentliche Verwaltung, Bildung und Gesundheitswesen in der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland. Die promovierte Juristin verfügt über Vertriebs- und Führungserfahrung in verschiedenen Unternehmen und Branchen. Ihre Karriere startete sie bei der Daimler Benz AG. Marianne Janik engagiert sich stark für den Digitalen Wandel und dessen Umsetzung in der Schweiz, insbesondere in den Bereichen Innovation, Sicherheit und Ausund Weiterbildung. Sie ist Mitglied des Executive Committee von Digital Switzerland und im Vorstand der Verbände ICT Switzerland und ASUT.


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Die nächste WOMEN IN BUSINESS Ausgabe wird am 21.11.2019 lanciert
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