Sie geht alle Aufgaben mit grosser Leidenschaft an. Das mag vielleicht auch ihrem italienischen Temperament geschuldet sein. Doch Dr. Antonella Santuccione Chadha zeichnet sich vor allem durch ihre hohe fachliche Kompetenz und ihren unbedingten Willen zur Veränderung aus.

WOMEN IN BUSINESS: Frau Dr. Santuccione Chadha, Sie haben 2016 das Women’s Brain Project mitgegründet. Wie kam es dazu?Antonella Santuccione Chadha: Von 2014 bis 2018 habe ich beim Schweizer Heilmittelinstitut, der heutigen Swissmedic, gearbeitet. Dort wurde mein Interesse an der geschlechtsspezifischen Medizin geweckt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dieselben Medikamente bei Frauen und Männern anders wirken können. Diese unterschiedlichen Wirkungen auf das Geschlecht werden in der Medizin viel zu wenig beachtet. Gerade im Bereich von Gehirnerkrankungen sind Frauen viel stärker betroffen, zum einen, weil sie im Pflegebereich überrepräsentiert sind, zum anderen aber auch, weil manche dieser Krankheiten – wie zum Beispiel Alzheimer, Migräne oder auch Depression – bei ihnen häufiger vorkommen und anders verlaufen können. Diese Unterschiede werden in klinischen Entwicklungen nicht berücksichtigt, tatsächlich sind Frauen in klinischen Studien oft unterrepräsentiert. Dafür gibt es unzählige Beispiele. Ein aktuelles Beispiel kommt aus dem Bereich der HIV-Prävention. Hier wurde vor kurzem ein Medikament ausschliesslich für Männer zugelassen, weil in der entsprechenden klinischen Studie keine Frauen eingeschlossen wurden. Frauen können während Schwangerschaften nicht behandelt werden, das ist richtig. Und ja, es ist auch schwieriger, Frauen in Studien zu integrieren, weil sie oft höheren Belastungen durch Familie und Beruf ausgesetzt sind. Hinzu kommt, dass es in der medizinischen Fachliteratur noch zu wenig weibliche Autorinnen gibt, die frauenspezifische Symptomatiken und Bedürfnisse ja am besten beschreiben und nachvollziehen könnten. Diese Ausgangslage war mein Anstoss für das Women’s Brain Project.

Mit dem Women’s Brain Project möchten Sie die Diskussion über geschlechtsspezifische Determinanten der Anfälligkeit von Frauen für Gehirnerkrankungen anregen. Wie soll das funktionieren? Wir veranstalten beispielsweise in Kooperation mit Unternehmen Workshops zur Mental Health Education, bei denen Experten aus mehreren Bereichen anwesend sind. Komplexe medizinische Sachverhalte werden dabei auch für Laien verständlich. Das grosse Interesse daran zeigt uns, dass wir in die richtige Richtung gehen. Um jedoch noch effektiver arbeiten zu können, planen wir ein Forschungsinstitut für Sex and Gender Precision Medicine zu gründen, für welches wir aktuell Finanzierungsmöglichkeiten und Sponsoren suchen. Damit wird eine noch fundiertere Aufklärung möglich werden. Personalisierte Medizin ist der Schlüssel zu einem nachhaltigen Gesundheitssystem. Für mich ist das Engagement aktuell eine wunderbare Möglichkeit, meine Funktion als Global Lead für Alzheimererkrankungen bei Roche Diagnostics und Roche Pharma mit der Entwicklung von personalisierten Therapieansätzen zu kombinieren. Dass wir bereits ein sehr gut funktionierendes Team im Women’s Brain Project haben, erleichtert mir vieles.

Sie verfolgen Ihre Ziele mit grosser Leidenschaft. War die Medizin schon immer ein Traumberuf für Sie? Nein, ich habe sogar lange Zeit mit meiner Studienwahl gehadert. Ich stamme aus einem kleinen Dorf in den Abruzzen und habe nach meiner Schulzeit in Chieti an der dort neu gegründeten Fakultät Medizin studiert. Obwohl ich gut darin war, war ich mir nie sicher, ob es wirklich das Richtige für mich ist. Deshalb habe ich das Studium sehr schnell hinter mich gebracht …

… und das mit exzellenten Ergebnissen, für die Sie ja sogar eine Auszeichnung erhielten. Haben Sie dennoch keine angenehmen Erinnerungen an Ihre Studienzeit? Doch, durchaus. Da es wie gesagt eine sehr junge Universität war, herrschte eine sehr angenehme Atmosphäre mit viel Aufgeschlossenheit für innovative Ideen. Und mir haben sich von da aus viele Möglichkeiten erschlossen. Ich war die erste Studentin meiner Universität, die im Rahmen des Erasmus-Programms nach Brüssel gehen durfte. Dort habe ich gelernt, die Welt aus einer anderen, ganz neuen Perspektive zu sehen. Ich habe dann nach meiner Promotion an einer Ausschreibung der Europäischen Kommission für ein Internship im Bereich «Health & Consumer Protection» teilgenommen und einen Platz in dem Team bekommen. Dort war ich die einzige Ärztin und dazu noch die einzige ohne nennenswerte internationale Erfahrung. Alle anderen Teilnehmer waren Diplomatenkinder, die fünf Sprachen beherrschten. Sie erzählten von ihren Erfahrungen, die sie in New York und Tokio und sonst wo gemacht hatten, und ich erzählte von meiner idyllischen Kindheit, die ich bei meinen Grosseltern auf dem Land mit Kühen und Schafen verbracht hatte. So wurde ich dann schnell zum «Heidi» dieser Gruppe (lacht).

Worum ging es in diesem Team? Zuallererst war es natürlich eine sehr spannende Erfahrung, mit all diesen ehrgeizigen jungen Menschen aus vielen Ländern in Kontakt zu kommen und ein Netzwerk aufzubauen. Wir sollten lernen, wie die interdisziplinäre Arbeit innerhalb der Europäischen Kommission funktioniert. Gegenstand war die Forschung im Bereich der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die in den 1990er-Jahren durch das Auftauchen von BSE-Erkrankungen neue Brisanz erhielt.

Hat diese Zeit den Grundstein für Ihren heutigen Forschungsgegenstand gelegt? Ja, in dieser Zeit habe ich zu meiner Leidenschaft, der Hirnforschung, gefunden. In diesem Bereich habe ich dann nach neuen Herausforderungen gesucht. So kam ich nach Hamburg zu Prof. Dr. Melitta Schachner Camartin, einer renommierten Neurobiologin, bei der ich ein Postdoctoral Fellowship antrat. Sie hatte achtzig Wissenschaftler im Team und hat tatsächlich alles selber organisiert. Wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander. Sie war eine wirklich passionierte Forscherin und mein Vorbild, ich bewunderte sie sehr. Nach drei Jahren in Hamburg kehrte ich zunächst nach Italien zurück und ging an die Universitätsklinik in Siena in die neurowissenschaftliche Forschung. Ich musste aber die Erfahrung machen, dass man in Italien zu dieser Zeit nicht richtig forschen konnte, und bin dann an das Universitätsspital Zürich in die Neuropathologie gewechselt, wo ich über Hirntumore bei Kindern forschte.

Wollten Sie damals explizit nach Zürich, oder war das Zufall? Ich war nur einmal zuvor in Zürich gewesen und hatte hier eine Art Schlüsselerlebnis – wenn auch kein positives.

Möchten Sie es dennoch erzählen? Nun, ich wurde Zeugin, wie eine Frau überfahren wurde, und leistete erste Hilfe. Leider erfolglos, der Unfall war zu schwer. Aber mein Bedürfnis, mit Patienten direkt zu tun zu haben, wurde ab da immer grösser.

Wie kam das? Ich forschte über Hirnerkrankungen und dachte mir, dass es eigentlich nicht sein kann, dass ich das alles nur unter dem Mikroskop kenne, aber nie Kontakt zu Betroffenen habe. Dann habe ich die Chance bekommen, im Labor von Professor Hock und Professor Nitsch an der Universität Zürich zu arbeiten. Allerdings habe ich anfangs gar nicht verstanden, was da auf mich zukommen würde: Ich konnte nämlich noch kein Wort Deutsch (lacht).

War die Forschungssprache hier nicht Englisch? Ich musste in direktem Kontakt mit den Patienten arbeiten, und das war ohne deutsche Sprachkenntnisse eine sehr schwierige Aufgabe. Nach nur drei Monaten musste ich den ersten Bericht schreiben – und diese Berichte konnten oft sehr lang sein, weil die Patienten in der Gerontopsychiatrie ihrem Alter entsprechend sehr lange Vorgeschichten hatten.

Wie genau sieht die Arbeit mit diesen Patienten aus? Zunächst einmal muss man eine Beziehung zum Patienten als Mensch aufbauen. Das gelingt nicht immer. In solchen Fällen macht es Sinn, wenn Ärzte Patienten an Kollegen abgeben, denn man erreicht nicht jede Person in gleichem Masse. Ihre Krankheiten sind meist sehr schwer, aber man kann sehr viele Erkenntnisse daraus gewinnen. Die Herausforderung in diesem Bereich ist, dass erkrankte Personen unvorhersehbar agieren und oft aggressiv gegen andere sind. Das sind auf den ersten Blick vielfach sehr angenehme Menschen, denen man ihre Krankheit nicht immer gleich ansieht. Vor allem die Angehörigen machen da sehr viel durch. Ich hatte zum Beispiel eine Schizophreniepatientin, eine sympathische, umgängliche Frau, die aber immer wieder Brände legte. Man weiss zwar, dass es ja nicht der Mensch selbst ist, der das verursacht, sondern seine Krankheit. Aber für die Menschen um den Patienten herum ist das enorm schwer.

Das tönt in der Tat sehr schwierig … Ist es, aber ich habe aber auch sehr lustige Begegnungen gehabt. Als ich einmal Nachtdienst hatte, kam die Polizei auf die Station. Ich bin zunächst sehr erschrocken, aber es stellte sich schnell heraus, dass ein Patient die Polizei gerufen hatte. All diese Erfahrungen haben mich sehr bereichert. Ich wurde toleranter – obwohl ich das eigentlich immer schon war.

Muss man Demenzerkrankungen vielleicht auch als eine Art letzte Phase im Leben sehen?

Nein, das sind ganz klar Krankheiten …

… die man jedoch nicht heilen kann. Doch, kann man oder man ist zumindest auf einem guten Weg dazu. Man hat schon vor vielen Jahren Antikörper gefunden, welche die Plaques, die Alzheimer verursachen, bekämpfen. Die ganze Wissenschaft hat auf dieser Amyloid-Hypothese geforscht, zwanzig Jahre lang. Im März letzten Jahres kam die Nachricht, dass das nicht funktioniert. Die Börsenkurse der Unternehmen, die daran forschen, fielen, alles war infrage gestellt. Nun hat sich jedoch herausgestellt, dass die Datenbasis der klinischen Studien offenbar nicht alle Daten enthielt. Das Zulassungsverfahren wird jetzt neu aufgerollt, und wenn die FDA dem zustimmt, haben wir eine echte Chance, diese Krankheitsbilder wirklich zu bekämpfen und nicht nur ihre Symptome zu behandeln. Wenn wir dazu endlich die Vorurteile und Stigmata bekämpfen können, die mit diesen Erkrankungen verbunden sind, ist das ein echter Durchbruch. Denn in unserer Gesellschaft muss immer alles reibungslos funktionieren, und das Verständnis diesen Personen gegenüber ist leider sehr gering.

Sie kämpfen mit vollem Einsatz für Ihre Ziele. Aber Sie haben natürlich auch noch ein Privatleben. Wie schaffen Sie das alles? Es ist für meinen Mann, der als ETH-Ingenieur beruflich ebenfalls sehr engagiert ist, und mich natürlich eine tägliche Herausforderung, unsere Familie zu organisieren. Unsere beiden Kinder sind auf einer Privatschule, weil die öffentlichen Schulen mit ihren Zeiten für uns schwerer zu organisieren sind. Finanziell ist das also nicht attraktiv.

Ein Problem, vor dem viele Familien, in denen beide Elternteile beruflich erfolgreich sind, hierzulande stehen. Ist das traditionelle Bild noch zu stark in den Köpfen verankert? Definitiv, ich werde beispielsweise noch immer gefragt, ob ich als Mutter denn hundert Prozent arbeite. Und mein Mann, der übrigens aus Indien stammt, wurde unlängst in seinem beruflichen Umfeld gefragt, ob er denn nicht ein Problem mit einer so erfolgreichen Frau habe. Hat er übrigens nicht. Doch ich ertappe mich selbst dabei, dass ich alte Muster noch in mir habe. Am diesjährigen Global Summit of Women war ich auf dem Podium, und ich hatte das Gefühl, das wäre die beste Rede meines Lebens gewesen. Warum? Ich fühlte mich frei und nicht beobachtet, weil das Publikum nur aus Frauen bestand. Daran ist niemand schuld, aber ich wurde eben so erzogen, ich komme noch aus einer anderen Generation. Ich hoffe jedoch, dass das für kommende Generationen anders sein wird.

Über Antonella Santuccione Chadha

Dr. Antonella Santuccione Chadha (45) ist Global Medical Manager für Alzheimer bei Roche Diagnostic. Die Ärztin mit fundiertem Fachwissen in den Bereichen klinische Pathologie, Neurowissenschaften und psychiatrische Erkrankungen ist eine der Mitbegründerinnen und Geschäftsführerinnen des Women’s Brain Project (WBP).

Sie verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der präklinischen Forschung, der Behandlung von Patienten und der klinischen Entwicklung. Ihr Fokus liegt auf der Entwicklung von Behandlungsmethoden für Alzheimer und andere psychiatrische Erkrankungen, dazu hat sie mit Swissmedic, der Bill and Melinda Gates Foundation, mehreren europäischen Universitäten, der EU-Kommission für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, der Weltgesundheitsorganisation und mehreren AlzheimerOrganisationen zusammengearbeitet. Sie setzt sich aktuell für die Schaffung eines Instituts für Sexual- und Geschlechterpräzisionsmedizin in der Schweiz ein.

Über das Women’s Brain Project

Das 2016 gegründete Women’s Brain Project ist eine Gruppe von Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen, darunter Medizin, Neurowissenschaften, Psychologie, Pharmazie und Kommunikation, die mit Pflegekräften, Patienten und deren Angehörigen, politischen Entscheidungsträgern und anderen Interessengruppen zusammenarbeiten. Ziel ist es, die weltweite Diskussion über geschlechtsspezifische Determinanten der Anfälligkeit von Frauen für Gehirn- und Geisteskrankheiten anzuregen.

Medizinische Behandlungen, Betreuungs- und Präventionsstrategien sollen zusammen mit der Entwicklung neuartiger Technologien entwickelt und durchgeführt werden, basierend auf der Berücksichtigung von Geschlecht und geschlechtsspezifischen Unterschieden. Durch die Förderung einer wissenschaftlichen Diskussion über die spezifische Anfälligkeit des weiblichen Gehirns für bestimmte psychische Erkrankungen und Gehirnerkrankungen setzt sich das WBP für die Entwicklung geschlechtsspezifischer Massnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit ein. Wichtige Faktoren dafür sind wissenschaftliche Forschung, Debatte, öffentliches Engagement und Interessenvertretung.


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Die nächste WOMEN IN BUSINESS Ausgabe wird am 27.02.2020 lanciert
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