Seit drei Jahren ist Ursula Bergenthal Programmleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung beim Diogenes Verlag. Obwohl Frauen mehr lesen, mehr Bücher kaufen – Literatur in die Schublade «Nur für Frauen» zu stecken, hält Ursula Bergenthal für keine gute Idee.

Das Haus liegt etwas abseits des Zeltwegs in Zürich an einer ruhigen Wohnstrasse, umgeben von alten Bäumen, unweit des Privatfriedhofs Hohe Promenade, wo Adolf Tobler, der Begründer der Zentralbibliothek Zürich, begraben liegt. Ganz so viele Bücher wie in der Zentralbibliothek stehen hier im Diogenes Verlag nicht in den Gestellen, aber auch hier ist es ruhig. Bücher lesen ist eine stille Angelegenheit, Bücher verlegen auch, wie es scheint. Wäre da nicht das Lachen von Ursula Bergenthal, das während des Gesprächs immer wieder aus ihr hervorsprudelt. Seit April 2017 ist Bergenthal Programmleiterin beim Zürcher Diogenes Verlag, dem grössten Schweizer Buchverlag.

WOMEN IN BUSINESS: Ein Leitsatz von Diogenes lautet «Lesen ist immer eine gute Idee». Was lesen Sie denn gerade privat, Ursula Bergenthal?

Ursula Bergenthal: Natürlich lese ich mich gerne durch die enorme Backlist von Diogenes, aber manchmal gehe ich auch fremd und lese einen Autor aus einem anderen Verlag – gerade ist das Ocean Vuong, «Auf Erden sind wir kurz grandios». Das ist ein unheimlich toller Text, da bin ich fast neidisch, dass wir ihn nicht bei uns haben.

Lesen Sie alle Bücher zu Ende?

Das hat sich sehr gewandelt im Laufe meines Lebens. Ich war immer diejenige, die alle Bücher fertig gelesen hat, die auch ungern Bücher verliehen hat – sie könnten ja Schaden nehmen. Aber heute, wo ich beruflich so viel lese und weiss, was noch alles auf mich wartet, traue ich mich schon, ein Buch wegzulegen. Das ist auch ganz befreiend.

Und es wartet enorm viel auf sie: Diogenes erhält pro Jahr rund 2000 Manuskripte, viele unaufgefordert, noch mehr von Agenturen und internationalen Verlagen, viele aber auch von Vertrauenskontakten aus aller Welt. Diese unzähligen Fäden wollen bewertet, zusammengeführt und verknüpft werden, um ein möglichst vielfältiges Programm auf die Beine zu stellen. Die besten Texte aus den verschiedensten Bereichen «ertrüffeln» möchte Ursula Bergenthal mit ihren neun Lektorinnen. Einmal in der Woche treffen sich die Frauen zum Austausch und diskutieren die Texte. Oft lesen mehrere denselben Text und diskutieren, ob und wie er ins Verlagsprogramm passen könnte. Verleger Philipp Keel, der die Verlagsleitung 2012 nach dem Tod seines Vaters Daniel übernommen hat, liest und diskutiert mit, alle müssen für einen Titel «brennen» bis zum finalen Verlegerentscheid. Ziel ist es immer, das Gesamtwerk eines Autors, einer Autorin zu veröffentlichen.

Der Verlagsgründer Daniel Keel hat mit seinem Grundanspruch die Latte hoch gelegt: «Der Diogenes Verlag will durch lesbare Literatur unterhalten, durch Neues vor den Kopf stossen, aber auch Altes neu entdecken; das ‹Neue um des Neuen willen› übersehen und so das Modische vom Modernen unterscheiden.» Aus diesem Prozess schaffen es im Schnitt aus den rund 2000 Manuskripten pro Jahr höchstens eine Handvoll Texte ins exklusive Diogenes Programm.

Das Gesamtwerk eines Autors zu veröffentlichen, hat sich Diogenes auf die Fahne geschrieben. Da ist es entscheidend, dass der Autor, die Autorin die Leidenschaft des ganzen Verlages zu entfachen vermag, denn bei Diogenes versteht man sich als Familie, deren Mitglieder mit ihrer ganzen Kraft am gleichen Strang ziehen, vom Verleger über das Lektorat, die Presseabteilung, den Vertrieb bis hin zur Herstellung. Ein gutes Zeichen für Ursula Bergenthal ist es, «wenn die Nasenflügel beben», wenn sie merkt, dass sie auf jemanden gestossen ist, von dem sie sich Besonderes verspricht. Wie etwa die junge dänische Autorin Caroline Albertine Minor, die derzeit die Augen bei Diogenes zum Leuchten bringt.

Nach den Lieblingsbüchern ihrer Kindheit befragt, erinnert sich Bergenthal an Tomi Ungerer, dessen Bücher sie geschenkt bekam und den sie später bei Diogenes auch persönlich kennenlernen durfte – «ein grosses Glück». Ihre Grossmutter, eine grossartige Geschichtenerzählerin, habe ihr die ersten Buchschätze geschenkt, darunter Werke wie «Wilbur und Charlotte» von E. B. White, auch er ein Diogenes-Autor. «Viele Autoren bei Diogenes haben mich ein Leben lang begleitet, ich bin mit ihnen aufgewachsen.» Ein prägendes Leseerlebnis dann als Teenager, im Südtiroler Ferienhaus der Tante stand im Regal «Der Fremde» von Albert Camus: «Das war für mich ein richtiges Erweckungserlebnis. Ich bekam ein Gefühl dafür, was Sprache kann, welche Kraft Literatur hat und wie sie einen so richtig umhauen kann, wie ein Schlag in die Magengrube.»

Literatur bleibt fortan Ursula Bergenthals Lebensmittelpunkt. Sie studiert Deutsche, Englische und Vergleichende Literaturwissenschaft und schliesst mit einem Doktorat ab. Es folgt ein Praktikum beim Heyne Verlag, der kurz darauf Teil der Axel Springer Gruppe wird, um dann vom Verlagsriesen Random House übernommen zu werden. Eine Zeit, in der eine Lernphase die nächste jagt.

Wie haben Sie sich denn zurechtgefunden bei Random House?

Nach der Übernahme durch Random House sassen wir in einem Programmbereich plötzlich ohne Backlist da und mussten von Grund auf ein ganz neues Programm kreieren, und das sehr schnell. Das waren prägende Erlebnisse. Ich bin dann vom Heyne Verlag innerhalb der Gruppe zu btb gewechselt. Bei Random House ist jeder Verlag ein eigenes Wirtschaftsunternehmen, die Verlage stehen in Konkurrenz zueinander. Bei btb habe ich gelernt, wie wichtig es ist, ein mutiges Programm zu gestalten, bei dem die Nasenflügel beben. Ich durfte bald Verantwortung übernehmen, bin schnell Cheflektorin geworden und konnte mit der Verlagsleiterin zusammen das Programm erstellen.

Im Vergleich zum Goliath Random House ist Diogenes klein, hat aber ein bedeutendes Alleinstellungsmerkmal: die Fähigkeit und den Willen, Autoren von null auf hundert aufzubauen. Auch wenn Diogenes keine Riesenvorschüsse bezahlen kann, kommen viele Autorinnen und Autoren gerne in den Verlag, gerade auch weil sie das familiäre Umfeld und eine langjährige Partnerschaft zu schätzen wissen. Zum Beispiel die Krimifrauen Ingrid Noll und Donna Leon, die seit den frühen 1990er-Jahren bei Diogenes sind, als der Verlag beginnt, Krimis im Hardcover zu veröffentlichen und das Genre aus der Schmuddelecke zu holen. Diese beiden Autorinnen haben fortan den Status einer Pièce de Résistance bei Diogenes.

Frauen lesen mehr als Männer, vor allem mehr Belletristik, sind also auch ein grösseres Kundensegment für einen Verlag. Random House wirbt auf der Website prominent für «Frauenthemen». Ist das auch ein Thema bei Ihnen, Frau Bergenthal?

Ich finde, wir machen tolle Texte für jeden. Mich irritieren diese Kategorisierungen. Das greift zu kurz und wäre in der Konsequenz beinahe wie die T-Shirts in Rosa und Blau für Mädchen und Jungs. Selbstverständlich wollen wir, und hier tragen wir Verantwortung, als Verlag ein Ort der vielfältigen Stimmen sein, die von allen entdeckt werden dürfen. Literatur, die hoffentlich bleibt. Schlussendlich geht es doch vor allem um Essenz und Welthaltigkeit.

Natürlich, fügt sie an, würde man zielgruppengerecht vermarkten, also etwa in den Zeitschriften werben, in denen man die Kernleserschaft vermute. «Der Markt wird ja immer fragmentierter.»

Der Buchmarkt steht unter Druck. Mit welcher Strategie geht Diogenes in die Zukunft?

Diogenes war immer stark bei den Hardcovers, wir bringen fast alle neuen Bücher gebunden heraus. Viele finden das sehr mutig; da wir aber nur wenige Titel bringen und eine enge Beziehung zum Buchhandel haben, funktioniert es gut. Selbstverständlich setzen wir auch auf die Digitalisierung in all ihren Facetten.

Was genau verstehen Sie darunter?

Digitalisierung heisst nicht nur, etwas als E-Book herauszubringen; sie erlaubt uns vielmehr, sehr lebendig mit unserer Backlist umzugehen, die wirtschaftlich sehr wichtig für unseren Verlag ist. Wir haben die Texte digital zur Verfügung und können sie noch mal ganz anders verwerten, neue Verknüpfungen finden, neue Kanäle bespielen, Themenwelten erschaffen. Wir setzen auf Content First. Das Gesamtwerk eines Autors ist für uns wichtig, und wir können nun auch Kleinstauflagen drucken, damit das Werk für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt – denn das sehen wir als unsere Aufgabe als nicht subventioniertes «Kulturunternehmen». Früher hat sich ein Nachdruck erst ab etwa 2000 Stück gelohnt, viele Titel sind darum einige Jahre nicht lieferbar gewesen.

Neben der enormen Backlist kann Diogenes mit den Weltrechten, die der Verlag bei einigen Autoren hat, punkten. Hält ein Verlag die Weltrechte an einem Autor, kann er in alle Länder und alle Sprachen verkaufen, besitzt neben den Buch- auch die Filmrechte. Besonders die Filmrechte haben sich zu einem sehr wichtigen Standbein entwickelt. Dass die Filmwirtschaft nicht die grosse Buchmörderin ist, als die sie manchmal dargestellt wird, sondern sich die beiden gegenseitig befruchten können, hat sich in der Geschichte von Diogenes mehrfach gezeigt. Als Anthony Minghella den Roman «Der talentierte Mr. Ripley» von Patricia Highsmith 1999 mit Matt Damon neu verfilmte, bescherte das dem Verlag Verkäufe im sechsstelligen Bereich. Im November 2020 kommt nun wiederum eine Neuverfilmung von Highsmiths «Tiefe Wasser» mit Ben Affleck ins Kino, diesmal mit dem Verleger Philipp Keel als Executive Producer. Auch der kleine Bildschirm erweist sich als durchaus befruchtend, denkt man nur an die Verfilmungen von Donna Leons Commissario Brunetti, die eine neue Leserschaft generieren können.

Sogar in der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass gute Literatur immer ihre Abnehmer findet, in welcher Form auch immer: als Hardcover, E-Book oder Hörbuch. Trotz Pandemie entschied Diogenes, «Hunkeler in der Wildnis» von Hansjörg Schneider wie geplant Ende März im Buchhandel zu lancieren und in einer digitalen Kooperation mit «20 Minuten» als Fortsetzungsroman zu bringen. Der Roman landete prompt auf Platz 1 der Bestsellerliste. Lesen ist eben immer eine gute Idee.

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Die nächste WOMEN IN BUSINESS Ausgabe wird am 10.12.2020 lanciert
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