Im vergangenen Oktober wurde sie zur neuen FMH-Präsidentin gewählt. Die Hausärztin und ehemalige Nationalrätin Yvonne Gilli ist die erste Frau an der Spitze des Ärztinnen- und Ärzteverbands.

Das gute Beispiel ist nicht eine Möglichkeit, andere Menschen zu beeinflussen, es ist die einzige», sagte einst der Arzt und Philosoph Albert Schweitzer. Yvonne Gilli unterstützt besagtes Zitat, indem sie bei öffentlichen Auftritten darauf hinweist, dass mehr Anwärterinnen in Führungsgremien berücksichtigt werden sollten, im Sinne der Diversität. Wenn eine Chance vorhanden sei, müssten die Frauen Mut zeigen und zupacken, sagt sie – obwohl sie neben ihrem Beruf als Allgemeinmedizinerin und im Anschluss an ihre Tätigkeit als Nationalrätin keine neue politische Aufgabe gesucht hat. Nun amtet Yvonne Gilli seit Februar dieses Jahres als Präsidentin der Ärzteverbindung FMH in einer Zeit, in der die Pandemie das Gesundheitssystem vor grosse Herausforderungen stellt. Die Krise habe sowohl Schwachstellen als auch Stärken akzentuiert, sagt sie. «Wir verfügen in der Schweiz über eine gute Akutversorgung, doch in Bezug auf das digitale Meldewesen ist Verbesserungspotenzial erkennbar. Telekonsultationen sollten vermehrt durchgeführt werden können, sofern diese sinnvoll und angebracht sind. Ebenso wird man sich mit dem Fachkräftemangel, der Feminisierung des Berufs sowie Ausbildungsfragen auseinandersetzen müssen.»

Yvonne Gill ist in einem eher bildungsfernen Haushalt aufgewachsen. «Meine Mutter musste stets zum Familienerwerb beitragen, was damals eher atypisch war.» Ihre Kindheit hat Yvonne Gilli insofern geprägt, als dass sie früh auf eigenen Beinen stehen und den bescheidenen ökonomischen Verhältnissen entfliehen wollte. Dies schien ihr am ehesten durch einen Zugang zu Bildung möglich zu sein, ein Vorhaben, das sie mit Beharrlichkeit verfolgt und umgesetzt hat.

WOMEN IN BUSINESS: Yvonne Gilli, Sie sind Hausärztin geworden, obwohl Ihre familiären Voraussetzungen für ein solches Studium nicht unbedingt gegeben waren. Wie ist Ihnen das gelungen?
Yvonne Gilli: Als Arbeitertochter musste ich mein Geld mehrheitlich selbst verdienen, was dazu geführt hat, dass ich zunächst eine Ausbildung als Pflegefachfrau absolviert habe. Auf dem zweiten Bildungsweg nahm ich die Matura in Angriff und schwankte längere Zeit zwischen einer Weiterbildung im Gesundheitsberuf sowie einem Medizin- oder einem anderen Hochschulstudium. Mein naturwissenschaftliches Interesse war stark ausgeprägt. Ich habe eine Bauchentscheidung gefällt und sozusagen einen inneren Kuhhandel mit mir selbst abgeschlossen mit folgendem Gedanken: Wenn ich die Prüfungen im ersten Medizinstudienjahr nicht auf Anhieb bestehe, werde ich an die ETH wechseln.

Sie haben in den frühen achtziger Jahren mit Ihrem Studium begonnen, als sich bereits mehr Frauen der Medizin zuwandten.
Das trifft zu, aber im Rahmen der Weiterbildung zum Facharzttitel sind bereits einige Kolleginnen ausgestiegen. Nach meinem Eintritt ins Berufsleben bewegte ich mich mehrheitlich in einer Männerwelt. Allerdings empfand ich diesen Umstand nicht als problematisch. Die Allgemeine In-nere Medizin ist eine Fachrichtung, die bei Frauen beliebt ist. Diese Spezialisierung lässt sich eher mit Beruf und Familie vereinbaren als eine chirurgische Tätigkeit. Für meinen Lebenspartner und mich war klar, dass beide einen Teil der Familienarbeit übernehmen, was mir ermöglichte, meine Weiterbildung in Ruhe zu absolvieren.

Stichwort Teilzeit: Neben der Lohngleichheit ist die Flexibilisierung der Arbeits- und Karrieremodelle zentral. Wie lässt sich dies realisieren?
Wir müssen verschiedene Optionen diskutieren, insbesondere, wenn wir die beruflichen Chancen der Frauen erhöhen wollen. Die Herausforderung lässt sich meistern, indem man die Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten in Teilzeit anerkennt, auch wenn es dadurch länger dauert bis zur Erlangung des Facharzttitels. Zudem müssen Kaderstellen im Jobsharing ermöglicht werden, ein Bedürfnis, das nicht nur Medizinerinnen, sondern auch männliche Berufskollegen haben.

Nicht wenige Medizinerinnen und Mediziner laufen Gefahr, in eine Erschöpfungsspirale zu geraten. Sind Teilzeitmodelle deshalb umso wichtiger?
Eine 100-Prozent-Stelle entspricht nicht einer 42-Stunden- Woche, denn manche arbeiten 65 Stunden und mehr. Es handelt sich um einen anstrengenden Beruf und um Menschen, die bereit sind, anderen zu helfen. Manche laufen Gefahr, über das Limit hinauszugehen. Darauf muss man in der Ausbildung bewusst hinweisen, um die Selbstreflexion zu fördern. Es gilt, die eigenen Ressourcen zu stärken und die Arbeitsbedingungen weiter zu verbessern.

Auch Ihre neue Tätigkeit ist mit Herausforderungen verbunden. Erstmals in der Geschichte wird Ihr Verband von einer Frau präsidiert. Ist das auch mit einem gewissen Erwartungsdruck verbunden?
Bislang nicht. Aber ich habe schon den Eindruck bekommen, dass man sich gesagt hat: «Jetzt schauen wir einmal, wie sie sich in ihrer Funktion bewährt.» In erster Linie habe ich mich darüber gefreut, dass eine Anwärterin an die Spitze gewählt worden ist. Es ist an der Zeit, dass mehr Frauen in der Medizin Kaderpositionen besetzen. In den letzten vier Jahren war ich das einzige weibliche Mitglied im FMH-Zentralvorstand, und mittlerweile sind wir schon zu zweit. In diesem Sinne wurde der Anteil erhöht, aber noch immer sind wir nicht zeitgemäss repräsentiert. Wenn ich als Frau eine Führungsposition übernehme, fühle ich mich auch verpflichtet, meine Geschlechtsgenossinnen zu fördern.

Weshalb hat es so lange gedauert, bis eine Frau in Ihrem Berufsverband berücksichtigt wurde?
Ich glaube, das ist ein allgemeines Problem in der Arbeitswelt – auch international gesehen. Frauen in Führungspositionen sind immer noch in der Minderheit und das hat mit historisch bedingten Rollenbildern zu tun. In vielen Entscheidungsgremien sind nur wenige Frauen vertreten, was sich auf die Selektionskriterien auswirkt. Es dauert noch, bis der Generationenwechsel hin zu einem feminisierten Beruf in den Führungsetagen definitiv angekommen ist.

Wie wurden Sie aufgenommen?
Ich bin als Quereinsteigerin bei der FMH gelandet. Dadurch, dass ich keine standespolitische Laufbahn geplant habe, sondern parteipolitisch unterwegs war, wurde ich erst nach Beendigung meiner Tätigkeit als Nationalrätin in die Entscheidungsgremien der FMH gewählt und bekam dabei zu hören: «Deine Bewerbung ist nicht allein dadurch gerechtfertigt, dass man dringend mehr Frauen benötigt.» Diese Aussage hat mich erstaunt, zumal ich früher nie eine Diskriminierung in Bezug auf die Geschlechterrollen erlebt habe und für mich die fachliche Qualifikation als selbstverständliche Voraussetzung galt. Mittlerweile gehören solche Bemerkungen glücklicherweise der Vergangenheit an.

Vor Ihrem Antritt als FMH-Präsidentin waren Sie als Zentralvorstandsmitglied der FMH für das Departement Digitalisierung verantwortlich. Inwiefern zeigt sich diesbezüglich der Geschlechterunterschied?
Innerhalb der FMH sind sämtliche Beteiligte der Meinung, dass die Digitalisierung unterstützt werden muss. Wie in anderen Bereichen ist auch in der Medizin noch zu wenig Bewusstsein vorhanden, dass die digitalen Werkzeuge in der Regel vorwiegend von Männern entwickelt werden und damit viele genderspezifischen Aspekte nicht berücksichtigt werden. Frauen und Männer reagieren beispielsweise unterschiedlich auf gewisse Medikamente und zeigen andere Symptome bei gleichen Krankheiten beispielsweise bei einem Herzinfarkt. Deshalb müssen auch digitale Hilfsmittel für die medizinische Versorgung entwickelt werden, welche beide Geschlechter berücksichtigen. Es gibt noch viel zu tun.

Welche weiteren Ziele möchten Sie als FMH-Präsidentin umsetzen?
Es müssen zeitgemässe berufliche Rahmenbedingungen für die gesamte Ärzteschaft geschaffen werden. Ein Beispiel: Auch Kaderpositionen bedingen Arbeitszeitmodelle, welche es ermöglichen, Familie und Beruf zu vereinen, zumal sich viele Frauen während der Karriereentwicklung von der Assistenz- zur Kaderärztin entscheiden, Kinder zu haben. Auch die junge männliche Generation legt mehr Gewicht auf ihre Vaterrolle. Es ist aber nicht nur die Familienzeit, sondern grundsätzlich die Balance zwischen Freizeit und Arbeit, welche Verbesserungspotenzial beinhaltet. Nicht lediglich die Frauenförderung steht im Fokus.

Braucht es ein besonderes Selbstbewusstsein, wenn man erste FMH-Präsidentin ist?
Ich denke nicht. Frauen und Männer reagieren jedoch oft unterschiedlich in Situationen, in denen sie der Konkurrenz ausgesetzt sind. So stelle ich auch bei mir fest, dass ich in einem ersten Reflex ein wenig an mir selbst zweifle oder mich zurücknehme, was einer typischen weiblichen Reaktion entspricht. Hin und wieder muss ich mir meine Erfahrung und meine Qualifikationen bewusst vergegenwärtigen, um nicht in ein traditionelles Rollenklischee hineinzurutschen.

Sie vertreten die Interessen von über 420 000 Ärztinnen und Ärzten. Führungspersonen können es nie allen recht machen. Vertragen Sie Kritik?
Wenn ich damit konfrontiert werde, bin ich mir bewusst, dass meist ein Körnchen Wahrheit darin steckt. Das bedeutet, Kritik regt mich zur Selbstreflexion an und zeigt mir Veränderungsmöglichkeiten auf. Wenn diese jedoch hinter meinem Rücken ausgesprochen wird, prüfe ich diese auf deren Gehalt und Wichtigkeit. Bewegt sich die kritische Bemerkung lediglich auf der Befindlichkeitsebene, ignoriere ich sie.

Zwischen 2007 und 2015 sassen Sie für die Grünen im Nationalrat. Inwiefern beeinflusst Sie dieser Erfahrungshintergrund in Ihrem aktuellen Alltag?
Ich verstehe mich als politische Person. Das heisst für mich nichts anderes, als die Möglichkeit zu haben, das Arbeitsumfeld und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mitzugestalten. Meine Erfahrungen als Nationalrätin bringen grosse Vorteile mit sich, was meine aktuelle Tätigkeit betrifft, weil ich die politischen Abläufe gut kenne. Als FMH-Präsidentin bringe ich die berufsspezifische Expertise ein – unabhängig von parteipolitischen Interessen.

Sie wehren sich dagegen, dass sich die FMH zu konkreten Umweltvorlagen äussert. Die Aussage
erstaunt, da Sie sich früher in Bundesbern dafür eingesetzt haben.
Ich anerkenne, dass der Klimawandel für die Gesundheit der Menschen von erheblicher Bedeutung ist, und mir ist bewusst, dass auch die Gesundheitsversorgung dazu gehört. Die Rolle der FMH ist jedoch nicht diejenige einer Umweltorganisation, sondern vielmehr besteht unsere Aufgabe darin, diesbezüglich eine medizinische Expertise einzubringen. Grundsätzlich vertrete ich die Haltung, dass sich der Verband diesbezüglich durchaus engagieren soll, wenn aufgezeigt aufgezeigt wird, inwiefern sich Umweltveränderungen konkret auch auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken.

Ihre Haltung ist nicht nur auf Wohlwollen gestossen. Wie gehen Sie mit Widerstand um?
Ich bin vielmehr gespannt, in welche Richtung sich die Diskussion bewegt. Die junge Ärzteschaft hat die FMH beauftragt, sich mit der Klimaveränderung auseinanderzusetzen. Wir werden deshalb ein strategisches Positionspapier erarbeiten, welches unseren Mitgliedorganisationen zur Abstimmung vorgelegt wird. Ein klimabewusstes Verhalten zeigt sich unter anderem in Form von betrieblichen Anpassungen, welche vom Papierverbrauch bis zur Gebäudenutzung reichen. Es gehört dazu, darüber nachzudenken, wie man eine Praxis im Hinblick auf die Klimaziele ökologischer gestalten kann und welche Arbeitsbedingungen benötigt werden. Als ehemalige grüne Politikerin ist mir bewusst, dass in dieser Hinsicht viele Erwartungen in mich gesetzt werden. Solange wir unseren medizinischen Auftrag ins Zentrum stellen, sehe ich aber keine Probleme, was klimapolitische Fragen betrifft.

Sie sind stets auf Trab. Finden Sie noch genügend Ruhe?
In der Natur tanke ich die nötige Energie, sei dies nun beim Wandern oder Bergsteigen. Oftmals sitze ich auch nur auf einer Wiese, lasse die Umgebung auf mich wirken oder geniesse einen gemütlichen Abend mit meiner Familie. Einer meiner Söhne ist von Beruf Agronom und lebt in Sambia. Kürzlich habe ich ihn dort besucht und viele Elefanten beobachten können. Nun habe ich das Buch «Frühstück mit Elefanten» gelesen, um meine Eindrücke noch etwas nachwirken zu lassen – ein Leseerlebnis der anderen Art – ganz abseits der Medizin.

 

Yvonne Gilli
Yvonne Gilli wurde am 7. März 1957 in Baar ZG geboren. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Pflegefachfrau und holte die Matura auf dem zweiten Bildungsweg nach. Parallel zu ihrem Medizinstudium bildete sie sich in klassischer Homöopathie und Traditioneller Chinesischer Medizin weiter. Ab 1996 arbeitete sie in ihrer eigenen Praxis als Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin mit den Schwerpunkten Komplementärmedizin und Gynäkologie. Sie ist zudem Mitglied der Grünen des Kantons St. Gallen und war als Gemeinde- und Kantonsrätin aktiv. Von 2007 bis 2015 sass sie im Nationalrat. Im Februar dieses Jahres übernahm sie das Präsidium der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH). Yvonne Gilli ist verheiratet, Mutter dreier erwachsener Söhne und lebt in Wil SG.

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